Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
419
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So entſtehen gerüchte.

Eine Reminiscenz.

Mitgetheilr pon

Karl von Holtei.

. 1 Im Fbruar des Jahres Achtzehnhundertdreiundzwanzig

ging ich de Taſchengaſſe in meiner lieben Vaterſtadt Breslau entlang und bog eben um die Ecke nach Schall's Wohnung, dem ich neinen üblichen Morgenbeſuch abſtatten wollte, als van der Velde mir begegnete, der gerade bei Schall ge⸗ weſen war und den ich nun, plaudernd, wieder ein Stück⸗ chen zurück begleitete. Er ſagte mir im Gehen von einer Neuigkeit, die er oben in dergoldenen Axt(dieſes Wahrzeichen führt jenes Haus, welches in ſeinem zweiten Stockwerk unſeren dicken Schall damals beherbergte) vernommen und von welcher ſeine gutherzige, gerechte Natur völlig empört war:Manſo habe eine Frau dermaßen ge⸗ mmißhandelt, daß die Aermſte in Folge ſchwerer Verletzungen an Krücken einherſchleichen müſſe.

Nanſo! Kaspar Friedrich Manſo, der ſanfte Schul⸗ V

direcor des gelehrten Magdaleneums, der vortreffliche Phibloge, der zarte Hageſtolz, die Zierde zierlicher Thee⸗ geſellſchaften, der wohlwolldnde Lehrer, der ſich zu jeder harten Ermahnung, zu jeder ſtrafenden Bemerkung im Gymnaſium gewaltſam zwingen mußte!? Manſo mit der ggeepuderten Taubenflügel⸗Friſur und dem Seidenband⸗ umpundenen Zöpfchen; Manſo, der kurze, immer ſchnee⸗ blüthen⸗weiße Kaſimir⸗Unterkleider trug, auch im Winter die baumwollenen Strümpfe behielt und auf ſeinen Schuhen ſo leiſe einhertrat, daß er zu ſchweben ſchien? Manſo, den wir Schlingel von Schuljungen im Verdruß hatten, daß er unter dem Pantoffel der FrauRadecken ſtände, welche Frau Radecke die Gattin des Schuldieners und dabei des Rectors kleine, alte, dicke, herriſche Köchin und für uns ein gefürchteter Cerberus war? Manſo hatte eine Frau gemißhandelt, er, der es kaum über ſein Herz ge⸗ wann, dem widerſpänſtigſten Bengel in Quarta einen ſchwachen Tupfen mit zwei Fingern auf den dicken Schädel zu geben? ½

Ich machte einen Satz über den Rinnſtein, der ſich, am Ende der Ohlauer⸗ und Weiden⸗Gaſſe, nach welcher letz⸗ terer van der Velde ſich heimbegab, in die trübfluthende Ohle ergeußt, und rief dabei:Nicht möglich, Freund! Wer hat ſo Etwas aufgebracht?

Vor fünf Minuten hat es Steffens bei Schall erzählt; ſe redeten noch darüber, da ich ſie verließ. Gehen Sie

nauf und laſſen Sie ſich das Nähere mittheilen! A 3

Dritte Folge.

Ich brachte van der Velde bis an ſeine Hausthür und rannte ohne Säumen zu Schall. Der rief mir entgegen: Na, Sie kommen gerade zurecht(bis zur Brüder⸗ ſchaft hatten wir es anno 23 noch nicht gebracht) und zu Steffens gewendet, ſprach er:Der Holtei wird's auch nicht glauben.

Nein, rief ich,das kann ich auch nicht glauben; wenigſtens nicht, wie Velde es vortrug. Ausgenommen, der Herr Profeſſor hätte es mit eigenen Augen geſehen!

Geſehen hab' ich es natürlich nicht, hub Henrich Steffens mit der ihm eigenen Lebendigkeit an;doch gehört hab' ich es von einem Manne, der über jeden Verdacht leerer, unbegründeter Klatſcherei erhaben iſt. Vor einer Stunde⸗war Menzel bei mir, und aus ſeinem Munde ver⸗ nahm ich die empörende Geſchichte.

Nun, das wurde ja immer hübſcher. Karl Adolf Menzel, der ernſte, beſonnene, ſtreng prüfende Hiſtoriker, der aufrichtige Verehrer und Freund Manſo's, der hatte, mit ſichtbarem Widerſtreben, die Unthat dem eben ſo auf⸗ richtigen Verehrer Manſo's, dem edlen Steffens berichtet; ja, was noch mehr, er ſelbſt, Menzel, hatte das arme Weib aus den Fenſtern ſeiner Amtswohnung über den Eliſabeth⸗ Kirchhof hinken ſehen, und ſeine eigene Frau hatte ihm die Unglückliche gezeigt, hatte ihm denjenigen genannt, der ſie in dieſen elenden Zuſtand verſetzt. Wer Menzel's Frau perſönlich kannte, durfte keinen Zweifel mehr hegen, daß ſie die Wahrheit geſagt.

Ich zählte damals ſechsundzwanzig Jahre. In dieſem Lebensalter ſind die meiſten Menſchen noch ſehr empfänglich für Eindrücke von ſo trauriger Gattung, man iſt noch nicht abgehärtet und ſtumpf, wie man es leider nach und nach in einem Leben voll niederſchlagender Beobachtungen und Erfahrungen werden muß. Heute, wo es nur noch zwei Jahre und ſieben Monate braucht bis die damalige ſechs⸗ undzwanzig ihre Stellung verändert und ſich in eine zwei⸗ undſechzig verwandelt, heute würde ich höchſtens den Kopf ſchütteln und denken: wer hätte das vom Ueberſetzer der Kunſt zu lieben argwöhnen mögen? Damals ging es mir recht zu Herzen. Die kleinen Scharmützel, die ich als Gymnaſiaſt mit unſerm Rector gehabt, waren längſt ver⸗ geſſen. Ich hatte ihn hier und da in Geſellſchaft getroffen, mich ſeiner humanen und liebenswürdigen Güte gefreut und war ihm innig gut geworden. Deshalb betrübte mich der abſcheuliche Vorfall.

Steffens gebot für's erſte Schweigen:Dieſen Abe ſagte er(es war an einem Sonnabend), ben akademiſchen Klub. Menzel und deſſen den auch dort ſein undHanne(Steffens n

ſeinige vor Freunden und näheren Bekannten n