Jahrgang 
1865
Seite
687
Einzelbild herunterladen

Und

*½

ſich dort eine

dern Petenten

binſtarrend Gebäude.

adung hatte nach Mmſtlt nichts guit nch richt de 9d dies Atei ar Biſtwälr

ihm nocj in 7 diſte raßbburg 1a von Mecilé on des en Balt en warat Frau I. erte die an denn ji

68

In ſolcher Lage, als ein Bettler in ſeine Heimat zurückzukehren, dagegen empörte ſich ſein Stolz. Ihm fiel ein andrer Weg ein.

Auf dem Schiffe, das ihn von Plymouth nach Cherbourg brachte, hatte er einen Kaufmann aus Toulouſe kennen lernen, einen reichen gebildeten Mann, der an ſeinen Erzählungen lebhaftes Intereſſe ge⸗ nommen. Zu ihm wollte er ſich wenden. Er verkaufte die einzige Koſtbarkeit, die er beſaß, ſeine Taſchenuhr, und reiſte auf die wohl⸗ feilſte Weiſe, die er erſinnen konnte, theils zu Fuße, theils mit Ge⸗ legenheitsfuhren nach Toulouſe. Herr Requillet war erſtaunt, ihn zu ſehen. Er vertraute ihm ſeine ganze Lebensgeſchichte, ſeinen zweimaligen Namenswechſel, ſein ganzes Unglück an und fand Hilfe. Herr Requillet gab ihm zugleich Wohuung in ſeinem eignen Hauſe und eine Stelle in ſeinem Comptoir. Er hatte das nicht zu bereuen; denn Karl, durch ſeinen frühern Beruf im Rechnungsweſen geübt und mit den Handelsverhältniſſen vertraut, fand ſich ſchnell in die neue Thätigkeit, und erwies ſich als ein äußerſt brauchbarer Ge⸗ hilfe ſeines Wohlthäters. Dieſer erhöhte den ſehr anſtändigen Gehalt, den er ihm ſogleich anfangs geboten, bald auf das Doppelte. Karl konnte nun daran denken, ſeine Schuld in Paris zu berichtigen; aber als er eben das Packet verſiegelte, trat Herr Requillet zu ihm, und ſagte:Was machen Sie da? Laſſen Sie das! Dieſen kleinen Poſten habe ich ſogleich am erſten Tage berichtigt, als Sie in mein Haus traten und mir Ihre Noth klagten.

Karl verlebte in Requillets Hauſe vier glückliche Jahre; glückliche, weil er eine geordnete Berufsthätigkeit hatte, weil man ihn achtete und liebte; weil er Hoffnung hatte, bald ſoviel erübrigt zu haben, um mit Ehren zu ſeinem Vater heimkehren zu können. Daß er nicht immer in Toulouſe bleiben wolle, fand auch Herr Requillet natürlich. Derſelbe hatte durch Kaufleute, die die Frankfurter Meſſe beſuchten, im ſtillen Erkundigungen über Herrn v. Eſchenthal einziehen laſſen, und konnte am letzten Abend des 17. Jahrhunderts Karl mit der Nachricht erfreuen, daß ſein Vater noch lebe. Dieſe frohe Nachricht weckte in ihm von neuem die Sehnſucht nach der Rückkehr. Es war aber noch ein andrer Umſtand, der ein Bleiben in Toulouſe auf die Dauer als unthunlich erſcheinen ließ.

AlsElſäßer, wofür er galt, war Karl für ſeine Perſon zwar in ſeinem lutheriſchen Glauben perſönlich unangefochten, aber daß er des Gottesdienſtes ſo ganz und gar entbehren mußte, wurde ihm ſchwer. Seine Studien der engliſchen Bibel hatten wenigſtens das bewirkt, ihn zu einem guten Proteſtanten zu machen, der ſich und andern über die Richtigkeit der evangeliſchen Lehrſätze Rechen⸗ ſchaft zu geben vermochte. Um ſo mehr war ſein Herz empört über die Art, wie Ludwig XIV, von dem Jeſuiten La Chaiſe und dem Kanzler Letellier geleitet, die Reformirten verfolgt hatte und noch verfolgte. In Requillets Hauſe erſchien jede Woche ein armer alter geiſtesſchwacher Mann, und erhielt als Almoſen ein warmes Eſſen und etwas Geld. Karl war nicht wenig erſtaunt, als Herr Re⸗ quillet ihm eines Tages ſagte:Dieſer Mann war vor zwanzig Jahren ein wohlhabender Kaufmann, wie ich.Um Gotteswillen, ſagte Karl,wie hat er denn das angefangen, ſo herunterzukommen? Er war reformirt, und hat von ſeinem Glauben nicht laſſen wollen, verſetzte Requillet.Als die ſcheußlichen Dragonaden anfingen, wurde auch in ſein Haus eine halbe Compagnie Einquartierung ge⸗ legt; ſie fingen damit an, alles Mobiliar zu zerſchlagen, alle Vor⸗ räthe an Wäſche und Lebensmitteln zum Fenſter hinauszuwerfen, ihn und ſeine Frau und Kinder zu mißhandeln ſeinen jüngſten Knaben haben ſie zum Krüppel geſchlagen! Da er ſammt den Seinen feſt blieb und ſich weigerte, das Crueifix zu küſſen, das ſie ihm ent⸗ gegenhieltenAber wäre das denn etwas Unrechtes geweſen? unterbrach ihn Karl.Hören Sie mich zu Ende, verſetzte Re⸗ quillet.Ich will Ihre Phantaſie nicht martern mit all den raffi⸗ nirten Grauſamkeiten, die an dem Unglücklichen vor ſeinen Augen an ſeinen Kindern verübt wurden. Die natürliche Elternliebe wurde in die Schranken gerufen gegen die religiöſe Ueberzeugung. In einem furchtbaren Augenblick ſein Weib aus den Händen der Wüthriche zu retten, küßte er das Crucifix. Damit galt er als übergetreten; ſie wollten ihn in die Meſſe ſchleppen, er ſtemmte ſich; da riſſen ſie ihm o es iſt grauenhaft zu ſagen, und unſre eignen edelſten Biſchöfe, ein Fénelon, ein Noailles, u. a. haben im Verein mit braven Generalen, wie Catinat und Vauban, ihre Entrüſtung über dieſe Profanation des Heiligſten laut ausgeſprochen die Dragoner rißen ihm den Mund auf und ſchoben ihm mit Gewalt eine ge⸗

weihte Hoſtie in den Schlund.Aber warum iſt man gerade mit dieſem Manne ſo grauſam umgegangen? fragte Karl.Man iſt, verſetzte der Kaufmann,mit ihm nicht ſchlimmer umgegangen, als mit den andern. Tauſende und hunderttauſende, namentlich in Poitou, Bearn und Languedoc, wurden auf die nämliche Weiſe behandelt. Waren die Wüthriche in einem Hauſe fertig, ſo zogen ſie ins nächſte.Und darüber hat der unglückliche Mann den Verſtand verloren?Er wollte trotz dem Kuß, den er auf das Crucifix gedrückt, von einem geſchehenen Uebertritt nichts wiſſen; als die Dragoner ſein Haus verlaſſen hatten, hielt er ſich ganz ſtille, man bemerkte, daß er nicht zur Meſſe kam; man paßte ihm auf und ertappte ihn eines Abends, wie er den Seinen eine reformirte Pre⸗ digt vorlas. Nun hatte aber der König zwei furchtbare Geſetze ge⸗ geben; das eine erklärte jeden unter den ſogenannten Neubekehrten, welcher zu reformirten Andachtsübungen zurückkehren würde, für einen Abtrünnigen, und verhängte die furchtbarſten Strafen über ihn. Ein zweites Geſetz verbot allen, den Reformirtgebliebenen wie den Neubekehrten, die Auswanderung oder Flucht aus dem König⸗ reich bei lebenslänglicher Galeerenſtrafe. Denken Sie ſich, in welcher ſchauderhaften Lage die Unglücklichen ſich befanden! Hun⸗ derttauſende verſuchten gleichwohl die FluchtJa, davon weiß ich, ſagte Karlund vielen gelang ſie. Hunderte aber ſind an die Galeeren geſchmiedet.Furchtbar! Und unſer Alter?Nachdem man ihn bei der Predigt ertappt hatte, kehrte die Einquartierung in ſein Haus zurück. Seine Frau wurde vor Schrecken vom Schlag gerührt und ſtarb; die Kinder wurden fortge⸗ ſchleppt, um in Klöſtern erzogen zu werden; gegen ihn ſelbſt wandten ſie eine Marter an, von der ſie bei hunderten und tauſenden Gebrauch machten; ſie entzogen ihm den Schlaf.Wie? fragte Karl, dem es nicht ſogleich einleuchtete, daß dies in die Kategorie der Martern gehöre.Untereinander truppweiſe ſich ablöſend, erhielten ſie ihn in der erſten Nacht durch wiederholte Trommelwirbel wach; ſo oft dann ſeine todtmüden Augenlider zunickten, weckten ſie ihn durch Nadel⸗ ſtiche, durch Rauch, den ſie in ſeine Naſe blieſen, und als auch dies nicht mehr wirken wollte, durch glühende Kohlen, mit denen ſie ihn brannten. Als ſie ſechs Tage und Nächte ſo fortgefahren hatten, be⸗ fand er ſich in einem völlig willenloſen blödſinnigen Scelenzuſtand, in welchem man alles mit ihm machen konnte. Man hielt ihm ein Ueber⸗ trittsformular hin, mit der Weiſung, ſeinen Namen darunter zu ſchreiben. Er ſchrieb, und hernach ſchlief er ein. Aus ſeinem Schlafe iſt er nach drei Tagen, aus ſeinem Blödſinn nie mehr aufgewacht. Karl erfuhr mit Schaudern, daß es hunderte ſolcher Unglück⸗ lichen in Frankreich gab, die auf die gleiche Art um ihre Seelenkräfte gebracht waren. Schon im Jahre 1698 hatte dies Geſpräch ſtattge⸗ funden, und ſchon damals hätte er am liebſten ſogleich Toulouſe und den franzöſiſchen Boden verlaſſen. Aber damals hatte er ſich noch nicht ſoviel zurückgelegt, um auch nur die Reiſe unternehmen zu können. Nachher aber hielt ihn die Macht einer anderen Feſſel einige Jahre lang feſt. Es war kein Wunder, daß in dem 34jährigen Manne endlich die ſo lange zurückgedrängten Empfindungen der Liebe erwachten.

Zwar nicht mit dem Ungeſtüm, wie man es von ſeinem leidenſchaft⸗

lichen Naturell hätte erwarten ſollen. Durch ſeine lange Gefangen⸗ ſchaft war die Glut ſeines Temperaments ſichtlich gedämpft und ge⸗ bändigt worden, und auch ſein Bibelſtudium wird ſchwerlich ohne wohlthätig beſänftigenden Einfluß geblieben ſein. Indeß auch der Gegenſtand ſeiner Liebe war von der Art, daß es zu einem plötzlichen Auflodern der Gefühle nicht kommen konnte. Amélie de Querey, die 22jährige Tochter eines mit Requillet befreundeten Stadtſyndicus, bezauberte Karl durch ihr reizendes Aeußere ſowie durch ihre ſüd⸗ franzöſiſche Lebhaftigkeit und Munterkeit; aber nur bezaubert fühlte er ſich, nicht hingezogen. Ob hinter dieſem leichten, glatten, äußeren Benehmen auch ein Herz, hinter dieſemesprit auch eine Seele wohne, das hätte er gern gewußt. Drum beobachtete er ſie in der Stille; ſeine Verhältniſſe waren ja fürs erſte ohnehin nicht von der Art, daß er an eine Bewerbung hätte denken dürfen. Erſt um 1700 merkte er aus Andeutungen Requillets, daß Herr de Querey ihn ganz gerne zum Schwiegerſohn und Aſſocié annehmen würde. Das erſtere wäre ihm ſchon recht geweſen, aber nicht das letztere; denn nach Deutſchland zurückzukehren, war er unbedingt entſchloſſen. Ob Amélie ihm dorthin folgen würde? Er ließ Winke fallen, daß er in Deutſchland Güter beſitze und eigentlich von Adel ſei. Sie war von dem Augenblicke an noch freundlicher gegen ihn als zuvor, und kom