Jahrgang 
1865
Seite
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Beraubten aus liebreicher Hand die Botſchaft empfin⸗ gen, die ſonſt nur ei Sterbeſchein an den Bürgermeiſter ihres Hei⸗ matortes verkündigt hätte.

Meine beiden Amtsbrüder, Röhrig und Meynedin, die mich ſo freundlich in meine Thätigkeit eingeführt hatten, mit denen ich die be⸗ wegten Tage des Sturmes zugebracht, ſollten in dieſer Zeit nach Frankreich zurückkehren, und bald ward's mir gewiß, daß ich mich an⸗ ſchicken müſſe, mit ker Armee den Winter in der Krim zuzubringen, eine Ausſicht, die bei der Erinnerung an die Beſchreibung vom vori⸗ gen Jahre her das Herz wohl konnte erbeben machen.

Der Schmerz über den Verluſt meiner zwei lieben ältern Ge⸗ fährten wurde durch die Ankunft des neuen Collegen gemildert, der mir von Conſtantinopel aus zugeſandt wurde, und an dem ich einen eben ſo treuen Genoſſen fand, der die Laſt des ſchweren Amtes mit mir theilte wie ein Bruder.

Theurer Henry Babut! Heute noch kehren meine Gedanken mit unveränderter Liebe in das ärmliche Pfarrhäuschen zurück, das wir uns mit einander ſo wohnlich gemacht haben, im Angeſicht der Rui⸗ nen Sewaſtopols. Zu jeder Stunde ſehe ich vor mir deine leuch⸗ tenden Augen, deinen fröhlichen Mund, der ſtets bereit war, mit einem gemüthlichen Scherzwort die tauſenderlei Mühſalen des täg⸗ lichen Lebens niederzuſchlagen. Und wenn ich weiter denke, ſehe ich Dein treues Geſicht über mich gebeugt, und mit der zärtlichen Sorg⸗ falt einer Mutter heben mich deine ſtarken Arme, ſchwach und krank wie ich war, aufs Boot, dort auf den Wellen des ſchwarzen Meeres, mit einem troſtreichen au revoir! verſchwindet Deine Geſtalt vor meinen Augen: und wenn es wieder Oſtern wird, ſehe ich im Licht der Morgenſonne Dein Grab graben auf dem einſamen Friedhofe und ich gedenke daran, daß uns unſer Wiederſehn in die Ferne ge⸗ rückt ward, über jene Sterne, die ſo helle leuchtend Wache halten über Deiner fernen Ruheſtätte, mein Bruder!

Die drei Monate des ungewohnten Lagerlebens mit ihren viel⸗ fachen Anſtrengungen hatten meiner Geſundheit beträchtlichen Ein⸗ trag gethan, ſo daß ich, um mich völlig zu erholen, während drei Wochen meine Krankenbeſuche einſtellen mußte. Dagegen konnte ich dieſe Zeit dazu benutzen, um den Bau einer Winterwohnung zu be⸗ treiben, deren Nothwendigkeit die kalten Nächte dringend offenbarten.

Mehr denn einmal erwachte ich im Zelte auf einem vom Thau

durchnäßten Lager und fand alles um mich her mit großen Tropfen behangen. Den Tag hindurch war es ganz herrliches Wetter und ich habe in meinem Leben keinen ſo ſchönen Herbſt geſehen, als den, welchen ich in der Krim zubrachte. Auch war der Geſundheitszuſtand im Lager ſehr gut, ſo daß mein Amtsbruder für den Dienſt allein ausreichte und ich die Tage meiner Convalescenz der Fürſorge für den Winter widmen konnte. Mit zauberhafter Schnelligkeit erhoben ſich aus der Erde die Mauern unſers Winterhauſes; es bot ein Zimmer zur Wohnung für die Feldprediger, eine kleine Küche und einen Stall, in welchem unſere Bedienten bei den treuen Pferden ſchlafen ſollten. Ich war Architekt, und meine vier Ordonnanzen bauten tüchtig darauf los. In wenig Tagen war das Häuschen unter Dach, das heißt mit einigen Brettern und einem großen Zelt⸗ tuch nothdürftig gedeckt. Meine Leute wußten ſich irgendwie den nöthigen Kalk zu verſchaffen, und bald glänzten die weißen Mauern weit hinaus im herrlichen Octoberſonnenſchein; die Fenſterſcheiben blinkten, und wer vorüberging, bewunderte dasPresbytère prote- stant, als eine Zierde des Hauptquartiers, welche in höchſter Ord⸗ nung zu erhalten der Stolz unſerer Bedienten war. Um den Werth, den es für uns hatte, zu begreifen, muß man eine Zeit der Entbeh⸗ rung unterm Zelte zugebracht haben, wie wir in der Krim: ich habe ſeitdem oft an unſer ſelbſterbautes Pfarrhaus gedacht, wenn ich meine Schüler die Erklärung der vierten Bitte im Vaterunſer auf⸗ ſagen hörte. Ja wohl gehörenHaus und Hof billig zum täg⸗ lichen Brot!

wiſſen, daß die

Wie oft hat der Sturm des Nachts die Zeltdecke über unſerm Haupte weggenommen, ſo daß wir den Sternenhimmel als einzige Decke über uns erblickten, oder öfter noch die Regenwolken, die uns mit einer ganz unerwünſchten Waſſerkur bedienten; deſſen gar nicht zu gedenken, daß der friſche Seewind beinahe jeden Abend unſre ſchriftlichen Arbeiten ſtörte, indem er, unhöflich genug, unſer Licht ausblies, Hefte, Briefe und Papier durcheinander wehte, die Dinte umſchüttete und dergleichen Unfug mehr verübte, ſo daß ſchließ⸗ lich unſer Tiſch einer Mineralienſammlung glich, da wir jedes

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Strahl der Himmelslichter, und ſelbſt bei kalter Witterung war die Luft unter demſelben immer feucht und dumpfig. Dagegen glänz⸗ ten durch unſer Fenſter die erquickenden Strahlen der Sonne und des Mondes, und Abends, wenn die Kerze ihren traulichen Schein über unſern Arbeitstiſch warf, konnten wir uns ohne Mühe in irgend ein beſcheidenes Pfarrhaus des lieben Vaterlandes träumen. Beim Tageslicht betrachtet, erkannte man freilich, daß unge⸗ übte Hände hier gearbeitet hatten: der Rahmen des Fenſters war nur mit dem Meſſer geſchnitzt, und ſtatt des Hobels hatte mein Feder⸗ meſſer nachhelfen müſſen. Fenſter und Thüren waren nicht ſehr wetterfeſt, doch konnte man ſie ſchließen, was uns den größten Ge⸗ nuß verſchaffte, denn im Zelte hört man jeden Laut in der Nachbar ſchaft. Es kann keine Ratte vorüberlaufen, kein Pferd wiehern, kein Soldat ſeine rohen Flüche ausſtoßen, ohne daß man es ſtörend ver⸗ nimmt: und wie unangenehm iſt es erſt, wenn ein betrunkener Burſche ins Zelt hineinfällt, oder ein verirrter Cavalier zur Nacht zeit ſich in das Tuch verwickelt! Um dieſer häufigen Unterbrechungen willen hatten wir auch bis jetzt keinen geordneten Hausgottesdienſt einführen können; am Abende aber nach unſerm Einzug ins Häus⸗ chen verſammelten wir unſre vier Bedienten, und von da an wurde jeder Tag mit einer gemeinſamen Andacht eröffnet und beſchloſſen. Obgleich drei von den Burſchen katholiſch waren, verhielten ſie ſich dabei ſtets ſehr andächtig und gewiß iſt ihnen manches gute Wort davon im Gedächtniß geblieben. Jeder Soldat ſchätzte es als ein großes Glück, zur Bedienung eines Feldpredigers beordert und da durch von dem ſchweren Laufgrabendienſt befreit zu werden. Hatte der eine oder der andere etwas verſehen, ſo durften wir ihm nur mit dentranchées(Laufgräben) drohen, um augenblicklich die völligſte Unterwerfung hervorzubringen. Unter ihnen war ein Proteſtant uns beſonders mit großer Liebe zugethan, er war ein frommer fried liebender Menſch, der, durch die Conſcription gezwungen, Soldat geworden war, trotz ſeinem unüberwindlichen Entſetzen vor dem Gedanken, Menſchenblut vergießen zu müſſen. Er war aller⸗ dings nicht aus dem Zeug, aus dem man die Kriegshelden macht; ebendeshalb ergriff er auch den Dienſt bei den evan⸗ geliſchen aumôniers(Feldpredigern) mit der größten Dankbarkeit; dieſer wurde ihm, wunderbar genug, am ſelben Tage angetragen, wo ſeine Compagnie zum erſten Male in die Laufgräben ziehen ſollte. Seine drei Kameraden, echte Kinder Südfrankreichs hatten ſich von Ju⸗ gend auf wenig mit Gelehrſamkeit befaßt; ſchreiben und leſen konnte keiner, doch gaben ſie ſich die größte Mühe, uns zu befriedigen. Nur unſer Koch erlag bisweilen der Verſuchung, wenn er ſeine langen Tage ſo gar unbewacht zubrachte. Aber wenn er händerin⸗ gend um Verzeihung bat, umſeines armen Weibes willen und des Kleinen zu Haus, und in ſeinem Gascogner⸗Accent die heiligſten Gelöbniſſe ablegte, ſich niemals wieder am Eigenthum ſeiner Herren zu vergreifen, wer hätte ihn da in die grauſamen Laufgräben liefern mögen? Fluchen und Trinken waren völlig verboten, und darüber hatten wir auch nicht zu klagen, ſo daß wir die Burſchen ſämmtlich bis zum Schluſſe des Feldzugs behielten. Dieſe kleine Hausgemeinde war eben bei der Abendandacht ver ſammelt, als es zu regnen begann, nachdem mehrere Wochen lang, bis in die erſte Hälfte des November hinein, das ſchönſte Wetter angedauert hatte. Um ſo mehr wünſchten wir uns Glück zu dem Schutze unſers Daches, und unſer Gascogner, der Maurer, that beſonders groß mit ſeinem Werk; keiner von uns hatte die geringſte Ahnung, daß unſer Haus irgend etwas zu wünſchen übrig laſſen könne. Im Laufe des Abends fiel mir ein leiſes Geräuſch auf, wie ſanftes Klopfen; als es immer raſcher und deutlicher wurde, machte ich Babut darauf auf⸗ merkſam. Das iſt Waſſer! rief er aus, nachdem er einen dunkeln Fleck an der Decke erſpäht hatte, von der die großen Tropfen zu Boden fielen. Bald wurden wir mit Schrecken gewahr, daß unſer Bretter⸗ dach allenthalben Ströme durchließ, die Betten, Tiſche, Stühle und Fußboden übergoſſen. An den Wänden geſtaltete ſich das eindrin gende Waſſer zu Kanälen, die in verſchiedenen Zweigen auf all unſer unſer Beſitzthum rieſelten. Wir rückten unſere Betten von der naſſen Wand weg und ſchützten ſie ſo gut es anging mit unſern Mänteln; über unſern Schreibtiſch ſpannten wir einen großen Regenſchirm und arbeiteten darunter ruhig weiter; über unſer Kopfkiſſen mußten wir einen ähnlichen Schutz ausbreiten, um ungeſtört ſchlafen zu können.

Blättchen beſchweren mußten. Auch ſchien durch das Zelttuch kein

Der nächſte Morgen beleuchtete eine höchſt komiſche Scene: unſre Betten

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