Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
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Jahrg. Nr. 35.] Dritte Folge. 55⁵⁵ dräbt. gewöhnliches, Wichtiges; Hunderttauſende folgen ſeinem,mnmn Irh Ir em V dnnathen, dämoniſchen Zuge. Viele wiſſen warum, aber eben ſo- An unſere Viele auch nicht. Ich mache hier einige von den in der franzöſiſchen Li⸗ ſi für Ich ſpreche nicht von den körperlich Leidenden, den teratur jetzt üblichen Gedankenſtrichen, um dem Leſer die tirm und Heeilung Suchenden; für ſie iſt die Badereiſe eine Noth⸗ gehörige Zeit zu laſſen, mich zu beneiden oder zu bedauern. vom ewe wendigkeit, ein Troſt, eine Hoffnung. Wohl ihnen, wvehoen V binſte ſie finden, was ſie ſuchen! Aber von den vielen Anderen. velche des vill ich reden, die im Bade gewöhnlich ſuchen, was ſie nicht 3 pflegte! vin ih und noch öfter nhdn was ſie nicht ſuchen; von u. Phyſiognomie von Baden⸗Baden. d8 Wort, den modeſüchtigen Dandies, den putzſüchtigen Frauen, den Baden⸗Baden klingt etwas anders als Köſen, vieldeutie vergnügungsſüchtigen Blaſirten, den eroberungsſüchtigen Wittekind, Franzensbad, Heeringsdorf oder Schwalbach. falln Lions und Loretten, den ſpielſüchtigen Verſchwendern, den Baden⸗Baden, das ſelbſt Wiesbaden und Hom⸗ V ade ſtit goldſüchtigen Virtuoſen, den ruhmſüchtigen Wunderkin⸗ burg im Glanz der Salons und der Toiletten, im Luxus Badeärzte dern, den ſtoffſüchtigen Romanſchreibern, den artikelſüchti⸗ und Comfort, in der Höhe der Fremdenzahl und der I rer weiſen gen Journaliſten, den umſichtigen Schwindlern und den Preiſe den Rang abgelaufen hat, iſt ein kleines Paradies, I rieſter der ſchwindſüchtigen Engländern. dem Nichts fehlt, als die Unſchuld. Aber das iſt Ne⸗

u welcher beneidenswerthen Claſſe von Süchtigen benſache. Denn ein modernes Paradies bietet nur der 77...-* ich, der Schreiber dieſer Tageblätter, gehöre, möge der Ariſtokratie und dem Geldbeutel ſeine lockenden Früchte

meinde ſſ in weibli⸗ V ſcharfſinnige Leſer ſelbſt errathen. Genug, daß auch ich an, und kein Engel mit dem Flammenſchwerte wehrt den

zuen noch den Lockungen einer Badereiſe nicht widerſtehen konnte Einlaß, nicht einmal die Polizei. Dieſe beſitzt überhaupt wiſſen ja und noch überdies die Naivetät hatte, Erlebniſſe und Be⸗ hier eine in Deutſchland unerhörte Sorgloſigkeit. Sie Mädchen) ooachtungen, die ich mit Hunderttauſenden zugleich theile, fragt nicht einmal nach dem Paß oder nach der Aufent⸗ iſt: wie des Schreibens und Druckens werth zu halten.(Daß bei haltskarte! Man kann hier ſein, was man will, und ſich

erſchaum dden glänzenden Honorarverhältniſſen des deutſchen Jour⸗ nennen, wie man will: Graf, Fürſt, Excellenz, Hofrath dauetterie nalismus die angenehme und ſchmeichelhafte Ausſicht im und Ritter Mehrerer. Wenn man Geld hat, iſt man im⸗ Sintergrunde lächelt, auf dieſe Weiſe das auf der Bade⸗ mer Etwas und kann alles Uebrige dafür haben!

reiſe de reiſe ſo ſchnell verſchwundene Geld mit leichterer Mühe Freilich hat man hier auch Nichts umſonſt, nicht ein⸗ er bequece urück zu holen, als ſelbſt an der Spielbank möglich wäre, mal die Luft; denn ſie macht hier mehr Appetit als ander⸗ ſoliden, ſeei in aller Beſcheidenheit nur in Parentheſe erwähnt.)) wärts. Man ißt zweimal ſo viel als zu Hauſe und zahlt

innigen, Aber auch welche Badereiſe! Nach Baden⸗Baden, zweimal ſo viel dafür.

Wie viel der Königin der Bäder, demPrince Royal im kaiſer⸗ Ich erinnere mich noch des Entſetzens, das die guten genheit lichen Diadem aller deutſchen Luxus⸗Artikel, demGra⸗ Lefpziger ergriff(die gern recht viel und recht billig Kaffee zörtchen fen Monte⸗Chriſto im Courszettel der Vergnügungen. trinken), als der Beſitzer des neu eröffnetenCafé Fran- er Eine gais am Grimmaiſchen Thor, von derböſen Sucht der tt; aber*) Herr Correſpondent weiß, daß er ſich verlaſſen darf auf Neuerungen ergriffen, die unerhörte Forderung von ein Außer⸗ V d. Redact. und einem halben Silbergroſchen für eine Taſſee Kaffee,

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gleichung ſein Vermögen zur Speculation anvertraute. Aber was geſchieht, Wirkung, allein, ſo fragen wir, kann das wahre Volksſtück jemals

4 Stadt⸗ als Knetſchke ſeinen Vorſatz wirklich ausführt und zur Freude der an Stoffmangel kranken 2 Oder ſollten die Worte nur eine captatio

Berlite Nachbarn in ſeine Budike zurückkehrt! Herr Pipenhagen erſcheint benevolentiae enthalten? oder wollte Herr Kaliſch nur auf

Be mit der Meldung, daß alles Geld in fehlgeſchlagenen Speculationen ein neues demnächſt von ihm zu erwartendes Stück aufmerkſam floöten gegangen iſt, wie der volksthümliche Ausdruck lautet. machen?

her Nam Knetſchke, jetzt ärmer als vordem, ehe er die bedeutende Erbſchaft Ein anderes Verdienſt des Actienbudikers glaubt man darin n wande machte, ſchüttelt den harten Schlag ab, gedenkt ſeiner Caroline, zu erkennen, daß in ihm kein in der Poſſe ſo ſehr beliebter Theater⸗ er Herr i deren Hand er bei den glänzenden Ausſichten abgewieſen hatte, jude auftritt. Der Spott über die Juden galt bisher als das ſchlagenen unnd verbindet ſich mit ihr in zweiter Ehe. So ſchließt die Poſſe. beſte Mittel, ſich über Andere luſtig zu machen. Damit aber das

dterds du Man rühmte an dem Stücke, daß von den früheren deſſelben Publicum dieſen Vorzug auch ja bemerke, ſo wird von der Bühne V rauf at Verfaſſers bis zu dieſem ein bedeutender Fortſchritt im Volks⸗ herab ganz beſonders auf ihn hingewieſen. Dies auf folgende ke geriith ſchauſpiele bemerkbar ſei, ſo namentlich, daß im Couplet alle An⸗ Weiſe. Knetſchke hat ein Couplet zu ſingen. Das Publicum

alle vor⸗ ſpielung auf politiſche Ereigniſſe und die übermäßigen Zweideutig⸗ ſchreit fortwährend Dacapo, Knetſchke kommt dem Rufe mit immer n er eben keiten fehlen. Wenn man ſich hierin nur nicht täuſcht. Nach neuen Verſen nach. Jetzt der letzte Vers! Er beginnt zu jüdeln. h gewiſe unſerem Dafürhalten fehlt uns das wahre Volksſtück noch voll⸗ Das Publicum ereifert ſich noch mehr. Halt, ſagt Knetſchke, rfruhern ſtändig und die ſpecifiſch Berliner Poſſe mag am allerwenigſten zum Publicum gewendet und aus der Rolle fallend, Sie denken, ihnen zu zu ſeinem Gedeihen beitragen. Denn bis jetzt weiß mandas jetzt muß ein beliebter Judenvers kommen. Nein! das iſt ja eben tt würde Volk, alſo alle diejenigen, für die hauptſächlich dergleichen Stücke der große Vorzug dieſes Stücks, daß keine Juden drin erſcheinen en. ceerechnet ſind, nicht anders zu definiren, als aus dem Gegenſatze undder Jüngling mit dem orientaliſchen Air, er geht dahin Theatek- zur Ariſtokratie oder den im vollen Beſitze Schwelgenden. Darin(nämlich in den Keller) und ſingt nicht mehr. Natürlich folgt es eints liegt ein offenbarer Mangel. Und daſſelbe zeigt ſich auch bei der ſtürmiſcher Beifall. O Gottſched, o Neuberin, abermals eine Vomente Wahl der Mittel, welche man zur Crreichung des Zweckes an⸗ Hanswurſtverbannung! Doch ob er Pickelhäring, Jean Potage, lationen wendet. Mehr oder weniger kommt es ſtets auf die Verherrlichung Jean Farine, Jack Pudding, Arlequino, Maccaroni, Polichinello hte wird des kraſſeſten Materialismus heraus, und wo man verſöhnen will, wie in der ältern Komödie, oder Zwickauer, Ippelberger u. ſ. w. all eine nimmt man zu den larmoyanteſten Knalleffecten die Zuflucht. wie in der neuern heißt, ob er hier als lauernde Zofe, dort als ehemals Ein Couplet ſchließt mit dem Refrain:Na was kommt denn ehrlich⸗dummer Kammerdiener, hier im bebänderten Reifrocke, n Sohn nanu! Früher, ſagt der Darſteller, haben wir die und die dort in der gepuderten Perrücke, hier als Chriſt, dort als Jude ſch. Er Stoffe behandelt; jetzt das Börſentreiben undna was kommt V auftritt der Hanswurſt bleibt. Während wir den einen jagen,

denn nanu? Der Stoßſeufzer thut beim Publicum ſeine tritt der andere ſchon wieder mit der verſteckten Schellenkappe auf. 37

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