V Nr. 34.]
Sara's Erſcheinen, der Schweſter Crosby’s, unter⸗ brach eine Scene, welche die beiden Liebenden gern noch fortgeſetzt hätten. Die alte Jungfer kam eilig dem Pa⸗ villon näher.
„Sara!“ rief Erneſtine erſchreckt.
„Ich ziehe mich zurück!“ flüſterte Henry.
Erneſtine lächelte ihm für dieſen Entſchluß Beifall zu.
„Dieſen Abend ſehen wir uns beim Thee! Sara ſelbſt ſoll den Nachbar einladen.“.
„Und der glückliche Nachbar wird ſich pünktlich ein⸗ finden!“
Nach einem innigen Händedrucke verſchwand Henry in dem Gebüſche. Erneſtine nahm ihren Platz an der Staffelei wieder ein; ſie wollte zeichnen— aber die Hand zitterte wie im Fieber. Nach zwei Minuten betrat Sara den Pavillon.
„Miß Erneſtine, es iſt ein Fremder angekommen, der Sie zu ſprechen verlangt.“
„Ein Fremder— mich?“
„Wie er ſagt, hat ihn mein Bruder geſchickt.“
„Nannte er ſeinen Namen?“
„Nein; er trug mir auf, Ihnen einen Landsmann zu melden.“
„O, ſo laſſen Sie ihn ſogleich zu mir kommen!“ rief Erneſtine.
Sara entfernte ſich wieder. Erneſtine's Ungeduld und Neugierde läßt ſich begreifen. Wer konnte der Landsmann ſein, der ſie in Hendon aufſuchte? Soviel ſie auch ſann— es war ihr unmöglich, auch nur eine Vermuthung zu faſſen. Endlich erſchien ein Mann in der Biegung des Wegs, der ſie in Erſtaunen verſetzte. Dieſer Mann trug einen grauen breitkrämpigen Hut, unter dem ein langes ſchneeweißes Haar herabfloß. Ein großer Bart, ebenfalls weiß, rahmte ſein Geſicht ein. Ein weißer Makintoſh, der bis an den Hals feſt zugeknöpft war, und weite Pantalons von gelbem Nanking machten ſeine Bekleidung aus, die alle Zeichen
des Alters, wie ihr Träger ſelbſt, verrieth. Mit raſchen, feſten Schritten kam er näher. An den Stufen des Pa⸗ villons blieb er ſtehen und ſah erſtaunt die elegante junge Dame an, die aufgeſtanden war, um ihn zu empfangen. Dann nahm er ſeinen Hut ab. Auf der Mitte ſeines weißen, ehrwürdigen Hauptes zeigte ſich eine glänzende Glatze.
„Man ſagte mir,“ murmelte eine tiefe Baßſtimme, „daß ich Fräulein Erneſtine, eine deutſche Landsmännin, hier antreffen würde.“
Erneſtine verneigte ſich mit der ihr natürlichen Anmuth.
„Ich bin eine Deutſche, und mein Name iſt Erneſtine!“ antwortete ſie.
„Ja, bei Gott, das iſt ihre Stimme!“ rief der Greis, indem er den Pavillon betrat.„Erneſtine, erkennen Sie mich denn nicht?“
Sie ſtarrte den lächelnden alten Mann einen Augen⸗ blick an.
„Herr Weber!“ rief ſie plötzlich.
„Ja, Weber, der beſte Freund Ihres armen Vaters.“
„Und mein Lehrer! Willkommen, tauſendmal will⸗ kommen, Herr Weber!“ rief Erneſtine, indem ſie ſich weinend an ſeine Bruſt warf.
„O, mein liebes Kind!“ murmelte gerührt der Greis, deſſen Augen Thränen entquollen.„Ich glaube es wohl, daß Sie mich nicht ſofort wiedererkannt haben, denn mit mir iſt in den fünf Jahren, daß wir uns nicht geſehen, eine große Veränderung vorgegangen. Wie lange wird es dauern, ſo folge ich Ihrem Vater und Ihrer Mutter nach.“
„Wie, Sie wiſſen bereits—?“
„Der Bilderhändler Crosby hat mir Alles erzählt. Denken Sie ſich, welch ein wunderbarer Zufall mich von Ihrer Anweſenheit in London in Kenntniß ſetzte.“
(Fortſetzung folgt.)
Bekommt man nicht etwa beim Summiren der einzelnen Autoren, wie ſie eine beſondere Rubrik des Inhaltsverzeichniſſes aufzählt, die reſpectable Geſammtſumme von circa 1260 Schrift⸗
ſtellern heraus? Es ſind nämlich ſieben Seiten mit Autoren⸗ namen, jede Seite zu circa 180 Namen.— Dieſer wohlgeordnete ſyſtematiſche, 113 Groß⸗Octavſeiten ſtarke Katalog datirt vom October 1851. Seit der Zeit ſind nun namhafte Nachträge erſchienen, welche den Verlag jedes Jahr mit einer artigen Zahl neuer Werke vermehren.
Aber keine der Verlagsnummern iſt von größerer Bedeutung und gewiß auch von weiterem literarhiſtoriſchen Intereſſe, als das zur Stunde in zehnter Auflage vorliegende Converſations⸗ lexikon, das, obgleich ſchon elf Jahre vor dem Ankauf und der Mitwirkung des Ahnherrn unſeres Brockhaus in Leipzig angefangen und in einer Anzahl Bänden fortgeführt, dennoch in ſeiner gegen⸗ wärtigen Form von dem ſeligen Brockhaus ſo recht eigentlich erſt geſchaffen und in Fluß gebracht wurde. Die Geſchichte des Converſationslexikons, für Leipzig als Vaterſtadt deſſelben beſonders intereſſant, iſt zugleich auch die Geſchichte des Hauſes Brockhaus, mit ihm hob es ſich aus dem Nichts, mit ihm nahm es zu an Reichthum und Ehre vor der Welt.
Dr. Löbel in Leipzig hatte den Gedanken gehabt und den ungefähren Plan gegeben, das Unternehmen war aber die erſten elf Jahre in Verfall gerathen, das Lexikon wollte nicht fertig werden. Dr. Löbel ſtarb, und nun wollte es gar nicht vorwärts. Da übernahm Brockhaus das Werk und legte durch dieſen erſten Mͤckiehen Griff den Grund zur nachmaligen Größe ſeines Hauſes.
enn er hatte bis dahin immer widrige Schickſale gehabt, ſeine Kaufhandlung in Dortmund, ſeiner Vaterſtadt, machte mit ihren
Encyklopädie
engliſchen Waaren ſchlechte Geſchäfte; er zog 1801 nach Holland und war dort nicht glücklicher. Er hatte viele Reiſen im Vater⸗ lande, in Frankreich und England gemacht und hatte viele litera⸗ riſche Anregungen erhalten, kurz, er entſchloß ſich Buchhändler zu werden; ſein Anfang als ſolcher war wieder ſchlecht; er mußte ſich mit ſeinen Gläubigern arrangiren, als er ein Paar Jahre nach ſeiner Etablirung wieder weg zog. Nach andern mißglückten Verſuchen ließ er ſich in Altenburg nieder und hier ſollte endliche ſein Glücksſtern aufgehen. In zwei Jahren brachte er das Con⸗ verſationslexikon fertig(1809— 1810) und es fand nunmehr ſo viel Anklang in den deutſchen Landen, daß es gleich 1809— 11 noch einmal unverändert abgedruckt werden mußte. Nun aber machte ſich Brockhaus darüber her, ein Converſationslexikon nach ſeiner Idee zu ſchaffen, und das war die zweite ganz durch⸗ und umgearbeitete Auflage vom Jahre 1812, welche 1819 fertig wurde. Die erſte Auflage hatte ſechs Bände und zwei Bände Nachträge; die zweite hatte zehn Bände; eben ſo viel zählte die dritte bis ſechste umgearbeitete Auflage, Die ſiebente und achte hatten jede zwölf, die neunte funfzehn Bände(1843—47), eben⸗ ſoviel die neueſte zehnte Auflage. Kurz die zehn Auflagen der betragen bei einem Exemplare über hundert Bände; denke man ſich nun die einzelnen Auflagen zu je 10,000 Exemplaren ſtark, ſo reſultiren mindeſtens hunderttauſend Exem⸗ plare oder eine Million Bände, welche in den Handel theils gekommen ſind, theils noch kommen werden.
Vor Erſcheinen der ſechsten Auflage ſtarb der Chef und Begründer des Hauſes(20. Auguſt 1823), 51 Jahre alt und hinterließ ein wohlbeſtelltes Haus und eine aus zwei Ehen ſtammende Familie, indem er bis an ſein ſchmerzliches Ende den


