Nr. 29.]
ſei geſtorben, ſo klingt das ſonderbar. Fürſten ſind ſo hoch über uns geſtellt, daß es überflüſſig iſt, ſie betrauern zu wollen, es ſei denn, wir wären in irgend einer Eigen⸗ ſchaft an ihre Perſon gekettet geweſen.“
Als meine Couſine das letzte Wort geleſen, entſtand ein allgemeines Hüſteln und Räuspern im Zimmer; man ſah die Verlegenheit auf allen Geſichtern. Niemand wollte tadeln aus Höflichkeit gegen den fremden Gaſt, und doch konnte auch Keine ſich entſchließen, hier Billigung zu äußern. Ich ſaß wie auf Kohlen; in die Erde hätte ich ſinken mögen. Da rettete uns Elwire von Koſegarten von dieſem Embarras, indem ſie laut das Wort nahm, behaup⸗ tend, es habe ſie lange nichts ſo erquickt, als dieſer Aufſatz. Dieſe Selbſtſtändigkeit des Urtheils finde man nur bei den Engländern; dieſer Muth zu reformiren ſei nur dem Volke gegeben. Meine Couſine habe noch dazu den Sprachaus⸗ druck des berühmten Steel auf merkwürdige Weiſe wieder⸗ gegeben.
Steel!— Gottlob! Ich athmete hoch auf. Der be⸗ rühmte Steel hatte dieſen unpoetiſchen Aufſatz geſchrieben, nun durfte Keine von uns mehr verlegen ſein, ſich offen darüber auszuſprechen. Elwire von Koſegarten fuhr fort, ihn lebhaft zu vertheidigen und gegen alle Mode zu demon⸗ ſtriren. Jeder ſolle ſich nach ſeiner Phantaſie kleiden, den Spiegel und ſeinen Geſchmack zu Rathe ziehen und nicht das Pariſer Modejournal. Wir lachten herzlich. Welche bunte Welt würde das werden! So viele verſchiedene Trachten würden das Auge ermüden, und man könnte da⸗ hin kommen, ſich ſelbſt nicht wieder zu erkennen.
Uebrigens waren wir nie munterer geweſen, als an dieſem Abend, und als wir ſchieden, glühten unſere Wan⸗ gen, als ob wir Champagner getrunken.— Wie unzart habe ich mich da ausgedrückt!
(Wird fortgeſetzt.)
Dritte folge.
Hiſtorietten
von
E. Koſſak-*).
I. Der Damenkaffee.
Zur Erlegung des zarten Zobels und zur Schonung ſeiner koſtbaren Hülle ſind die gewöhnlichen Schußwaffen viel zu grob und plump; man bedient ſich, um ſeiner hab⸗ haft zu werden, leichter Bolzen und kleiner Bogen. Die Moral dieſer Bemerkung möchte ſein, daß die ordinäre Stahlfeder und Schreibart für die duftige Poeſie des „Damenkaffee's“ nicht anwendbar, ſondern der Beiſtand irgend eines Backfiſches von Muſe anzurufen iſt, um ele⸗ gantes Schreibmaterial und einen gefälligeren Stil zu er⸗ zielen. Vielleicht iſt eine männliche Hand überhaupt nicht geeignet, dieſen gefährlichen Stoff zu ſkizziren. So auf⸗ merkſam wir uns aber in der humoriſtiſchen Literatur um⸗ geſchaut, wir haben kein Erzeugniß des weiblichen Schreib⸗ tiſches entdeckt, das von dieſem wichtigen Gegenſtande handelte, und wir müſſen annehmen, das ſchöne Geſchlecht fürchte ſeine feierlichen Kaffeeverſammlungen durch die Feder zu profaniren. Wir fühlen uns daher zu verdoppelter Vorſicht veranlaßt, indem wir eine Skizze des Damen⸗ kaffee's zu ſchreiben wagen.
Die bedeutſame Feſtlichkeit pflegt meiſtens anberaumt zu werden, wenn der Gemahl des Hauſes zu einem Diner geladen, auf einer Geſchäftsreiſe befindlich, oder durch amtliche Geſchäfte bis ſpät in den Abend hinein gefeſſelt iſt. Wenn ein Damenkaffee ſtattfindet, ohne daß der Ge⸗ mahl in Wirklichkeit durch eine dieſer Urſachen von Hauſe entfernt wird, ſo kann man annehmen, daß er die Gelegen⸗ heit nicht unbenutzt vorübergehen laſſen, ſondern einen plauſibeln Vorwand erfinden und ſeine Zeit wohl auszu⸗
*) Wir verweiſen auf unſere literariſche Beſprechung dieſes Werkes am Schluſſe dieſer Nummer.
Ein Beweis gegen die Amdrehung der Erde.
Vir erwähnten kürzlich des Werkes„Uranos“ von Dr. C. Schöpffer, in dem der Verf. ſeine Angriffe gegen das copernicaniſche Syſtem fortſetzt und ſich bemüht zu beweiſen, daß die Erde in der That ſtille ſtehe und daß die Sonne, ihre Planeten und alle Sonnenſyſteme es ſeien, die um uns ſich drehen. Es wird unſern Leſern nicht unintereſſant ſein, einige dieſer Argumente kennen zu lernen. Folgender Weiſe polemiſirt Herr Schöpffer gegen den bekannten Foucault'ſchen Beweis für die Umdrehung der Erde.
„Die Axendrehung iſt aus phyſikaliſchen Gründen eine Un⸗ möglichkeit, weil man deren Folgen an dem Waſſer und an der Luft wahrnehmen müßte; der angenommene jährliche Umlauf der Erde um die Sonne ergibt ſich auch aus aſtronomiſchen Gründen als eine Unwahrheit. Das wiſſen auch die Sternkundigen recht wohl, allein ſie haben durch Jahrhunderte fortgeſetzte Beobach⸗ tungen das copernicaniſch⸗keppleriſch⸗newtonſche Syſtem ſo weit ausgebildet, daß ſie manche Erſcheinungen aus demſelben ziemlich erklaͤren können— denn eine vollkommen genügende Erklärung wird nach einem falſchen Syſteme nie möglich ſein. Sie haben Unmaſſen mathematiſcher Formeln behufs der einzelnen Berech⸗ nungen erfunden, manche Nacht geopfert, nicht zu zählende Tropfen ſauern Schweißes vergoſſen; ſie haben das Staunen der Nicht⸗-Aſtronomen erregt und den Nimbus des Wunderbaren um ſich geſammelt; ſie haben durch vereinte Anſtrengungen eine ſtolze Burg erbaut, deren Zugänge den Nicht⸗Geweihten durch Drachen mit langen Zahlenſchwänzen verwehrt werden;— ſollen ſie nun das Alles mit einem Male aufgeben? Sollen ſie, deren behre
Kenntniß von einer abergläubiſchen Welt angeſtaunt wird, be⸗
kennen, daß ſie Narren waren, daß ihr ganzes Wiſſen nur Lug und Trug ſei? Sollen ſie, die Götzendiener der Neuzeit, welche den Weihrauch der höchſten Lobpreiſungen auf den Altären der ſtolzen„Königin Aſtronomie“ verbrannten, ruhig anſehen, wie dieſe Altäre in ein Nichts zerfallen? Sollen ſie ſich etwa ſelbſt aus den äußerſten Höhen der Achtung in die dunkelſten Tiefen der Verachtung hinabſtürzen?
„Groß war daher die Freude, als ſie in einer in neueſter Zeit von Foucault beobachteten Abweichung der Pendel einen Beweis für die Rotation der Erde gefunden zu haben glaubten. Jeder rechnete und experimentirte, ſo daß es ein Rieſenwerk ſein würde, die zahlloſen, namentlich von deutſchen, franzöſiſchen und engliſchen Mathematikern gemachten Verſuche, die Theorie der Pendelbewegung mathematiſch zu begründen, mit einander zu vergleichen, und man nur bedauern kann, daß ſo viel Geiſt ver⸗ gebens verſchwendet iſt; Alle verſchloſſen abſichtlich die Augen, um die Widerſprüche des Experiments mit der Theorie nicht zu erblicken. Aber dieſe Widerſprüche waren oft ſo leuchtend, daß ſie auch durch die geſchloſſenen Augenlider den Sehnerv trafen. Und es wurde von Neuem gerechnet, es wurden alle Factoren in der Berechnung beachtet, um zu verſuchen, ob es nicht gelingen wollte, den Beweis zu begründen.
„Schon im ſiebzehnten Jahrhundert bemerkten die Mitglieder
der Academia del Cimento in Florenz, welche ſehr viele Verſuche mit Pendeln anſtellten, die Abweichung derſelben von ihrer an⸗ fänglichen Schwingungsebene; dann wurde 1750 von de Grante (Collect, acad. XI, 132) wieder dieſelbe Abweichung der Pendel bemerkt und die Meinung aufgeſtellt, daß das Pendel der Bewe⸗ gung der Sonne folge. Hundert Jahre nach de Grante(1851)
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