Jahrgang 
1865
Seite
762
Einzelbild herunterladen

762

Diſtanz ab und legte an. Der Schuß widerhallte im Gebirge und die Gemſe rollte den blumigen Abhang herunter, es war eine unge⸗ wöhnliche Entfernung und lauter Beifall der erſtaunten Senner be⸗ lohnte den Meiſterſchuß. Die kleine Geſellſchaft lagerte ſich in gemüthlichem Geſpräch ans Feuer; es wurde gekocht, gebraten und geſchmauſt bis in die ſpäte Nacht hinein. Im Dämmerlicht des folgenden Tages waren alle wieder auf den Beinen, denn es war dem Vater darum zu thun, die geſtrige Beute in Sicherheit zu bringen; darum wurde früher als gewöhnlich gemolken und die Kühe auf die Weide getrieben.

Erſt jetzt erfuhr der Senn, welch ſchweres Tagwerk ſeiner wartete. Die ſieben hoch oben an ſteiler Felswand verwahrten Thiere gehörten ja auch zu des Vaters geſtriger Jagd; verſprochenermaßen mußten auch dieſe heimgeſchafft werden. Der Senn hielt ſein Verſprechen, jedoch erkundigte er ſich fortan ſtets nach der Zahl des erlegten Wildes, bevor er den Transport übernahm. In dieſer Auguſtwoche erlegte mein Vater 22 Gemſen; ein Erfolg, deſſen kein anderer Jäger ſich ruhmen kann. Ja, er war ein großer Jäger!

Auf ſeinen Jagdſtreifereien kam der Vater ſelig oft an die Bernina. Es war ihm nicht entgangen, welch günſtiger Ort hier zur Hegung des Gemsſtaudes ſei. Er wollte demſelben näher ſein und zog darum von Bevers weg nach Pontreſina, wo er und unſre Familie fortan gelebt hat. Dort verheirathete er ſich wieder(ſeine erſte Ehe war getrennt worden), richtete ſich häuslich ein, übte ſich während der langen Winter im Büchſenmachen und brachte an ſeinen Stutzen viele Verbeſſerungen an, namentlich im Zug der Läufe, ſo daß ſeine Büchſen alle andern der Umgegend an Güte weit über⸗ trafen. Auf äußern Schein und Zierlichkeit legte er keinen Werth, was aber Trefffähigkeit anbelangte, waren ihresgleichen nicht zu finden. Daher kam es auch, daß er ſeines Schuſſes ſtets ſicher war und manche Probe ſeiner Fertigkeit ablegen konnte, die die Zuſchauer in Erſtaunen verſetzte. Als Scheibenſchütze zählte er zu den beſten, jedoch fand er mitunter Ebenbürtige. Auf dem Schießſtande fehlte er nie und nie hat das Schützenweſen im Engadin ſo geblüht, wie zu ſeiner Zeit. Man erkannte ihn allgemein als vortrefflichen Schützen und wußte recht wohl ſeine Jagderfolge der geſchickten Handhabung ſeiner Waffe zuzuſchreiben; an abergläubiſche Gerüchte, wie ſie in den Büchern ſtehen, hat hier niemand geglaubt. Hieß es, aufgelegt auf einen kleinen Gegenſtand zu ſchießen, auf eine Ent⸗ fernung wie er gewöhnlich auf Gemſen ſchoß, ſo war er unübertreff⸗ lich. Bei ſolchen Wetten lief manch blanker Thaler in ſeine Taſche. Daneben ſtudirte er eifrig mediciniſche Bücher und machte ſich mit dem menſchlichen Organismus vertraut, ſo daß er manchem in Krank⸗ heiten und Nöthen helfen konnte. Noch gegenwärtig lebt im Engadin ein Mann, der dem Geſchick meines Vaters in chirurgiſcher Hilfe⸗ leiſtung das Leben verdankt.

Anfangs der 20ger Jahre wurden ihm die Berninahäuſer in Pacht angeboten. Der Antrag war für ihn lockend, denn wo hätte er einen günſtigeren Punkt für ſein Jagdgeſchäft auffinden können, als eben hier? Von den ſchönſten und beſten Gemsſtänden umgeben, in unmittelbarer Nähe des wildreichen, weitverzweigten Berninaſtocks, unfern ſeiner ihm von Kindesbeinen an in alle Einzelheiten bekann⸗ ten Camogeskerthäler, war dieſer Wohnſitz für ihn wie eigens ge⸗ ſchaffen. Er zog alſo mit uns dorthin, ward bald als Wirth ver⸗ traut und beliebt bei ſeinen Gäſten, den Bergamaskerhirten und den Weinſäumern, die vom Veltlin herüberkamen, und fand da ſein gutes Auskommen.

Hier legte er in größerem Maßſtabe als je Sulzen an, die er regelmäßig mit Salz verſorgte, und ging auch wohl zur Frühlings⸗ Zeit in die angrenzenden Veltlinergebirge, um die Gemſen in größerer Zahl herzujagen. Ich habe ihm oft dabei helfen müſſen, es waren zuweilen rauhe Gänge.

Die große Exgiebigkeit ſeiner Jagden nöthigte ihn, ſich Jagd⸗ knechte zu halten, ſollte er nicht, ungeachtet ſeiner Rieſennatur, den Strapazen und Mühen erliegen. Mit Scharfblick wußte er die ge⸗ eigneten Leute auszuwählen, immer waren es kernige, muthvolle, energiſche Männer. Drei derſelben leben noch jetzt und tragen, unge⸗ achtet ihres hohen Alters, den Stempel der Kraft und Zähigkeit. Der älteſte von ihnen ging vor zwei Jahren noch mit ungebeugtem Haupt und ſichern Schrittes ſeiner angebornen Jagdluſt nach. Jetzt freilich hat er als achtzigjähriger Mann von ſeinen Bergen Abſchied genommen; ſein Stutzen hängt mit Staub bedeckt an der Wand; er

mußte ſich dazu entſchließen, denn ſeine Augen verſagten ihm den Dienſt.

Mein Vater war übrigens in ſeinen Jagden nicht einſeitig, denn alles, was zur Hochjagd gehört, war ihm recht; im Winter, ſo lange er am Bernina lebte, holte er ſich dann und wann auch Alpenhaſen, Schneehühner oder Perniſen heim; die niedere Jagd war ihm ſonſt nur Zeitvertreib.

Die dichten, von dunkeln Schluchten durchſetzten Wälder des Unterengadins, die in damaliger Zeit noch überall das Gepräge des Urwaldes trugen, bargen in ihrem Schoße viele Bärenfamilien, die dann und wann Ausflüge in die benachbarten Thäler machten. Auch in den dichten Waldbeſtänden von Puſchlav, bevor große Wald brände dieſe gelichtet, waren die Bären heimiſch. Obwohl dey braune Bär ſich hauptſächlich von Pflanzenſtoffen ernährt, verſchmäht er mitunter eine Hammel⸗ oder Ziegenkeule nicht, greift in über müthiger Laune mitunter ſogar Rinder an und tödtet ſie, um ſich dann mit den leckerſten Biſſen zu begnügen. Im Oberengadin, wo dichte Wälder fehlen und die niedere Temperatur unſerm Mutz nicht behagt, vermag er ſich nicht zu halten; bei Ankunft und Abzug der Berga⸗ masker Schafherden dagegen ſtattet er uns dann und wann einen Beſuch ab, um bald wieder zu verſchwinden, indeſſen nicht ohne merk liche Spuren ſeiner Zerſtörungsſucht hinterlaſſen zu haben. So kam ein Vagabund dieſer Art im Jahr 1824 auch an die Bernina zu einer Zeit, wo Bergamaskerſchafe auf dem Heimwege das Engadin durchzogen. Der Sommer war auf der Neige, und der Herbſt kündete ſich durch einen leichten Schneefall an. Eben war der Vater ermattet von der Gemsjagd zurückgekehrt und reckte ſeine müden Glieder auf der Ofenbank, als zwei Bergamaskerhirten blaß und beſtürzt in die Stube traten. Ein Bär, nicht weit vom Wirthshauſe, hatte ſie erſchreckt. Durch unſer Zureden beruhigt, erzählten ſie Näheres über den unge⸗ betenen Gaſt und wußten auch genau die Richtung der Flucht anzu⸗ geben. Der folgende Tag wurde zur Bärenjagd beſtimmt. Beim Grauen des Morgens war der Vater bereit. Unſer Jagdkuecht war Abends vorher ausgeblieben, allein konnte der Vater nicht wohl gehen, es blieb ihm nichts anders übrig, als mich, ich war damals drei⸗ zehn Jahr alt mitzunehmen. Der kleine Melampus, unſer treuer Hund, mußte auch mitziehen. So gingen wir von Hauſe fort und fanden, im Schnee abgedrückt, die deutlichſten Spuren des Bummlers, der ſeinen Weg, den Berninabach durchwatend, am rechtſeitigen Ab⸗ hang des Mortiratſchthales nach den verödeten Halden von Munt⸗ pers eingeſchlagen hatte. Die friſche Schneeſchicht leiſtete zum Auf⸗ ſuchen unſeres ſchwarzen Geſellen gute Dienſte; ohne dieſe wäre jede Verfolgung unmöglich geweſen. Bald führten die Spuren durch ſpärlichen Wald, bald über Felſen und Klüfte hin, doch nirgends hatte der Bär ſich gelagert. Wir erreichten die Höhe von Chapütſchöl, und immer noch war kein Bär zu ſehen; er mußte ſein Nachtlager an entlegnerer Stelle aufgeſchlagen haben. Unterdeſſen hatte der Himmel ſich verfinſtert; düſtere Nebel hingen von den Bergen herunter und verkündeten neue Niederſchläge. Bevor dieſe eintrafen, mußte der Bär aufgefunden ſein, ſollten die Mühen des Tages nicht erfolg⸗ los bleiben. Die mächtigen Tatzenabdrücke führten uns an den Rand einer muldenarkigen Vertiefung; hier hatte der Bär ſich im Schnee herumgebalgt und nicht weit davon verloren ſich die Spuren hinter einer kleinen Felswand, die unſern plumpen Kameraden bergen mußte. Mein Vater legte ſich nun nieder, unterſuchte unſre Waffen, ob alles in guter Ordnung ſei und entwarf ſodann in größter Gemüthsruhe und Kaltblütigkeit ſeinen Angriffsplan.

Es galt die Felswand zu erklimmen, die den Bären barg; dies war die einzig günſtige Stelle, wo ihm beizukommen war. Langſam

und geräuſchlos, den Stutzen mit geſpanntem Hahn in der Hand,

ſchlichen wir, den treuen Melampus zur Seite, derſelben zu. Dort angekommen durchmuſterte der Vater, den Kopf behutſam vorſtreckend, die Tiefe und plötzlich gewahrte ſein Adlerauge das plumpe Unge⸗ heuer, das mit gehobenem Kopf in die Höhe ſchaute. Sofort ſchlug er ſeine Büchſe an, drückte los und ein heiſeres Gebrüll der wilden Beſtie widerhalte im Gebirge. Die Schneedecke röthete ſich mit Blut; die Kugel hatte getroffen und dem Bären die Kinnlade zerſchmettert. Auf des Vaters Geheiß ſchoß nun ich. Ich ſage Ihnen, Herr, es war der erſte Bär, den ich ſah, ich bebte vor Kälte, Näſſe und Aufregung, aber auch meine Kugel hatte getroffen und den Unterleib des Bären durchbohrt. Noch eine Weile tobte das verwundete Thier mit raſen⸗ dem Geheul herum, als wollte es alles um ſich her vernichten, dann

·