Novellen-Zeitung. V
haften Pferde nannte man gemein, Rococco. Um nicht zu verhungern, arbeitete ich als Decorationsmaler bei einem
Der Schutzgeiſt.
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Novelle. (Fortſetzung.)
Erneſtine nahm dem alten Maler Hut und Stock ab und ſchob geſchäftig den Stuhl heran, auf dem Henry zu⸗ vor geſeſſen hatte.
„Ehe Sie weiter ſprechen,“ rief ſie aus,„nehmen Sie Platz, mein würdiger Freund. Und nun erlauben Sie mir eine Frage.“
„Was wollen Sie wiſſen?“ auf dem Stuhle Kiederſank.
„Warum nennen Sie mich nicht mehr Du?“
„O mein Gott, Erneſtine iſt eine ſo ſchöne, elegante Dame geworden, daß ich es nicht wage——*
„Wagen Sie es immerhin; ich würde glauben, Sie liebten mich nicht mehr, wenn Sie mich nicht mehr mit dem vertraulichen„Du“ anredeten.“
Weber ergriff gerührt bei e Hände des jungen Mädchens.
„Gut, gut, Erneſtine; Dein Herz hat ſich nicht ver⸗ äudert, auch ich bin derſelbe geblieben, wenn auch mein Haupt weiß geworden iſt. aus,„Du machſt den Deutſchen. Ehre! Das iſt doch eine echt nationale Phyſiognomie mit reinen, ſchönen Linien! In dieſem verwünſchten Lande gibt es nur Frauengeſichter, die——“
„Sie wollten mir ja den wunderbaren Zufall erzählen,“ unterbrach ihn raſch die erröthende Erneſtine, indem ſie ſich V ihm zur Seite niederließ. 7
„Ganz recht, höre mich an: ich
ſagte Weber, indem er
verließ Dresden und
Deutſchland früher, als Dein Vater, weil Kunſt und Ge⸗
ſchmack dort nicht mehr exiſtiren. Wir Maler nach der alten guten Schule waren dort zu Nichts mehr nütze, als b Fenſter und Thüren anzuſtreichen. Die neue Schule hatte zu ihrer Deviſe genoitmen: nur das Häßliche iſt ſchön, nur das Falſche iſt wahr. Sie hat eine Natur für ſich. Ich ging alſo nach Paris, aus Aerger über den verdor⸗ denen Geſchmack meiner Landsleute. Du lieber Himmel, wie täuſchte ich mich in meinen Erwartungen von dem Kunſtſinne der vielgerühmten Franzoſen— denke Dir, ich habe dort grüne Pferde geſehen!“
„Nicht möglich!“ rief Erneſtine. 1
„Sie nennen dies Imagination! Und es gibt auch Narren, die ſo etwas bewundern und behaupten, es ver⸗ ſchwimme in der Landſchaft. Das habe ich mit meinen eigenen Augen in einem Journale für Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft geleſen. Kann denn nun ein rechtſchaffener Maler ſich die Natur noch zum Vorbilde nehmen? Meine wahr⸗
Mädchen,“ rief er bewundernd anfertigte, in der wir noch glücklich waren.
Theater. Da brach die verwünſchte Revolution aus, die Theater wurden geſchloſſen, und meine Unterhaltsquelle verſiegte. Nun ſann ich auf andere Mittel, um mir das Leben zu friſten. Ich malte ein Dutzend Bilder nach der guten alten Schule, verkaufte, was ich hatte, und reiſte nach London, um ſie zu verwerthen.“
„Sie werden Ihre Bilder hier theuer verkaufen!“ rief Erneſtine.„Ich ſtehe dafür, daß Sie ſich Ruhm und Ver⸗ mögen erwerben, denn ich weiß, was Sie leiſten.“
Weber lächelte, als ob er an dieſer Behauptung zweifelte.
„Mein erſter Verſuch,“ fuhr er fort,„ſcheiterte. Ich ging zu dem bekannten Kunſthändler Crosby und bot ihm meine Bilder an. Der gute Mann war ſehr artig, aber er bedauerte, ſich mit mir auf Unterhandlungen nicht ein⸗ laſſen zu können, da Bilder in meiner Manier nicht geſucht würden. Schon wollte ich ſeinen Laden verlaſſen, als mir eino Anſicht der Baſtei aus unſerer ſächſiſchen Schweiz auffiel. Ich betrachte mir das Aquarellgemälde näher und finde zu meinem Erſtaunen, daß es aus dem Skizzenbuche genommen war, das ich mit Deinem Vater zu einer Zeit
Da ſaß auf dem Baumſtamme die alte Frau mit dem Holzkorbe— meine Erfindung; da ſtand Dein Vater, den ich gezeichnet, und dort ſtand ich, den Dein Vater gezeichnet hatte. Herr, rief ich, wie iſt dieſes Bild in Ihren Laden gekommen? Und dabei rannen mir die Thränen aus den Augen, denn die Erinnerung an die Freunde im Vaterlande ergriff mich ſo mächtig, daß ich weinen mußte. Nun ließ ſich Crosby mit mir in ein Geſpräch ein, und ich erzählte ihm die Ent⸗ ſtehung des⸗Bildes. Das Uebrige kannſt Du Dir denken. Beſuchen Sie Erneſtine, ſagte er, das gute Kind wird ſich freuen. Dann trat er an das Pult, um mir ein Billet an ſeine Schweſter zu ſchreiben. Da fuhr ein Wagen vor den Laden, und ein eleganter junger Mann erſchien. Ich hörte ihn Mylord Derby nennen. Während ich die Bilder be⸗ trachtete, führten die beiden Männer ein Geſpräch, in dem mehr als einmal der Name Erneſtine genannt wurde. Dann gab der Lord Auftrag, ihm die Baſtei in ſein Hötel zu ſenden.“
„„Hier iſt ein Landsmann unſerer Künſtlerin!“ ſagte Crosby, mich vorſtellend.“
„Der junge Lord, ein intereſſanter Mann, grüßte mich. „Sind Sie Maler?“ fragte er.“ 2 „Ja, Mylord, und hier iſt eine Probe meiner Kunſt.“
„Ich zeigte ihm ein Thierſtück, das ich für vollkommen gelungen halte. Der Lord betrachtete es mit Kennermienen. Dann fragte er mich, ob ich längere Zeit in London bliebe.


