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Vom Grunde des Meerxes.
Wanderungen an der Küſte von Hermann Wagner.
Ob das Meer größere Zahlen lebendiger Weſen ernährt oder
das Land? ob in dem erſteren ein größerer Reichthum organiſcher Formen entfaltet iſt oder auf dem letzteren?— es ſind noch unge⸗ löſte Fragen. Sehr leicht zu beantworten erſcheinen ſie vielleicht dem Bewohner des Binnenlandes, dem der Ocean gleichbedeutend dünkt mit Waſſerwüſte, um ſo ſchwieriger zeigen ſie ſich dagegen dem Natur⸗ freund, der ſich die Erforſchung der Meeresgeſchöpfe ernſtlich als Ziel geſtellt hat.
Zum großen Theile entziehen ſich die organiſchen Weſen des Meeres dem Auge des Menſchen noch mehr als die Geſchöpfe der Nacht. Oft iſt es nur ein glückliches Ungefähr, welches den einen oder andern Bewohner der dunkeln Tiefe heraufbringt an das für ihn verderbliche roſige Licht und der Forſcher muß ſich gewöhnlich auf jene Geſchlechter beſchränken, die am Strande und in geringeren Tie⸗ fen ſich anſiedeln. Aber ſchon hier auf dem verhältnißmäßig ſchma⸗ len Streifen, welcher zwiſchen dem höchſten und tiefſten Stande des Meeresſpiegels liegt, der täglich
iſt Ebbezeit und in regelmäßigen Schwankungen weichen die Gewäſſer zurück. Sie laſſen einen breiten Streifen ringsum frei, der meiſt aus naſſem feinen Sand, an vertieften Stellen aus abgeſetztem Schlamm beſteht. Hier und da liegt einiges Steingeröll halb im Grunde vergraben. Wir umſchreiten eine vorſpringende Düne und überſehen von hier aus eine weite ſandige Bucht. Zu unſerm Er⸗ ſtaunen gewahren wir in einiger Entfernung von uns einen Mann bis an den Gürtel im Waſſer watend und ein Pferd vor ſich hertrei⸗ bend. Auf dem Rücken des Gaules ſitzt ſeelenvergnügt der kleine Bube des Mannes und treibt mit heller Stimme das Thier zum Vorwärtsgehen an. Jetzt wenden Mann und Roß um und kommen auf uns zu, juſt als pflüge das Geſpann hier im Meere. Neugierig gehen wir darauf zu, um zu erfahren, was für einen Zweck das ſon⸗ derbare Gebahren wohl habe. Der Fiſcher lenkt den Gaul nach dem Trocknen; ſo wie letzterer der Flut entſteigt, ſehen wir, daß er etwas hinter ſich herſchleppt. Jetzt treffen wir mit dem Meeres⸗
pflüger zuſam⸗
men und finden
zwei Mal von der ſalzigen Welle genetzt und zwei Mal vom Hauche des Windes ge⸗ trocknet wird, ſchon hier entfal⸗ tet ſich ein über⸗ raſchender Reich⸗ thum von Geſtal⸗ ten aus dem Thier⸗undPflan⸗ zenreich. Ganze Reihen von For⸗ men treten hier auf mit eigen⸗ thümlichen Kräf⸗ ten, Fähigkeiten, Organen, Ent⸗ wickelungsweifen und Lebensge⸗ wohnheiten aus⸗ geſtattet, von denen uns das organiſche Leben des Feſtlandes keine oder nur ſchwache Vergleichungs⸗ punkte gewährt.
Wir wollen in Nachſtehendem nicht das großartige Thierleben des offenen Weltmeeres ſchildern, nicht jene ſchwimmenden Tangflu—
Sandlanze.
in ihm einen zu⸗ gänglichen, freundlichen Mann, der uns gern Auskunft über ſein Treiben gibt. Der Pflug, mit welchem das Roß den Meeres⸗ grund furchte, iſt ein Schleppnetz. Das Netz ſelbſt iſt engmaſchig und ſackförmig, an ſeiner Mün⸗ dung durch einen ſchweren, eiſer⸗ nen, langrunden Rahmen offen gehalten. Der Rahmen ſchürft den naſſen lockern Sand auf und ſcheucht das Ge⸗
Glattbutt.
thier, welches in letzterm verſteckt lag, heraus in das Netz. Der
ren, die den Spiegel des atlantiſchen Oceans in einer Ausdehnung
bedecken ſechs bis ſieben Mal größer als Europa, nicht jene Gewächſe, die am Meeresboden haftend, ſich als Rieſentange bis zum Spiegel hinaufſtrecken und deren Stengel deshalb eine Länge von 500 bis
1000 Fuß beſitzt und die größten Mammuthsbäume Kaliforniens um
das Doppelte und Dreifache übertrifft. Ebenſowenig wollen wir die Rieſen des Thierreichs näher berückſichtigen: die Wale und deren verwandte Geſchlechter, oder die zahlloſen Schwärme der ſtummen Fiſche, die den Zugvögeln ähnlich jährlich ihre regelmäßigen Wanderungen ausführen, auch nicht die Myriaden mikroskopiſcher Thierchen, durch welche das Meer meilenweit gelb, grün oder roth gefärbt, ein andermal phosphoriſch erleuchtet wird. Wir fordern den freundlichen Leſer nur auf, uns zu begleiten auf einigen kurzen Ausflügen an der Küſte der Nordſee und zunächſt einige wenige jener Formen mit uns ins Auge zu faſſen, von den zahlreichen, welche bei einem ſolchen Spaziergange ſich uns zeigen.
I. Am Sandſtrande. Wir wählen zunächſt einen ſandigen Strand, wie ihn die Nord⸗ küſte unſeres Vaterlandes vorherrſchend beſitzt.„So unfruchtbar wie der Sand am Meere!“ iſt zwar zum Sprichwort geworden, allein
eine nähere Prüfung ſtraft es Lügen. Luft und See ſind ruhig. Es vor unſern Augen zuſehends in die Tiefe. Nur wenig Sekunden ſind
Fiſcher faßt dieſes jetzt und ſchüttelt den zappelnden, krabbeln⸗ den Inhalt deſſelben auf ein Tuch, das er ausgebreitet hat. Die Hauptmaſſe des lebendigen Haufens ſind Sandgarneelen, kleine ſchlanke Krebſe von etwa zwei Zoll Länge, ſchmal gebaut mit ſchwachen Scheeren, von denen wir keine Wunde zu befürchten haben, aber durchaus gepanzert gleich ihren ſtärkern allbekannten Vettern in Fluß und Bach. Die Grundfarbe ihres polirten Harniſchs iſt ein eigen⸗ thümliches Gelbgrau, nach dem Rücken zu in dunkles Olivenbraun übergehend. Unter dem Vergrößerungsglas löſt ſich der gleichmäßige Farbenton auf in zahlloſe, zum Theil ſternförmige Punkte aus Schwarz, Grau, Braun und Orange. Wir ſetzen eine dieſer Gar⸗ neelen in den kleinen Waſſertümpel nebenan, um zu ſehen, wie ſie ſich benehmen wird. Mit einigen raſchen Schwanzſchlägen flieht ſie rückwärts, bis nach dem entfernteſten Winkel, gleich einem tapfern Krieger, der nur nothgedrungen zeitweilig den Rückzug antritt, dem Feinde fortwährend die Stirn bietend. Der Schwanz, aus fünf Blättern beſtehend, iſt ihr hauptſächlichſtes Bewegungswerkzeug. Jene Blätter ſind am Rande gewimpert, werden beim Ausſtrecken zu einem ſchmalen Bündel zuſammengeſchoben, dann fächerförmig weit ausgebreitet und mit kräftigem Ruck unter den Leib geſchlagen.
Die Garneele läßt ſich jetzt auf dem ſandigen Boden des kleinen Waſſerbeckens ſinken und ſofort bemerken wir an beiden Seiten ihres Körpers gleich Dampfwölkchen feinen Sand aufwirbeln. Das Thier ſtrudelt denſelben mit den zahlreichen Bauchfüßen empor und verſinkt
—;
Etwieigkit ime darnerlen freiw Thierhen, die tuen von den Rlln zgeführt nerden; kleine Pürmer, junge gechthiere,Laich enFiſchen, Nu⸗ ſceln, Schnecken und dergleichen. der Eſenrah⸗ nen des Netzes reßt den naſſen Beden zolttief auf,— für das gferd eben auch kiine behagliche Arbeit. Die Gar⸗ neelen fliehen, aufgeſcheucht aus ihren Verſtecken, erſchrect nach oben, gerathen dadurch ins Netz und drängen ſich im hintern Ende deſſelben zueinem wimmelnden Ha
Der Fiſche gefangen und iſe er ſeine Beute in gern damit ein verſtanden, gege ein kleines Ge ſchenk uns zu ge ſtatten, daß wi den Ausſchuß au⸗ ſeiner Beute fü uns herausleſen Lusſchußiſt eber für ihn jetzt alles was nicht Gar
nelle heißt un
ſein Netz hat noch mancherlei ander Gäſcäpfe de Sandes mit an ſdit des Ta
eüüdert die 3 ſcher ohne Nu


