Jahrgang 
1865
Seite
686
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lächelnd,aber d'abord will ich dem Vater den verlorenen Sohn zurückgeben. 1

Er ging, während Frau von Lenk ihrem Gemahl die Sache aufhellte, und ließ ſich ſtehenden Fußes bei Herrn von Eſchenthal melden.

Pardonnez-moi, ſprach er,wenn ich Sie ſtöre zu ſo unge⸗ wöhnlicher Stund. Aber Sie haben verloren einen Sohn, und ich habe gefunden Ihren Sohn.

Herr v. Eſchenthal ſah ihn mit großen Augen an, und wußte nicht, ob er einen Geſunden oder einen Kranken vor ſich habe.

Sie kennen mich nicht. Ich bin der Marquis de Perilles, beau-père von Kammerherrn v. Lenk. Ihr Sohn iſt der Retter meines Lebens. Es war im Auguſt, mil six cent quatre-vingt- quatre, daß er gegangen iſt in die Welt?

Den ſechſten Auguſt, ſtammelte zitternd Herr v. Eſchenthal.

Ich denke nicht, daß er getragen hat zu Haus den braunen Kamiſol und den ſchwarzen Mantel, in dem ich ihn habe geſehen. Aber hat er nicht getragen geſchlitzte Beinkleid von feinem grauem Tuch mit gelbſeidenem Futter in die Schlitz und ſeidene Band?

O Gott! das war ſein Anzug!

Der Marquis erzählte nun ausführlich, wo und wie er ihn ge⸗ troffen. Er erzählte, daß Karl in Straßburg als Steuercontrolleur angeſtellt ſei, und daß der Steuerintendant Herr v. Meville ihm ſichere Auskunft über ihn geben könne.

Mit vor Freude zitternder Hand ſchrieb Herr v. Eſchenthal augenblicklich an dieſen. Die Antwort, die er nach einigen Wochen erhielt, war aber eine ſchmerzliche Täuſchung.

Karl Kaltſchmidt habe mit der Regierung in Paris bereits vor ſieben Jahren ein räthſelhaftes Zerwürfniß gehabt, in deſſen Folge er auf eine ſchlechtere Stelle verſetzt worden ſei. Dies habe er ſich nicht wollen gefallen laſſen, und ſei Knall und Fall fortgegangen; man habe ſchon damals allgemein geglaubt: zur Armee, und Kauf⸗ mann Bernthal, dem er ſein Vermögen zur Verwaltung übergeben habe, beſtätige dies, und ſei nach langer Weigerung endlich mit der Entdeckung herausgerückt, daß er unter dem Namen Steinmann in Flandern Dienſte genommen. In den erſten Jahren habe er ſich nach einander den größten Theil ſeines Vermögens ſchicken laſſen; ſeit ſieben Jahren ſei aber kein Brief mehr von ihm eingetroffen und die an ihn geſchriebenen uneröffnet zurückgekommen. Uebrigens ſolle man ſich an den Obriſt von Marcel wenden; der werde am erſten Auskunft über ihn geben können. Herr v. Meville fügte dieſer niederſchlagenden Nachricht das Verſprechen bei, ſich zunächſt nach dem Aufenthaltsorte Marcels und dann bei dieſem nach Karl er⸗ kundigen zu wollen.

Der ſonſt ſo ruhige und gefaßte Herr v. Eſchenthal ſank, als er dieſen Brief geleſen, in krampfhaftem Schluchzen auf ſeinen Stuhl. Es war grauſam, ſo aus jahrelanger Reſignation zu vergeblicher Hoffnung aufgeſtachelt zu werden nur um dieſe Hoffnung in neues Dunkel begraben zu müſſen.

Sollte er jetzt noch hoffen? Er war auf alles gefaßt. Zwei Monate ſpäter ſchickte ihm Meville einen vom Regimentskommando unterſchriebenen Zettel, die Worte enthaltend:

Karl Steinmann aus Biſchweiler, Kgl. Lieutenant beim lten Infanterieregiment ſeit der Schlacht bei Neerwinden ver⸗ ſchollen, vhne Zweifel gefallen.

Am untern Rande ſtand noch mit Bleiſtift die Bemerkung: Während der Feind verfolgt wurde, wurden die Gebliebenen, auch die Franzoſen, in Eile eingeſcharrt, ohne daß man ein genaues Ver⸗ zeichniß der Gefallenen aufzunehmen ſich die Zeit nahm.

Er las den Zettel, und legte ihn ruhig in ſein Pult.

5. Geduld lernen!

Mit dem Ryßwycker Frieden im Jahre 1697 kam endlich der Tag, der Karl ſeine Freiheit zurückgab. Die Kriegsgefangenen wurden ausgewechſelt. Karl landete in Cherbourg. Eine kleine Summe in Geldpapieren, die ihm bei ſeiner Gefangennehmung abge⸗ nommen worden war, wurde ihm zurückgeſtellt, und reichte gerade hin, daß er nach Paris reiſen konnte. Er zweifelte nicht daran, er werde eine Penſion oder eine Verwendung im Civilfache erhalten. Er mel⸗ dete ſich beim Kriegsminiſterium um ſeinen Abſchied und um eine Verſorgung; aber derartiger Meldungen waren ſo viele, daß er

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Monate lang warten mußte. Wäre nur Marcel zu Paris oder in der Nähe geweſen! Aber dieſer ſtand, wie Karl auf ſeine Erkundi⸗ gungen hin vernahm, mit dem ganzen Regiment jetzt in Marſeille. So war er ohne Freund, ohne Gönner. Seine Ungeduld ſtieg von Woche zu Woche; mehrmals erneuerte er ſein Geſuch; es blieb ohne Antwort. Und doch brannte ihm der Boden unter den Füßen. Sein Geld war aufgezehrt; er lebte einſtweilen auf Borg, kümmerlich genug! Sobald er ſeinen Abſchied und irgend eine Ausſicht auf Ver⸗ wendung oder Penſion hätte, wollte er nach Straßburg reiſen, den Reſt ſeines Vermögens, der immer noch über 1000 Livres betragen mußte, erheben, dann vor allen Dingen eine Reiſe in ſeine Heimat machen und ſich ſeinem Vater zu Füßen zu werfen. Denn ſoviel ſah er bei ſeiner jetzigen Welterfahrung ein, daß ihm aus dem nun längſt verjährten Vergehen ſeiner Jugend keine ernſtliche Gefahr mehr er⸗ wachſen werde; übrigens beabſichtigte er ſeine Heimkehr auch mit aller Vorſicht ins Werk zu ſetzen, den Namen Steinmann beizubehal⸗ ten, und ſich fürerſt niemanden, als ſeinem Vater unter vier Augen, zu erkennen zu geben.

8 Aber drei Monate hatte er nun ſchon vergeblich gewartet. Endlich bahnte er ſich mit Mühe einen Weg in die Bureaux des Kriegsminiſteriums. Er wurde von einem Beaniten zum andern geſchickt; niemand wollte von ſeinen Geſuchen etwas wiſſen. Endlich nahm ſich einer der Beamten die Mühe, darnach zu ſuchen, und richtig, die Geſuche fanden ſich noch uneröffnet.Iſt das der Lohn, rief Karl,für die Wunde, die ich im Dienſt des Königs hier trage(und dabei zeigte er ſeine durchlöcherte Hand)und für die Leiden vierjähriger Kriegsgefangenſchaft? Der Beamte ent⸗ ſchuldigte ſich mit den ſchönſten Redensarten und bat ihn, in drei Tagen wiederzukommen.

Sie nennen ſich Steinmann, ſagte er, als Karl wieder er⸗ ſchien,Steinmann aus Biſchweiler, Lieutenant im 4ten Infanterie⸗ regiment. Aber Lieutenant Steinmann iſt unter den Gefallenen ge⸗ meldet und in den Liſten als todt verzeichnet. Es kann das leicht auf einem Irrthum beruhen, und wir zweifeln nicht im mindeſten, daß Sie wirklich Lieutenant Steinmann ſind, und freuen uns, einen ſo tapfern Officier dem Dienſte des Königs erhalten zu ſehen; nur müſſen wir Sie, bevor etwas weiteres für Sie geſchehen kann, er⸗ ſuchen, uns Ihren Heimatſchein von Biſchweiler vorzulegen.

Ih habe keinen ſolchen bei mir, rief Karl:ich bin um meine Papiere und um alles was ich hatte, gekommen.

Dann müſſen Sie in Ihre Heimat reiſen und ſich dort eine neue Beglaubigung ausſtellen laſſen.

Damit wandte er Karl den Rücken, um einem andern Petenten Gehör zu geben.

Karl ſtand einen Augenblick ſprachlos vor ſich hinſtarrend; daun wandte er ſich und verließ raſchen Schrittes das Gebäude.

Auf eine Penſion, auf eine anderweitige Verwendung hatte er alſo nicht zu rechnen. Selbſt wenn er zu Marcel nach Marſeille gereiſt wäre, würde es ihm unter dieſen Umſtänden nichts genützt haben; denn das Zeugniß eines Freundes hätte doch nicht den Mangel eines amtlichen Atteſtes erſetzen können; und dies Atteſt konnte er aus begreiflichen Gründen nie erlangen, da er Biſchweiler nie geſehen hatte.

Mit Mühe bewog er ſeinen Pariſer Hauswirth, ihm noch eine weitere Summe vorzuſtrecken, mit welcher er nach Straßburg reiſte. Hier war ſein erſter Gang zum Steuerintendanten von Meollle. Er zog die Klingel, nicht ohne Verwunderung, daß vom Balkon des Hauſes die beiden ſchönen Granatbäume verſchwunden waren, die denſelben ſtets geziert hatten, und die der Stolz der Frau v. Me⸗ ville geweſen waren. Ein Diener erſchien, und erwiderte die Frage nach Herrn v. Meville mit der Gegenfrage, ob der Herr denn nicht wiſſe, daß Herr v. Meville ſchon ſeit einem Jahre todt ſei.

Von Schmerz und Beſtürzung ergriffen eilte Karl zu dem Kauf⸗ mann Bernthal, dem er ſein Vermögen übergeben hatte. Aber hier traf ihn ein noch furchtbarerer Schlag. Der Kaufmann, ein grund⸗ redlicher Mann, hatte in Folge einer Handelskriſe, die der Krieg herbeigeführt, vor anderthalb Jahren Bankerott gemacht, und lebte jetzt als Handlungsdiener in einem kleinen Provinzialſtädtchen. Karl war alſo ſo arm, wie vor dreizehn Jahren, als er von der Heimat floh und in den Wäldern übernachtete. Ja ſchlimmer noch, er hatte Shulden; er wußte nicht, wie er ſeinem Pariſer Hauswirth die vorgeſtreckte Summe zurückerſtatten ſollte.

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