Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
474
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Royellen

Drinnen leuchteten die Hochzeitskerzen und warfen einen ſtrahlenden, warmen Schein auf das myrthengeſchmückte Haupt der jungen Braut, und das duftig zarte Gewebe des Brautſchleiers umfloß die ſchöne Geſtalt, wie ſie am Arme des Geliebten hing, und hier draußen da warfen der Abendſtern und der Mond ihren kalten, matten Glanz auf die Verlaſſene, Einſame, und der weiße, feine Nebel umſchleierte ſie dicht und dichter. Sie erhob ſich am Stamm der Trauereſche und ſchritt mit ruhigem, feſtem Schritte ihrem Elternhauſe zu. Wie an jenem längſtvergangenen Abend folgten wir wieder ihren Schritten, und wie an jenem Abend, ſahen wir ſie am Mutterherzen ruhen, und wieder floſſen der Mutter Thränen auf ihr Geſicht. Dann ſahen wir ſie auch wieder in ihrem ſtillen Schlafgemach und wieder ſang ich ihr ein Schlummerlied ach, Alles wie ehedem und doch Alles ſo viel, viel anders! Nun aber ſage du mir, liebe Seele, was iſt es, das die Menſchen Liebe nennen? War es des Mannes wechſelndes Empfinden? War das auch Liebe, womit er vermochte, ſchmerzlos von der Einen zur Andern zu ziehen? Dann iſt's auch Liebe, wenn der Schmetterling erſt trunken an der Lilie Dol⸗ den hängt und dann die leichten Schwingen auf der Roſe ſchönem Kelche wiegt. Und dann neide ich den ſtolzen Menſchenkindern das arme Glück nimmer, das ihnen ſolch flüchtiges Empfinden ſchaffen mag! Aber wenn das die Liebe war, die einſt das Mädchen ſtill ſeelig in des Man⸗ nes Armen ruhen und all' ihr Denken zum freudigen Ge⸗ bete werden ließ und war das heilige Feuer, das ſie durchglühte, als die ſchöne, lichte Freude in ihr geſtorben und ſie dennoch, aber nun voll bangen Wehes, nur ihn dachte, nur ihm lebte, und wiederum war die geläuterte Flamme, die ſie zuletzt hinwarf auf ihre Kniee und ohne alles Selbſtverlangen, ohne alles Begehren, ſie nur des Andern Ruhe und Glück erflehen ließ, war alles dieſes, was wunderſtark, allmächtig ſie erfüllte, war das, was ſie Liebe nennen, dann o dann ja liebe Nachtigall, dann

Zeitung.

[II. Jahrg.

ward uns wohl nur der Töne Fülle gegeben, um das reiche, ſeltſame Glück, ob größrer Schmerz, ob größre Luſt der lieberfüllten Menſchenſeele im Liede immerdar zu preiſen! O deute du mir es, Nachtigall, ſage du mir, was Liebe ſei.

Der kleine Vogel harrt ſtill der Antwort, die ihm die Nachtigall geben ſoll. Laßt uns auch darauf lauſchen! Aber die Nachtigall ſchweigt lange. Sie weiß es gar wohl, daß ſich's nicht in Worten ſagen läßt. Jetzt aber, o horcht, horcht! Aus der Nachtigall Bruſt drangen erſt leiſe und dann in immer vollern und mächtigern Accorden wunderbare Töne. Die geſtalteten ſich zu einem Liede, ſo ergreifend, ſo thränendurchwebt und dabei ſo innig, ſo ſeelig trunken und ſo ſchmerzdurchſchauert, ſo Alles ſehnend und ſo überſchwänglich reich, wie eben all' der Zauber ſolch einer Sommernacht! Da ſie ihr Lied beendet, ſitzt der Vogel ſtill und ſtumm da, er fragt nicht mehr, was Liebe ſei. Er weiß es jetzt, daß er das tiefe Wunder nie ganz wird faſſen und ergründen können.

Es wird ſtill und immer ſtiller hier im Garten. Der Mond verſinkt langſam in das tiefſte Waldesdunkel, die Nacht nimmt ein funkelndes Juwel nach dem andern von ihrem ſchönen Haupte, und ſeht, das erſte rothe Gold von des jungen Tages ſtrahlendem Banner leuchtet im Oſten. Wir haben lange, lange geſeſſen und gläubig darauf ge⸗ horcht, was die Vögel erzählt und geſungen. Da weht ein roſiger Hauch zu uns herüber. Der junge Morgen- wind iſt es! Mag er einmal unſre Häupter umfaattern, ſich einmal friſch an unſre heiße Wange legen und dann wir müſſen heim! Nicht wahr, auch Euch wird das Auge müde, ihr kleinen Freunde im Laube? Ihr mögt nicht länger plaudern. Darum, gute Nacht, am allerfrüheſten Morgen!

war, und daß Marie Antoinette glaubte, ſie könnte Verſe machen. Dies waren übrigens nicht die einzigen Talente der hohen Un⸗ glücklichen. Ludwig XVI. zeichnete ſich durch ſeine geographi⸗ ſchen Kenntniſſe aus, und Marie Antoinette ſpielte vortrefflich Soubrettenrollen. a.

Miscellen. Die Meerſchaumpſeiſen.

Der Glaube iſt noch ziemlich allgemein verbreitet, die ſchönen weißen Pfeifen, die von den Rauchern ſo ſehr geſchätzt werden und die man mit dem Namen der Meerſchaumpfeifen bezeichnet, würden wirklich aus einem Schaum fabricirt, den das Meer anſetzt, als ob es einen Stoff von ſolcher Flüſſigkeit auszuwerfen vermöchte. Die Subſtanz der Meerſchaumpfeifen findet man indeß im Boden. Sie heißt Magneſit(gewäſſerte kieſelſaure Magneſia) und beſteht aus 52 Theilen reiner Kieſelerde, 23 Theilen Magneſia und 25 Theilen Waſſer. Man findet ſie in der Gegend von Boves in GPhenene⸗ in Kleinaſien und in Griechenland. Der geſchätzteſte

Kerſchaum kommt aus der Gegend von Kiltſchik in Anatolien und wird zu jenen prachtvollen Pfeifen verwendet, die man im Orient findet. a.

Mannigfaltiges. Ludwig XV. war oft ſehr melancholiſch und liebte es, vom Tode, vom Begräbniß und Gottesacker zu ſprechen. Er unterhielt ſich ſogar zuweilen damit, über dieſen Gegenſtand ziemlich ſchlechte

* cherze zu machen. Eines Tages fragte er den Commandeur von ouvré, der ſchon ſehr alt und leidend war:Sie werden alt, 2 ouvré, wo wollen Sie begraben ſein?

& G.

Zu den Füßen Eurer Majeſtät, antwortete dieſer.. Die Antwort machte den König traurig und träumeriſch, Leipig hinderte ihn aber dennoch nicht, bald ſeine finſtern Neckereien wieder zu beginnen 8 N Sopyie Arnoult ſagte einſt zu Champrenets:Ich habe mich I in die Zunge gebiſſen.Das iſt nicht möglich, entgegnete 1 dieſer,Sie würden ſich ſonſt vergiftet haben. a. ovellen 6 Ein ruſſiſches Sprichwort ſagt: Man empfängt den Menſchen b nach dem Kleid, das er trägt, und man entläßt ihn nach dem Geiſte, ſe den er gezeigt hat. I . Feuilleto Holtei ſagte von dem Schriftſteller Marivaux: Er iſt ein Mann, der alle Fußſteige des menſchlichen Herzens kennt, aber die große Landſtraße nicht. Jusd K In der Nähe der euganaiſchen Hügel, zwiſchen Verona und Sagtn Padua, liegt Eſte, das Stammhaus Braunſchweigs. Im Jahre gis 1026 heirathete Azo, der vierte Marquis von Eſte, die einzige 1. Aa Tochter des Herzogs von Baiern, Kunigunde. Von ihr hatte Umtlag Azo einen Sohn, Welf, der alle Beſitzungen ſeines Großvaters (des Herzogs von Baiern) erbte und der Anherr der erlauchten Familie von Braunſchweig⸗Lüneburg iſt. Man