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Drute Jolge,
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mehr, aber die Augen ſenkten ſich tiefer in einander, und „du“ tönte es feſt von des Jünglings Lippen, und„du“ bebte es aus dem Herzen des Mädchens, und da hielten ſie ſich innig umſchlungen als hätte Jedes mit Einemmale ſein größtes Gut errungen und wolle es nie mehr laſſen.
„Da aus Deiner Bruſt drangen bei dieſem Anblick wunderbare Laute, wie ich ſie nie vernommen. Die Bei⸗ den lauſchten wohl auch auf unſeren Geſang, denn das Mädchen ſagte ſelig lächelnd:„„Ach, die Nachtigall mit ihren allmächtig reichen Tönen kann doch nimmer all' die Luſt und all den Schmerz des lieberfüllten Menſchenher⸗ zens ſingen!““
„Darauf folgte viel trautes Geplauder und ſtill ſeliges Anſchauen,— es muß etwas Unendliches ſein, was die Menſchen Liebe nennen. Mein Weib und ich wir haben fromm geſtaunt. Und als nun der Mond begann ſeinen goldnen Kahn in die kleinen Wellen des Teiches hinabzu⸗ tauchen, da verließen die Beiden den Garten. Aber uns zog es mächtig, den Schritten der Jungfrau zu folgen. Sie kannten wir und hatten ſie ſchon lange innig lieb. Sie hatte oft in unſer kleines Neſt geſchaut, und meine bange Gattin hat nie gebebt, wenn das gute, blaue Auge freundlich auf ihr ruhte; oft hab' ich beim erſten Morgenſtrahl vor ihrem kleinen Fenſter hell geſungen. Darum folgten wir ihr jetzt. Aber wie von Engeln getragen ſchritt ſie dahin an der Seite des Mannes.
Als er ſie verließ, da blickte ſie ihm nach mit fromm gefaltenen Händen; dann endlich trat ſie hinein. Wir ſetzten uns in der Pappel ſchlanken Blätterthurm, von wo wir deutlich in des Hauſes Räume ſchauen konnten. Da ſahen wir das Mädchen vom Mutterarm umſchloſſen; ich glaube, ſie legte ihr ſüßes Geheimniß ſtill hinein in den trauten Raum des Mutterherzens und aus dem Auge der Mutter fielen helle Thränen auf ihr junges Geſicht. Dann ſahen wir ſie in ihrem ſtillen Schlafgemach, wie jauchzendes Gebet aus ihrem Innern ſtrömte. Es mußte Wunder⸗
bares geſchehen ſein, mehr als wir faſſen und begreifen konnten. So hatten wir's nie in ihrem Auge leuchten ſehen, in ſolchen Glanz war nie ihr Antlitz getaucht. wir freuten uns über ihr Glück, und als nun ihr Lämpchen erloſchen war und ſie ſich in des Lagers Kiſſen ſchmiegte, da ſang ich ihr mein ſchönſtes Schlummerlied,— das mochte ſich in ihren Traum verweben; dann flogen auch wir heim, in unſer liebes, weiches Neſt zu den ſchlafenden Kleinen.
„Es folgten ſchöne, heitere Tage mit feenhaften, ge⸗ heimnißvollen Abenden. Wieder und wieder ſahen wir die
Beiden, in trautem Beiſammenſein, Hand in Hand und
Auge in Auge. Aber eines Abends blieb die Jungfrau allein. Wohl ſchaute ſie mit immer bängerem Sehnen hinaus; er kam nicht. Und ſie ſaß lange und achtete es nicht, daß der Nachtthau ihre Kleider feuchtete; ſie weinte ſtill am Stamm der Trauereſche! Was geſchehen war, wir wußten es nicht; aber von da an wurde es anders mit den Beiden. Wohl ſahen wir ſie wenige Tage darauf wieder zuſammen den Garten durchſchreiten; aber es war ein Fremdes und Kaltes, das ging ihnen zur Seite und wich nicht von ihnen. Zuweilen ſchien es wohl, als wolle ſich des Mädchens Mund zu ernſter Frage öffnen, allein ſie ſchaute in das dunkle, nicht mehr warme Auge, und dann zuckte es nur ſchmerzhaft um die geſchloſſenen Lippen.— Es währte nicht lange, da vermochte auch ſie es, mit den⸗ ſelben Worten zu ihm zu ſprechen, die er jetzt nur für ſie hatte. Das waren aber keine Worte, die Seele hatten wie ehedem; ſie waren kalt und todt. So ſchieden ſie immer kälter von einander. Aber in des Mädchens Herzen erloſch die heilige Flamme nicht, denn ein Engel hatte ſie entzündet. An jedem Abende ſaß ſie hier einſam, wo ſie einſt in ſeinem Arm gebebt, aber ſie erwartete ihn nicht mehr. Sie wußte recht gut, daß er nie mehr kam, ſie wußte, daß er ihr verloren war. Aber geklagt hat ſie nicht; ſie weinte nur viel heiße Thränen um den kurzen, wunder⸗ *
AAber wer ſeid Ihr?“ entgegnete der würdige Beamte,„wer ſeid Ihr, daß Ihr den Befehlen unſeres Herrn, des Bey, unge⸗ horſam zu ſein wagt? Wißt Ihr, daß es ſich um Euern Kopf handelt?“
„Wir wiſſen es nicht,“ ſagten ſie etwas ſchüchtern,„aber gleichviel, das Verbot gilt uns nicht, denn wir ſind drei Söhne von hoher Familie.“ V
„Von Familie oder nicht,“ erwiderte der Beamte,„ich kann Euch nicht frei laſſen. Mein Befehl iſt ſtreng; ich muß Euch vor den Bey führen.“
„Am nächſten Morgen erſchienen in der That die drei jungen Männer vor Naaman.
„Wer ſind Eure Jäter?“ fragte der Bey, die Stirn finſter runzelnd. „Ich,“ entgegnete der eine mit Zuverſicht,„bin der Sohn
deſſen, vor dem alle Köpfe ſich neigen.“ 8 3
Hungrigen ſpeiſt.“
„Und ich,“ ſagte der dritte,„bin der Sohn deſſen, der alle Durſtigen tränkt.“
Bei dieſen drei Antworten ſperrten die Großen, die den Bey Naaman umſtanden, den Mund weit auf.
„Wer ſind,“ ſagten ſie untereinander,„dieſe hohen Perſonen, von denen wir noch nie ſprechen hörten?“
Doch der Bey verlor ſogleich den ſtrengen Ausdruck, der bisher ſein Geſicht verfinſterte, und ſagte zu den jungen Leuten: „Es iſt gut, Ihr habt Verſtand und wißt Euch edel auszudrücken, obgleich Ihr von geringer Herkunft ſeid. Geht in Frieden, ich verzeihe Euch; aber ſündigt nicht wieder.“
„Ich,“ ſagte der zweite,„bin der Sohn deſſen, der alle
Darauf ſich zu ſeinen Höflingen wendend, ſagte er:„Wie, Ihr habt die ſinnreiche Ausflucht nicht begriffen, durch welche die drei jungen Männer ihre Köpfe retteten?“
„Nein, Herr,“ ſagten die Umſtehenden wie aus einem Munde.
„Nun wohl, ſo will ich es Euch ſagen. Der erſte iſt der Sohn eines Barbiers, der zweite der eines Bäckers und der dritte der eines Waſſerträgers. Es war ihr Glück, daß ſie ſich gut aus⸗ zudrücken wußten. Wegen der Feinheit ihrer Sprache verzeihe ich ihnen diesmal ihren Fehler.“ 4
Bei dieſen Worten brachen alle Höflinge in Ausrufe der Bewunderung aus und erflehten den Segen des Höchſten über das Haupt eines Herrſchers, der ſo geiſtreich war und auf die ſchönen Worte ſich ſo gut verſtand. a.
.. Aus der Geſchichte. Die arabiſchen Zahlen.
Die Hebräer, die Griechen und die Römer ſtellten die Zahlen durch Buchſtaben dar, denen ſie einen beſtimmten Zahlenwerth beilegten. Dies iſt bekanntlich noch bei uns für gewiſſe Gegen⸗ ſtände beibehalten und wird mit den Namen der lateiniſchen Ziffern bezeichnet.
Die Hind ſie die erſten n Decimalſyſtemes.—
d die Chineſen haben neun Zeichen, mit denen
Aber
Zahlen andeuten, und bedienen ſich unſeres
Die Araber baben ebenfalls ein dem unfrigen ahnliches Zahlenſyſtem, aber ihre Zeichen für daſſelbe gleichen denen durchaus


