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Sie lief dem Greiſe bis in das 4 zer entgegen und zog ihn jauchzend in ihr Boudoir. Nic Erſtaunen ſah ſie, daß er noch ſeine alten Kleider trug. Weber bemerkte es.
„Es iſt Ihnen wohl unangenehm, Mademoiſelle,“ fragte er kalt und höhnend,„daß ich nicht im ſchwarzen Fracke bei Ihnen erſcheine, daß ich mit meinen Wanderſtiefeln Ihre Teppiche beſchmuze?“
„Weber, Weber, was iſt das? Woher kommen Sie?“
„Vonidem Lord Derby, dem Kunſtfreunde, der ſich nicht ſcheut, mir die entehrendſten Anträge zu machen, mir, einem Künſtler!“
„O, ich begreife Ihre gerechte Entrüſtung!“ antwortete mitleidig das junge Mädchen.
„Nein, nein, das iſt es nicht!“ rief der Maler.„Mich wundert jetzt Nichts mehr.“
„Was iſt es denn?“ fragte Erneſtine, indem ſie des Malers Hand ergreifen wollte.
„Sie ſollten mich eigentlich nie wiederſehen; aber ich habe es über mich gewonnen, noch einmal Ihr reiches Boudoir zu betreten, um Ihnen Ihre Börſe, deren Inhalt ungeſchmälert iſt, zurückzugeben.“
Erneſtine konnte ſich das Benehmen ihres Landsmanns nicht erklären.
„Mein armer Freund, iſt Ihnen das Honorar zu ge⸗ ring, ſo ſehen Sie mich bereit, es zu verdoppeln.“
„Danke! danke! Ich weiß, daß Ihnen das Geld Nichts koſtet— mir aber würde es theuer zu ſtehen kommen.“
„Was wollen Sie ſagen?“ fragte Erneſtine beſtürzt.
Weber, immer mehr entrüſtet, ſah das reizende, ele⸗ gante Mädchen vom Kopfe bis zu den Füßen an.
„Ich habe das Geld angenommen,“ murmelte er,„von einer Künſtlerin— verſtanden? Nur von einer Künſtlerin! Leben Sie wohl, Fräulein Erneſtine!“
Er warf die Börſe auf den Tiſch und wollte das Zimmer verlaſſen. Erneſtine hielt ihn bei der Hand zurück.
„So wollen Sie mich verlaſſen?“ fragte ſie faſt weinend.
/ Novellen⸗Zeitung.
verdanken Sie den Luxus, der Sie umgibt?“
ſtatt deſſen verdammen Sie mich, ohne mich gehört zu haben;
[II. Jahrg. V
„Sie dürfen nicht gehen, ohne mir zuvor Ihre Entrüſtung und Ihre Worte erklärt zu haben!“ „Wie, Erneſtine, Sie wagen es noch, Aufklärung zu verlangen?“ rief Weber, indem er ihr ſeine Hand entzog. „Ja, ich verlange, ich fordere ſie!“ „Ach, ſehen Sie ſich nur um, mein Fräulein! Wem
„Sie wiſſen es, ich habe es Ihnen geſagt.“
„Und das wollen Sie mich glauben machen, mich, der ich Ihre Bilder zu beurtheilen weiß? Erneſtine, ein offenes Bekenntniß wäre mir lieber geweſen. Sie ſtehen allein, ganz allein in der Welt, ich weiß es— aber Sie hätten Ihren Fehltritt dadurch nicht vergrößern ſollen, daß Sie von mir, Ihrem alten Pathen, eine Achtung erzwingen, die ich Ihnen nicht zollen kann.“.
„Ihre Achtung erzwingen!“ ſagte Erneſtine traurig. „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich nicht daran gedacht habe!“ „Immer noch? Adieu!“ rief Weber. 3
Erneſtine vertrat ihm würdevoll den Weg.
„Mein Herr,“ ſagte ſie mit bebender Stimme,„der Freund meines Vaters, deſſen Andenken mir heilig iſt, ſollte dem verwaiſ'ten Mädchen ein Freund, ein Schützer ſein—
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Sie ſprechen von einem Fehltritte und ich bin mir nur des Strebens bewußt, ſtets auf dem Wege des Rechts und der Tugend zu wandeln, wie ich meiner armen Mutter gelobt habe, ehe ſie aus dieſer Welt ſchied. Statt mir mit Liebe entgegenzukommen, kränken Sie mich durch eine Verachtung, die ich meines Wiſſens nicht verdient habe.“
Sie verhüllte ihr Geſicht mit einem weißen Tuche und begann ſtill zu weinen.
Dieſer Anblick machte den rauhen Maler weich.
„Es iſt wahrlich ſchade,“ murmelte er,„daß dieſes lieb⸗ liche Geſchöpf ohne Freund, ohne Schützer und Rathgeber untergehen ſoll. Vielleicht hintergeht man ſie— ſo will ich ihr wenigſtens die Augen öffnen. Erneſtine,“ ſagte
wahr, Alles, was Du gethan, und noch mehr, was Du nie gethan haſt.
Der Verfaſſer dieſer Zeilen hat mehrere wahrhaft erquickliche Wochen dieſes Sommers in dem traulichen Städtchen auf den beiden Saalufern zugebracht; das aber kann er nicht leugnen, daß von allen dortigen ſo mannigfachen Begegnungen jene Allwiſſenheit aller Welt ihm das überraſchendſte Phänomen war. Einer durch die warmen Soolbäder ein wenig erhitzten Phantaſie muß man es verzeihen, wenn ihre Verſuche, daſſelbe zu erklären, bis ins Mär⸗ chenhafte ſich verſtiegen, da das ausgebildetſte Syſtem geheimer Polizei nicht die Früchte bringen konnte, die man hier täglich vor Augen ſah.
Es ſoll uns nicht wundern, wenn Heinrich Pröhle, die Thüringer Sagen ſammelnd, deshalb moderne mythiſche Elemente in den Volksaberglauben übergegangen findet.
Eine Zeit lang ſuchte die öffentliche Stimmung einen be⸗ ſtimmten Geiſt der Allwiſſenheit ſich zu perſonificiren; in weißer Haube, mit gutmüthiger Geberde, die Augen aufmerkſam hin und her wendend, den einen Ellbogen auf die Falten des Knie's geſtützt, ſibylliniſche Zeichen mit dem Sonnenſchirme in den Sand malend, ſo wollte man ihn in den Hallen und Promenaden daſitzen geſehen haben. Aber ſiehe da, auch als der Geiſt in dieſer Geſtalt nicht mehr erſchien, als dieſe Perſonification nicht mehr zu ſehen war, der Geiſt ſelbſt war noch vorhanden, die Allwiſſenheit lebte noch, und als man denn endlich ihrem Urſprunge radical nachging, da entdeckte man, daß ſie nicht in dieſer oder jener einzelnen Perſon, daß ſie in ganz Köſen, entweder in der Luft oder ſo ziemlich in jedem oder jeder Einzelnen ihren Wohnſitz aufgeſchlagen haben
müſſe. Befreundete eechee wenn Ihr alle Euren poetiſchen Stoff in„Was ſich der Wald“ und„der Garten“ und „der Hof“ und„die Spree“ u. ſ. w.„erzählen“, erſchöpft habt, dann kommt nach Köſen, und mit dem„Was ſich Köſen erzählt“ könnt Ihr die ganze deutſche Literatur, die der ſcharf kritiſirende Julian Schmidt ſo ziemlich abgeſchafft hat,— quantitativ wenigſtens— vollſtändig erſetzen.
Köſen ſoll noch nie ſo ſtark beſucht geweſen ſein wie in dieſem Jahre. Die Badeliſte, die ſonſt zu Ende der Saiſon gegen 1500. Perſonen zu zählen pflegte, hatte dieſe Summe diesmal ſchon zu Ende Juli erreicht. Die neue, von Leipzig direct führende
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unnöthig macht, hat dieſes Reſultat nicht allein Die Soolquellen an ſich ſollen ſich ſehr heilſam, niſg Kindern, auch bei erwachſenen Damen erwieſen haben; 1 iſt um ſo anmuthiger, je näher man ſie kennen lernt, und die geſelligen Verhältniſſe endlich ſind der Art, daß ſie in der That mannigfachen Anſprüchen nachkommen können.
Es fühlt ſich der Einzelne hier nicht wie in einem der größeren Badeorte von der Maſſe und der Großartigkeit des Lebens erdrückt, und doch wiederum iſt der Ort hinreichend beſucht, um Geſelligkeit und zwar in verſchiedenen Kreiſen zu entfalten. Einerſeits ſorgen die Familien, die in ihre Häuſer Gäſte aufnehmen, dafür, ſie unter einander zu vereinigen. Andrerſeits iſt es natürlich, daß be⸗ ſtimmte Stände ſich zuſammenfinden; namentlich hat man bemerkt, daß gewiſſe adlige Familien ausſchließlich mit einander umgingen.
Eiſenbahn, die ſeit dieſem Frühjahr den üide üer dn erbeigeführt.
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Niemandem fiel es ein, ſich dadurch zurückgeſetzt zu fühlen, denn nach außen hin findet man dabei gerade in dieſen Cirkeln die formelle Höflichkeit, auf die man Anſpruch zu machen hat, ſtets 3
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