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Blicke, die man durch das Ertragen von verſchiedenen Qualen erkaufen muß.
Doch auch dies höchſte Glück der Liebe nimmt ein Ende. Man ſehnt ſich auf die ſpielenden Tändeleien nach etwas kräftig ins Leben Eingreifendem. Es erſchien der Braten. Vom allerleichteſten Tiſchwein waren wir jetzt zum feurigen, ſtarken Rheinwein gelangt, durch die grünen Römer ſchim⸗ merte ſein dunkles Gold, wie die Hoffnung einer reichen Ernte ſich dem Landmann in dem Frühlingsfarbenſcheine der jungen Saaten zeigt. Ich warf kühn einige polemiſche Bemerkungen über die Tafel; ſie zündeten und es entſpann ſich ein faſt allgemeines politiſches Geſpräch. Zwar fielen dazwiſchen, mit den Compots, noch immer einige ſüße Worte zu meiner Nachbarin, aber die Haupttendenz meines Wirkens war jetzt nach außen gerichtet, ein Kampfſpiel mit feindlichen Principien im Gefühl der gereiften Kräfte.— Vielfach hierin getäuſcht, nachdem ich überall Inconſe⸗ quenzen, überall Leere und Dünkel, hohlen Schein gefun⸗ den, zog ich mich zurück mit der Mehlſpeiſe und dem un⸗ befriedigten Gefühl zweckloſen Ringens und Kämpfens. Es war die Epiſode des Weltſchmerzes. Wie lange ich ſo in denſelben verſunken dageſeſſen habe, weiß ich nicht, doch endlich hatte ich ihn überwunden, wie man Alles über⸗ windet. Der große, weite und tiefergreifende Schmerz über die Differenz zwiſchen Ideal und Wirklichkeit machte dem Spott über die letztere Platz. Man ſtellte das Deſſert auf den Tiſch. Ich war vollſtändig ſatt, doch verſuchte ich noch mit dieſem und jenem meinem Gaumen einen vor⸗ übergehenden Kitzel zu erregen. Ich hatte das Stadium der vollſtändigſten Blaſirtheit erreicht.
Meine Seele war geſpalten in zwei Theile. Während der eine, wie Fauſt, noch immer in ewig ruheloſem Sehnen das Höchſte und Göttlichſte verfolgte, an das Ende des Genuſſes im Daſein, im Wirken und Streben nicht glauben wollte, goß der andere ſeinen beißenden Spott, ſeine eiſige Kälte der Indifferenz über Alles aus, wie Mephiſto, weil
Noveſlen⸗Zeitung.
(II. Jahrg.
er es nur ſah, wie es war, und der roſige Schimmer der Imagination ſeinen Blick nicht mehr durch reizende Täuſchungen trübte. Ich wandte mich wieder zu meiner Nachbarin. Aber wie anders war es jetzt! Während ich früher einzig und allein geliebt, mit den allerreinſten und höchſten Gefühlen meines Herzens zu ihr geſprochen, meinen ſchwimmenden Blick in den ihren getaucht hatte, war ich jetzt nur im Stande, ſie mit Médiſance über die übrige Geſellſchaft zu unterhalten. Es iſt ein ſchlimmer Zuſtand, die Blaſirtheit.
Nur der Menſch kann ſie kennen, der in ſeinem Innern einen hohen und heiligen Altar des Göttlichen trägt, dem er die ganze Welt hätte zu Füßen legen mögen, der aber nichts als ſchmuzige Alltagsſeelen fand und ſich begnügen muß, der einzige Prieſter ſeines ſtillen Heiligthums zu ſein.
Die Blaſirtheit iſt ein Trauerſchleier, gehängt über die herrliche Statue des Ideals. O daß dieſe Statue lebendig werden könnte und mit ihrem Pygmalion emporſchweben in die Heimath des Schönen, in die Heimath des Menſchen⸗ geiſtes.
Die Damen verließen den Saal. Man erhob ſich. Das Geſpräch der Herren, vorher lebhaft, wurde lärmend. Ich zündete eine Cigarre an und ſetzte mich mit einer Flaſche Champagner einſam an die Ecke des Tiſches. 4
Der Wein perlte und allmählich bemerkte ich in ſeinem
Perlen einen gewiſſen Rhythmus, die Flaſche nahm eine Phyſiognomie an und es war mir, als ob ſie anfinge zu ſprechen, ſie ſprach auch wirklich, ich verſtand immer mehr und mehr und zuletzt ganz. Sie erzählte mir ihre Lebens⸗ geſchichte:„Der große Staat der Flaſchen iſt, wie ich zum Voraus bemerken muß, ſehr ſyſtematiſch auf folgende Weiſe zuſammengeſetzt: Unſere Königin, die wir alle in tiefſter Chrfurcht verehren, iſt zu Rheims und enthält das Salböl der franzöſiſchen Könige. Neben ihr haben wir ein Ober⸗ haupt der Kirche, dies iſt die Flaſche mit dem Blut des heiligen Januarius.
B. in Weſtphalen, nach drei Jahren acht Monaten unfreiwilliger Einſamkeit hier zum erſten Male wieder die freie Natur in Früh⸗ lingspracht begrüßt und den unglücklichen Freunden in den
Feſtungen Magdeburg, Graudenz, Silberberg, Poſen zuruft:
Et hoc olim meminisse j t! Im Uebrigen gibt es außer viel Sentimentalem manchen harmloſen Scherz. So ſingt der Eine folgenden frommen unſch:
„Ich wollt' ich wäre todt
Und läg' bei Bier und Brod,
Mit Eierkuchen zugedeckt
Und eine Wurſt in den Mund geſteckt!“
wurig zu viel Repliken geben die eingeſchriebenen Dich⸗
tungen ſelbſt Anlaß, deren eine ſchließt:„Drum wer nicht wirklich witzeln kann, der halte ſeinen Mund, ich ſelber fange damit an und halt' mich mehr zum Spund!“
Der A. T., dem wir im Jahre 1848 begegnen, iſt das nicht ein Freund unſres Blattes, von dem wir kürzlich ſo beifällig aufgenommene Lieder brachten? Wir möchten ihn faſt aus den Verſen allein erkennen, wenn wir mit der Unterſchrift H. Heine hier leſen:
„Ich liege auf dem Kanapee Und höre Clara ſingen; Mir thut mein armes Herz ſo weh, Als wollte es zerſpringen.
Sie ſingt und ſpielt ſo ſchön Klavier— Was brennt ihr, meine Wunden! Hu, wie das ſchmerzt! Ich ſterbe ſchier—
Ach, wie kann ich geſunden!
Sie iſt mir nah, doch niemals kann 2 Zu ihr ich,— ſchrecklich Wunder! Denn komm ich— wirft ihr lieber Mann Die Treppe mich hinunter!“ 1 Die mannigfachen politiſchen Exclamationen aus den letzten Jahren übergehen wir und ſchließen unſre Auszüge mit einem Liede von Robert Prutz: „In den altersgrauen Räumen Unter Trümmergraus und Wuſt, Jugendhoffen, Jugendträumen Ziehſt noch einmal durch die Bruſt! Da die Becher luſtig klangen, In der Freunde munterm Kreis, Da wir Jubellieder ſangen, Vaterland, zu Deinem Preis! Und ein Echo geht noch heute Durch die tiefſte Seele mir, Sei es Feſt⸗, ſei's Grabgeläute, Vaterland, es gelte Dir! Daß noch einſt in fernen Jahren Deutſche Burſche jubeln hier Frohen Muths, wie wir es waren, Aber— glücklicher als wir! —— Damit ſchlagen wir die unbequemen Folianten zu und lauſchen noch einmal aus den hohen Burgfenſtern hinaus auf das immer wechſelnde Schauſpiel, das die Landſchaft uns hier bietet. Solch ein Thal mit Wald und Waſſer, Feld und Fels iſt doch wie eine großartige, reich beſaitete Aeolsharfe, auf der das Licht mit ſeinen raſtlos fluthenden Wellen von Hell und Dunkel mit jedem
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