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„Mutter,“ ſagte es bewegt,„der Arzt hat vor jeder Aufregung gewarnt, und nun nährſt Du Befürchtungen, die Dich mit Trauer erfüllen. Verbanne doch die finſtern Gedanken, gib Dich der Hoffnung auf eine frohe Zukunft hin, und Deine Geneſung wird raſch von ſtatten gehen.“
Die kranke Mutter ſah wehmüthig ihre Tochter an. Der Anblick des in der That reizenden Mädchens ſchien das Gefühl der Beſorgniß und der Trauer in ihr zu ver⸗ größern.
„Erneſtine,“ rief ſie nach einer Pauſe aus,„denke an Deine Mutter und an die Lehren, die ſie Dir gegeben. O, ich weiß es, das Elend iſt für ein junges Mädchen, das hoffnungsvoll in die Welt ſieht, die fürchterlichſte Pein, zumal wenn es die erſte Jugend in guten Verhältniſſen verlebt hat— aber ertrage lieber die herbſten Entbehrungen mit Muth und Geduld, ehe Du einen Schritt vom Pfade
Du Dein Glück nur Dir ſelbſt, das heißt Deiner Thätig⸗ keit verdanken, daß Du Dich weder durch empfangene Wohlthaten, noch durch Verſprechungen von Andern ab⸗ hängig machen willſt.“
„Das verſpreche ich Dir, Mutter,“ rief ſie eifrig. „Dieſes Verſprechen zu erfüllen kann mir ja nicht ſchwer
[II. Jahrg.
Der Sturm rüttelte die kleinen Fenſter, daß ſie laut klirrten, und von Zeit zu Zeit erfolgten ſo heftige Stöße, als ob er das ganze Dach auf ſeinen gewaltigen Schwingen davontragen wollte. Es ließ ſich weder die Mutter in ihrer Andacht, noch die Tochter in ihrer Arbeit ſtören. Plötzlich ertönte ein lautes Klopfen an der äußeren Thür. Beide Frauen fuhren empor.
„Wer mag das ſein?“ fragte ängſtlich die Mutter.
„Vielleicht iſt es ein Bote von dem Bilderhändler; ich habe ihm ja meine Adreſſe zurücklaſſen müſſen.“
Erneſtine dachte allerdings an den hagern Geſchäfts⸗ mann, zugleich aber auch an den freundlichen Beſchützer, der ihr mehr als das Gefühl der Dankbarkeit eingeflößt
hatte. Es war ihr nicht unmöglich erſchienen, nachdem ſie die wohlwollenden Blicke ſeiner blauen Augen geſehen, daß
.— er ſich näl der erkundigen würd deren Beſchü⸗ der Tugend und des Rechts abweichſt. Verſprich mir, daß er ſich naͤher nach der erkundigen würde, zu deren Beſchüitzer
er ſich ſo großmüthig aufgeworfen. „Du zitterſt, mein Kind?“ fragte die Mutter. Erneſtine fühlte eine brennende Hitze auf ihren Wangen.
Sie glaubte, der beſorgten Mutter einen Grund dafür an⸗
werden, denn Du haſt das Gefühl für Recht und Tugend
in meine Bruſt gepflanzt.“
Die Mutter küßte der Tochter die Stirn, als ob ſie
ihr danken wollte. und begann zu leſen. Erneſtine ſetzte ſich wieder zu ihrer Arbeit. der Anſicht, daß die Mutter Befürchtungen wegen der Goldſtücke hegte, die man ihr für die Bilder gezahlt hatte. „Ach, ſie hat nicht Unrecht,“ dachte ſie ſeufzend;„was thut man nicht, um die Leiden einer geliebten Mutter zu lindern! Gott wird ja wohl geben, daß ich das Mitleid anderer Menſchen nicht in Anſpruch zu nehmen brauche.“ Sie begann mit doppeltem Eifer zu arbeiten.
Dann ließ ſie ſich die Bibel reichen
—. Sie war
geben zu müſſen.
„Mein Gott,“ flüſterte ſie,„wenn man nur nicht ſchickt, um die Arbeit abbeſtellen zu laſſen!“
Ein neues, ſtärkeres Klopfen ließ ſich vernehmen.
„So müſſen wir uns fügen!“ ſeufzte die Mutter, die
ſich mühſam in dem Bette emporgerichtet hatte.„Was es auch ſei— geh und öffne!“ Das junge Mädchen verließ das Stübchen. Zitternd
öffnete es die kleine Thür. An der Schwelle ſtand ein ſtarker, wohlbeleibter Mann, der ſich bis an die Ohren in ſeinen vom Regen glänzenden Gummi⸗Mantel gehüllt hatte. Den Hut trug er tief in die Stirn gedrückt. Die beſtürzte Erneſtine ſah von ſeinem ganzen Geſichte nur eine dicke, dunkelrothe Naſe und zwei kleine graue Augen, aus denen
glühende Baſiliskenblicke hervorſchoſſen.
Wie der Schwabe wegen ſeiner treuherzigen Einfalt, ſo iſt Berliner wegen ſeiner Großmannsſucht berühmt und berüchtigt, wie man es nehmen will. Den Vornehmen zu ſpielen, eine leicht⸗
fertige, wegwerfende Miene anzunehmen, zu witzeln, ſich luſtig zu
machen, geht es nicht über Andere, ſo über ſich ſelbſt— das ſind in der That einige Charaktereigenthümlichkeiten des gebornen Berliners, die er gleichſam mit der Muttermilch einſaugt.
Dieſes prickelnde Gelüſt kommt in ihm mehr und mehr zum Bewußtſein, das Gefühl deſſelben drängt zu einem Ausdrucke.
beſte Menſch, durch die unſchuldigſte Veranlaſſung, vielleicht nur weil er etwas Abſonderliches an ſich trägt oder ſtillſteht und nach einem Hauſe hinaufſieht, dazu gelangen als„Pietſch“ verſpottet zu werden. Die Kinder rufen ihm unabläſſig das Wort„Pietſch“
nach und die Erwachſenen ſtehen ſtill und weiden ſich an dem
Das Abſtracte will in der Form des Concreten gegeben ſein und die Sucht zu hänſeln und zu narren verdichtetſich zu einem einzigen
Laut. Plötzlich wie aus den Wolken gefallen iſt„Pietſch“ da— Niemand eigentlich kennt den Urſprung.
Es ruft Einer„Pietſch“— man horcht, blickt auf, ſieht ſich fragend nach allen Seiten um und ſchüttelt den Kopf— ein Zweiter wiederholt den Ruf— man ſtaunt wieder— noch ein Dritter, Vierter und Fünfter verſucht ſich an dem Worte„Pietſch“ und ſiehe da, plötzlich, gleich als wäre es ein in der Luft ſchwim⸗
Vorübergehenden nicht im ming
mendes Miasma, iſt die ganze Stadt mit„Pietſch“ erfüllt.— „Pietſch's“ wegen laufen die Menſchen fragend zuſammen und
gehen lachend auseinander, Pietſch iſt überall und nirgends— Niemand weiß, was Pietſch iſt, aber Jedermann iſt ſich, wenn auch unklar, des Gefühls bewußt, daß Pietſch ein concreter Aus⸗ druck iſt für das Gelüſt ſich luſtig zu machen. Man hört Pietſch
von der Bühne herab— das Publicum jubelt! So in Berlin vor etwa zwei, drei Jahren. Doch dabei bleibt man nicht ſtehen. Der allgemeine, in der Luft ſchwimmende Pietſch genügt bald nicht mehr, man will mit Augen zu ſehende, mit Händen zu greifende Pietſche haben. Da kann nun der erſte
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Schweineſtall für einen Thaler gemiethet und darin ſein Quartier
b
kindlichen Vergnügen.
Spottſucht zum Opfer fiele.
Aber auch dieſe„Pietſche“ verlieren bald an Werth. Das
Urbild„Pietſch“ will man haben— einen beſtimmten Pietſch den Pietſch.— 7 Auch der iſt bald gefunden. Ob er vielleicht wirklich„Pietſch“
heißt oder nicht, dies bleibt im Grunde Nebenſache, genug daß
man an ihm einen Sündenbock gefunden. Dieſes beſtimmte Indi⸗ viduum, welches gegenwärig in Berlin als„Pietſch“ verſpottet wird, iſt ein harmloſer Me
en erregte, wenn ſie nicht auf ihn
gelenkt würde. Man erzählte und es ſtand auch Schwarz auf
Weiß geſchrieben, daß er nichts ſo ſehr fürchte als mit der Polizei
in Conflict zu gerathen. Um ſich daher vor jeder möglichen
Obdachloſigkeit zu ſichern, habe er ſich einen nicht benutzten
aufgeſchlagen. 2. 5 Welches einigermaßen mit dem Straßengewirre vertraute
Berliner Kind kennte dieſen„Pietſch“ nicht! Wenn er ſich auf der Straße blicken läßt, iſt's, als habe ſich eine Nachteule ans Tages⸗
licht verirrt. Es entſteht ein Rufen, Necken, Schreien, wie wenn eine Eule von einem kreiſchenden Vogelſchwarme verfolgt wird. Anfangs geht der Geneckte ruhig ſeines Wegs, in der einen Hand
3 Da iſt kein Alter ſo ehrwürdig, kein Gebrechen ſo bemitleidenswerth, das nicht unter Umſtänden dieſer
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1 Nr. 30.
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