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N 53133 Dritte Jolge. 515
novellen-Zeitung.
Der Schutzgeiſt V„Nun ja, ich bin hierhergekommen, um auf einen
Wagen zu warten.“ Novelle.„Miſtreß verleiht keine Wagen!“ brummte die ſchreck⸗ liche Magd, indem ſie ihren hagern, aber ſehr knochigen (Fortſetzung.) und ſehnigen Arm ausſtreckte, um ein Stück Holz in den
Erneſtine betrachtete ihr Geſicht: es hatte einen ge⸗- Ofen zu werfen.
meinen, froſtigen Ausdruck, der mit dem weichen Tone Ihre Hand ſchien gefühllos zu ſein, denn ſie bediente ihrer Stimme arg contraſtirte. Das kleine ſchwarze Auge ſich derſelben wie einer Zange. Sie wühlte in dem Feuer, über der leicht gerötheten Adlernaſe lächelte liſtig und ver⸗ ohne dabei eine Miene zu verziehen. Das Feuer loderte ſchlagen. Starke, bereits ergrauete Brauen begrenzten hoch auf und beleuchtete mit einem grellen Scheine die die niedere runzlichte Stirn, die von einer ſchwarzen Per⸗ knieende Magd, die der armen Erneſtine wie ein Ungethüm rücke mit kurzen Locken eingerahmt ward. In den großen vorkam. In dieſer Beleuchtung hatte ihr Geſicht etwas Ohren hingen koſtbare Ringe mit glänzenden Steinen. Dämoniſches, Wahnſinniges, Wildes. Die grauen Haar⸗
„Mein Kind,“ ſagte ſie ſehr höflich,„ich bitte, treten ſ
ſtränge, die über den magern, ſchmuzigen Nacken herab⸗ Sie in dieſen Saal. In fünf Minuten werde ich wieder fielen, ſchienen ſich krümmende Nattern zu ſein. Die Phan⸗ bei Ihnen ſein.“
taſie der jungen Malerin ſchmückte dieſes Bild grauen⸗ „Sie verſprachen mir die Beſorgung eines Wagens,“ haft aus. antwortete Erneſtine, indem ſie ihre Aengſtlichkeit zu ver⸗ Die Magd erhob ſich. Erneſtinen fehlte der Muth, vergen ſuchte—„erlauben Sie mir, daß ich hier ſo lange eine zweite Frage an ſie zu richten, denn ſie blieb mit durch⸗ bohrenden Blicken vor ihr ſtehen.
warte.— Die Frau öffnete eine Flügelthür und ſchob das junge„Haben Sie Hunger?“ fragte ſie nach einer Pauſe. Mädchen mit freundlicher Gewalt in den angrenzenden„Nein, liebe Frau!“ Saal, der hell beleuchtet und von einer angenehmen Wärme„Gehen Sie an das Feuer und wärmen Sie ſich.“ Verfüllt war.„Ich danke!“ flüſterte das beſtürzte junge Mädchen. 1— Der Saal war mit einer Pracht und Bequemlichkeit Die Magd wollte den Saal verlaſſen, aber ſie kam noch
einmal zurück und betrachtete von Neuem den Gaſt. Dies⸗
Herr Crosby war ein wohlhabender Kunſthändler, aber mal glaubte Erneſtine eine Art Mitleiden in ihrem Blicke
einen ſolchen Saal beſaß er dennoch nicht. Er würde dem zu bemerken.
Palaſte des Lords Seyton keine Schande gemacht haben.„Sagen Sie mir,“ murmelte das unheimliche Weſen, Wie wunderlich nahm ſich die Frau in dieſem koſtbaren„worin ich Ihnen dienen kann.“
Raume aus. Und dennoch ſchien ſie die Herrin deſſelben Erneſtine faßte ſich ein Herz, ſie überwand Abſcheu
zu ſein. Sie forderte Erneſtinen auf, Platz zu nehmen, und Schrecken und ſagte:
und entfernte ſich durch eine mit Vorhängen verſehene„Ich will Ihnen gern einen guten Lohn zahlen, wenn
Glasthür. Sie mich auf die Straße zurückführen. Mir fehlt es an „Wer kann die Frau ſein, die einfach, faſt armſelig Zeit, die Rückkehr der Dame zu erwarten, die Ihre Herrin
gekleidet, in einem gewöhnlichen Straßen⸗Omnibus fährt zu ſein ſcheint.“
und dabei eine glänzende Wohnung beſitzt?“ fragte. ſich„Ja, ſie iſt meine Herrin, und weil ſie es iſt, darf ich
das arme Mädchen. Ihnen nicht dienen, ohne daß ſie mir Auftrag dazu gibt.“ Nach einigen Minuten trat die alte Magd ein, um dem
„Mein Gott, wo bin ich denn?“ fragte Erneſtine, Feuer in dem hohen, prachtvollen Kamine neue Nahrung
ausgeſtattet, die Erneſtinen aufs Neue in Erſtaunen ſetzte.
deren namenloſe Angſt ſich mit jedem Augenblicke mehrte.
zu geben. Die ängſtliche Erneſtine wandte ſich mit der„Bei Miſtreß Eva!“ Frage an das närriſch ausſehende Geſchöpf:„Wer iſt Miſtreß Eva?“ „Haben Sie die Gefälligkeit gehabt und nach einem„Das wird ſie Ihnen ſelbſt ſagen.“ Wagen geſchickt?“„Wollen Soes mir nicht die Thür öffnen?“ Mit einem ſeltſamen Blicke ſah die Magd das junge Die Magd zuckte die Achſeln. Mädchen an. Welche widerwärtigen Züge hatte ihr gelbes„Ich darf nicht!“
Geſicht! Zwiſchen den aufgeſprungenen Lippen zeigten ſich„Was iſt das? Was hat man mit mir vor?“ große ſchwarze Zahnlücken, als ſie mit einer rauhen, ſchnar⸗„Nichts, nichts aber ich darf nicht öffnen. Nehmen renden Stimme fragte:„Nach einem Wagen?“ Sie Platz und machen Sie ſich's bequem.“
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