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Zwar war für dieſe buntbefiederten Sturmvögel die geſammte anmuthige Damenwelt der vorzüglichſte Anziehungspunkt, und ihre Huldigungen, hinter denen die unſerer ſchwarzen Civilkleidung nicht zurückzubleiben ſich bemühten, galten wirklich allen edlen Frauen und Jungfrauen, aber doch konnte ein nur einigermaßen aufmerkſamer Beobachter ſich nicht verhehlen, daß die junge Männerwelt in Uni⸗ form,— und die im Frack auch— ſich ganz beſonders um zwei junge Mädchen herumſcharte, denen man den Namen der„beiden Schweſtern vom Schloß Gefährlich“ gegeben hatte.
Ganz am Ende der Bucht von Botafogo befand ſich ein von grünendem Gebüſch überwucherter Granithügel, deſſen einer dem Waſſer zugewandter Abhang einen kleinen dunkle Schatten werfenden Hain bildete und liebliche Kühlung gewährte. Mitten in dieſem Bosquet lag ein beſcheidenes, einfaches Gartenhäuschen, kaum ſicht⸗ bar aus der Ferne und doch für alle, die es kannten, von wunder⸗ barer Anziehungskraft und feſſelnder Gewalt. Wer es einmal be⸗ trat, verließ es wohl nur ungern, wer öfter hinkam, konnte ſich nur mit ſchwerem Herzen davon trennen; es lag ein eigener Zauber auf dem Bosquet und dem Gartenhäuschen, und wer dieſen Zauber einmal empfunden hatte, fand den Namen des Ortes„Schloß Gefähr⸗ lich“ vollkommen gerechtfertigt.
Eine Zeit lang glaubte ich, der Name des Ortes ſtammte von der wundervollen Ausſicht her, die man von dort hatte. Rechts und links in weitem Bogen die großartigſten Granitfelspartien, die lieblichſten Gärten. Grade unten die prächtige Botafogobucht, an deren Mündung in die große Bucht von Rio die Schiffe wie im friedlichſten Spiel hin und her ziehen,— dazu das neckiſche Plät⸗ ſchern der Wellen unten am Strand gleich dem Meeresliede der Scylla in der Straße von Meſſina,— und oben drüber der tief blaue Tro⸗ penhimmel: das alles machte jene Stelle wirklich unwiderſtehlich, wirklich gefährlich wie die Scylla und Charybdis zur Zeit des Odyſ⸗ ſeus. Und dennoch war der Grund zum ſeltſamen Namen von „Schloß Gefährlich“ ganz wo anders zu ſuchen, ich vergeſſe den Abend nie, an welchem ich den wahren Grund kennen lernte.
Es war eine prachtvolle Mondnacht. Eine Balleinladung hatte mich in das freundliche Haus des alten däniſchen Commandeurs ge⸗ führt und mir, da ich etwas früh gekommen war, ein belebtes Ge⸗ ſpräch mit der Dame des Hauſes zu Wege gebracht, in welchem ich grade mit großer Begeiſterung von der Bildergallerie in Louvre geredet hatte, als die liebenswürdige Frau munter und mit Nachdruck unſer Geſpräch mit den Worten endete:„Und ich ſage Ihnen, Sie werden gleich zwei junge Mädchen in die Thür treten ſehen, von denen Ihre Pariſer Bilder etwas ſtark verdunkelt werden mögen. Ich will ſie Ihnen nicht zeigen, ſondern Sie ſollen ſie ſelbſt erken— nen; doch müſſen Sie mir nachher auch ganz offen bekennen, ob ich Recht hatte oder nicht!“— Und damit ließ ſie mich in geſpannter Erwartung allein.
Sehr bald jedoch dachte ich nicht mehr an die mir angekündigten Mädchen von Schloß Gefährlich; die allmählich ſich einfindende Geſell⸗ ſchaft intereſſirte mich zu lebhaft. Wenn ſie auch nicht übermäßig zahlreich war, ſo bildete ſie dennoch einen vollſtändigen Volkscongreß, in welchem ich grade dreizehn verſchiedene Nationalitäten unterſchied. Damals war mir das ungemein auffallend; im ſpäteren Geſellſchafts⸗ leben zu Rio habe ich mich daran gewöhnt, obgleich mich das bunt⸗ farbige Treiben immer anzog. Wer ſich dort nur einigermaßen frei und unbehindert bewegen will, muß vier Sprachen ſprechen, und wenn er noch jung iſt, ein guter Tänzer ſein, denn der Tanz iſt die Loſung einer braſilianiſchen Geſellſchaftsnacht trotz der Paradoxie, die ſich zwiſchen der Tanzbewegung und der heißen Nacht findet. Durch die offenen Fenſter und Thüren, die zur Veranda, zum Garten füh⸗ ren, haucht die Mondſcheinnacht ihre laue Luft und wundervolle Blüthendüfte in die erleuchteten Gemächer hinein, in denen liebliche Mädchen anmuthig hin und her, auf und ab ſchweben.
Das ſummende Geſpräch, welches bald im Saal herrſchte und die ebenſo belebte wie heitere Stimmung der Anweſenden verrieth, verſtummte plötzlich, und ein junger, grade neben mir ſtehender fran⸗ zöſiſcher Seeofficier, der offenbar auf etwas gewartet hatte, rief haſtig: Les voila! Ja, wirklich les voilà! Die beiden Mädchen von Schloß Gefährlich traten ein; denn daß ſie das ſein mußten, die da hereintraten, das litt nicht den mindeſten Zweifel. Nach eini⸗ gen. Minuten Anſchauens ward auch ich ihnen vorgeſtellt als ein neu⸗ angekommener Europäer; wir wechſelten kaum einige Worte, ſie
gingen vorüber.„Schloß Gefährlich!“ Ja, das einſam gelegene Häuschen da drüben am Hügel mußte ſehr gefährlich ſein; das geſtand ich unſerer gütigen Wirthin zu und ſie freute ſich, daß ich ihr in die⸗ ſem Falle ohne die allergeringſte Einſchränkung Recht gab in ihrer oben bemerkten Behauptung.
Die reizendſte Poeſie iſt gewiß das Märchen, im Märchen gewiß die reizendſte Pointe:„Da verwandelte ſie ſich in eine wunderſchöne Prinzeſſin!“— Wollte ich die Bucht von Botafogo als ein liebliches Tropenmärchen von Land und Meer bezeichnen, ſo könnte ich die bei⸗ den Schweſtern von Schloß Gefährlich recht wohl die Prinzeſſinnen meines Märchens nennen.— Aber ich will die reizenden Prinzeſſin⸗ nen aus meinem Botafogomärchen ganz unbefangen, damit auch darin meine Geſchichte das, was ſie wirklich iſt, eine ganz wahre Geſchichte bleibe, mit ihren wirklichen Taufnamen bezeichnen. Ungewöhnlich mag es erſcheinen, daß ich zwei Mädchen mit Namen nenne, weil ſie reizend waren; denn bis jetzt hat der Frauenreiz, die Frauenſchön⸗ heit noch keine beſondere Geſchichte; höchſtens iſt in der Geſchichte wohl hier und dort von einzelnen Frauen geſagt, daß ſie ſchön waren. Aber doch ſpielt die Frauenſchönheit eine unermeßliche Rolle,— eine Großmacht, wie ich keine ihr nahekommende kenne, für ihre Inhabe⸗ rin aber auch eine furchtbare Waffe, wenn ihre Furchtbarkeit zu ihrem vollen Bewußtſein gelangt iſt und von ihr mit Berechnung gemacht wird. Aber grade das letztere war bei den beiden Mädchen, von welchen wir reden, nicht im mindeſten der Fall. Gewiß kann⸗ ten beide den wunderbaren Jugendreiz, den ein Alter von ſiebzehn und achtzehn Jahren über ſie hingegoſſen hatte; ſie hätten beide ja blind und taub ſein müſſen. Aber gerade in allem, was ein junges Mädchen anziehend und gefährlich macht, wenn ſie ihre Schönheit kennt, hielten beide ein ſchönes wohlthuendes Maß, im tropiſch⸗leich⸗ ten Anzug, in der jugendlichen Freude, in ihrem Verhältniß zur jungen Männerwelt;— alles an den jungen Mädchen war voll⸗ kommen verantwortlich, correct, durch und durch poetiſch. Ihr Vater war ein engliſcher Seeofficier geweſen, der als Admiral in braſilia⸗ niſchen Dienſten geſtorben war. Die Mutter war eine eigenthümlich poetiſche Frau, die als Schriftſtellerin in der engliſchen Literatur ſich einen Namen erworben hat. Sie war dem Gatten, den die Pflicht des Marineofficiers zu allen fünf Welttheilen geführt hatte, auf ſeinen weiten Heldenfahrten heldenhaft gefolgt. So kam es, daß die eine Tochter des romantiſchen Ehepaares in reizender Verſchwi⸗ ſterung zu den blauäugigen Töchtern des Nereus ſtand; ſie war auf dem Meer geboren und deswegen Marina getauft worden. Die andere aber war recht eigentlich eine Geſpielin jener Lotusblumen vom Ganges; ſie war in Indien geboren und erhielt in der Taufe den Namen Indiana,— Marina und Indiana!
Daß beide an der reizendſten Meeresbucht der Tropenwelt woh⸗ nen mußten, wird jedem Leſer jetzt ganz natürlich erſcheinen, und er wird es jetzt auch ganz natürlich finden, daß überall da, wo Marina und Indiana ein Feſt der braſilianiſchen Tropennacht verherrlichten, die blonden Söhne des Helios und der Thalaſſa, engliſche Seeofficiere, nur für ſie Augen und Herzen hatten und uns proſaiſche Civilmenſchen bei den beiden Schweſtern etwas ſehr in den Hintergrund drängten. Wir ließen das gern geſchehen, zumal⸗da wir es doch nicht ändern konnten; iſt doch nun einmal ein junger Seeofficier bei guter Sitte und Erziehung ein ſehr gefährlicher Sturmvogel für die Mädchenwelt.
Die mächtigſte aller Mächte iſt ja immer eine Seemacht, denn ſie iſt Weltmacht und hohe Intelligenz zu gleicher Zeit, impoſante Wahr⸗ heit und wundervolle Dichtung unter derſelben Flagge, ernſte Man⸗ nesentſagung und liebliche Fruchtſpendung aus märchenhaftem Füll⸗ horn im innigſten Zuſammenhang.— Und nun verpflanze man einmal eine Fraction einer wirklichen Seemacht, ein engliſches oder franzöſiſches Geſchwader, oder ſauch nur ein einziges Linien⸗ ſchiff, eine einzige Fregatte aus Breſt oder Portsmouth nach der Bucht von Rio. Freilich kann das nur jemand, der ſolche Schiffe auf ſolcher Bucht ſelbſt geſehen hat. Da kommt unter friſch wehendem Seewind aus dem dunkelblauen Meer das hochaufgethürmte Wolken⸗ werk der Segel daher gezogen in mächtigem Auf⸗ und Abſteigen und paſſirt dann langſameren Schrittes, etwa wie der machtvolle Guada⸗ rama⸗Stier langſam und trotzig zum Gefecht in die Arena hinein⸗ ſchreitet, das Felſenthor von Santa Cruz. Und nun beginnen die ſonoren Kanonen, während oben vom Vortop die zu begrüßende Flagge in luftigen Wellenlinien dahin weht, ihre Ankunft und freundliche Geſinnung in langſamem Tempo anzumelden, daß die Fenſter am
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