Jahrgang 
1865
Seite
697
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1865.

Heitere einfache Bilder werden hier erzählt werden, zum Theil V Genrebilder, wie ſie in jedem Kindesleben gelegentlich vorkommen, Geſchichten aus den erſten zwölf Lebensjahren König Friedrich Wilhelms von Preußen. b Wir wiſſen, welch ein Charakter dieſer König geweſen iſt, welch ein Fürſt voll ſtarken Willens, voll gewaltiger Leidenſchaft, voll V unzerſtörbaren Gefühls für Schuldigkeit, man kann ſagen, voll originellen Erfaſſens einer ganz eignen Stellung in der Welt: unter den Preußiſchen Königen derjenige, der, wie kein andrer, als ſparſamer Haushalter im Staate, als umſichtiger Wirthſchafter im Cando, als fleißiger Bauherr in den Städten, als kluger Organiſator der Behörden, außerdem als ſtrenger Commandeur ſeiner Truppen, als unermüdlicher Soldat auf dem Exercier⸗ und Paradeplatz, als unnah⸗ barer Alleinherrſcher mit gleicher Energie im kleinen wie im großen, weit über die Grenzen ſeines Landes bekannt und berühmt geworden iſt.

Der Vater dieſes Fürſten war Kurfürſt Friedrich III, der Sohn und Nachfolger desgroßen Kurfürſten von Brandenburg, ein Fürſt mit vorherrſchender Sympathie für luxuriöſe Reprä⸗ ſentation und glänzendes Ceremoniell. Nicht durch äußere Dinge allein, durch umſtändliche Einrichtung des Hofes, durch Ueberladung mit Hoſchargen, prunkvolle Uniformen, Ordensbänder, Federn, Gold und Edelſtein, durch Audienzen, Aufzüge und Feſte wurde dieſe Neigung befriedigt. Nein, ſie rief auch würdigere Beſtrebungen her⸗ vor. Die vorzüglichſten älteren Bauten und Denkmäler der Preußi⸗ d Hadligt ſchen Reſidenzen, die Schloßbauten in Berlin und Charlottenburg, 4 der Bau des Arſenals, die Statue des großen Kurfürſten auf der nliche5 nach ihm benannten Brücke in Berlin; ferner Inſtitute, wie die Aka⸗ 6 demie der Künſte und die der Wiſſenſchaften in Berlin, die Univerſität zu Halle; vor allen Dingen aber die Erhebung des Herzogthums Preußen zum Königreich, dies ſind die Werke Friedrichs III.

Die Mutter des Prinzen war Sophie Charlotte, geborne Prinzeſſin von Hannover, die viel bekannte und gerühmte Fürſtin, Tochter der ebenſo geiſtvollen und kunſtſinnigen Herzogin Sophie von Hannover. Tochter und Mutter lebten in vertrautem Umgang mit Leibnitz.

I.

48.

Ausgegeben im Auguſt 1865. Der Jahrgang läuft vom Oxrtober 1863 bis dahin 1865.

Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.

Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 15 Sgr. zu beziehen. Kann im Wege des Buchhandels auch in Monatsheften bezogen werden.

N. 48.

I Aus Kurprinz Friedrich Wilhelms Kinderzeit.

Von Werner Hahn.

Die Geburt des Prinzen am 4. Auguſt 1688,(nach dem bald darauf eingeführten verbeſſerten Kalender war es der 15. Auguſt,) wurde mit beſondrer Freude begrüßt. Hatten doch der Kurfürſt und die Kurfürſtin ſchon den Tod eines Sohnes zu beklagen!

Kaum war die Nachricht von der Geburt des Prinzen nach Hannover gekommen, da wollte ſich die Großmutter, Herzogin Sophie, nicht lange verſagen, ihr Enkelkind ſelbſt mit Augen zu ſehen. Sie fuhr hinüber. Wie ſtürzten ihr die Freudenthränen aus den Augen, als ſie den kleinen Prinzen ſah. Solch einen An⸗ blick hatte ſie trotz alles Rühmens, von dem die Briefe voll geweſen, doch nicht erwartet. Beide Eltern waren zart und beinahe ſchwäch⸗ lich; ihr Kind aber groß und ſtrotzend vor Kraft. Sie faßte Arme und Füßchen voll Verwunderung an,Gott hat Dir ſtärkere

Glieder gegeben als manchem anderen! ſie ſah ihm in die grellen Augen,ja, Du kannſt dreiſt um Dich blicken, denn alles iſt Dir zugethan! ſie drückte ihn mit Lachen und Scherzen an

ſich, der kleine Prinz lachte wieder,o, wir verſtehen uns!

Die Herzogin konnte nicht genug mit ihrem Enkel verkehren, zu ihm reden und mit ihm lachen. Sie gewöhnte ſich die Tage über, da ſie in Berlin war, ſo an den Prinzen, daß ſie an die Abreiſe gar nicht denken mochte.Geben Kurf. Durchlaucht mir den Prinzen mit nach Hannover! bat ſie, als die Zeit der Rückkehr näher kam.

Erſt ein wenig zu Hauſe! antwortete der Kurfürſt,dann meinetwegen auf Reiſen und zu Beſuche!

Pflege und Erziehung des Prinzen wurden der Madame de Montbail, geb. du Val, übergeben, einer Dame, die als Proteſtantin Frankreich hatte verlaſſen müſſen, beinahe mittellos nach Berlin gekommen war und hier bei Hofe Theilnahme, wegen ihres Geiſtes und ihrer Herzensgüte aber bei der Kurfürſtin Sophie Char⸗ lotte beſondre Auszeichnung gefunden hatte.

Die erſten Lebensjahre des Kurprinzen gingen ohne beſondre Ereigniſſe vorüber. Der Prinz war geſund, wurde körperlich ſtark und kräftig. Gleichfalls ſtark und kräftig bildeten ſich auch ſein Selbſtgefühl, ſein Wille und ſein natürlicher Verſtand. Es konnte