Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
473
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Doch ſein Blick, den er zu ihr erhoben der warme, reine Strahl, den wir einſt darin geſchaut, der war daraus geflohen, der mußte in den langen ſchweren Nächten hell in den kurzen Träumen der Verlaſſenen leuchten, aber den⸗ noch glühte es in den veränderten Augen, und er ſprach viele Worte zu der freudig Lauſchenden, Worte von ewiger Treue und unvergänglicher Liebe!

Uns aber duldete es nicht mehr am Fenſterrande. Aus meiner Bruſt rang ſich ein Klagelaut, ſo ſchneidend hell, daß die Beiden drinnen davon zuſammenfuhren und des treuloſen Mannes Auge ſich nach dem Fenſter wandte; ich aber hob die Schwingen müde und ſchwer und floh mit meinem Weibchen. Wir waren Beide zum Sterben betrübt und mochten nicht ſchlafen in jener Nacht. Als der Morgen herankam, ein weißer Nebel von den Fluren ſtieg und ſich

kältend um uns legte, da waren wir gerüſtet zur Reiſe

übers Meer. Die Herbſtſonne warf die erſten, blitzenden Strahlen in das Gemach des Mädchens, um das wir ſo viel getrauert, ohne daß ſie es gewußt. Wir ſetzten uns noch eine ſtille Minute auf das Geſims ihres Fenſters und

lugten durch des Vorhangs Falten. Der Schlummer hatte

ſich ihrer erbarmt und ihre müden Augen ſanft geſchloſſen. Da ward es uns froher ums Herz, leiſe flogen wir davon; je weiter wir kamen, deſto eilender wurde unſer Flug, da mußte der Schmerz dahinten bleiben und konnte uns nicht folgen.

Hätten ihn auch nicht brauchen können, als wir nun drüber ankamen und Alle wiederfanden, die Kinder mit ihren jungen Gatten und viel traute Freunde. Wohl gedachten wir noch zuweilen des Mädchens, aber wir hatten ja ſelbſt erlebt und ſelbſt geſchaut, wie ſchnell das Menſchenherz vergißt; wir glaubten, auch das ihrige werde vergeſſen und geſunden. Aber, ob dort unſer Neſt in gold geſchmücktem Strauche hing, ob des Südens Sommerpracht ewig zu glänzen ſcheint, als der Mond zum ſechſten Male gewechſelt, da ward das Heimweh mächtig in uns,

Dritte folge.

b wir mußten fort, um hier der jungen Blumen Erwachen mit hellem Sange zu feiern! Wir kamen an, im erſten Lenzeshauche, früh genug um den jungen Frühling in ſeinem ganzen, geheimnißvollen Thun belauſchen zu können. O, wir waren ſo innig froh, als wir alle die lieben Plätzchen wiederſahen; mit dem Bache haben wir geplaudert, zu dem Veilchen ſind wir gehüpft, und der alten Unke, die neu ierig ob all' des Geſchwätzes aus ihrer kleinen, moosbedeckten Steinhütte hervorlugte, habe ich gar in meiner Herzens⸗ freude den grauen Kopf geküßt. Der Tag ging dahin, ſo friſch, ſo ſeelenvergnügt! Nichts fehlte uns, als daß wir das Mädchen ſähen, mit neuen, friſchen Roſen im Antlitz und neuem, lebendigen Strahl im Auge. Doch ſie kam nicht hinaus in des Frühlings Pracht. Wir harr ten umſonſt. Aber ſiehe, als es Abend wurde und kalter Nebel Alles befeuchtet umhüllte und wir uns fröſtelnd an⸗ einander ſchmiegten, da ſahen wir von unſerm hohen Sitze in einem nicht gar fernen Hauſe viel prächtiges Leuchten, und jubelnde Klänge drangen von dort zu uns herüber. Es war das Haus, darin jenes Mädchen wohnte, um derent⸗ willen ein Herz gebrochen war.

Während wir nachſannen über das, was wir hörten und ſahen, da war, ohne daß wir es gewahrt, ſie in den Garten gekommen, die wir den ganzen Tag umſonſt erwar⸗ tet. Jetzt kniete ſie unter den Eſchen und wir ſchauten in ihr liebes, erhabenes Geſicht. Ach, es war ſo bleich, ſo bleich, aber Ruhe und ſtiller Frieden lagen darauf. Und ſie betete wieder, ſie weinte nicht mehr. von ihren Lippen bebten, haben wir gelauſcht mit frommem Staunen. Kannſt du es glauben, liebe Nachtigall? Es war der Tag, da ſich der Mann, den ſie geliebt, einer An⸗ dern vermählte, und ſie betete für ihn. Sie hatte ihm Alles verziehen, ohne daß er es begehrt in ſeinem Stolze; ſie hatte ihm verziehen in ihrem Herzen, damit ihn um ihretwillen nichts Uebles treffe. Nun flehte ſie um ſein Glück, als ob es ihr eigenes wäre.

Gefangenen mit ſich brachte, der ſchon in Pignerol und auf den Margaretheninſeln unter ſeiner Obhut geſtanden hatte, und daß dieſer Jedermann unbekannt gebliebene Gefangene in der Baſtille am 19. November 1703 ſtarb und auf dem Kirchhofe der St. Paulskirche begraben wurde, deren Regiſter ihn unter dem Namen Marchiali aufführen.

Ddieſe drei Umſtände einer geheimnißvollen Exiſtenz ſind allein auf authentiſche Weiſe feſtgeſtellt; alles Andere iſt Vermuthung oder Erfindung. a.

Sonderbare Neigungen.

ſagte Madame, die Mutter des Regenten, in ihrem Briefwechſel, ſo erklärte ich ihm offen, wenn er ihn nicht ließe, ſo ſtände ich ihm nicht dafür, ihm nächſtens eine tüchtige Maulſchelle zu geben,

die dann ſchneller ausgetheilt als gedacht ſein würde. Darauf ließ er mich in Ruhe.

Als Monſieur, Bruder Ludwigs XIV., eines Tages auf der Terraſſe von Verſailles ſpazieren ging, roch er den Dampf von ganz erbärmlichem Tabak. Er trat ein und fand zwei Prinzeſſinnen an einem Tiſch ſitzend, halb betrunken von Schnaps und aus thönernen Pfeifen rauchend, die ſie ſich aus der Wache der

Schweizer hatten holen laſſen. Es waren zwei Töchter des Königs von Frankreich.

Eben dieſer Prinz liebte die Muſik nicht, dagegen aber das Läuten der Glocken ſo ſehr, daß er es nie unterließ, die Nacht von Allerheiligen in Paris zuzubringen, weil während dieſer Nacht

ſämmtliche Glocken in Bewegung geſetzt werden.

Die Prinzeß von Chartres, die Tochter des Regenten, ritt den ganzen Tag lang ſpazieren; Abends ſpielte ſie Karten und am nächſten Morgen ging ſie nag Chelles⸗ um ihre Andacht zu ver⸗ richten. Als ſie das Kloſter betreten hatte, ſendete ſie ihreg Vater einen Brief, um ihm anzuzeigen, daß ſie es nicht wiede verlaſſen würde. Es war ein Kloſter der Benedictinerinnen, deſſen Aebtiſſin ſie wurde. Den ganzen Tag unterhielt ſie ſich dort mit Pulver. Sie machte Raketen und andere Feuerwerksarbeiten und ſchoß ſehr oft mit Piſtolen nach der Scheibe.

* Mißt man dem Herzog von Orleans Glauben bei, ſo war

die Marquiſe von Monteſpan, die ſtolze Maitreſſe Ludwigs XIV.,

von empörender Unſauberkeit. Alle Welt weiß, daß Ludwig XVI. ein geſchickter Mechaniker

Den Worten, die.