Jahrgang 
1865
Seite
690
Einzelbild herunterladen

übungen beſtehn hauptſächlich in verſchiedenen Gang⸗, Sprung⸗ und Laufarten in wechſelndem Tacte und Rythmus, in gemeinſchaftlichen Bewegungen einzelner Abtheilungen mit Beziehung zu andern, im Wechſel der Stellung mit andern Abtheilungen oder innerhalb der eigenen Abtheilung.

Spieß hatte in der Leitung dieſer Uebungen eine erſtaunliche Meiſterſchaft. Ich ſah ihn zum erſtenmal im Jahr 1848 auf der großen Seewieſe bei Friedberg in der Wetterau, man hatte ihm dort das geſammte Schullehrerſeminar hinbeſtellt, 200 junge Leute von 16 20 Jahren, die nie geturnt und nie auch nur einmili⸗ täriſches Exercitium durchgemacht hatten. Die jungen Leute wurden in einzelnen Abtheilungen reihenweiſe aufgeſtellt, Spieß gab etliche kurze Erklärungen über verſchiedene Gangarten, deren Be⸗ nennung und dergleichen und begann dann das Commando. Das flog wie ein elektriſcher Funke in die Reihen und ſetzte ſie in Bewe⸗ gung und nun warf er ſie, immer nur mit kurzen Worten und dann und wann den ganz Unkundigen eine Erklärung gebend, auf der Wieſe hin und her; nach allen Richtungen, in den anmuthigſten Wendungen zogen die Abtheilungen an einander vorüber, durcheinander, wechſelten Platz, Schritt, Stellung mit einer Präciſion und Ordnung, wie kaum ein Regiment nach halbjährigem Exerciren. Das Ganze erſchien wie Ein Leib von Einem Willen beherrſcht. Und das vermochte er nicht blos bei heranwachſenden Jünglingen mit entwickelterem Geiſt, ſon⸗ dern bei ganz kleinen Kindern, nicht blos bei geſetzteren Knaben, ſon⸗ dern auch bei dem leichtblütigen Mädchenvolk. Es war eine wirkliche Herrſcherkraft, die der Mann hatte und in ſein Syſtem hineinlegte.

Dabei denke man ſich nun nicht etwa einen drückenden Zwang, der von ihm ausgeübt oder von den Kindern gefühlt worden wäre. Es war keine läſtige Dreſſur; im Gegentheil, es geſchah alles mit der größten Leichtigkeit und Freudigkeit. Den Turnern ward's zu Muthe wie bei feſtlichen Aufzügen, den Mädchen, als ging's zum fröhlichen Tanz. Oft begleiteten dieſe die anmuthigen Bewegungen mit dem Klang der Caſtagnetten, und wie wohl es den Kindern dabei ward, konnte man in den Blüthezeiten der Spießſchen Thätigkeit in Darm⸗ ſtadt auf allen Straßen, freien Plätzen, in Gärten und Höfen ſehen, wo die Kinder die Uebungen aus den Turnſtunden in den Freiſtunden noch bis in den ſpäten Abend hinein fortſetzten.

Ganz von ſelbſt kam man bei dieſen rythmiſchen Bewegungen, die Spieß in wirklich unbegrenzter Mannigfaltigkeit ausgeſonnen hatte, ins Singen. Spieß ſelbſt, es war ſein letztes turneriſches Werk, hatte dazu die ſogenanntenLiederreigen entworfen. Das Spießſche Turnen erinnert an die ſchönen Feſtzüge der Griechen. Die Eleganz und Rythmik der Bewegung wird nach längerem Betrieb bleibende Eigenſchaft und ſo hat Spieß die Schönheit im Bunde mit froher Zucht nicht blos auf den Turnplatz, ſondern ins Leben ein⸗ geführt. So konnte ſie auch ins Schulleben eingeführt werden.

Wir erwähnten des andern Mangels des Jahnſchen Tur⸗ nens: daß man nur ſelten größere Scharen in voller Betheiligung bei den Uebungen ſieht, weil die Mehrzahl dieſer Uebungen ſo ſchwie⸗ rig iſt, daß nur robuſte und eifrige Leute ſie bewältigen, die ſchwäch⸗ lichen und etwas trägen aber, die es gerade am nöthigſten hätten, ſich gern davon dispenſiren, manche auch mit dem beſten Willen nicht über die Anfangsgründe hinauskommen. Nach Spießſcher Methode kann auch der Schwächſte etwas leiſten und jeder muß mitarbeiten. Er thut es auch gern, hat auch nicht das niederdrückende Gefühl des völligen Zurückbleibens, ſo wenig wie das des Neides oder der Ver⸗ zagtheit, das den armen ſchwachen Schüler mit den muskelloſen Arm⸗ röhren und magern Schenkeln gegenüber dem gedrungenen Meiſter⸗ turner ſo leicht beſchleicht. Und das Spießſche Turnen wird in Landſchulen ebenſo gut möglich ſein, wie in Stadtſchulen, in der einfachſten Volksſchule ſo gut wie in der Gelehrtenſchule.

Man hat das Turnen für ganz ungeeignet, ja für höchſt über⸗ flüſſig bei allen denen erklärt, welche ohnedies viel Körperarbeit ver⸗ richten müſſen, zumal wenn ſie ſolche, wie unſre Bauern, im Freien thun. Wer das ſagt, verſteht nichts von unſerm Turn⸗ und Volks⸗ leben, könnte ſich aber in dieſem Punkte Belehrung holen bei jedem Unterofficier, der Recruten exercirt. Körperarbeit ſtärkt meiſt ſehr einſeitig; das beweiſt die vorgeſchobene Schulter des Schreiners, der ſtarke rechte Arm des Schmieds. So ſind auch unſre Bauern wie Möühlknechte, Laſtträgerc. oft von ſtarken Schultern, aber ſchwachen oder doch unbeholfenen Beinen. Ich habe nach zweijähriger Turnübung als 16jähriger Knabe baumſtarke Bauern im Ringen mit Leichtigkeit

690

zu Boden geworfen. Ja es iſt bei der ſteten einſeitigen Uebung ein⸗ zelner Muskeln und Glieder gar nicht anders möglich, als daß die andern Glieder und Muskeln unter dem Druck der bewegten und ein⸗ ſeitig erſtarkenden Körpertheile geſchwächt und gelähmt werden, wie die ſchwachen Bäume im Walde von den hohen Stämmen unterdrückt werden. Dazu iſt Unbehelfenheit die allgemeine Eigenſchaft der nur mit Körperarbeit Beſchäftigten. Führt man ſie aus der gewöhn⸗ lichen Furche, die ſie täglich zu ziehen haben, kommt etwas Unvorher⸗ geſehenes, waltet ein unglücklicher Zufall ob, ſo ſtehn ſie wie gelähmt, rathlos und oft wie verzagt. Unſre Militärs haben das längſt er⸗ kannt und als wirkſamſte Unterſtützung der militäriſchen Uebung, als beſte Vorübung das Turnen, beſonders das Spießſche eingeführt.

Das Spießſche Turnen iſt für die Wehrhaftmachung unſres Volkes von ungleich größerer Bedeutung als das Jahnſche. Aber zu noch Größerm iſt es nütze, wie der Erfinder ſelbſt ſich auch das Höchſte als Ziel geſteckt, den ganzen Menſchen zu bilden, ihn zu dem zu machen was die 4 F der Turnerei ſagen, zu friſchen, frommen, freien und frohen Menſchen. Das Höchſte hatte er im Auge; der menſchliche Leib, deſſen Ausbildung er ſich zur Lebensaufgabe ge⸗ wählt, war ihm nicht blos Werkzeug, Organ des Menſchengeiſtes, er ſah deſſen höchſte Aufgabe darin: ein Tempel des lebendigen Gottes zu werden und hierzu wollte er ihn in Zucht und Pflege genommen wiſſen. Um aber ſein ganzes Turnen in Ziel und Weſen recht und vollſtändig zu verſtehen, müßen wir den Mann kennen lernen nach ſeinem Charakter, ſeinen Grundſätzen, ſeiner Weltan⸗ ſchauung, ſeinen Ueberzeugungen.

Adolf Spieß war der Sohn eines heſſiſchen Geiſtlichen, geboren zu Lauterbach im Vogelsberg. Sein Vater ſtammt aus Maſtfeld in Thüringen, ſeine Mutter war die Tochter eines Officiers,eine ſehr geſcheidte fromme Frau; ſie hatte großen Einfluß auf den Kna⸗ ben, der das älteſte Kind des Hauſes war. Durch die erſten Jahre ſeiner Kindheit wehte der friſche Hauch hoher vaterländiſcher Be⸗ geiſterung in den Jahren der großen Freiheitskämpfe und konnte dem 4 und 5jährigen Kinde auch noch nicht verſtändlich ſein, was in den Ebenen von Leipzig und Waterloo geſchah, ſo wiſſen wir doch von Spieß ſelbſt, daß jene großen Ereigniſſe einen Eindruck in ſeiner Seele hinterlaſſen haben. Läßt doch der Lichtſtrahl ſeine klare Spur in der Silberplatte zurück; eine gut beanlagte Kindesſeele aber iſt zarter als dies todte Metall. Auch währte ja die gehobene Stimmung der Jahre 1813 15 noch geraume Zeit durch die folgenden Jahre; die Zeit der erſten Entfaltung des reichbegabten Knaben unddie lebhafte Begei⸗ ſterung für jede Großthat, der Ernſt der Geſinnung, der feſte Glaube an den göttlichen Beiſtand bei jedem reinen Unternehmen. Was ein naher Freund im Nekrolog als Haupteigenſchaften des Heimgegan⸗ genen rühmte, hat wohl ſeine Wurzeln ſchon in ſeiner Knabenzeit. Im Jahre 1811 ward ſein Vater aus dem Gebirgsſtädtchen in die rege Induſtrieſtadt Offenbach a. M. verſetzt. Er erhielt dort die zweite Pfarrſtelle und errichtete eine Privaterziehungsanſtalt, die auch von Ausländern vielfach beſucht wurde. Der Geſichtskreis des Kna⸗ ben erweiterte ſich in dieſen neuen Verhältniſſen in eine vielgeſtaltigere Welt. In einem wohlgeordneten Hausweſen, im Verkehr mit den Zöglingen von mancherlei Art, entwickelte ſich frühe ein energiſches Weſen und ältere Freunde ſagen, daß er ſchon damals eine beſondere Geſchicklichkeit im Erfinden und Ordnen friſcher, heiterer Spiele zeigte. Eine früherwachte Liebe zum Zeichnen, ein entſchiedenes Talent zur Muſik, fand in kunſtliebenden Kreiſen der Stadt reichliche Pflege. Die gymnaſtiſchen Uebungen in der väterlichen Erziehungsanſtalt ent⸗ wickelten ſeine Neigung zum Turnen, die ebenſo entſchieden war wie ſeine Befähigung.

Im Jahr 1828 bezog er die Univerſität Gießen, um Theologie zu ſtudiren. Der tiefe Ernſt, den er ſpäter allen relegiöſen Fragen zuwandte, trat damals noch nicht hervor, die damalige Theologie konnte ihn auch nicht erwecken doch zeigte ſich die Energie ſeiner ſittlichen Natur ſchon klar in dem Streben, durch Erweckung reiner keuſcher Geſinnung und durch Pflege gymnaſtiſcher Uebungen ein Ge⸗ gengewicht zu bilden gegen das gedankenloſe wüſte Treiben vieler Com⸗ militonen. In Gießen blühte damals noch die Burſchenſchaft; er trat nicht als Mitglied ein, hielt ſich aber zu ihr, lebte jedoch meiſt ſtill für ſich, ſo daß er, zumal er gewöhnlich etwas phantaſtiſch gekleidet war, wohl für einen Träumer galt. In ſeiner Wohnung hatte er einen Turnapparat, an dem er ſeine ſchon große Fertigkeit bis zur vollen Meiſterſchaft auszubilden ſtrebte. In der Fechtkunſt, die da⸗

.

mals allin Jahre 1829, er nach Hall rauide uus und ſe Deut dr und Fie umaliger g dle Habſeli gießen aus nach ſſenach tyal, wo ſi deſſen Bibd rjett Weit Das theolog un Eifer ge die hier viele geütrt, an Freunde in Spielen war nen und me und Barren du boten d den verfalle Fechtſaal we die am häuf halten, daß fonnte. In Turnfahrt! in die gülde Harz nach; Kölleda der die Herzen 1830 um Es war d jetzt. Sch Turnfahrt dns des T Boden und damaligen Ledürfniſ Feind al ſdiſige Kält lin doch? dung in Peſt und

der fürch

ſeiner O

uns erzä gebührlic fen woll Thüre m