ihm offenbar entgegen; aber ſeltſam, in dem Maße als ſie dies that, gefiel ſie ihm weniger, kam ſie ihm leerer, eitler vor. Es war kein Herz, das ſich ihm aufſchloß, ſondern blos eine— Partie! Er that ſeinerſeits keine Schritte vorwärts, und doch zog ihn ihr Reiz wieder an; ſo fühlte er ſich wie ein Korkkügelchen zwiſchen zwei electriſchen Polen hin und hergeſtoßen. Erſt als 1701 der Ausbruch des ſpaniſchen Erbfolgekrieges drohte, dachte er lebhafter denn je an ſeine Rückkehr nach Deutſchland, und wollte nun vorher ins Klare kommen, wie er mit Amélie daran ſei; eine zufällige Aeußerung von ihr gab ihm Muth, ein Wort zu wagen, indem ſie zugleich ſein Herz ihr entfrem⸗ dete. Es kam an einem Abend, den er bei Quereys zubrachte, das Geſpräch auf die heimlichen Gottesdienſte, welche die abtrünnigen Neubekehrten in den Sevennen in Schluchten und Waldeinöden hielten, und es wurde erzählt, wie eine ſolche Verſammlung kürzlich von Truppen überfallen und zum großen Theile niedergeſchoſſen und niedergemetzelt worden ſei.„Schauderhaft,“ rief Karl, und bebte innerlich vor Entrüſtung.„Aber warum,“ ſagte die reizende Amélie, „ſind dieſe Leute auch ſo thöricht? Der König hat es ihnen nun einmal befohlen, katholiſch zu werden, ſo ſollen ſie gehorchen. Eine Religion, bei der der König ſelig werden kann, wird wohl auch für dieſe Bauern gut genug ſein.“ Karl biß ſich in die Lippen und ſagte mit erzwungenem Lächeln:„Ihr Wort, mein Fräulein, läßt mich hoffen, daß auch Sie Ihrerſeits, wenn Sie in dem Lande eines proteſtantiſchen Fürſten lebten, keinen Anſtand nehmen würden, ſeine Religion zu der Ihrigen zu machen.“ Eine glühende Zorn⸗ röthe flog über Amélies Geſicht.„Ich würde der Mutter Kirche nie untreu werden,“ ſagte ſie mit beſtimmtem Tone.„Und das würde in proteſtantiſchen Ländern auch niemand von Ihnen verlangen,“ ſetzte Karl, durch dieſe Antwort ſchon halb verſöhnt, hinzu.„Aber bedenken Sie, daß Sie das heilige Recht, welches Sie für ſich in Anſpruch nehmen, auch andern zuzugeſtehen ſchuldig ſind: das Recht, Gott nach Gewiſſen und Ueberzeugung zu verehren.“
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Man brach das Geſpräch ab, aber eine zurückbleibende Ver⸗ ſtimmung auf Ameélies Seite fiel Karl auf. Gerade dies reizte ihn wieder zu weiterer Annäherung. Er fand in ihr, was er früher nicht gefunden— Charakter, und war neu bezaubert. So ver⸗ gingen wieder ein Paar Monate. Aber ſchon hatte der Krieg in Italien begonnen; ſollte ſeine Rückkehr nicht wieder auf Jahre hinaus gefährdet werden, ſo mußte ein entſcheidender Schritt geſchehen. Er hielt um ſie an und erhielt ein unbedenkliches Ja. Erſt als er die Verhältniſſe mit ihrem Vater näher beſprach, wurde ihm zu ſeiner Ueberraſchung nicht nur die ſich für ihn von ſelbſt verſtehende Be⸗ dingung geſtellt, daß ſie in ihrem Glauben unangefochten bleiben ſolle, ſondern auch die weitere, daß er ſeine Güter in Deutſchland verkaufen, mit ihr nach Toulouſe ziehen und wenn nicht ſelbſt katholiſch werden, doch in die katholiſche Erziehung aller zu hoffenden Kinder willigen ſolle. Vergeblich blieben alle Gegenvorſtellungen bei ihrem bigotten Vater; er wandte ſich nun an ſie ſelbſt, er redete an ihr Herz, er wähnte, das Weib, das den Mann liebe, werde ihm freudig überall hin folgen; aber mit ſpitziger Beſtimmtheit erklärte ſie ihm, daß ſie die Stadt Toulouſe nie und unter keiner Bedingung verlaſſen werde. „In dieſem Falle rathe ich Ihnen, ſich mit der Stadt Toulouſe zu vermählen,“ erwiderte er und ging, ſchwer ſich ärgernd über ſich ſelbſt, daß er von dieſem eitlen herzloſen Weſen ſich ſo lange habe bezaubern laſſen, um ihretwillen einige ſo koſtbare Jahre ſeines Lebens ver⸗ loren habe.
Herr Requillet verwandelte ihm den Betrag der Summe, die er ſich erſpart hatte, in Wechſel auf ein Augsburger Bankierhaus, die er überall verkaufen konnte. Er dankte dem Ehrenmanne für all ſeine ſo treu bewährte Liebe, nahm Abſchied, und trat im Anfang Auguſt 1702, nunmehr ein bald 37jähriger Mann, die Rückreiſe nach Deutſchland an.
(Fortſetzung folgt.)
Der Yater des deutſchen Freiturnens.
Am dreizehnten März d. J. wurde in der ſtädtiſchen Turn⸗ halle zu Darmſtadt ein neuer Lehrerturncurſus eröffnet. Bei dieſer Gelegenheit wurde ein ſchön gemaltes Oelbild des Mannes, unter deſſen Leitung einſt dieſe Turnhalle gebaut und die Turncurſe ein⸗ geführt worden waren, an einer Wand der Halle aufgehängt und ein naher Freund des nun ſeit ſieben Jahren Entſchlafenen ſchilderte mit bewegtem Herzen den Mann, wie er lebte und wirkte. Die ganze Feier trug den beſcheidenen Charakter einer Gedächtnißfeier im engen Kreiſe naher Freunde, aber der Mann, dem ſie galt, Adolf Spieß, hat eine Bedeutung für unſer ganzes Vater⸗ land und drüber hinaus; ſein Name iſt nicht blos in die Jahrbücher der deutſchen Turnkunſt als einer der erſten bereits eingetra⸗ gen, ſondern er wird auch in den Jahrbüchern der deutſchen Cultur⸗ geſchichte ſeine Stelle finden. Adolf Spieß hat nicht blos das deutſche Turnweſen in genialer Weiſe fortgebildet, ſondern er hat in ſich ſelbſt das Große und Schöne der vier in Kreuzform ſtehenden Fals des Sinnbildes der Turner in dem Wahlſpruch: Friſch, fromm, fröhlich, frei! in herrlichſter Harmonie perſönlich dargeſtellt.
Es ſei uns, ehe wir ſein Lebensbild zu zeichnen verſuchen, zunächſt über das Turnen ſeines Vorgängers Jahn ein Wort vergönnt.
Im Frühjahr 1810 ward der erſte Turnplatz in Berlin einge⸗ richtet und mit allerlei Turngeräthe verſehen. Schon damals drang Jahn darauf, daß das Turnen in den Plan der geſammten nationalen Erziehung aufgenommen werde. Als Turnziel bezeichnete er: Die Bildung zur Wehrhaftigkeit, zur Vertheidigung des Vaterlands. Er war denn auch einer der erſten, der mit ſeinen Turnern in das Lützowſche Freicorps trat. 1815 ward Jahn von Staatswegen als Lehrer der Turnkunſt in Berlin angeſtellt. Mit Begründung der Burſchenſchaft fand das Turnweſen Eingang auf die deutſchen Univerſitäten. Ins eigentliche Volksleben drang jedoch das Jahnſche Turnen nicht; und daran war nicht etwa blos das nachmalige Ver⸗ bot der Turnanſtalten Schuld, ſondern in vieler Hinſicht das Jahnſche Turnen ſelbſt.
Es iſt Thatſache, daß in vielen Turnvereinen, auch wenn ſie
wirklich turnen und der Vereinszweck nicht in Kneipen und derglei⸗ chen aufgeht, gewöhnlich nur einige wenige exeelliren, die entſchieden große Mehrzahl aber wenig leiſtet, ja über die Anfangsgründe gar nicht hinauskommt. Dieſe Mehrzahl verliert in der Regel auch bald alle Luſt an den mühſamen Uebungen. An den Tagen, wo nicht riegenweiſe geturnt wird, ſondern„freies Turnen“ iſt, ſieht man meiſt nur ſehr wenige ſich üben. Es iſt da oft die Trägheit und die weich⸗ liche Genußſucht Schuld, aber auch der Umſtand, der im Jahnſchen Turnen ſelbſt liegt, daß nämlich nur die beſonders robuſten Naturen über die Anfangsgründe hinaus zu den Uebungs⸗ reſp. Kunſtſtücken gelangen, wo das Turnen den eigentlichen Reiz gewährt.
Das Jahnſche Turnen, wie es bis Ende der vierziger Jahre allgemein betrieben wurde, hat noch einen andern Mangel. Kraft und Gewandtheit ſchafft es ohne Zweifel den beſonders Begabten in außerordentlichem Maße; Muskeln von Stahl laſſen ſich an dieſen einfachen Geräthſchaften bilden, dabei aber führt es etwas mit ſich, was wenigſtens hart an das athletiſche Weſen anſtreift, dem ſchon die freiſin⸗ nigen Griechen nicht hold waren. Es war wohl ein boshafter Spott, wenn vor etlichen Jahren geſagt wurde, der Kunſtreiter Renz habe den auf dem großen deutſchen Turnfeſt zu London mit den erſten Preiſen gekrönten jungen Leuten(achtbaren Kaufleuten aus gebildeten Familien) das Anerbieten gemacht, als Clowns in ſeinen Circus zu treten. Aber etwas iſt daran; die ſchlichten Leute in unſerm Volk, die einmal auf einen Turnplatz kommen, können die Vorſtellung von Bajazzos und dgl. nicht leicht von den Turner losbringen.
Dazu kommt noch eines. Schon im Lützowſchen Freicorps hatte man viel Noth mit dem Mangel an Subordination bei den Jahnſchen Turnern. Und nachmals trat eine gewiſſe Ueberhebung der Turnerei, die ſich faſt als den wichtigſten Staatszweck anſah, eine zur Schau getragene Verachtung aller feinen Sitte in ſo widerlicher Weiſe hervor, daß jeder beſonnene Menſch geſtehen mußte, daß dieſe Turnerei wohl körperlich kräftige und gewandte, aber ſonſt plumpe, dünkelhafte, dazu naſeweiſe, ihren Eltern und Lehrern widerſtrebende Jünglinge erzog. Die Turnerei bedurfte einer Reform, einer Ergänzung im Techniſchen, wie eines neuen Geiſtes in ihrem innern
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