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Wohnungen bahnen. Die Bauart der Stadt war eine überaus gemüthliche; alle Häuſer, ausgenommen die Paläſte und öffentlichen Gebäude, waren einſtöckig, daher die ungeheure Ausdehnung Sewaſtopols bei vierzigtauſend Einwohnern. Einen eigenthüm⸗ lichen Reiz verlieh ihnen eine mit Fenſtern verſehene Veranda. Drei oder vier Zimmer bildeten ſammt Küche und Vorhalle jedes⸗ mal eine Wohnung, die augenſcheinlich auf eine einzige Familie berech⸗ net war. Lange mochte man ſich aber nirgends aufhalten; ſtündlich ſprangen noch Gebäude in die Luft, ſo oft das Feuer eine der zahl⸗ loſen Minen erreichte, welche unter allen Straßen durchliefen.
Mitten in den zerſtörten Straßen, unter den herabhängenden Altanen und klaffenden Fenſterhöhlen ein wohlerhaltenes Haus zu ſehen, war eine wahre Erquickung. Es war die ſ. g.„maison verte“ ein hübſches, weißes Haus, mit grünem Dache, welches von einem großen Garten umgeben, auf einer Anhöhe, mitten in der Stadt lag. Seine Räume bargen vor kurzem noch ein Mädcheninſtitut; Schulzimmer und Bänke, Schreibbücher und Rechentafeln, ja ſelbſt Muſikalien und Handarbeiten wurden unverſehrt vorgefunden. Augen⸗ blicklich legte der franzöſiſche Obergeneral Beſchlag auf dies Haus, und da wo die Mädchenwelt gewaltet hatte, zog mit ſeinem ganzen Stabe der neue Gouverneur der Stadt, General Bazaine ein, der ſich mit großem Vergnügen einrichtete und ſeine Gemahlin aus Frankreich zu ſich beſchied.
Von der Anhöhe herab, auf der wir ſtanden, dehnte ſich der Blick über die rauchenden, ſchwarz gebrannten Straßen; unter den Trüm⸗ mern tauchte hie und da ein noch unverſehrt ſcheinendes Dach auf; vor allen bemerkte ich unter einigen noch erhaltenen hohen Bäumen ein Gebäude im Styl des Theſeustempels aufgeführt: ſeine Vorder⸗ halle war von Säulen getragen und mit Statuen verziert. Als ich die Stufen hinaufſtieg, entdeckte ich auf dem Frontiſpicium ein Kreuz zwiſchen den Geſetztafeln und dem Kelche, und erkannte in den Bild⸗ ſäulen die Apoſtel Paulus und Petrus. Es wurde mir beſtätigt, daß es eine Kirche ſei, und zwar die deutſch⸗lutheriſche, vor der ich ſtand. Durch die eingeſchlagene Thür ſchaute ich in das entweihete Heilig⸗ thum: Altar, Kanzel, Bänke, Bilder, alles war verſchwunden oder zerſtört; ſelbſt die ſchönen Steinplatten des Fußbodens waren an vielen Orten aufgeriſſen.
Mir war ums Herz, als ſtände ich vor der Thüre des leeren Vaterhauſes, und ich hätte weinen mögen über die Entweihung dieſes ſchönen Baues, in welchem ſo oft das Wort Gottes und die lieben, alten Lieder unſrer Kirche erklungen waren. Im Verein mit meinen Collegen beſchloß ich alſobald, den Marſchall zu bitten, der evan⸗ geliſchen Feldpredigermiſſion das Gotteshaus zu überlaſſen; wir wollten keine Mühe noch Anſtrengung ſparen, um es herzurichten. Wie jubelte mein Herz bei dem Gedanken, wieder in einer Kirche predigen zu dürfen in dieſem fremden Lande! Doch ach! dieſer ſchöne Traum, den wir in jugendlichem Eifer in allen ſeinen Einzelnheiten beſprachen, wurde nicht erfüllt!
Es war ein eigenthümliches Gefühl, mit dem wir ungehindert im wonnigſten Sonnenſchein die Stadt durchritten, die ſo lange der Gegenſtand blutigen Kampfes geweſen war, und in welcher nun tauſende von Franzoſen, Engländern, Türken und Italienern fried⸗ lichſt herumſchlenderten. Der ſchöne Tag, nach langem Regen der erſte wolkenloſe, hatte alles herbeigelockt: ja, damit kein Zug an dem anziehenden Bilde fehle, zeigten ſich auch, auf zierlichen Pferdchen reitend, mehrere Ladies im wehenden blauen Schleier: glücklich die engliſchen Officiere, die alſo mitten in die Schauer einer Belagerung ihr„home“ mitzunehmen wußten, in der lieblichen Perſönlichkeit einer Frau oder einer Tochter!
Unſer Heimweg führte uns über den Malakoffhügel; auf dem hohen Wall ſtanden die Ruinen des berühmten Thurms; in dem Graben aber lagen noch die zerriſſenen und verbrannten Leichen der ruſſiſchen Soldaten; ein unerträglicher Modergeruch erfüllte weit hinaus die milde Abendluft; überall ſtieß man auf ſchauerliche Ueber⸗ reſte des heißen Kampfes. O, es iſt etwas Entſetzliches um eine Wahlſtatt! Wie wohl that es mir, von dieſem Feld des Todes hinauf⸗ zuſchauen in das glühende Abendroth und mich im Geiſte zu freuen auf die Zeit, wo die Schwerter zu Sicheln, und die Spieße zu Pflug⸗ ſcharen werden ſollen!
Noch ein Mal kam ich einem ſchönen Wintertage, die Schneegefilde ritt, über denen I.
nach der eroberten Stadt. Es war an als ich mit meinem Amtsbruder durch der Himmel in einer Weiſe
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glänzte, lwelche nach langen trüben Tagen das Herz aufs freudigſte erquickte.
Durch das Thor der Stadt, d. h. durch die Breſche, welche ein franzöſiſcher Wachtpoſten hütete, ritten wir gleich auf das wohl⸗ bekannte grüne Haus zu, um einen Freund, den Adjudanten des Gouverneurs zu beſuchen. Das ſchöne, hochgelegene Häuschen, wel⸗ ches allen franzöſiſchen Batterien wunderbar genug widerſtanden hatte, war nun die Zielſcheibe der rufſiſchen Bomben, die unaufhör⸗ lich vom jenſeitigen Ufer des Hafens her darauf geſchleudert wurden. Wahrlich, General Bazaine hatte kein gemüthliches Quartier erwählt, und mehr als einmal fuhr eine Kugel ins Kamin, während im Saale unten fröhliche Geſellſchaft beiſammen war, die ſich mit Muſik und luſtigen Geſprächen vergnügte. Mit militäriſcher Indifferenz lachten die Herren über den ungebetenen Gaſt, und fuhren in ihrer Unter⸗ haltung fort, als wäre nichts geſchehn; glücklicherweiſe richtete kein Schuß einen Brand im Hauſe an. Nach ſo langem Lagerleben machte mir's einen eigenthümlichen Eindruck, wieder einmal eine Treppe hin⸗ aufzuſteigen, Zimmer zu betreten, in welchen der Luxus eines Fuß⸗ bodens und einer geweißten Decke zu finden war, und dazu noch ein Sopha, einige Stühle und ſogar ein großer Spiegel, vor dem ich beinah erſchrocken zurücktrat: die ſechs Monate unterm Zelt hatten meiner Erſcheinung etwas entſchieden Militäriſches verliehen, trotz der ſorgfältig gewaſchenen Halsbinde und der Amtstracht.
Ich warf einen einzigen Blick zum Fenſter hinaus: ach, was war während des Winters aus dem armen Sewaſtopol geworden? Bei meinem erſten Beſuche daſelbſt ſchien es mir, als ſei darin nichts mehr übrig, was noch zerſtört oder verbrannt werden könnte; aber wie ganz anders ſah es heute aus! Der Reihe nach hatten die fran⸗ zöſiſchen Regimenter die Ordre erhalten, ſich ihr Brennholz in der Stadt zu verſchaffen, und was loszubrechen und auszureißen war, hatten ſie mitgeſchleppt, um ſich vor der fürchterlichen Kälte zu ſchützen; nur der nackte, todte Stein war übrig geblieben. Wie jammerte mich dieſer Anblick! Man muß Aehnliches geſehn haben, um dieſen über⸗ wältigenden Eindruck nachempfinden zu können. In den Straßen ſtand kein Haus mehr aufrecht; die geſchwärzten Steine lagen darin aufgehäuft, als lägen ſie ſeit Jahrtauſenden; es ſchien unglaublich, daß ſich vor einem Jahre noch trauliches Familienleben hinter dieſen Mauern geborgen habe! Die Feſtungswerke, welche die Bewunderung der ganzen Welt erregt hatten, und denen in Europa keine andern gleich kamen, waren völlig vernichtet. Das Fort Sanct⸗Nicolaus, eine wahre Cyklopenarbeit mit dreiſtöckigem Mauerwerk, war an Einem Morgen unter dem Druck von fünfzigtauſend Pfund Pulver zuſammengeſtürzt wie ein Kartenhaus. Die Schiffsdocks, ganz in Fels ausgehauen, waren ſo zerſtört, daß man kaum ihre Stätte unter⸗ ſcheiden konnte; rieſige Steintrümmer bezeichneten den Ort, wo die Flotte, der Stolz Rußlands, erbaut worden war.
Lautloſe Stille herrſchte in den Ruinen der ungeheuren Nekro⸗ polis, nur bisweilen krachte im feindlichen Lager ein Kanonenſchuß. Ein Spaziergang durch die breiten Straßen war nicht ganz gemüth⸗ lich, mehr als eine Kugel fiel in unſrer Nähe nieder, während wir darin auf⸗ und abgingen. Es war ein trauriges Symptom der Ver⸗ zweiflung der Ruſſen, daß ſie Tag und Nacht Kugeln in die leere Stadt warfen; konnten ſie einmal einen Reiter oder Fußgänger erſpähen, ſo durfte dieſer ſicher darauf rechnen, das Ziel ihrer Schüſſe zu werden. Am meiſten betrübte ich mich über die ſchöne evangeliſche Kirche; wenig Tage nach unſerm erſten Beſuch zertrümmerte eine Bombe das Dach, während die franzöſiſchen Feldherren bewundernd davor ſtanden. Der Dachſtuhl verbrannte und ſank zuſammen; die ſchlanken Säulen ſtürzten zu Boden, und die jammervollen Ueberreſte, die ich vor mir ſah, deuteten kaum mehr an, daß an dieſer Stätte ein Gotteshaus geſtanden, in das ich ſchon mit verfrüheter Freude in meinen Gedanken die Scharen der Gläubigen zur lange entbehrten Sabbathfeier ſtrömen geſehn hatte.
Ein Freund erzählte uns, daß am vorigen Neujahrstage (1855) den Belagerern eine ungewöhnliche Aufregung in der Stadt auffiel; auf einem Obſervatorium, das außer dem Bereich der fran⸗ zöſiſchen Kugeln lag, ſammelten ſich tauſende von Herren und Damen, Militärs und Bürgersleuten, als erwarteten ſie irgend ein bevorſtehen⸗ des Schauſpiel. Während von den Laufgräben und Belagerungs⸗ werken die Feinde mit einer nicht geringern Spannung zuſchauten, ſchoß plötzlich ein ruſſiſcher Schnelldampfer,„der Wladimir“, aus dem Hafen, bog unter den Augen der geſammten alliirten Seemacht


