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476 Novellen⸗Zeitung.
vollen Traum, und ob ſie die kalten Worte zu ihm ſprach, wir haben es gehört, wie allabends ein Gebet für ihn von ihren Lippen zitterte. Die Worte, die dann aus ihrem Herzen ſtiegen, die weinten, die waren nimmer todt und kalt. Oft glaubten wir, das kleine, arme Herz höre, auf in unſerm Buſen zu ſchlagen, wenn wir die Beiden fremd an einander vorüber gehen ſahen, die ſich ſonſt in ſeliger Luſt entgegeneilten, wenn ſie ſich arme leere Worte mit abgewandtem Blicke ſagten, die einſt die wunderbarſte Sprache kannten.
„Doch dann, wenn der Tag vorüber war und es ſie
immer wieder hinzog zu der einſamen Stelle, die ihr heilig geworden war, und ſie hier weinte und betete und der Nacht⸗ wind oft rauh die Thränen von ihren Wangen nehmen mußte, dann wußten wir, daß dies andere Perlen waren, als die ſie einſt in das dunkele Gelock des ſchönen Mannes geweint. Und ſie erbarmte uns unendlich in ihrem Schmerze. Nur die Thränen haben wir ihr geneidet, wir hätten ſo gerne auch Thränen gehabt für unſer gepreßtes Herz.
„Schon wurde es herbſtlich hier im Garten. Im Morgen⸗ und Abendwinde ſchauerten die Blumen, die der warme Sonnenſtrahl erſchloß. Die Elfen kamen und ſtreiften einer nach der andern die bunte Hülle ab, wie man die Kinder entkleidet vor'm Schlafengehen, und dann nahmen ſie ſie mit ſich hinab in ihr Geiſterreich. Da dürfen die Blumen entſchlummern, die Elfen wiegen ſie ein und ſingen ihnen traute Lieder von Lenzesluft und Auferſtehen
und über ihnen toſt der ſchaurige Herbſt und der alle, grimmige Winter, ſie ahnen es nicht und ſchlafen ſüß die
ganze lange Zeit, und im Traume lächeln ſie wie ein frohes Kind.
„Auch die Blätter der Eſchen begannen fahl zu werden. Du hatteſt längſt dein letztes Lied geſungen,— ach, liebe Nachtigall, du biſt recht glücklich, daß du dich losreißen darfſt, wenn noch die ganze Sommerpracht uns umgibt; wir müſſen Alles welken und ſchwinden ſehen, bevor wir
den Flug zur andern Heimath wenden dürfen. Aber die⸗ ſesmal meinten wir, wir hätten nie fortgekonnt. Denn immer noch kam das Mädchen hierher, wo ſie ſo unendlich reich und nun ſo arm geworden war. Die Roſen auf ihren Wangen waren auch dahin. O, ſagte ich zu meiner kleinen Gattin, daß doch auch ein freundlicher Elfe ſie geborgen hielte, um ſie einſt ihr wieder friſch und neu erblühen zu laſſen! Am Tage hatte ſie ein freundliches Lächeln für den, der ihr das Herz brach, des Abends viel heiße Thränen und inniges Gebet. Wir konnten es nicht faſſen, nicht ergründen. Da ſahen wir ſie eines Tages noch bleicher als zuvor. An der weißen Hand des Mannes funkelte ein goldener Reif und ſein Auge wich ſcheu den großen, matten Blicken der Jungfrau aus. Wir erſchraken ſehr daran, und das dunkle Ahnen, das ſchon lange uns erfüllte, begann ſich zur Klarheit zu geſtalten.
„Ach, liebe Seele, du hätteſt gewiß ſchon lange Alles gewußt, du mit dem mächtigen Fühlen in dir. Aber du wareſt fern und wir weilten nur noch allein, von allen trauten Genoſſen verlaſſen, in den verödeten Räumen des Gartens. Aber als auch an dieſem Abende das Mädchen herankam, ſo zerknickt und ſchmerzzerriſſen das Haupt an die Eſche lehnte, da flogen wir dahin und folgten der Spur des falſchen Mannes, den wir den ganzen Tag mehr denn ſonſt beachtet. Und ſiehe, wir fanden ihn! O das Herz bebt noch in mir, wenn ich zurückdenke an jene Augenblicke. Wir fanden ihn in einem trauten Gemach, zu den Füßen einer Jungfrau, ſchöner und prächtiger als die Arme, die draußen einſam und voll bangen Wehes das nun thränen⸗ leere Auge und die kranke, arme Bruſt an den kalten, entblätterten Baum preßte.— Des Mädchens feine Hand koſte tändelnd in ſeinen ſchönen Locken und dieſe Hand zierte auch ein blanker Reif. Sie ſah unendlich froh, faſt ſieges⸗ ſtolz herab auf den vor ihr Knieenden, aber der Ausdruck der Freude in ihrem ſchönen Auge war dennoch nicht ſo tief, als der des Schmerzes in dem Auge der Andern.—
nicht, die in Europa gebräuchlich ſind, und ſehr mit Unrecht nennt man dieſe daher arabiſche Ziffern.
Unſere Zahlen ſind vielmehr römiſchen Urſprungs. Die Römer bedienten ſich nämlich einer Rechenmaſchine, abacus, bei
welcher man Rechenpfennige auf parallellaufende Linien legte, und je nach den Geſtalten, welche die Rechenpfennige bildeten, veränderte ſich der Werth. In dieſen Geſtalten nun findet man die urſprüngliche Form unſerer ſogenannten arabiſchen Ziffern
wieder.
Das Jahrhundert, bis zu welchem der Gebrauch des abacus zurückgeht, läßt ſich nicht mit Beſtimmtheit angeben. Boötius, der im fünften Jahrhundert lebte, ſpricht davon in ſeiner Geometrie und ſchreibt deſſen Erfindung dem Pythagoras zu. Während des Mittelalters ſcheint dieſe Maſchine gänzlich in Vergeſſenheit gerathen zu ſein. Erſt im zehnten Jahrhundert brachte Gerbert, der in Frankreich die Kenntniß der Muſik verbreitete, den abacus wieder in Gebrauch, und da zu jener Zeit kin häufiger Verkehr mit den Arabern ſtattfand, u man ihnen die Einführung manches Neuen in der ma henihen Wiſſenſchaft verdankte, glaubte man in dieſer Wiedereinführung der eigentlich römiſchen Maſchine den Urſprung unſerer Ziffern zu ſehen. a.
Die eiſerne Maske. Die Exiſtenz der unter dieſer Bezeichnungekannten Perſon wurde zum erſten Male durch Voltaire in ſeinem„Jahrhundert Ludwigs XIVv.“ erwähnt, doch ohne irgend eine Andeutung über
den Rang des Gefangenen. Noch heute iſt der Mann mit der *
eiſernen Maske ein Räthſel, das keine Löſung gefunden hat, und wahrſcheinlich auch nie eine finden wird. Man hat behauptet, es wäre ein Zwillingsbruder Ludwigs XIV. geweſen, den man aus Staatsgründen aus der Welt hätte verſchwinden laſſen. Andere wollten in der eiſernen Maske den Herzog von Monmouth, den Herzog von Beaufort, den Grafen von Vermandois erkennen, doch alle dieſe Hypotheſen ertragen keine ernſte Prüfung.
Die wahrſcheinlichſte Conjectur iſt, daß der geheimnißvolle
Gekfangene der Graf Matthioli war, Secretair des Herzogs von
Mantua, der mit der Regierung Ludwigs XIV. und mit dem Könige ſelbſt wegen der Uebergabe der Feſtung Caſal, die dem Herzoge gehörte, unterhandelt hatte. Während des Laufes der Unterhandlungen ſoll Matthioli durch die Feinde Frankreichs gewonnen worden ſein und ſo die Pläne des Königs zum Scheitern gebracht haben. Um ſich zu rächen, ließ Ludwig XIV. Matthioli entführen und er wurde dann nach einander in Pignerol, auf den Margaretheninſeln und in der Baſtille eingeſperrt. Die äußerſten Vorkehrungen wurden überall getroffen, um ihn zu hindern mit irgend Jemand in Verkehr zu treten. In den Stunden, zu welchen er von Andern als von dem Gouverneur St. Mars geſehen werden konnte, der ihn arretirt hatte und ihm in ſeine verſchiedenen Kerker gefolgt war, trug der Gefangene eine Maske von ſchwarzem Sammet, wonach er ſeinen Namen des Mannes mit der eiſernen Maske bekommen hat. Einige Geſchichtsſchreiber gehn ſogar ſo weit, die ganze Exiſtenz dieſer Perſon in Zweifel zu ziehen.
Wenn das Geheimniß ſeiner Identität unerforſchlich bleibt, ſo iſt wenigſtens ſo viel gewiß, daß St. Mars, als er Gouverneur der Baſtille wurde, am 18. September 1698 einen maskirten
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