——
—
— an—
nachtheilig ſein würde, er uns lieber in unſern Feſſeln behalten wolle bis zu dem Augenblick, wo wir zu der himmliſchen Freiheit erwachen.“
Karl ſtand offnen Mundes; er wußte nicht, was er ſagen, was er denken ſollte. Er war wie ein Blinder, dem zum erſten Male das Licht aufgeht. Er hatte immer gemeint, er ſei ein Chriſt. Er warf einen Blick in ſeine eigne Seele und ſah, daß er noch keiner war.
„Wir hätten noch ein Anliegen,“ fuhr de la Foſſe fort.„Dies Geld iſt zwar, wie ein Blick in dieſen Brief mich lehrt, für unſre „Kirche in Banden“ ganz im allgemeinen beſtimmt, allein von Gottes und Rechtswegen gehört es nicht uns, die wir das Tageslicht ſehen und geſunde Arme haben, ſondern unſern weit unglücklichern Brüdern, die in den unterirdiſchen Käfigen des Chateau d'If gefangen ſitzen, und durch die Feuchtigkeit und Kälte des ſchrecklichen Aufenthaltes faſt alle krank ſind, und nicht im Stande, durch Handarbeit ſich etwas Geld zu verdienen, um ſich eine Erquickung zu verſchaffen. Nun fällt es uns aber außerordentlich ſchwer, dies Geld zu unſern Brüdern gelangen zu laſſen. Sie, mein Herr kennen, wie es ſcheint, den Herrn Oberſt. Ihnen würde er vielleicht erlauben, dies Geld den Gefangenen zu bringen. Ach, unſre Bitte, wir fühlen es, iſt unbeſcheiden; Sie haben ſchon mit uns ſoviel Mühe gehabt!“
„Marcel, darf ich das Chateau d'If ſehen?“
„Wenn es Dir Vergnügen macht, die ſcheuslichſten Kerker auf Gottes Erdboden kennen zu lernen— warum nicht? Wir wollen morgen Vormittag hinüber fahren.“
De la Foſſe gab Karl das Geldpacket zurück.„O laſſen Sie die Armen auch den Brief leſen!“ ſagte er und reichte ihm auch den Brief wieder hin.
„Haben Sie ihn denn ſelbſt ſchon geleſen?“ fragte Karl.
„Ich werde ihn leſen, wenn Sie zurück ſind. Der Herr Oberſt wird vielleicht die Güte haben——“
„Ich werde den Brief ſelbſt wieder mitbringen,“ ſagte Karl, und auf einen Wink des Oberſten entfernten ſich die Galeerenſklaven. Als er das Schiff verließ, ſaßen ſie wieder wie vorhin auf ihrer Ruderbank.
„Marcel“, ſagte Karl, nachdem er ſchweigend und ſinnend den Oberſten durch einige Straßen begleitet hatte,„um Geld einen dieſer Sklaven freizukaufen, iſt wohl unmöglich?“„Schlechterdings unmög⸗ lich,“ erwiderte Marcel.„Den Mohren könnteſt Du um 800 Livres haben, denn der iſt kein Sträfling, ſondern ſelbſt nur ums Geld gekauft, aber was kann Dir an dem liegen?“
Marcel hatte Dienſtgeſchäfte. Sie trennten ſich. Abend biſt Du mein Gaſt,“ rief ihm der Oberſt noch zu.
Karl ging einſam ſinnend zur Stadt hinaus und ſetzte ſich ans Meer.„LJetzt, jetzt endlich bin ich am Ziel meiner Irrfahrten,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Jetzt weiß ich, welch ein Herz Gott ver⸗ langt, und welch ein Herz ich gehabt.“
Er ſaß noch lange, lange in tiefem Sinnen. Dann ſtand er auf und kehrte in die Stadt zurück. An der Thür eines Banquierhauſes zog er die Klingel und verſilberte den größten Theil ſeiner Wechſel.
„Was brauche ich ein Vermögen mit heimzubringen?“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ich werde ſoviel für mich behalten, als ich für mich und den Neger zur Reiſe bedarf.“
Er fand die Berner Kaufleute bereits bei Tiſche ſitzend. Nach dem Eſſen erzählte er ihnen, daß er das Geld an de la Foſſe überge⸗ ben, von dieſem aber zurückerhalten habe, um es den Eingekerkerten zu bringen.„Das darf nicht ſein!“ riefen die Berner,„ſo haben es dieſe edlen Menſchen auch das vorige Mal gemacht; aber Herr Calendrier hat uns ausdrücklich anbefohlen, daß die Sklaven wenig⸗ ſtens ein Drittel des Geldes für ſich annehmen müßten.“
„Gut, ſo werde ich zwei Drittel morgen früh den Eingekerkerten bringen und das dritte morgen Nachmittag de la Foſſe zurückgeben. — Apropos, würde ein freigekaufter Negerſklave wohl zu Genf ein Unterkommen finden?“
„Warum nicht? Iſt ein ſolcher vorhanden?“
„Allerdings. Der arme Menſch iſt reformirt; was ſoll er in Frankreich anfangen?“
Den Reſt des Nachmittags brachte Karl wieder am Meeres⸗ ſtrande zu. Den Abend wäre er viel lieber daheim auf ſeinem ſtillen Zimmer geweſen, als bei Marcel in der geräuſchvollen Geſellſchaft der Officiere. Nur der Gedanke, daß er im Intereſſe ſeiner armen Glaubensbrüder den Oberſten nicht beleidigen dürfe, ſöhnte ihn mit dem Gedanken aus, der Einladung Folge zu leiſten. Und er bereute es nicht. Marcel ſelbſt war heute ernſt geſtimmt; auch die wenigen
„Den
ſehr vertrauten Freunde, die er gebeten, gingen auf das Geſpräch ein, das der Oberſt auf die reformirten Galeerenſträflinge lenkte. Er rühmte ſie alle, er ſagte, ſeit er dieſe Stelle bekleide, ſei er an der„Kirche“ irre geworden; wenn er den Fanatismus der Prieſter mit anſehe, ſo ſei es ihm, als ſollte er gar nichts mehr glauben; wenn er aber dann wieder dieſe gelaſſenen Dulder mit ihrem Seelenfrieden betrachte, ſo müſſe er immer denken, die Proteſtanten haben Recht. Manchmal komme er ſich dann in ſeiner Stellung wie ein Heuchler vor; aber dann ſage er ſich wieder, daß es für jene Ketten⸗ ſträflinge das größte Unglück wäre, wenn er dieſe Stelle aufgäbe.
Seine Freunde pflichteten ihm bei und ganz befriedigt von dieſem Abende ging Karl in ſeinen Gaſthof zurück.
Den andern Vormittag fuhr er mit Marcel auf leichtem Boote nach dem Chateau d'If hinüber.
Die Felſen und Steinmaſſen des Schloſſes ragten vor ihnen gus den Wellen. Das Boot legte an. Auf ſchwanker Leiter erſtie⸗ gen ſie die Stelle, wo eine Eiſenpforte ſie in das ſchauerliche Innere eintreten ließ. Marcel ließ ſich beim Kommandanten melden. „Bringen Sie mir einen Gefangenen aus den Sevennen?“ fragte dieſer, und Karl überlief ein Grauſen.„Nein, einen alten Freund und Kriegskameraden, den Lieutenant Steinmann aus Straßburg, der mit Ihrer Erlaubniß gern die Gefangenen beſuchen möchte.“
„Doch nicht die in den Käfigen?“—„Allerdings dieſe.“
„Das geht aber ſchlechterdings nicht.“ 3
„Drücken Sie ein Auge zu. Mein Freund wird Ihnen ſein Ehren⸗ wort geben, daß er nichts erzählen wird, was er dort unten geſehen.“
Karl gab ſein Ehrenwort und hat es gehalten. Und der Er⸗ zähler dieſer Geſchichte würde ebenfalls nicht im Stande ſein, etwas von der ſchrecklichen Lage dieſer Gefangenen mitzutheilen, wenn er nicht das Original der Dankſagungsbriefe in ſeiner Hand gehabt hätte, welche zwei dieſer Gefangenen aus der Nacht ihres Kerkers an die Schwabacher Gemeinde geſchrieben haben und welche ſich im Archiv dieſer Gemeinde befinden. Mit Hilfe dieſer Briefe iſt er im Stande, genau und treu zu ſchildern, was Karl geſehen. Von einem der Ker⸗ kermeiſter begleitet, ſtieg Karl bis ins Erdgeſchoß des ſchwarzen Felſen⸗ ſchloſſes hinab. Eine ſchwere Eiſenpforte wurde geöffnet und hin⸗ ter ihm wieder geſchloſſen. Der Kerkermeiſter leuchtete mit einer trüben Ampel in einen kalten ſchaurigen gewölbten Gang. Dann wurde eine zweite Eiſenpforte entriegelt und fiel knarrend hinter ihm wieder zu. Es gingen mehrere Stufen in die Tiefe; der enge Gang, in welchem er ſich jetzt befand, war in den Felſen gehauen. Eine dritte Thür wurde erſchloſſen— eine vierte— eine fünfte.— Karl ſchwindelte; eine modrige Zugluft drang aus der Tiefe. Er befand ſich am obern Ende einer Steintreppe, die ſechzehn ſteile Stufen hinunterführte. Nun hieß ihn der Kerkermeiſter in eine Art von Kufe treten, die in den Fußboden eingelaſſen zu ſein ſchien, trat dann ſelbſt hinein, drehte an einer Kurbel und raſſelnd ſank die Kufe mit den beiden Menſchen in ein Verließ hinab. Sie ſtiegen heraus. Ein enger Gang führte zu mehreren backofenförmigen Räumen, in deren jeden man durch eine niedrige Oeffnung kriechen mußte. In jedem dieſer Räume ſaßen beim Schein einer trüben Lampe vier bis fünf Gefangene.
„Wo iſt Carriere?“ fragte Karl.„Hier. Und dies iſt mein Bruder; er iſt an allen Gliedern lahm, ſo daß wir ihm das Eſſen in den Mund ſtecken müſſen. Auch ich fange an zu kränkeln, nachdem ich nun ſeit einem Jahre hier bin. Früher war ich auf den Galeeren, aber dort wollten mich die Miſſionsprieſter nicht länger dulden; ſie meinten, ich ſei Schuld, daß meine Brüder ſich nicht bekehren wollten.“
„Und nun ſind Sie hier?“ fragte Karl ſchaudernd.
„Ja, dem Herrn ſei Preis!“ ſagte Carriere,„und ich möchte um alles dieſen Aufenthalt nicht mit dem auf den Galeeren vertau⸗ ſchen. Zwar dringt in dieſe Nacht kein Strahl der irdiſchen Sonne, aber die himmliſche leuchtet um ſo heller. Hier können wir den gan⸗ zen Tag unſern Herrn mit Pſalmen loben und über ſein Evangelium miteinander reden. Das können die auf den Galeeren nicht.“
„Hier habe ich Ihnen etwas zu übergeben für Sie und Ihre Mitgefangene,“ ſagte Karl.„Auch dieſen Brief dürfen Sie leſen.“
„Das gehört nicht uns allein,“ ſagten die Gefangenen ein⸗ ſtimmig.„Die Hälfte gehört unſern Brüdern auf den Galeeren.“
„Ihre Brüder haben ihren Theil. Sie ſehen, das Packet iſt erbrochen. Leſen Sie den Brief; ich darf nicht lange verweilen.“ (Fortſetzung folgt.)


