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ſelben zu ſenden.
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Der Ilüchtling.
Eine Erzählung von Gottfried Flammberg.
(Fortſetzung.)
Während Karl die andern„Käfige“ beſuchte und von deren Be⸗ wohnern mehr Troſt empfing, als er ihnen geben konnte, las Carriere ſeinen Kerkergenoſſen den Brief vor und benützte ſogleich auch die Zeit, auf das Papier, worin das Geld gewickelt war, einen Dank⸗ ſagungsbrief nach Schwabach zu ſchreiben. Da die Zeit kurz zuge⸗ meſſen war, ſo theilten ſich ihrer zwei in dieſe Arbeit. Carriere gab eine gedrängte Beſchreibung ihres Zuſtandes und ihres Kerkers; ſein Gefährte Beſſon ſchrieb nach einigen Eingangsworten folgende Zeilen:
„Gott laſſe uns den Tag ſchauen, der unſre Hirten und Predi⸗ ger unſern Gemeinden zurückführt und wo wir mit dem Pſalmiſten ſprechen können: Der Tag des Heils iſt gekommen; laſſet uns freuen und fröhlich ſein! Dies große Glück erſehnen wir mit aller Glut unſrer Seelen; denn was unſere perſönliche Freiheit betrifft, ſo ſind wir darüber ganz ruhig; ob Gott uns in Freiheit ſetzen, oder ob er von uns in Ketten geprieſen ſein will, was kümmert uns das? denn Chriſtus iſt ja unſer Gewinn in jeder Lage, in der wir uns befinden. Ja, hochverehrter Herr Pfarrer, da Chriſtus unſer großer Lohn iſt, ſo macht uns die Knechtſchaft keinen Kummer. Hat doch Jakob vier⸗ zehn Jahre um Rahel gedient und es däuchten ihm dieſelben wie wenige Tage; ſo lieb hatte er ſie. Wie vielmehr Urſache haben wir, die Knechtſchaft ſüß zu finden; denn was hatte der Lohn Jakobs, das dem unſern nahe käme und was hatte Rahel für eine Liebens⸗ würdigkeit, die in Vergleich kommen könnte mit dem himmliſchen Gegenſtande, der unſre Herzen entzündet? Sie hatte nichts gethan für Jakob; aber Jeſus hat ſoviel gethan für uns; er hat ſein koſt⸗ bares Blut vergoſſen, uns freizukaufen, den Tod erduldet, und zwar den Tod am Kreuze, uns zu erlöſen vom ewigen Tode.“
Als Karl in die erſte Zelle zurückkam, gab Carriere ihm den Brief des Schwabacher Pfarrers zurück und bat ihn, die Antwort dem⸗ Karl verſprach es und mit Segenswünſchen über⸗ ſchüttet, kehrte er den ſchauerlichen Weg ans Tageslicht zurück.
Am Nachmittag gab er de la Foſſe den Brief und das Drittheil
des Geldes zurück und kündete dem Negerſklaven an, daß er frei ſei.
„Aber was ſoll armer Tom machen?“ fragte dieſer.„Armer Tom nicht wiſſen, wohin?“
„Du wirſt mit mir kommen und morgen mit mir in ein Land reiſen, wo lauter Hugenotten ſind.“
„Herr ſein ein Engel und will führen armen Tom in den
Himmel.“
Nachdem Karl auch dieſen letzten Abend noch bei ſeinem Freunde Marcel zugebracht, reiſte er am folgenden Morgen mit den beiden Bernern und dem Neger ab.
8. Die Strohhütte.
Es war ein ſonniger Junimorgen, als ein noch ziemlich jun⸗ ger kräftiger Mann zwiſchen den wogenden Saaten dahinſchritt und den Bergen ſich näherte. Sein Gemüth war aufs tiefſte bewegt. Er grüßte die Landleute, die ihm begegneten, ſo freundlich ſtrah⸗ lenden Blicks, wie einer, dem ein großes Glück widerfahren iſt und ſchaute, als er in die Thalbucht eintrat, zu dem grünbewaldeten Berg zur Linken wie zu einem alten lieben Freunde— zu den düſter⸗ ſchwarzen Felſen des Teufelstiſches zur Rechten aber mit einem Seufzer empor.„Noch eine Viertelſtunde und ich werde in den Armen meines Vaters liegen! Dort ſchimmert ſchon die Kirchthurmſpitze, dort die weiße Wand des Herrenhauſes hinter den Pflaumenbäumen hervor. „O, Du großer, gnädiger Gott, wie ſoll ich Dir danken, daß Du ſo treu, ſo erbarmend mich geleitet haſt!—— Ich werde als einen Fremden mich anmelden laſſen, ich werde ihm ſagen, ich käme, ihm Nachrichten von ſeinem Sohne Karl zu bringen. Dieſe Vorſicht iſt nöthig, damit der Schrecken der Freude ihn nicht tödte.“ 1 6
Armer Karl! Die Freude kann Deinen Vater nicht mehr tödten. Die lange zähe Arbeit des Grames hat ihr Werk ſchon vollbracht.
Im Dorfe begegnete Karl kein bekanntes Geſicht. Das war nach
le,; ifli i Edel⸗ faſt neunzehnjähriger Abweſenheit begreiflich. Er trat in den Edel⸗ hof. Der Stallknecht ſtriegelte einen Schimmel. Es war nicht Peter; es war ein unbekannter Menſch.
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„Iſt Herr von Eſchenthal zu ſprechen?“ fragte Karl. Der Stallknecht ſah ihn mit offnem Munde und großen Augen an.
„Wohnt Herr von Eſchenthal nicht mehr hier? Iſt er in die Stadt gezogen? Aber die Fenſterläden ſind ja doch offen.“
„Der Herr Baron ſind vor acht Tagen begraben worden,“ ſagte der Stallknecht.„Sind Sie denn fremd, daß Sie nicht einmal wiſſen, daß er todt iſt?“
Karl fuhr mit der Hand nach dem Herzen, es wollte ihm zer⸗ ſpringen. Er hielt ſich am Brunnenſtock; er war keines Wortes, er war keiner Thräne fähig.
Der Stallknecht aber, ſeinen Zuſtand weder begreifend noch be⸗ achtend, fuhr zu reden fort, indem er nach Art ungebildeter und roher Leute dasjenige auskramte, was gerade ihn bei der Sache intereſſirt hatte.„Es war ein großer, mächtiger Leichenzug; ſechs Pferde, ganz in ſchwarze Tücher eingenäht, haben den Wagen gezogen, und an die zwanzig herrſchaftliche Wagen ſind mitgefahren; der Herr Markgraf haben auch einen Wagen geſchickt, wo aber niemand daringeſeſſen iſt. Nur der Herr von Hundſtein iſt nicht mitgefahren, ſonſt waren die Herren Barone vom ganzen Fürſtenthum dabei. Drei Stunden haben ſie ge⸗ braucht bis nach Rittersreuth hinüber; über den Berg war's zu ſteil, da ſind ſie hinaus und außen herumgefahren.“
„Wie iſt das?“ fragte Karl, aus ſeinem Sinnen erwachend.„Iſt denn mein— iſt der Herr Baron in Rittersreuth begraben worden?“
„Freilich,“ ſagte der Stallknecht,„er war ja der letzte vom Geſchlecht und mit ihm iſt der Name ausgeſtorben.“
„Wie?“ fragte Karl.
„Mit ſeinem Sohn hat das Unglück angefangen. Der iſt, wo ich noch ein Bube von zehn Jahren war, auf und davongegangen, weil er dem Hundſtein ſeinen Jungen erſchlagen hat, droben im Walchenbrunner Wald. Und dann iſt der Herr Konrad geſtorben und der Herr Moriz; und der Baron Albrecht iſt bleſſirt aus dem Feld heimgekommen und auch geſtorben, und den letzten Winter auch der Baron Guſtav, und ſeine Wittwe hat vor drei Wochen ein todtes Kind gehabt, und zuletzt iſt unſer Herr geſtorben. Jetzt iſt der Herr von Leutersheim als Vogt droben, und der Herr von Gibelſtadt ſitzt in Rittersreuth als Obervogt vom Herrn Markgrafen, bis die Sache entſchieden iſt, wer Herr iſt; denn die Bamberger machen Anſpruch, die Herrſchaft wäre jetzt ihnen, aber der Herr Markgraf hat die Güter gleich bevogten laſſen, und da ſitzt jetzt der Herr von Leutersheim im Haus, der gute Freund vom Herrn von Hundſtein.“
„Und ſeine Tochter?“ fragte Karl zerſtreut.
„Die könnte ja die Herrſchaft nicht erben, wenn ſie auch noch lebte,“ ſagte der Knecht.
„Auch ſie iſt todt? Adeline todt?“ rief Karl, ſchmerzlich bewegt.
„O, die iſt ſchon lange, lange todt. Zwei Jahre, nachdem der junge Herr flüchtig geworden, iſt ſie im Kindbett geſtorben, gerade an dem Tage, wo ſie das Gerippe im Walde gefunden haben.“
Gewaltſam kämpfte Karl ſeinen Schmerz nieder, um ihn draußen im Freien auszuweinen. Er fragte nur noch:„Lebt Gottfried noch?“
„Der iſt in Rittersreuth beim Herrn von Gibelſtadt.“
„Mit wem redeſt Du da?“ rief eine Stimme aus dem Fenſter des Hauſes herab.„Wer iſt der fremde Mann?— Was wollt Ihr? Was ſucht Ihr hier?“
„Ein Bekannter des ſeligen Herrn Barons aus alten Zeiten wollte ſich nur erkundigen,“ ſagte Karl.
„Das könnt Ihr bei mir thun, nicht bei den Domeſtiken,“ rief Leutersheim.„Kommt herauf!“
Anſtatt aber dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, verließ Karl raſchen Schrittes den Edelhof und eilte zwiſchen hohen Haſelhecken nordwärts dem nächſten Tannenwalde zu. Der Arme konnte nicht länger mehr den Ausbruch ſeiner Gefühle zurückdrängen. Er ſank auf ein Felsſtück nieder und brach in heftiges Schluchzen aus.
Herrn von Leutersheim kam es höchſt verdächtig vor, daß der Unbekannte, anſtatt ſich ihm zu ſtellen, ſich aus dem Staube machte. Er hatte auch in der That allen Grund zum Argwohn und zur Vor⸗ ſicht. Denn von dem kaum eine Stunde entfernten Bambergiſchen
Schloſſe Regensberg, das am Nordrande des Berges lag und gerade


