Jahrgang 
1865
Seite
720
Einzelbild herunterladen

Sturmwind brauſte unaufhörlich, und dichte Staubwolken bedeckten den ganzen Horizont. Spät erſt bemerkten die ruſſiſchen Generale die Bewegung in den franzöſiſchen Parallelen, zu ſpät, um den An⸗ griff zurückzuwerfen, der Schlag zwölf los brach. Eine brennende Rakete ſtieg um Mittag vom grünen Hügel auf. Dieſem Signal antwortete der fürchterlichſte Kanonendonner, der je gehört worden iſt: zehn Minuten lang dröhnte die Erde ſtundenweit von dem ent⸗ ſetzlichen Knall. Nun wurde es ſtill todtenſtill. Ueberall brachen die Verwegenſten unter den Freiwilligen aus den Laufgräben hervor, durchliefen im Sturmſchritt die kurze Strecke bis zum Graben, ſpran⸗ gen zehn Schuh tief hinab, ſtellten ſich den Wall entlang, der allen Kugeln Trotz geboten hatte, kletterten, eine lebendige Leiter bildend, einer auf die Schultern des andern und ſprangen mit der Schnelle des Tigers in die Schießſcharten des Malakoffs, in welchem nun ein mörderiſches Handgemenge entſtand. Ein lebhaftes Flintenfeuer, das bis zum Abend fortdauerte, gab Kunde von der Hitze des Kampfes, deſſen Aus⸗ gang keiner errathen konnte, bis Malakoff in den Händen der Fran⸗ zoſen blieb; um fünf Uhr Abends wehten die dreifarbigen Fahnen auf dem Baſtion und zehntauſend unſrer Soldaten hatten ihn inne. Wer konnte ſagen: zu welchem Preis? Wüthend hatten die Ruſſen jeden Fußbreit vertheidigt. Auf Malakoff ſtanden die Reſte eines alten Thurmes, in welchen ſich ein ruſſiſcher Officier mit einer Hand⸗ voll tapferer Soldaten zurückgezogen hatte. Von dieſem Schlupf⸗ winkel aus beſchoſſen ſie unaufhörlich die um den Hügel kämpfenden Franzoſen. Keine Aufforderung konnte den Hauptmann bewegen, ſich mit ſeinen Leuten zu ergeben; er mußte mit Haubitzen herausgejagt werden. Davon aber wurde der Thurm in Brand geſteckt, das Feuer griff um ſich, und drohte eine große Feuersbrunſt auf dem ganzen Hügel anzurichten, wo viel Holzwerk und Faſchinen lagen. Man wußte, daß ein bedeutendes Pulvermagazin nicht fern ſei, ja man hatte ſelbſt von einer Unterminirung der ganzen Schanze geſprochen. Deß⸗ halb gab General Mac Mahon den Befehl, ſchleunigſt einen tiefen Graben um die Brandſtätte zu ziehn. Der erſte Soldat, deſſen Spaten in die Erde fuhr, ſtieß auf ein Hinderniß: als man nachforſchte, fan⸗ den ſich zwei elektriſche Drähte, die von der Stadt aus in einen nahgelegenen Pulverthum führten. Eine Minute ſpäter wären die zehntauſend Franzoſen auf Malakoff die Beute eines ſichern Todes geweſen.

Der Sieg auf Malakoff wurde theuer erkauft; bis zum Abend machten die Ruſſen von der Stadt aus ſtets erneuerte Ausfälle, um General Mac Mahon die Beute wieder zu entreißen. Auf allen andern Punkten wurden die Alliirten zurückgeſchlagen. Ein Freund, der mit dieſen kämpfte, erzählte mir von dem Todesmuth derſelben, wie ſie drei Mal hintereinander auf das furchtbare Werk losſchreitend, zu tauſenden hingemäht wurden und nicht wichen, bis ihre Regimen⸗ ter vernichtet waren. Der heldenmüthige franzöſiſche General, der auf dieſer Seite kommandirte, blieb mit den letzten Freiwilligen vor den Laufgräben ſtehn, und als zum letzten Mal der Angriff zurück⸗ geworfen ward und keiner ſeiner Soldaten mehr heraus wollte, ſprang er allein über den Graben und bot ſein Leben den feindlichen Kugeln dar. Die Eroberung Malakoffs war es, welche den Sieg des Tages entſchied; am Abende wußte es aber noch keiner unter den Siegern, ſondern alle rüſteten ſich auf den folgenden Morgen zu einem erneu⸗ ten Angriff.

Da verbreitete ſich durch die ſchwarze Gewittexnacht der Glut⸗ ſchein eines ungeheuern Brandes, und unaufhörlich tönte aus der brennenden Stadt unheimliches Krachen herüber. Ahnungsvoll ſchauten wir hinaus, und in aller Herzen erwachte der Gedanke an ein zweites Moskau. Und das war es auch. Die Sonne des neunten September erhob ſich über einer Brandſtätte, welche zum zweiten Male in der Geſchichte Rußlands durch die Hand ſeiner Kinder angelegt worden war. Den Ruhm wollte Rußland ſeinen Feinden nicht gön⸗ nen, ſeine ſchönſte Feſtung erobert zu haben: ſeine Flotte verſenkte und verbrannte es mit eigner Hand, und Sewaſtopol verwandelte es in einen Trümmerhaufen! In Einer Nacht zerſtörte es das Werk ſo vieler Jahre und beim Tagesgrauen verkündeten die letzten Haufen der Fliehenden auf der Schiffbrücke, und die Maſtenſpitzen, die aus der Tiefe hervorblickten, was in der Nacht vollbracht worden war.

In dieſer unglaublich kurzen Zeit hatte General Gortskakoff den großartigſten Rückzug der neuern Geſchichte bewerkſtelligt. Ich begab mich in der Frühe des Sonntags in eine unſrer Batterien und durchſchritt die Laufgräben, in denen geſtern der Tod ſo grauſam

gewüthet hatte. Es war tief erſchütternd. Ueber dem Bilde der Zerſtörung glänzte der tiefblaue Himmel, dem man keine Spur der geſtrigen Stürme anmerkte und da wo geſtern das Brauſen des Krieges getobt hatte, war es todtenſtill! Zahlloſe Leichen lagen um⸗ her, und in ſchweigender Eile hoben ſie die Soldaten auf. Ueber die große Brücke auf dem Kriegshafen eilten die letzten Ruſſen, deutlich konnte ich die Verwirrung am jenſeitigen Ufer bemerken; Menſchen, Thiere, Wagen, Kanonen, alles lag in bunteſter Unordnung am Ufer hin, und ſchon eilten große Wagenzüge die Höhe hinan, dem Nord⸗ fort entgegen. Dicht neben mir ſchleuderten ungeheure Geſchütze ihre Kugeln in die Reihen der unglücklichen Flüchtlinge, um dieſelben vom Ufer zu verjagen und die letzten kleinen Schiffe, die ſich dort geborgen hatten, in Grund zu bohren. Die Wehmuth dieſes Schau⸗ ſpiels wurde in meinem Herzen noch erhöht durch die ſiegestrunkene Freude unſrer Soldaten, die ſcharenweiſe in die Stadt drangen und durch die Schlucht zu meinen Füßen die errungene Beute ſchleppten: Drüben der tiefſte Jammer, hier die bunteſte Freude! Kühe, Schafe, Ziegen wurden ins Lager getrieben; hier ſchleppte ein Zouave ſich mit einem ungeheuren Bettſtück, dort hatte ſich ein andrer mit aufgefundenen Kleidern vermummt, weiter trugen einige weniger glückliche Sieger ausgehobene Thüren und Fenſter, Stühle, Küchen⸗ geräthe, Mobilien aller Gattung, alles unter dem mißtönendſten Jubelgeſchrei.

Die Gegenſeite dieſes Bildes ſtellte ſich aber am Nachmittage unſern Blicken dar, als wir nach unſerm, nur von drei Soldaten beſuchten Gottesdienſt, in die Lazarethe traten. Jede Beſchreibung erbleicht vor dem Bilde, das in blutigen Zügen in meine Erinnerung eingegraben ſteht. Ueberfüllt waren die Feldſpitäler mit Verwun⸗ deten. Reihenweiſe lagen ſie mit zerſchoſſenen Geſichtern, mit zer⸗ ſtückten Gliedern, unter ſchwerem Stöhnen die Seele aushauchend, oder zitternd der Operation harrend, die über Tod und Leben entſcheiden ſollte. Da galt es nicht fragen nach Confeſſion und Nationalität, ſondern von Bett zu Bett ſchreitend, den Unglücklichen durch Blick und Wort die innige Theilnahme mit ihrer Qual aus⸗ drücken, den Sterbenden ein Troſteswort mitgeben, und ihre Wünſche an ihre Hinterbliebenen aufzeichnen. Oder es galt auch hilfreiche Hand anzulegen, wo die Zahl der Krankenwärter nicht ausreichte, den Operationen beizuwohnen, und mit allen erdenklichen Erfriſchungen die Lechzenden zu erquicken. Das war während der erſten Tage nach der Belagerung von früh bis ſpät unſre Aufgabe, bis ſich nach und nach durch den Tod die Reihen lichteten und die heilbaren Kran⸗ ken fortgeſchafft werden konnten; es war dies ein Hauptaugenmerk der Regierung, ſo bald als möglich die Kranken in die geordnete Pflege der Hoſpitäler von Conſtantinopel zu befördern, da in den Feld⸗ lazarethen der Brand ſehr leicht die Verwundeten ergriff, ſo daß die Operationen ſtets mit großer Gefahr verbunden waren. Es waren für uns Feldprediger Tage voller Anſtrengung und ſchwerer Pflichten.

Wenige Tage nach dem Sturm ritten wir unter der freundlichen Begleitung eines Hauptmanns aus dem Génie⸗Corps auf die Feſtung zu. Durch die Laufgräben hindurch gelangten wir an einen der großen Friedhöfe Sewaſtopols, der in einer Maiennacht nach furcht⸗ barem Kampfe von unſern Soldaten eingenommen worden war. Wahrlich, es war kein Friedhof mehr! Das Kirchlein, reizend in einer grünen Vertiefung gelegen, wohl ſteht es noch da, weil es den Vedetten zum Aufenthalt dienen muß, aber es iſt aufs ſchnödeſte entweiht durch den langen Aufenthalt der Vorpoſten; das Dach iſt ganz zerſchoſſen, Trümmer ſind allein noch da von den Altären und Bildern, die es früher ſchmückten. Noch jammervoller aber ſehen die Gräber aus: kein Kreuz, das nicht zerſchoſſen und zertreten, kein Grab, das nicht zerwühlt wäre. Alle Trauerbäume ſind entwurzelt, zer⸗ ſplittert, verſengt; da wo von liebenden Händen gepflegt, einſt Blumen auf den Raſenhügeln dufteten, liegen Kugeln und Scherben umher.

Ein Regiment der Fremdenlegion zog eben an uns vorbei, und über die entweiheten Grüfte hin rauſchten die lärmenden Sieges⸗ weiſen der Fanfaren und Trommeln. Hinter den Soldaten her erklommen wir die ſteile Treppe, die zum Centralbaſtion führt, und zogen in die Stadt ein, durch die große Breſche, welche vier Tage zuvor unſre Truppen geöffnet hatten. Vor uns lagen die ſchönen breiten Straßen; aber nicht Ein Haus bot mehr das wohlthuende Bild ruhiger Wohnlichkeit; alle Thüren waren eingeſtoßen, alle Dächer durchlöchert, alle Fenſter zerſchlagen: über Berge von Ruinen und brennenden Balken mußten wir uns den Weg zum Innern der

gahnungen bal euithlice all täude, ware emſxzas ke ſcen Rei ver Drej oder vier nal ne Vohnun t war. Lange prangen noch lſen Minen ern Mitten in Alauen und kla ſten, war eine n in hübſches, we woßen Garten g. Seine zutzimmer un Muſikalien und! lliclich legte der und da wo die Suabe der neue ſch mit großen Frankreich zu ſic Von der Am lber die rauchen nern tauchte hie vor allen bemer in Gebäude im ſalle war von S die Stufen hina wiſchen den Ge⸗ ſaulen die Apoſt eine Kirche ſe durch die eing ihum: Altar, gerſtört; ſelbſt dielen Orden a Mir war Vaterhauſes, u ſcönen Baues alten Lieder un Collegen beſchlo gliſchen Feldpr vollten keine Lie jubelte me neige zu dir draum, den w reyrachen, wur ECs war m wonnigſten, zaſum blu uſen ſchl aſte wolkenlſe angſehenden Vi