Jahrgang 
1865
Seite
692
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Schon zu Burgdorf gelang es ihm, Schul⸗ und Turnleben aufs ſchönſte zu verbinden, auch das Turnen, was bis dahin nicht geſchehen war, als geordnetes Erziehungsmittel auf die Mädchen⸗ Fohulen auszudehnen, wozu natürlich das Jahnſche Turnen nur in äußerſt beſchränktem Maße getaugt hätte. Das Derf Kirchberg, in deſſen Kirche ſich Spieß 1840 ſeine Lebensgefährtin, eine Burg⸗ vorferin, antrauen ließ, ſah das erſte Turnen der Dorfſchulmädchen.

Mitten im täglichen Wirken und Treiben erwuchſen nun ſeine Ideen über Ziel und Weiſe des Turnens allmälig zu einem klaren Syſtem. Er trat mit turneriſchen Schriften hervor, die alleſammt das Ergebniß reiflichen, oft fünf bis ſechsjährigen Nachdenkens und gründlichen, praktiſchen Erprobens waren und darum bald auch in wei⸗ ter Ferne die Aufmerkſamkeit der Schulbehörden erregten. Schon im Jahre 1842, zwei Jahre nach dem Erſcheinen des erſten Bandes ſeiner Lehre der Turnkunſt, wurde er während eines vorübergehenden Aufenthaltes in Berlin vom damaligen Preußiſchen Miniſter Eich⸗ horn veranlaßt,ſeine Gedanken über Einordnung des Turnens in das Ganze der Volkserziehung, zu veröffentlichen. Später erſchien zu ſeiner innigen Freude eine Preußiſche Circularverfügung, welch dem Turnen eine bedeutungsvolle Stellung im Erziehungsplane der öffentlichen Schulen in Preußen ſicherte. Fortwährend hat man dem Wirken und den Beſtrebungen Spießs von Preußen aus die wärmſte Theilnahme und Aufmerkſamkeit gewidmet. Auch in ſeinem engeren Vaterlande Heſſen war man auf ihn aufmerkſam geworden; eine Berufung nach Darmſtadt im Jahre 1844 jedoch lehnte er ab, um einem Ruf nach Baſel zu folgen, wo er bis zum Jahre 1848 in ausgedehnterer Weiſe das Turnen in den Knaben⸗ und Mädchen⸗ ſchulen leitete. Baſel iſt ihm ſtets eine liebe Stadt geweſen. Dem Verkehr mit den ausgezeichneten Männern dieſer Stadt verdankte er die Vertiefung wie die Klärung ſeines religiöſen Lebens und damit ſeiner ganzen Lebens⸗ und Weltanſchauung.

Im Jahre 1848 erging eine zweite Berufung von Darmſtadt an ihn, gleichzeitig mit einer nach Dresden. Er lehnte die letztere ab und ging in die auch in der ſchönen Schweiz nicht vergeſſene, geliebte Heimat, der er die letzte Kraft ſeines Lebens widmen wollte. Es ward ihm die Oberleitung des geſammten Turnweſens im ganzen

Lande übertragen; er erhielt zugleich alsOberſtudienrathsaſſeſſor

Sitz und Stimme in der oberſten Schulbehörde des Landes. Uebri⸗ gens war er von Darmſtadt aus auch noch anderwärts thätig; ſo in Frankfurt a/M., wo er das Schulturnen einrichtete, und in Olden⸗ burg, wo er auf Einladung des Miniſteriums im Jahr 1851 mehrere Wochen hindurch einer Anzahl von Schulmännern Anweiſung zur Er⸗ theilung des Schulunterrichtes gab. Alsbald nach Antritt ſeines Amtes in Darmſtadt wurde daſelbſt nach ſeiner Anleitung eine große Turnhalle gebaut, wohl eine der erſten in Deutſchland, in der das ganze Jahr hindurch Uebungen aller Art vorgenommen werden konnten und die, nach Wegräumung der beweglichen Geräthſchaften, auch zu öffentlichen Sa hulfeſten und dergleichen dienen konnte. Zweiund⸗ zwanzig Schulklaſſen zogen ein und begannen zunächſt unter Spießs unmittelbarer Leitung die Uebungen. Spieß war Meiſter im Unterrichten, und nicht blos in leiblichen Uebungen. Welch friſcher fröhlicher Geiſt wachte da alsbald in den Kindern auf! wie kühn und feſt ſchritten die Knaben dahin unter Liederklang, wie anmuthig ſchwebten die Mädchen dahin, unter lieblichem Geſang oder dem rythmiſchen Klang der Caſtagnetten! Wie hatte er die Scharen in der Gewalt; ein leiſes Wort, ein Stampfen mit dem Fuß ſetzte hunderte in Bewegung, in andern Schritt, Tact und Richtung, ſchlang die geordneten Reihen in kunſtvollen Windungen durcheinander. Natürlich konnte Spieß, der das Turnweſen im ganzen Lande leiten ſollte, nicht ſelbſt den ganzen Schulunterricht ertheilen. Er mußte ſich Unterlehrer bilden und nicht blos für die Hanpiſtodt, ſondern fürs ganze Land. Es wurden darum Lehreurſe eröffnet, zu denen Lehrer oder Lehramtscandidaten nach Darmſtadt beſchieden wurden, um die

gewonnene Kenntniß und Fertigkeit hinaus ins Volk zu tragen. Frei⸗ lich ſehlt, trotz der bereitwilligen Fürſorge der Regierung, noch viel an der vollen Durchführung ſeiner Plane. Es fehlt eben der Mann ſelbſt, mit ſeinem energiſchen Willen, ſeiner praktiſchen Klugheit.

Nur ein Jahrzehnt hat Spieß ſeinem engern Vaterland dienen können und auch dies nicht einmal mit der vollen, ſondern nur mit der halben Leibeskraft. Aſthmatiſche Beſchwerden, ſpäter ein ausge⸗ bildetes Lungenübel zehrten den äußern Menſchen auf. Aber der inwendige blieb ſtark, ja erſtarkte mehr und mehr. Spieß machte eine vieljährige Leidensſchule durch und ward darin herrlich be⸗ währt. Schon in ſeinen geſunden Tagen war er aufs eifrigſte mit den höchſten Intereſſen und Fragen des Menſchengeiſtes be⸗ ſchäftigt; man kann wohl ſagen, in jahrelangem Umgang hat man nie ein triviales Wort von ihm gehört. Seine Unterhal⸗ tung nahm alsbald die wichtigſten Dinge zum Gegenſtand. An den künſtleriſchen Beſtrebungen, an den wiſſenſchaftlichen und den theologiſchen Kränzchen der Stadt nahm er den lebendigſten Antheil, und es war kein Unternehmen chriſtlicher Liebe, an dem er nicht aufs eifrigſte mitarbeitete. Einen Verein für Heidenmiſſion half er grün⸗ den; bei Errichtung eines Rettungshauſes für verwahrloſte Kinder ſcheute er keine Mühe, ſeine mannhafte Natur trug kein Bedenken, für dieſe Armen als Bettler in die Häuſer der Reichen zu gehn. Mit dem edeln Freimuth, mit dem er jede ſeiner Ueberzeugungen vertrat, bekannte er auch ſeinen religiöſen Glauben; und ſeine Offenheit und Geradheit im Bekennen nöthigte auch dem Gegner Achtung ab. Mit einem hochgeſtellten Manne, kam er eines Tages auf der Straße in religiöſe Unterhaltung und leiſtete den freigeiſtigen Ideen deſſelben entſchieden Widerſtand. Als dieſer aber gar zu abgeſchmackte Dinge vorbrachte, blieb Spieß ſtehen, ſah den Mann feſt an und fragte ihn kurz und beſtimmt:Beten Sie noch? Als die Frage bejaht wurde, fuhr er fort:Nun dann kann noch etwas aus Ihnen werden.

In den Tagen der Krankheit wuchs ſein innerer Menſch mehr und mehr. Freunde, die ihn beſuchten, erquickten ſich an ſeinen Ge⸗ ſprächen. Da war keine vaterländiſche, keine ſociale, keine kirchliche Frage, die ihn nicht aufs lebendigſte beſchäftigte, über die er nicht ſein feſtes, geſundes Urtheil hatte. Vorwiegend waren es die religiöſen Angelegenheiten, die ihn beſchäftigten, und er konnte über keine An⸗ gelegenheit des Lebens mehr reden, ohne ſie unter das Licht der höchſten Wahrheit zu ſtellen. Und dies alles ſo, daß auch der ganz anders Ge⸗ ſtimmte ihm nicht den Vorwurf der Aufdringlichkeit machen konnte. Nichts war bei Spieß Phraſe, nichts künſtlich geſteigert, ſondern alles ſchlicht und einfach, in jedem Wort ſchlug ſein volles Herz. Und ſo war er, von Herzen fromm, es auch in Wahrheit; im hinwelkenden Leibe doch innerlich friſch, nach dem Wort des großen Apoſtels als ein Sterbender doch lebend; obwohl traurig unter den ſchwerer und ſchwerer werdenden, an aller Berufsarbeit ihn hindernden Leiden, doch fröh⸗ lich; obwohl in Banden eines unheilbaren Uebels, doch wahrhaft frei.

Ein zeitweiliger Aufenthalt am Genfer See erquickte ihn, ohne ihn heilen zu können. Noch zwei Jahre lang hatte er dann zu leiden und zu kämpfen. Er kämpfte einen guten Kampf; am 9. Mai 1858 Abends 10 Uhr gelangte er unter dem Ruf:Herr, hilf mir! zum Sieg, zum Triumph, zum ewigen Frieden.

Nicht lange vor ſeinem Tode hatte er, von Vernex aus, an einen Freund geſchrieben:Die rechte Hingabe an eine Sache erfolgt erſt nach einem rechten Brechen mit ſich ſelber. Mit dieſer Hingebung allein kann recht geholfen werden; was nützt ohne ſie alles Eifern und raſtloſe Schaffen? Aus dem Frieden mit dem Herrn erwächſt der ſichere, der ruhige Geiſt der Arbeit und Förderung eines jeden Werkes der Erziehung. Behalten wir dieſen Stern im Auge bei unſeren Beſtrebungen für das Turnen! Der allein kann zum guten und bleibenden Ziele uns und mit uns ſelber die Sache hinleiten.

Er, der ſo ſchrieb, iſt am Ziel; möge auch ſeine Sade zum Ziel gelangen! Guſtav Schloſſer.

Rauchen oder Richtrauchen?

Eine Ere ſ auf das Tabaksfeld von Dr. Carl Piderit in Detmold. (Schluß.)

Zur Verdeutlichung der Sache laſſe ich hier eine kurze Krank⸗

heitsgeſchichte folgen. Sie rührt her von einem höchſt nüchternen Forſcher und zuverläſſigen Beobachter, von dem verſtorbenen Profeſ⸗

B.(amberg) ein kräftig gebauter Mann, 30 Jahre alt, litt von

ſor Siebert in Jena, der in ſeinem Werke über die Wiagnsſtit der Krankheiten des Unterleibs 1855 erzählt:Advocat T.

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