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Dritte Folge.
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Novellen-Zeitung.
Ein Duell mit meinem Schwiegervater.
Capriciöſe Geſchichte aus den Memoiren eines Berliner Referendarius. Mitgetheilt von O. M. (Fortſetzung.) Als ich mich in meiner Wohnung wiederfand, waren mir die Ereigniſſe des vergangenen Tages faſt ganz aus dem Gedächtniß verſchwunden, und erſt als ich am nächſten
Morgen mich vollſtändig dem Einfluß der Träume entzogen
hatte, fingen die Eindrücke des geſtrigen Diners wieder an aus meiner Seele hervorzutauchen. Und aus den hin und her rollenden Wogen in meinem
Innern erhob ſich leiſe leiſe ein Kranz von weichen, duftigen
ren, er tauchte höher und höher, da kam eine blendende Stirn herauf und unter der Stirn leuchteten zwei erliché weiche Augen hervor, bis endlich der zarte Mund
in ſeinem Knospenſchmelz das ſüßeſte Angeſicht vollendete, und ſchön wie Anadyomene aus dem morgengoldenen Meere ſich das Bild meiner geſtrigen Tiſchnachbarin aus der Fluth meiner Gedanken erhob.
„Mein Gott, wie ſchön!“ rief ich unwillkührlich, während ich die erſte Taſſe Kaffee an meine Lippen ſetzte, ſo daß mein Diener ſchmunzelte, weil er glaubte, der Ausruf gelte ſeiner Kochkunſt und er habe endlich das Geheimniß gefun⸗ den, den Trank der Levante zu meiner Zufriedenheit zu brauen.
Nachdem ich, ihm dieſen Wahn kräftigſt benommen, träumte ich weiter und verträumte mich immer tiefer in den Reiz des holden Bildes, das vor meinem innern Auge ſchwebte. Ich ſah es an, wie es hin und her gaukelte auf den Wellen meiner Seele, wie es ſich bald ſanft und weich den Fluthen hingab und in ſchwanengleichen Bewegungen dahinzog, bald neckiſch ſich erhob und lachend auf den fried⸗ lichen Wellenſpiegel ſchlug, daß der Schaum hochaufſpritzte und ich einen Stich fühlte bis in das innerſte Herz.
Aber die Wellen ebneten ſich wieder und endlich wurde der Blick meiner Göttin weicher und leuchtete mild in ſüßer Nektartrunkenheit, ſie ſchmiegte ſich hinfließend auf die leiſe rauſchenden Wellen und ſank von ihnen getragen, hold in ſich zuſammengeſchmiegt, an das Ufer. i
Das Ufer aber war mein Herz, und als meine fluthen⸗ den Gedanken das ſchöne Mädchen glücklich dorthin gebracht hatten, da ſproßten unter ihr hervor reiche Triebe, und Roſen
der Liebe erblühten daran und hüllten das Bild der Ge⸗
liebten in einen blumenduftenden Kerker. Die Dornen aber ſaßen noch in den Zweigen und waren ganz klein und weich, daß ich ſie nicht ſah und nicht fühlte.
So zog die Liebe ein in mein Herz, denn die Liebe kommt nicht gleich bei dem erſten Sehen, der erſte Eindruck ſchießt nur die Breſche und durch dieſe ziehn die pfeilbe⸗ waffneten Amorettenſchaaren der Träume ein und pflanzen in ſtiller Nacht das Panier ihres Herrn und Meiſters auf die Zinnen der eroberten Veſte.
Will man ſie aber vertreiben, ſo ſprengen ſie in ſchänd⸗ licher Tücke die Grundmauern des Herzens in die Luft und laſſen hohnlachend einen rauchenden Trümmerhaufen zurück.
An das Alles aber dachte ich nicht, ſondern ſummte vor mich hin einen Vers aus einer alten ſpaniſchen Romanze, der mir durch den Sinn ging:
Eres duena de el lugar, Vandolera de las almas, Iman de los alvedrios, Linda alhaja!*)
O wäre ich ein ſpaniſcher Ritter, rief ich ſehnſüchtig, und könnte mit der Zither im Arm vor dem Balcon meiner Dame ſingen, ſtiege ſie hinab zu mir auf ſeidener Strick⸗ leiter und ſänke im Schatten und im Duft der Orangen in meine Arme, und wir fühlten Nichts als die Liebe in uns und den Himmel mit ſeinen Sternen über uns!
O Poeſie, wo biſt du geblieben in unſerer Zeit der Enge und Kälte, ſelbſt von der Liebe haſt du dich getrennt, und wenn Petrarca heute herabſtiege und ſollte einen
ſchwarzen Frack anziehn und ſeine Lieder zum Piano einer zleh 3
Laura mit Reifrock und Springflower ſingen, er würde lieber zurückkehren in den Himmel oder auf Erden ein Leiermann werden!
Unter dieſen trüben Gedanken fiel mein Blick auf eine große Karte mit ſchöner goldener Schrift, die auf meinem Tiſche lag. Es war eine Einladung zum Ball für den heutigen Abend. Sie erſchien mir wie eine Eintrittskarte in den Himmel, denn ich hoffte dort meine Geliebte zu fin⸗ den, und dort vielleicht konnte ſich mir der Himmel der Liebe erſchließen.
Denn ein Ball iſt heutzutage noch das letzte Retran⸗ chement, hinter welchem ſich die Poeſie gegen die anſtürmende Macht der Proſa vertheidigt, welche mit ihren Balliſten und Katapulten, den Locomotiven und Maſchinen, die hochra⸗ genden Burgen der idealen Schönheit berennt.
Auf einem Balle muß man ſelbſt ſtehn und ſelbſt gehn,
keine Maſchine arbeitet für uns, unſere eigenen Füße müſſen ſich dem Takte der Muſik bequemen, hier muß der Geiſt und das Herz, ſo viel davon heutzutage noch übrig iſt,
*) Du biſt die Königin des Lichts, Die Räuberin der Herzen,
Der Magnet der Sehnſucht,
Ein ſüßes Spielzeug!


