Jahrgang 
1865
Seite
719
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Beine ausgeſpreizt, den Schwanz ſtraff wagrecht gehalten, ſtürzt ſich das rathloſe Thier aus dem höchſten Gipfel einer Fichte zur Erde nieder, und kaum hat es klatſchend den Boden erreicht, ſo huſcht es irgend einem ſicheren Verſtecke zu. Das Thier iſt geborgen, ehe der Marder am Baum herabgeſtiegen iſt; denn jenen Sprung mag er dem kleinen Wagehals nicht nachmachen.

Reinecke, ſo ſchlau er ſich auf die Lauer ſtellt, ſo behend er in der Verfolgung iſt, muß zumeiſt ſauren Geſichtes dem baumaufwärts fliehenden Eichhorn nachſehen. Raubvögeln gegenüber, die ihm nach⸗ ſtellen, gilt es, andere Künſte zu üben. In Spirallinien windet ſich das Thier kletternd am Stamme empor. Der Vogel ſchwingt noth⸗ wendig in weiten Kreiſen um ſeine Beute. Auf der vom Feinde ab⸗

gewendeten Seite fährt es blitzſchnell empor bis zum erſten Zwieſel,

ſtets den Verfolger im Auge, die ferneren Rettungsverſuche zu er meſſen. Selbſt bei dem gewagteſten Sprunge von einem Baumgipfel zum anderen genügt dem trefflichen Turner die äußerſte Spitze eines ſchwanken Zweiges zu erfaſſen. Schnell ſchwingt es ſich hinauf und ſtrebt mit Leichtigkeit dem ſicheren Stamme zu. Bei dergleichen Wagniſſen iſt ihm der lange, zweizeilig behaarte Schwanz als Ruder und als Fallſchirm unentbehrlich. Eichhörnchen mit kurz verſtutztem Schwanze ſind kaum im Stande, die halbe Sprungweite zu erreichen. Auch im Schwimmen iſt der muntere Geſell ein Meiſter, ohne indeß dieſe Kunſt außer Noth zu üben, und ohne, wie das Märchen will, ein Stück Baumrinde als Kahn und den Schwanz als Segel zu benutzen.

Kein Wunder, daß an ſolch begabten Thieren auch der Aber⸗ glauben ſich verſucht hat. Das Gehirn eines ſo unübertroffenen Akrobaten gab einſtmals ein treffliches Pulver, deſſen Seiltänzer und Gaukler ſich bedienen zu müſſen glaubten, um bei ihren hals⸗ brecheriſchen Künſten frei von Schwindel zu bleiben.

Unſer Portrait ſtellt das Eichhorn in dem glücklichſten Augen⸗ blicke ſeines Lebens dar. So recht appetitlich ſpricht es einer Nuß zu. Mit Leichtigkeit durchnagen ſeine meſſerſcharfen Zähne die här⸗ teſten Schalen. Bucheln, Eicheln, Kiefer⸗ und Fichtenſamen, vor allem aber Haſelnüſſe ſind ſeine Nahrung. Freilich nicht alles, was den Zähnen des unermüdlichen Nagers verfällt, iſt beſtimmt, ihm zur Nahrung zu dienen. Naſchluſt und Nagluſt führen ihn dazu, ſich an den jungen Trieben der verſchiedenſten Bäume zu vergreifen, und unſerer Freude über ſein munteres Weſen niſcht ſich nicht ſelten ge rechter Zorn über ſeine Verwüſtungen bei. Uebrigens naſcht er allerlei Sämereien und Beeren, koſtet ſogar an Pilzen herum und verſchmäht, wie faſt alle Nager, ſelbſt Fleiſch, wenigſtens als Zukoſt nicht. Der kleine Schelm, kaum kann er in das Neſtchen eines Vogels gucken, ohne deſſen Eier oder Junge zu plündern. Die Eichhörnchen ſind Feinſchmecker und Leckermäuler obendrein.

Die Zeit der Paarung fällt in den Monat März. Zu ihrem Lager wählt die Mutter das beſtgelegene und am ſorgfältigſten aus⸗ gefütterte unter den Neſtern. Zuweilen benützen ſie Staarkäſten, wie das auch unſer Siebenſchläfer nicht ungern thut.

Wird das Neſt beunruhigt, ſo trägt die Alte ihre Kinder nach Art der Katzen im Maule fort und zwar oft ziemlich weite Strecken. Die Jungen zu rauben gelingt bei Anweſenheit der Mutter nicht leicht, ohne ſchwere Bißwunden davon zu tragen. Vier Wochen alt, haben die allerliebſten Kleinen ihre Kletterſtudien bereits abgethan und die Wege zur eigenen Ernährung kennen gelernt. Die Kinder

der erſten und zweiten Hecke vereinigen ſich zuweilen in geſchwiſter⸗ licher Geſelligkeit, in ihrem Waldbezirk gemeinſchaftlich ihr drolliges Spiel zu treiben.

Scheu von Natur, wird das Eichhörnchen, jung an den Menſchen als einen Freund und Beſchützer gewöhnt, wahrhaft zutraulich. Luſtig und harmlos wie draußen im Walde, klettert es an ſeinem Gönner auf und nieder, huſcht in den warmen Rock, ſchlüpft den Aermel entlang und guckt neckiſch mit dem Köpfchen hervor, bald hier bald da. Sie lernen es, auf die Stimme ihres Herrn zu achten und gewöhnen ſich zuweilen, ſelbſt unbeſchränkte Freiheit nicht zur Flucht zu mißbrauchen.

Macht unſer Eichhörnchen nebenbei auch manchen für uns ärger⸗ lichen Streich, benagt es auch als Stubengenoſſe Holzwerk und Bücher, Kleider und Schuhe, wir mögen ihm darum doch nicht gram ſein. Bald huſcht es an den Gardinen empor und treibt ſich auf deren Stangen, auf vorſpringenden Simſen, auf Bilder⸗ und Spiegel⸗ rahmen umher, macht Männchen und putzt ſich, lugt aus einem Ver⸗ ſteck hervor, und läßt den Thierfreund gar leicht etwaigen Unfug vergeſſen. Doch auch die zahmſten Eichhörnchen können mit der Zeit biſſig werden. Verwundungen durch ihre ſcharfen Zähne ſind nicht blos ſchmerzhaft, ſogar zuweilen gefährlich, zumal wenn die Thierchen in Angſt und Schrecken verſetzt ſind.

Die Eichhörnchenjagd iſt beſonders in England ein Lieblings⸗ vergnügen, nicht um die Thiere zu tödten, nein, um ſich lebend ihrer zu freuen. Man wendet darum nicht, wie unſere Sonntagsjäger, Pulver und Schrot, ſondern Pfeil und Bogen an und ſucht ſie wohl auch von den Bäumen herabzuſchütteln. Ganz dieſelben Schuß⸗ waffen ſind bei den Tunguſen üblich, welche dem Thierchen um des dort koſtbaren Pelzes willen nachſtellen. Der Bauchtheil iſt beſonders zart und alsVehwam zumal in China beliebt, doch auch bei uns derVeh ein vielverwendetes Pelzwerk. Die Sibirier fangen ſie in Fallen, deren ein Jäger oft bis tauſend ſtellt. In Nordamerika freilich iſt man leider nicht ſelten gezwungen, mit allen Waffen gegen ihre Scharen zu Felde zu ziehen. Im Spätjahr ſammeln ſich daſelbſt die grauen wie die ſchwarzen Eichhörnchen in großen, immer größer werdenden Schwärmen, und rücken, Felder und Gärten plündernd, Wald und Hain verwüſtend, nach Südoſten vor, über Gebirge und Flüſſe hinweg. Füchſe, Iltiſſe, Falken, Eulen und anderes Raubzeug wetteifern mit dem Menſchen, das wandernde Heer zu lichten. Längs der Ufer der größeren Flüße vereinigen ſich die Knaben, die Thiere hundertweiſe mit Knitteln zu erſchlagen, ſobald ſie vom jenſeitigen Ufer anſchwimmen. Ein im Jahre 1749 von der Regierung Penſylvaniens ausgeſetztes Schußgeld von drei Pence das Stück hatte zur Folge, daß in dem einem Jahre weit über eine Million dieſer Thiere erlegt wurde. Jeder Farmer vernichtet deren ſoviel er kann, aber ihre Reihen lichten ſich nicht. Feiſt und glänzend eröffnen ſie ihren Wanderzug, bald aber überkommt ſie allgemeines Elend; ſie erkranken, magern ab, und fallen maſſenweiſe der Seuche zum Opfer. Glücklich, daß die Natur ſelbſt behilflich iſt! Der Menſch iſt ihnen gegenüber geradezu ohnmächtig.

Nie und nirgends treten die Eichhörnchen bei uns in ſolch ver⸗ heerender Menge auf, und haben ſich darum bei den Anwohnern auch nicht dermaßen läſtig gemacht, daß ein Vernichtungskampf gegen ſie nothwendig geworden wäre. Im Gegentheil, wir haben das Thierchen recht lieb, und mögen ihn, unſer aller Freund in Deutſchlands Wäldern nicht miſſen. Dr. Franz Schlegel.

Srinnerungen eines Jeldpredigers im franzöſiſchen Lager vor Sewaſtopol. Von Max Reichard.

II. Vor und nach dem Sturm. Der achte September 1855 war herangekommen, ohne daß ein Menſch im Lager ahnte, welch ein denkwürdiger Tag er in der Welt⸗ geſchichte werden ſollte. Nur ſo viel wußte Jedermann, daß unſre Laufgräben nur noch achtzig Fuß von dem großen Graben entfernt waren, der den Malakoffhügel umgab.

Allnächtlich koſtete das Vorandringen der Pioniere eine große

Zahl Menſchenleben; konnte es nicht mehr anſtehn. Wir ſaßen eben beim Frühſtück, als ein befreundeter Officier, haſtig hereintretend, uns zurief:Wiſſen Sie, daß in zwei Stunden auf allen Linien Sturm gelaufen wird?

und alſo geſchah es: in lautloſ

das Feuer wurde jeden Tag heftiger lange

Morgen alle unſre Laufgräben mit Soldaten gefüllt worden, ein Regiment nach dem andern rückte vor, und die ungeheuren Parallelen, die ſeit elf Monaten gegraben worden, ſtanden Kopf an Kopf gedrängt voll todesmuthiger Krieger, welche der entſcheidenden Stunde ent⸗ gegenharrten. Jeder wußte: Jetzt gilt's auf Tod und Leben, zurück können wir nicht. Von der äußerſten Linken bis zur äußerſten Rech⸗ ten in ſchönſter Eintracht, ſtanden Engländer und Franzoſen zum Angriff gerüſtet: von allen Seiten zugleich ſollte der Angriff losgehn, aber Malakoff und der große Redan, die zwei gewaltigen Hügel, welche die Stadt beherrſchten, waren das Hauptziel des Sturmes. Auf dem grünen Hügel, Malakoff gegenüber, hatte Marſchall Péliſſier ſeinen

er Stille waren ſeit dem frühen Sitz aufgeſchlagen. Nie habe ich einen ſchrecklichern Tag erlebt. Der