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Jahrg.
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Rr. 28.]
Novellen
Ein Carneval in Dresden.
Aus dem Tagebuch einer 70jährigen Dame. Mitgetheilt von
Robert Waldmüller.
Wieder einmal beging ich heute mein Wiegenfeſt und
wieder begann für mich der Kreislauf eines neuen Jahres! So geiſtig friſch ich mich fühle, ſo rege meine Theilnahme für alles Gute und Schöne; ſo wird es mir doch ſchwerer die Feder zu führen und die Eindrücke und Begebenheiten zu verzeichnen, wie ſonſt. Doch möchte ich dieſer lieben Gewohnheit nicht gern entſagen, und eben ſo wenig mich einer fremden Hand dabei bedienen; denn die verſchwiegenen Empfindungen unſerer Bruſt, das Heiligſte und Theuerſte was wir beſitzen, würden entweiht, wenn wir es vor pro⸗ fane Ohren bringen; aber, dem Papiere vertraut, iſt es ein Spiegel, in den wir nie vergeblich blicken.
Man glaubt, daß das Alter uns von der Welt abziehe und unſer Leben einförmiger mache, doch kann ich bei mir dieſe Erfahrung nicht machen. Mir däucht ſogar, daß ich jetzt weit mehr erlebe als ſonſt, als ob es immer bunter um mich werde. Aber ich muß abbrechen; denn ich höre ſchellen. Der Strom meiner lieben Freunde hat ſich noch nicht verlaufen, es werden neue Glückwünſche meiner warten. Die ſtille Nacht ſieht uns wieder vereint, mein liebes geduldiges Papier und mich.——
Wie ſchön und genußpreich iſt mir der Abend entſchwun⸗
den! Die liebe Frau von Sommerfeld hatte unſern engſten Kreis geladen, wir waren vielleicht zwanzig Damen um
den traulichen Theetiſch verſammelt, es wurden einige Ge⸗ dichte von Redwitz vorgeleſen, die mir unbeſchreiblichen Genuß gewährten, dann ſpielten einige junge Damen auf dem Clavier, dazwiſchen plauderte man, aß Torten und anderes Backwerk und kam nicht aus der ſchönſten Stimmung. Wie beſonders anziehend war es, als ſich die Unterhaltung darauf richtete, wie wohl Jede von uns ſich den Himmel dächte, wie ſo manches Herz da ſeine heimlichen Wünſche kund gab und ein ſo ſtilles einfaches Glück für ſich da begehrte, wo es vielleicht grade auf die höchſten Freuden Anſpruch mäͤchen konnte. Ich ſelbſt mußte bekennen, daß
ich dort den Umgang mit bevorzugten Dichterngeder andern
Freude vorangehen laſſe. Herodot, Dante, Homer und Plutarch, das wären meine Auserwählten. Die Sommer⸗ feld wandte mir ein, daß ich ja deren Sprache nicht rede. Dazu lächelte ich wirklich. Ich hatte mir die gute Frau nicht von ſo einfachen Begriffen vorgeſtellt, daß ſie im Himmel auch noch reden wollte.— Wir Alle ſehnen uns ja ſo unbeſchreiblich, endlich einmal zu einem Seelenaus⸗
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Dritte olge.
Zeitung.
tauſch, der die Worte überwunden hat, zum wahren ſeeliſchen Genuß zu kommen!— V Wahrhaft rührend war es mir auch, als das gute Fräulein aus dem Buſch, das ſich der Jugend widmet, im Himmel einen kleinen Kindergarten wünſchte, in welchem ſie nur Mädchen aufnehmen dürfte. Verdenken kann ich es ihr nicht; denn ein Knabe, wie lieblich er auch ſei, bleibt immer ein rohes Geſchöpf, dem etwas Thieriſches aus den Augen blickt, das ſich nicht wegerziehen läßt.— Könnte man da veredelnd wirken, ach! welche Wohlthat wäre das für die Welt!— Aber, Gott hat es ja ſo gewollt, ſonſt wäre es nicht, daß die zarte Frau ſich an dies fremdartige Weſen, Mann genannt, ketten müßte!— Es iſt ja auch nur die Prüfungszeit auf Erden, die dies heiſcht.—— Heute hatte die gute Gräfin Salli mich zu ihrem Näh⸗ kränzchen geladen, um den Damen etwas vorzuleſen, während ſie den Dürftigen Strümpfe ſtrickten und Nacht⸗ hauben nähten, um ihre ſorgenvollen Häupter zu bedecken.
ſpeiſen die Hungrigen und bekleiden die Nackenden. Aus unſerer Lectüre wurde freilich nicht viel. Erſtlich wurde ich damit unterbrochen, daß eine Dame eine ganz merkwür⸗ dige Liebesgeſchichte vortrug, die eine verheirathete Frau mit einem jungen Officier angeknüpft. Der Stoff war
Schooß ſanken während des ergreifenden Vortrags.—
Eben wollte ich mein Buch wieder zur Hand nehmen, da warf Gräfin Salli die Frage auf, wo ſie wohl einen recht koſtbaren Ofenſchirm von Potichomanie gearbeitet bekomme, und während Alle ſich beeiferten ihr Rath zu ertheilen, ſagte ein garſtiges Geſchöpf neben mir, das ich noch gar nicht beachtet hatte: ſie ſolle das Geld lieber den Armen geben, denen es weit mehr zu Gute komme, als die Nacht⸗ haube, die ſie ihr nähe. Ueberhaupt möchte ſie vorſchlagen, daß man dem Dürftigen lieber ein kleines Verdienſt zu⸗ wende und ihn arbeiten laſſe, ſtatt daß man hier nähe und ihm damit ſein Brod entziehe.—
Ein allgemeiner Schrei der Empörung folgte dieſer unchriſtlichen Rede. Die Perſon mußte die Bibel nie ordentlich geleſen haben, ſie konnte unmöglich wiſſen, wie ſchwer es für den Reichen iſt in den Himmel zu kommen, und daß ſogar ein Kameel leichter durch ein Nähnadelauge ſpaziexen werde, als daß er die Herrlichkeit Gottes ſchaue; ſonſt bätte ſie dieſen Damen unmöglich das kleine Verdienſt
mißgönnt, das ſie ſich durch ihrer Hände Arbeit um die
So kommt das Chriſtenthum endlich zur Geltung, wir
ſchrecklich ſchön und kein Wunder, daß alle Hände in den
—.„: Menſchheit erwerben wollten, um dafür an der Himmel⸗
pforte nicht ſo gar lange wartend zu ſtehen.— Sobald
nur eine Pauſe entſtand, nahm ich das Buch wieder zur
Hand, um weiter zu leſen und damit dieſe Mißſtimmung 4
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