Jahrgang 
1865
Seite
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unter dieſen Umſtänden nicht ausbleiben, daß der Prinz ſeiner Er⸗ zieherin bald ſchwere Stücke aufgab.

Es war zu Ende des Jahres 1692, am 29. December, als man den Prinzen wie gewöhnlich ankleidete. Der Prinz war zu un⸗ ruhig, um unbeſchäftigt zu ſein. Er ſpielte mit ſeinen Schuhen, löſte die eine Schnalle, prüfte ſie nach allen Seiten: ſie war von Silber, ein wenig vergoldet; ſie war einen Zoll lang, einen halben breit; hatte unten einen Haken zum Einhängen und einen beweg⸗ lichen Dorn zur Befeſtigung mit den Schuhen. Nachdem er ſie genug beſehen und betaſtet hatte, ſchien es, als wollte er ſie auch ſchmecken, kurz, er nahm ſie in den Mund.

Nicht in den Mund, mein lieber Prinz, ſagte Madame de Montbail. Der Prinz hatte dergleichen Ermahnungen ſchon zu oft gehört, um ſich dadurch genirt zu fühlen.Wenn Sie die Schnalle nicht aus dem Munde laſſen, fuhr ſie fort,werde ich ſie Ihnen nehmen müſſen.

Der Prinz war in der guten Laune, Madame de Montbail in ihrer Erziehung ein wenig zu korrigiren. Denn es mag wohl eine gute Regel ſein, daß man bei Kindern nicht mit Drohungen, ſondern mit Thaten umgehe.Wegnehmen? ſagte der Prinz lachend, nehmen Sie doch! und damit war die Schnalle hinuntergeſchluckt.

Der kleine Herr ſtand mit der Miene des Triumphakors vor ſeiner Gouvernante. Dieſe dagegen rang die Hände und wußte vor Schreck nicht, was ſie thun ſollte. Sie ſchrie laut auf, und ſchrie noch lauter, als der Prinz ſein glückliches Ausſehen änderte und unter Zeichen des Schmerzes in Ohnmacht fiel. So ganz leicht fand die Schnalle mit Dorn und Haken die dunklen Wege des kleinen vierjährigen Körpers doch nicht. Auf das Geſchrei und Rufen kam die Kurfürſtin herbei. Felſen hätte der Angſtſchrei des mütter⸗ lichen Herzens erweichen können. Der kleine Körper des Prinzen aber hielt feſt, was ſein eigenwilliger Herr ihm anvertraut hatte. Auch der Kurfürſt kam, und Schreck und Beſtürzung ergriffen ihn.

Endlich als die Aerzte anlangtenwas ſoll geſchehen? was iſt zu thun?Nichts als abwarten! allenfalls ein wenig beſchleunigen! Man gab dem Prinzen, als er wieder zu ſich ge⸗ kommen war, eine kleine Quantität Rhabarber. Die Schmerzen wiederholten ſich nicht. Der Prinz ſpielte und tummelte ſich müde zwei Tage lang, ſchlief und träumte ſich munter zwei Nächte lang, endlich am 31. December fand man das Schnällchen da wo man es allenfalls erwarten konnte. Heute liegt es als Rarität in der könig⸗ lichen Kunſtkammer zu Berlin.

Ein andermal es war etwa zwei Jahre nach dieſem Vor fall; der Prinz fühlte in ſeinen Händen und Armen Kräfte, die ihm Zutrauen gaben, da hatte Madame de Montbail wiederum den Fehler begangen, ihm zu drohen, noch dazu mit einer Züchtigung. Der Prinz war unartig geweſen nach Kinderweiſe. Natürlich, daß die Gouvernante ihm drohete! Doch wer züchtigen will, muß ſtark und klug ſein. Und diesmal zeigte ſich, daß der Prinz beides mehr war als ſeine Gouvernante. Denn behende ſchwang er ſich auf das Fenſterſims, die Fenſter geöffnet zur andern Seite hinaus nur mit den Händen von innen an der Brüſtung hängend ſo fand ihn Madame de Montbail, als ſie nach einem Augenblick des Rückendrehens ſich wieder nach ihm umſah. Von dieſer Stelle aus wollte er mit ihr verhandeln.

Wenn Sie mich züchtigen, ſtürze ich mich hinunter! wenn Sie mich in Frieden laſſen, komme ich in die Stube zurück! das war die conditio sine qua non, die der Prinz ſtellte.

Man denke die Ueberlegung der Gouvernante! Die prinzliche Kinderſtube im dritten Stock des Schloſſes, die Etagen ſehr hoch, überall Mauervorſprünge, an denen Kopf und Bein zer⸗ ſchellen können, unten die Spree, in der genug Waſſer zum Er⸗ trinken für viele iſt, hier der Prinz, der niemals nachgibt, der aber doch nur Kinderkräfte hat, und wenn Madame de Mont⸗ bail ſich beſinnt, ſo verlaſſen ihn ſeine Kräfte, und er ſtürzt, ohne es zu wollen, in die Spree.Mon dieu, mon cher prince! rief die Dame,ſo kommen Sie doch zurück, ich denke ja nicht daran, Ihnen etwas zu Leide zu thun.

Der Prinz kam zurück. Und wieder mit der Miene des Sie⸗ gers ging er die Stube entlang, ging er auf und ab,das wußte ich! hier bin ich der Herr! ſo ſprach er voll Freude zu ſich.

Ein andermal wurde er ausgeputzt, die Damen und Herren des Hofes ſollten den Prinzen ſehen und ihm die Aufwartung

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gehen.

Was ausputzen und Aufwartung machen! dachte der Prinz. Er hatte ſchon manchmal erfahren, wie langweilig es da herging. Als er nun doch nicht hindern konnte, daß man ihm ſeidene Strümpfe, goldſtoffene Kleider anzog, Bänder und Schleifen überall, daß man ſein Köpfchen friſirte und puderte,Ihr werdet's ſchon erleben! dachte er. Und kaum war er in ſeinem prinzlichen Hoſſtaat, als er einen Augenblick benutzte, wo man ihn nicht beobachtete, und verſchwand.

Wo iſt der Prinz? rief Madame de Montbail.Ja! wo iſt er? dachte er in ſeinem Verſteck. Man wurde ſchon ängſtlich, als man ihn nicht finden konnte. Da kam er lachend aus dem Kamin hervor, und wie man ſah, er war nicht gerade vorſichtig geweſen, die Kleider und das Puderköpfchen nicht zu verderben.

Dies war der heitere Spaß⸗ und Neckfuß, auf dem der Prinz mit Madame de Montbail ſtand. Wollte ſie dies, ſo wollte er das; wollte ſie hier, ſo wollte er dort. Man denke nicht, daß der Prinz unliebenswürdig war. Im Gegentheil, er war der heiterſte, gut⸗ artigſte Knabe, nur freilich mußte alles nach ſeinem Willen Schön gebaut, gerade und kraftvoll aufgewachſen, klare leb⸗ hafte Augen, ein Bild der Geſundheit und Fülle, dazu eine frappante Aehnlichkeit mit ſeiner Mutter; wer ihn ſah, liebte ihn und freute ſich ſeiner. Er war voller Leben, unermüdlich regſam, voll unerwarteter Späße und kluger Einfälle.

Der Prinz blieb in der Pflege und Erziehung der Dame bis über das ſechſte Jahr hinaus. Daß Madame de Montbail ein wenig ſchwach ihrem kräftigen Zögling gegenüber war, fällt ihr nicht allein zur Laſt. Bei der großen Liebe, mit der die Kurfürſtin an ihrem Sohne hing, ferner bei der Milde, auch bei der Hochachtung vor der Etiquette, die in dem Charakter des Kurfürſten lag, war ihr gewiß nicht viel Macht über den Kurprinzen eingeräumt worden. Wenn es wahr iſt, daß Kinder den Werth und Unwerth ihrer Erzieher am beſten beurtheilen, ſo ging Madame de Montbail voll⸗ kommen gerechtfertigt aus ihrem Amte hervor. Denn, nicht volle zwanzig Jahre ſpäter, erwählte der unterdeſſen herangewachſene und vermählte Kronprinz ſie wiederum zur Erziehung ſeiner Kinder. Madame de Montbail, in dieſer ſpäteren Zeit unter dem Namen Madame de Rocoulles,(denn ſie hatte ſich inzwiſchen abermals vermählt und war abermals Wittwe geworden,) iſt auch die Er⸗ zieherin Friedrich des Großen geweſen.

Von der Reiſe nach Hannover war ſchon ſeit langer Zeit zum jungen Prinzen die Rede geweſen. Es waren die beſten Gedanken, dringende Gedanken des mütterlichen Herzens, welche die Kurfürſtin hegte. Die Art, wie der Prinz in Berlin aufwuchs, war ihr etwas zu wild; in Hannover ſollte er ſich ein wenig geniren lernen, viel⸗ leicht Zuneigung zu ſeinen Verwandten faſſen, beſonders zu den Altersgenoſſen, die er dort fand, und ſo viel irgend möglich ſich nach ihnen bilden.

Der Kurfürſt und die Kurfürſtin nahmen den Prinzen, bei Gelegenheit einer Reiſe, die ſie zu Anfang des Jahres 1692 nach Hannover unternahmen, mit. Sie hatten die feſtlichſte Veran⸗ laſſung zu dieſer Reiſe: denn das bisherige Herzogthum Hannover war, nach langen Bemühungen deswegen, ſo eben zum Kurfürſten⸗ thum erhoben. Als neunter deutſcher Kurfürſt hatte Ernſt Auguſt, der Vater der Kurfürſtin von Brandenburg, die Würde eines Reichs⸗ Erz⸗Panierherrn erhalten. Es war die Gratulationsreiſe des Ber⸗ liner Hofes an den Hannöverſchen.

Für einen längeren Aufenthalt des Prinzen jedoch, wie es beabſichtigt war, ſollte derſelbe etwa ein Jahr lang dort bleiben, war die Zeit, um andrer zufälliger Umſtände willen, nicht gerade günſtig getroffen. Es bereiteten ſich gar arge Zerwürfniſſe am Hofe zu Hannover vor, Zerwürfniſſe in der Familie des dortigen Kurprinzen, Georg Ludwig.

Wie finſter iſt der Blick des Kurprinzen, ſeine Lippen ge⸗ ſchloſſen, ſein Weſen unfreundlich. Und mit ſcharfem Auge blickt er auf ſeine Gemahlin, die ſich ihm niemals freundlich naht, auf die ſchöne unglückliche Kurprinzeſſin Sophie Dorothea. Zwei Kinder hatte ſie ihm in den erſten fünf Jahren ihrer CEhe geboren. Aber ſchon während dieſer Zeit hatte ſein Herz ſich von ihr entfrem⸗ det. Häufig abweſend, in Ungarn im Kriege gegen die Türken, in Venedig auf wüſten Gelagen, auf Jagden, die er leidenſchaftlich liebte, ſo hatte er alles Einverſtändniß mit ſeiner Gemahlin verloren. Denn ſie war ſchön und bildſam, reich an Wiſſen und Geſchick, ein

machen.

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