Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
447
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Jahrg.

Nr. 28.]

Dritte folge.

Literariſche Beſprechungen.

Novellen von Hermann Grimm. Berlin, Ver⸗ lag von Wilhelm Hertz(Beſſer'ſche Buchhandlung). 1856.

Die erſte dieſer Novellen iſt betitelt:Die Sängerin. In Memoirenform wird uns hier die unglückliche Liebe eines vornehmen jungen Mannes zu einer reizenden, aber unempfindſamen Künſtlerin geſchildert, die mit der Nei⸗ gung ihres Anbeters ſy lange ſpielt, bis er in Verzweif⸗ lung ſich das Leben nimmt, worauf ſie ſelbſt in eine Art von Wahnſinn verfällt und irgend einen romantiſchen, an

Somnambulismus und Herzbrechen erinnernden Tod ſtirbt.

ggte, länger ahrhundert Marſches ng.

den Thron Jahl Jatelall,

von Parmt , 6 J4bh);

fvon andgraf vo 29 Sälij r Fürſt von 45 Jahr);

In höcſfn.

Bei der Darſtellung ſolcher einfachen Fabel ſchon tritt uns die große Begabung dieſes Dichters entgegen. Wir finden in jeder Zeile einen, wenn nicht blendend geiſtreichen, ſo doch gerade deshalb in ſeiner plaſtiſchen Ruhe künſtleriſch vollendeten Stil, eine ſinnreiche Betrachtung des Lebens und vor allem jenen Takt in ſeiner Auffaſſung, jene an Goethe erinnernde äſthetiſche Convention, die Alles, was ſie im Leben ſieht, verklärt. Jede Convention läuft Ge⸗ fahr, in Einſeitigkeit und Beſchränktheit ſich zu verlieren, und das iſt in gewiſſem Grade der Fall bei der Weiſe, in der Hermann Grimm die Motive ſeiner Charaktere darlegt. Die äſthetiſche Convention wird bei ihm zu einem beſchöni⸗ genden Idealismus, ſo zu ſagen zur romantiſchen Phraſe, in der wir wenigſtens die innerſte Wahrheit des Lebens und mit ihr das Intereſſe vermiſſen, das wir nur da empfin⸗ den können, wo wir Menſchen aus einer Natürlichkeit und Folgerichtigkeit der Motive handeln ſehen, die mit den lo⸗ giſchen und pſychologiſchen Vorausſetzungen in uns ſelbſt eine Gemeinſamkeit haben. Das iſt aber weder bei dieſer Manon de Gauſſin noch bei dieſem Marquis de T. der Fall. Wie ſollen wir uns für dieſen Helden der Liebe intereſſiren, der nichts thun kann, als ſich und die Geliebte

zu ennuyiren, und der, nachdem ſie ihn aufs Möglichſte

maltraitirt und ihm endlich einen ſehr verſtändlichen Ab⸗ ſchied gegeben hat, von einem Ringe, den ſie ihm ſchenkte, ausrufen kann:Es iſt das einzige Gut, an dem mir noch etwas gelegen iſt! Wir wollen hier nicht gerade den Grundſatz feſthalten, ein tüchtiger Mann könne nur glück⸗

lich lieben; aber wenn uns in der Leidenſchaft ſelbſt eine ſolche Schwäche und Entwürdigung des Mannes verzeih⸗ lich erſcheinen könnte, ſo könnte ſie das jedenfalls nur

dann, wenn das Netz der Bezauberung, mit dem ſein Herz

umſtrickt iſt, verführeriſch genug iſt, um ſie bei ſonſtiger

unverletzter Verſtandes⸗ und Charakterbildung möglich zu finden. Davon iſt in dieſer Novelle ſehr wenig vor Augen gelegt; wir ſehen nicht, was den Marquis, der ſeinen ge⸗ ſchilderten Verhältniſſen nach große Anſprüche an das Le⸗ ben machen kann, bis zum Wahnſinn an die Sängerin feſſelt; wir ſehen nicht, was ſie veranlaßt, ihn nicht zu

erhören und doch den Unerhörten zum Wahnſinn zu brin⸗

gen; weder ein Conflict der Charaktere, noch der Verhält⸗ niſſe und Standesrückſichten kommt zum deutlichen Aus⸗ druck; vor allem aber, wenn Manon den blöden Schwär⸗ mer nicht liebte und ihrer nicht würdig fand, begreifen wir

nicht, weshalb ſie, die Kluge, um des Wahnſinns eines

bedauernswürdigen Thoren willen die Unklugheit begeht, auch noch wahnſinnig zu eofff fehlt, nach unſrer

Anſicht, dieſer Novelle ganz und gar die Klarheit und Verſtändigkeit der Begründung, die wir als die Grund⸗ bedingung realiſtiſcher Lebensdarſtellung anſehen; daß die Erzählung aber eine allerliebſte phantaſtiſche Skizze, eine duftig hingezeichnete romantiſche Caprice der Art iſt, in der Gutzkow ein ſo großes Geſchick beſitzt, das können wir mit Freuden anerkennen.

Offenbar gehört dieſeSängerin unter die Jugend⸗ verſuche des Dichters, und in der NovelleEin Aben⸗ teuer, in der wir auch eine Künſtlerin vom Theater und eine nicht ganz unähnliche Intrigue dargeſtellt finden, ſehen wir bereits einen großen Fortſchritt der Ausführung und ein zum Theil ſehr gelungenes Bemühen, die poetiſche Darſtellung auf Verhältniſſe und Beweggründe zu baſi⸗ ren, wie wir ſie in unſrer gewohnten Wirklichkeit zur Gel⸗ tung kommen ſehen. Nur will uns auch hier eine gewiſſe Sentimentalität, wir möchten ſagen Schwächlichkeit in der Auffaſſung der Charaktere nicht ganz behagen. Wie kommt z. B. der beneidenswerthe Georg, den Fräulein Julia durch ſolch ein liebenswürdig abenteuerliches Verhältniß beglückt hat, dazu, ihr Vorwürfe zu machen über die koſtbar taktvolle Art, in der ſie es löſte, er, der weder durch beſondere

innere oder äußere Vorzüge Anſpruch auf ſie machen kann,

der ihr nie wenigſtens hören wir nichts davon ſeine Hand angeboten hat, ja, der von ſich ſelbſt ſagt, eine eigentliche Leidenſchaft zu ihr habe er nie empfunden? Im Uebrigen aber finden wir gerade hier den ſchon gerühmten feinen Salonanſtand, mit dem der Dichter ein nicht wenig zweideutiges Verhältniß zu behandeln weiß und der an Grazie um ſo viel vor ähnlichen franzöſiſchen Darſtellungen voraus hat, als ihm an Keckheit vielleicht gebricht.

In einem ganz ähnlichen Verhältniſſe als dieſe beiden ſtehen die beiden NovellenCajetan undDer Land⸗ ſchaftsmaler zu einander. In jeder iſt ein Maler der Held der Erzählung; jeder dieſer beiden Helden verliebt ſich in eine vornehme Dame, und jede dieſer beiden vor⸗ nehmen Damen tritt zu dieſer Liebe in ein Verhältniß, das dann plötzlich auf eine hier mehr, dort weniger capriciöſe Weiſe abgebrochen wird. Die erſtere, mehr phantaſtiſch

gehaltene Erzählung ſpielt um das Jahr 1750 irgend wo im Kurfürſtenthum Sachſen auf einem adligen Sitze, und wenn wir, wofür ja geſchichtliche Analogien nicht fehlen, die Conflicte dieſer Leidenſchaften in jener Zeit für wahr halten dürfen, ſo haben wir hier ein recht auffallendes Beiſpiel für die große Veränderung in Sitten und Charak⸗ teren, die in dieſen hundert Jahren gerade in Sachſen vor ſich gegangen ſein muß, denn ſicher iſt die Vermuthung nicht zu kühn, daß es heutzutage im ganzen Königreiche kein Adelsfräulein gibt, das eine ſolche Liebe ſo anknüpfen oder auch ſo enden könnte. Dem gegenüber bildet die NovelleDer Landſchaftsmaler einen höchſt anmuthigen Contraſt und zeigt uns in einer idylliſchen, ſo recht lebens⸗ wahren Skizze den Ton, in dem dergleichen kleine Aben⸗ teuer im heutigen Leben wohl möglich ſind. Die beiden Maler in beiden Geſchichten ſind ganz prächtig, mit tief innerlichen Blicken in die Kunſt und in das Künſtlerleben geſchildert; wenn wir aber aus der Vergleichung dieſer beiden Darſtellungen auf das Talent des Autors einen Schluß ziehen dürfen, ſo möchten wir glauben, daß ſein

Griffel in der romantiſchen, frei phantaſtiſchen Compoſition