. Jahrg.
gen, hängen.
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nehmes Weſen. Es ſchmeichelt mir, wenn ich mit ihr über
Dritte
Novellen-Zeitung.
Ein Carneval in Dresden.
Aus dem Tagebuch einer 70jährigen Dame. Mitgetheilt von
Robert Waldmüller.
Meine Couſine iſt angekommen. Ich hatte ihr an⸗ geboten, ihr Abſteigequartier bei mir zu nehmen, bis ſie ſich eingerichtet; es ſcheint aber faſt, als ob ſie gar nicht die Abſicht habe, mich wieder zu verlaſſen. So ſehr ich auch die Rechte der Verwandtſchaft ehre und die Bande des Bluts hochhalte, ſo finde ich doch, daß ſie ein wenig zu weit geht, indem ſie ſich ſo sans fagons bei mir feſtſetzt. Sie hätte doch abwarten ſollen, bis ich ſie dazu aufforderte — freilich hätte ich ſie nicht aufgefordert—, oder ſich ſcheinbar um eine Wohnung bemühen ſollen, bis ich ſie davon abgehalten— freilich hätte ich ſie nicht abgehalten; aber indem ſie ſo von ſelbſt verſtanden bleibt, macht ſie es mir ganz unmöglich, ihr durch keine Einladung oder Auf⸗ forderung zu beweiſen, daß ich auf ihren längeren Aufent⸗ halt bei mir durchaus nicht rechne.
Meine Couſine hat ſich außerordentlich gut conſervirt, ſie ſieht aus wie die Schweſter ihrer eignen Tochter. Sie iſt eine ſtattliche impoſante Blondine und hat ein ſehr vor⸗
die Straße gehe und auf den Geſichtern meiner Bekannten leſe: wen hat unſere gute Fegeſack da bei ſich?— Wenn ich ſie vorſtelle, ſo macht es mir ein ordentliches Vergnü⸗ gen, den Eindruck zu ſehen, den die Nennung ihres Na⸗ mens auf die Leute hervorbringt: Frau Baronin Zur Lohe aus dem Buſch, geborene von Weidenbaum Fegeſack.— So ein ſchöner, alter Familienname iſt doch ein köſtliches Erbtheil. Mögen die Wogen des Lebens noch ſo ſehr rauſchen, ſo kann man damit nicht untergehen. Familien⸗ ſtipendien, Penſionen, hohe Protection und alle Arten von Almoſen ſtehen einem ſolchen Geſchlechte zu Gebote und ſichern ſeine Söhne und Töchter dagegen, einen gemeinen Erwerb treiben zu müſſen.„Blut iſt ein eigener Saft,“ heißt es im Fauſt, und ich fühle, wie dies alte Blut meine Adern ſchwellt und mir einen gewiſſen Schwung der Empfin⸗ dung verleiht, zu dem eine bürgerlicheSeele, davon bin ich überzeugt, es mit aller Gewalt nicht bringen kann.— Als Gott im Paradieſe zu Adam und Eva ſprach:„Ihr ſollt im Schweiße Eures Angeſichtes Euer Brod eſſen,“ ſo meinte er das natürlich nur für ihre bürgerliche Nach⸗ kommenſchaft, obgleich er es nicht ausdrücklich ſagte. Es iſt ja überhaupt nie die Rede vom Adel in der Bibel, auch
im neuen Teſtamente nicht, das hat mich manchmal ſchon recht traurig gemacht, wenn mir Zweifel kamen, wie ich mich zum Chriſtenthume zu verhalten habe.— Unter die Reichen möchte ich mich doch auch nicht rechnen; denn erſtens iſt der Adel nur reich an Geſinnung und zweitens iſt mir die Geſchichte mit dem Kameele und dem Nadel⸗ öͤhr dazu zu anſtößig.— Doch weg mit dieſen traurigen Grübeleien! Der liebe Gott wird ſchon wiſſen, wozu er uns geſchaffen hat.
Die Tochter meiner Couſine, Elfride zur Lohe aus dem Buſch, war mir noch ganz fremd. Sie iſt eben acht— zehn Jahre geworden und erſt aus der Penſion zu ihrer Mutter zurückgekehrt. Geſtern war ihr Geburtstag. Sie war erſt am Tage zuvor angekommen und ich wußte kein Wort davon, ſonſt hätte ich irgend eine freundliche Be⸗ grüßung am Morgen veranſtaltet. Ganz unbefangen kam ich aus meinem Zimmer, um in die Küche zu gehen und unſern Mittag anzuordnen; da finde ich Elfride in ihrem Morgenrocke, die Haare wild um ihren Kopf flatternd, die Augen roth geweint— einem Struvelpeter nicht unähn⸗ lich—, auf ihrem Koffer im Vorhauſe ſitzen. Sie ſah in dieſem Aufzuge ſo wenig einem Mitgliede unſerer Familie ähnlich, daß ich ſtehen blieb und mich zu überzeugen ſuchte, ob ſie es auch wirklich ſei.„Elfride, was fehlt Dir?“ redete ich ſie an. Sie ſchluchzte von Neuem.„Iſt Dir ein Unglück begegnet?“ fragte ich weiter und nahte mich ihr, um das Haupt der Betrübten an meine mitleidige Bruſt zu ziehen.
„Ich bin heute achtzehn Jahre alt geworden!“ ſtam⸗ melte ſie.
„Du liebes Kind! Meine herzlichen Glückwünſche!“ ſagte ich warm.
„Ach, ich bin zu unglücklich!“ brach ſie unter Thrä⸗ nen aus.
„Warum? Was iſt Dir?“ fragte ich verwundert.
„Ich mag keine alte Jungfer werden. Wenn meine Mutter mich nicht bald heirathen läßt, ſo nimmt mich Nie⸗ mand mehr.“
„Liebes Kind! Welche ſonderbare Idee iſt das! Ehen werden im Himmel geſchloſſen; der heilige Paulus ſagt: „Heirathen iſt gut, aber nicht heirathen iſt beſſer.““
„Es iſt mir ganz gleich, ob der heilige Paulus das ſagt oder nicht; ich weiß aber wohl, was ich thue. Eine alte Jungfer werde ich nicht. Ein Mann iſt immer noch beſſer als keiner.“
Ich fand dieſe Weiſe ſich auszudrücken ungeziemend, mir gegenüber, und zog mich mit einer kleinen Bemerkung der Art von ihr zurück, um meine Couſine aufzuſuchen,


