Den Tag nach der Schlacht bei Carnoulé hielt Perier einen an welchem tauſende der benachbarten Gebirgs⸗ bewohner Theil nahmeu. Es war der erſte proteſtantiſche Gottesdienſt, dem Karl ſeit vierzehn Jahren beiwohnte. Thränen floſſen über ſeine Wangen, als in der von hohen Felswänden umgebenen Thalſchlucht der Geſang der Pſalmen ertönte, und als Perier dann vortrat, ſich auf die Kniee niederwarf und all die tauſende mit ihm niederfielen, und nun Perier den Höchſten lobte und pries, Ihn um Gnade und Erbarmen anflehte und ſprach:„Herr, Du weißt's, daß wir keine Empörer ſind; Du weißt's, daß wir dem Könige Treue gelobt haben, und nichts anderes wollen, als das Leben unſerer Greiſe, die Ehre unſerer Frauen und Töchter, das Seelenheil unſerer Kinder aus Nothwehr vertheidigen gegen Wüthriche, die wider göttliches und menſchliches Geſetz uns peinigen. Du, der Du Gideon berufen haſt, Israel zu befreien aus der Hand der Midianiter, der Du zu Judas Maktabäus Dich bekannt haſt, als er für Deine Ehre und Deinen Namen das Schwert zog, Du haſt Dich auch zu uns bekannt und uns den Sieg verliehen. O bekenne Dich ferner zu uns, reinige unſere Herzen, tilge aus jeden Gedanken an Rache und Vergeltung; gib uns Geduld, wenn wir leiden müſſen, gib uns Freudigkeit, Dich auch im Tode zu bekennen; aber erbarme Dich unſer und ſegne unſere Waffen, daß wir beſtehen, bis Du das Herz des Königs geneigt haben wirſt zur Ge⸗ rechtigkeit. Ja, hilf uns, tröſte dein Volk! Amen!“
In dieſem Augenblicke ertönte von der Höhe herab eine zarte helle Stimme wie von einem Engel:„Ich will tröſten— tröſten mein Volk!“ Aller Blicke richteten ſich nach oben. Auf einer der höheren Felſenterraſſen lag ein etwa zwölfjähriges Mädchen auf den Knieen, hob die Hände in eigenthümlichen Windungen bald gen Himmel, bald ſegnend über die Verſammlung, und indem ihr Oberkörper von einem leiſen Zittern durchſchauert wurde, fuhr ſie mit derſelben Stimme fort:„Heiliget Eure Herzen und reinigt Eure Hände! Fliehet den Götzendienſt und meidet alle unreine Luſt. Gebet Eure Herzen dem Herrn und bewahret alle Seine Gebote! Siehe, der Herr iſt nahe! Zwölf Monde Kampf und zwölf Monde Drangſal und dann ſollt Ihr Frieden haben.“
Sie ließ die Arme und die Augenlider ſinken und lag einige Minuten unbeweglich, das Haupt vor ſich geneigt auf ihren Knieen. Dann ſchlug ſie die Augen wieder auf und befand ſich in gewöhn⸗ lichem, geſundem Zuſtande. Karl war tief erſchüttert, während alle anderen mehr erfreut als verwundert zu ſein ſchienen. Perier hielt eine Predigt, eine ſchlichte und treffende Ausleg ug und Anwendung einer Schriftſtelle. Nachdem der Gottesdienſt mit wiederholtem Gebet und Pſalmgeſang geſchloſſen worden, erfuhr Karl, daß dies Auftreten von„Propheten“, wie ſie's nannten, gar nichts Ungewöhnliches ſei, daß ſchon im October 1686, mitten unter der ſchrecklichſten Verfol⸗ ung, ein Mann im Vivarais, Namens Codognan, dieſen Geiſt der Weiſſagung empfangen habe, daß dann ein 16jähriges armes Hirten⸗ mädchen im Dauphiné, Iſabella Vincent, die weder leſen noch ſchreiben konnte, in eine Art Schlaf verfallen ſei, wo ſie im feinſten Franzöſiſch, das ſie wachend gar nicht zu ſprechen im Stande war, die herrlichſten Ermahnungen hielt, alſo daß die Leute aus der Stadt ſcharenweiſe zu ihr hinausſtrömten, und viele ſich von ihrem bisherigen gottloſen
Dankgottesdienſt,
Wandel bekehrten. Seitdem habe ſich der Geiſt der Weiſſagung immer
weiter verbreitet, insbeſondere unter den Kindern, die man den refor⸗ mirten Eltern weggenommen hatte, um ſie katholiſch zu erziehen. Schläge und Martern hätten nicht vermocht, dieſelben vom Weiſſagen abzuhalten.„Unſere Paſtoren,“ ſchloß Perier,„hat man aus dem Lande getrieben; da hat uns Gott Prediger geſandt, aus dem Munde der Unmündigen hat er ſich ein Lob zugerichtet.“
Was er hier geſehen und gehört, hatte Karl ſehr nachdenkend und unruhig in ſeinem Inneren gemacht. Die Stimmung, in welche dieſer Gottesdienſt ihn verſetzt hatte, bildete zu ſeiner vorherigen wilden Kampfesluſt den ſchneidendſten Gegenſatz. Und doch waren es eben dieſe Gottesdienſte, zu deren Schutz der Krieg der Sevennen geführt wurde, und eben dieſe gottesfürchtigen Landleute waren es, die den Krieg führten. Wohl merkte Karl, daß ſie beſſer, frömmer, geläuterter waren, als er; aber ins Klare konnte er nicht darüber kommen, wo denn nun eigentlich der Unterſchied ſtecke. Auch ihm, ſo meinte er, ſei es ja nur um die Vertheidigung des Evangeliums und ſomit um die Ehre Gottes zu thun. Unwillkürlich freilich hütete er ſich in den nächſten Tagen, Gedanken der Rachſucht gegen Ludwig XIV in ſeiner Seele aufkommen zu laſſen, oder wenigſtens ihnen nachzu⸗
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hängen. Als nun aber bald darauf die Brüder von neuem unter Waffen gerufen wurden und der Guerillaskrieg neu tobte, da war auch ſogleich die alte Kampfeswildheit und Kampfesgier wieder da, und als Perier in einer dieſer Schlachten verwundet, ſich nach ſeiner Geneſung nach Genf zurückzuziehen entſchloß und ihn aufforderte, ihn zu begleiten, da konnte Karl es nicht über ſich gewinnen, den an⸗ ziehenden Kriegsſchauplatz zu verlaſſen.
Nachdem mehrere königliche Truppencorps gleich dem erſten auf⸗ gerieben worden, wagten ſich gar keine Truppen mehr ins Gebirge hinein; dagegen wagten ſich die Camiſarden(Blouſenleute), wie man ſie nannte, bereits in die Ebene hinaus, und gingen ernſtlich mit dem Gedanken um, den Aufſtand ins Vivarais zu tragen. Rolland, der jetzt bereits über 3000 Mann gebot, hatte ſein Heer in drei Divi⸗ ſionen getheilt; diejenige, welcher Karl angehörte, wurde von Abdias Morel befehligt, den ſeine Kameraden Catinat nannten, weil er früher unter Marſchall Catinat in Piemont gedient hatte. Eines Abends, im Anfang des Januar 1703, ſaß Karl in einer der Gebirgshütten an Morels Seite, und berieth mit ihm, wie ſie den folgenden Morgen mit 100 Mann einen Streifzug bis gegen die Stadt Nimes unter⸗ nehmen wollten. Da öffnete ſich die Thür und ein zarter, blond⸗ lockiger Junge von 16 Jahren trat ein.„Was wollt ihr?“ rief Catinat dem Unbekannten entgegen.„Mit Euch kämpfen,“ war die Antwort des Jünglings.„Ihr? Kämpfen?“ fragte Catinat erſtaunt und maß den jungen Menſcheu von oben bis unten.„Wer ſeid Ihr?“ „Ich bin Sevenole, wie Du,“ verſetzte jener unerſchrocken,„mein Name iſt Cavalier; ich bin vor drei Jahren nach Genf geflüchtet und habe dort als Bäckerburſche gearbeitet; hier iſt niein Zeugniß. Jetzt habe ich von Euren Thaten gehört, und bin gekommen, an Eurer Seite zu kämpfen.“„Nun, ſo magſt Du mit uns ziehen,“ ſagte Catinat,„wollen ſehen, was Du leiſten wirſt.“
Sie rückten den andern Morgen ins Feld. Sie ritten in das Tiefland hinab, und die Vorhut von 40 Mann hatte ſich der Stadt Nimes bis auf eine Stunde genähert, als eine Schar von fünfzig Dragonern ſich ihnen entgegenwarf. Die 40 Camiſarden ergriffen— ihren gewohnten Kunſtgriff anwendend— die Flucht, bis ſie den Feind dahin gelockt hatten, wo der Hinterhalt lauerte. Raſch waren die Dragoner in Verwirrung gebracht; indeſſen wären ſie dies⸗ mal doch entkommen, wenn nicht Cavalier dem nächſten beſten nach⸗ geeilt wäre, ihn mit einem Piſtolenſchuß niedergeſtreckt hätte, dann mit gezücktem Säbel den ganzen Haufen der Flüchtigen verfolgt, einen nach dem anderen angefallen und niedergehauen und ſo den Reſt in wilder Flucht vor ſich her bis unter die Wälle von Nimes— er, der einzige— verfolgt hätte..
„Serve Dieu, der kann's!“ rief Catinat.
Zwiſchen Karl und Cavalier entwickelte ſich bald eine innige und begeiſterte Freundſchaft. Er focht an ſeiner Seite, als dieſer in den Weinbergen bei Nimes das Regiment des Dragonerober⸗ ſten St. Sernin aufrieb; er focht an ſeiner Seite, als er den glän⸗ zenden Sieg bei Pont Candiac erkämpfte, wo er, vom Feind um⸗ gangen und ſcheinbar rettungslos verloren, durch eine geſchickte Wendung denſelben täuſchte, ein Defilé gewann und abermals ein königliches Regiment vernichtete.
Er focht aber auch an ſeiner Seite, als Cavalier, durch ver⸗ kleidete feindliche Spione getäuſcht, ins Vivarais einfiel und das Treffen bei Vagnas verlor. Und das war das letzte Mal, daß er an ſeiner Seite focht. Denn auf der Flucht fand er ſich von den Camiſarden völlig abgeſchnitten, und ſo vollſtändig war die Nieder⸗ lage, daß Karl ihre Sache völlig verloren gab. Er ahnte nicht, daß Rolland immer nur den vierten Theil der wehrhaften Gebirgsbewohner unter Waffen ſtehen hatte, und daher jeden Augenblick über eine Re— ſerve von 6— 8000 Mann verfügte; er ahnte nicht, daß der Krieg noch ein volles Jahr ſich fortziehen würde, daß der von halb Europa bekriegte und beſiegte König durch dieſen Aufſtand im Innern, der ihm ſeine beſten Regimenter koſtete, bis zur Verzweiflung getrieben werden würde; am wenigſten hätte er ſich träumen laſſen, daß der ſtolze König ſich ein Jahr darnach herablaſſen würde, mit den Rebellen Friedensunterhandlungen zu eröffnen, Cavalier zum königl. Oberſten zu ernennen, ihm eine Anzahl der in Kerkern gefangen gehaltenen Reformirten frei zu geben, mit der Erlaubniß, aus ihnen und den Camiſarden ein„reformirtes Regiment“ zu bilden, ein Regiment, mit welchem der kluge Cavalier, dem Königswort eines Ludwig XV. nicht trauend, ſofort über die Grenze entwich.
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