— Zimmers im Thurme du Coin.— Renneville hat alle Gefängniſſe der Baſtille kennen gelernt, in allen geſchmachtet. Fünf Monate dauerte es, bevor er ſeine Wäſche wechſeln durfte, doch ſah er den Schließer Rü mit den ihm genommenen Hemden umhergehen. Mit großer Energie ſchildert er die Gewalthaber: St. Mars, Formanoir, der in der Baſtille Corbé genannt wurde, Rü und den Chirurgus Reilhe. Später Bernaville und den Abbé Giraut. Dagegen lobt er den Lieutenant Dujonca, der ein Tröſter der Gefangenen war. Dujonca ſtarb plötzlich 1706, wie Renneville behauptet, an Gift. In der That liegt die Vermuthung nahe, daß der einzige redliche Mann, der um das Geheimniß der Maske wußte, beſeitigt wurde. Dujonca ſollte aus der Baſtille in eine andre Stellung verſetzt wer⸗ den, als er plötzlich— ſtarb.— Durch Rennevilles Buch lernt man die Geſchichten vieler andrer Gefangenen kennen. Jeder hat beſondre Leiden durchzumachen gehabt. Daß man Renneville fürchtete, be⸗ weiſt der nächtliche Ueberfall, den drei Banditen in den Straßen Amſterdams gegen ihn nach ſeiner Freilaſſung unternahmen, als die erſten Bände ſeines Buches erſchienen waren.„Aber,“ ſagt er, „ich werde meinen Degen keinen Zollbreit ziehen: Si Deus pro nobis, quis contra nos? Es iſt ſchön für die Wahrheit zu ſterben.“ — Dieſe Sprache iſt nicht die eines Lügners, auch hat Renneville ſeine Kühnheit ſicherlich gebüßt, denn nach dem Erſcheinen der zweiten Auflage ſeines Werkes(1724) verſchwand er ſpurlos und iſt nie wieder zum Vorſchein gekommen. In welchem unterirdiſchen Kerker mag er umgekommen ſein?
Auffallend groß iſt die Anzahl der Gefangenen, denen die Be⸗ zeichnung:„Gründe der Haft unbekannt“ beigegeben iſt. Dann findet ſich wieder ein anſehnliches Contingent von angeblichen Falſch⸗ münzern. Einen höchſt bedauernswerthen Zuwachs lieferten die Proteſtanten nach der Aufhebung des Edicts von Nantes.
Von berühmten Männern, die eine Zeit lang in den düſtern Zimmern der Baſtille eingeſchloſſen waren, ſteht wohl obenan Voltaire. Der Götze ſeiner Zeit hieß damals noch Arguet. Er hatte ſeine Feder ſchon verſchiedene Male in geiſtreiche Bosheit getaucht, war außerdem vielen Leuten ein Dorn im Auge und ſollte wahrſcheinlich für lange Zeit verſchwinden. Das Gedicht:„Puero regnante“ mißfiel dem Regenten, Herzog von Orleans, ganz beſonders, obwohl ſonſt die Angriffe auf ſeine Perſon ihn ſehr gleichgültig ließen. Die Verhaftung Voltaires iſt eigenthümlich. Der Regent und Voltaire ſahen ſich im Garten des Palais Orleans. Plötzlich erhielt Voltaire den Befehl zum Regenten zu kommen.„Herr Arouet,“ redete der Herzog ihn an,„ich werde Ihnen etwas zeigen, was Sie noch nicht geſehen haben.“„Und das wäre, Hoheit?“„Die Baſtille.“ „Hoheit,“entgegnete Voltaire,„ich kann mir genau vorſtellen, wie dieſelbe ausſieht.“— Am folgenden Tage ſaß Arouet unter Schloß und Riegel. Der Regent hatte die Ordre ſehr lakoniſch abgefaßt. „Es iſt die Anſicht Sr. Hoheit, daß der Herr Arouet verhaftet und in die Baſtille geſteckt werde. Den fünfzehnten Mai 1717.— Orleans.“ Der Commiſſär Dſabeau brachte den jungen Dichter dahin, Intereſſant iſt der noch vorhandene Nachweis der bei Voltaire gefun⸗ denen Papiere, ſowie ſein erſtes Verhör, ferner die Liſte aller bei ſeiner Viſitirung ihm abgenommenen Sachen. Sie beſtand in: 1) zwei Büchern einer lateiniſch⸗griechiſchen Iliade und Odyſſee, 2) zwei Stück indiſchen Taſchentüchern, 3) einer kleinen Mütze, 4) zwei Cravatten, 5) einer Nachthaube, 6) einer kleinen Flaſche Nelken⸗Eſſenz. Dieſe Viſitation geſchah am einundzwanzigſten Mai.— Voltaire ging am achtzehnten November 1718 aus der Baſtille, ward aber 1726 den achtzehnten März zum zweiten Male hineingeworfen, blieb jedoch nur bis zum zwölften April gefangen.
Der Handel mit lettres de cachet, welcher während der Herr⸗ ſchaft der Marquiſe von Pompadour getrieben wurde, bietet die grauenhafteſten Epiſoden dar. Eigentlich war niemand mehr ſicher. Wer einen Feind, einen habſüchtigen Erben oder falſchen Freund im Rücken hatte, konnte durch den Befehl irgend eines Machthabers in die Baſtille geſteckt werden, wo er dann auf lange Zeit in Ver⸗ geſſenheit gerieth. Alle Beiſpiele verſchwinden aber vor der entſetz⸗ lichen Gewaltthat, die an Henri Mazerc von Latude verübt ward. Latude kam 1749 nach Paris als ein bildſchöner Mann von vier⸗ undzwanzig Jahren, den Kopf voll hochfliegender Plane. Die Sucht, ſich eine hohe Stellung zu verſchaffen, verleitete ihn, einen Schritt zu thun, der verhängnißvoll für ſein ganzes Leben werden ſollte. Eines Tages war er der ungeſehene Zeuge eines Geſpräches zwiſchen zwei
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Männern, die ſich im Tuileriengarten über die Pompadour unter⸗ hielten und die Geliebte des Monarchen in ſchmählichſter Weiſe be⸗ ſchimpften. Dieſes Geſpräch brachte Latude auf den Gedanken, der Be⸗ leidigten ſich als ſchützender, wohlwollender Ritter zu nahen. Er fertigte aus Kochſalz und Zucker ein Pulver an, that es in ein Briefcouvert, adreſſirte es an die Frau Marquiſe nach Verſailles und gab es auf die Poſt. Vor Eintreffen des Briefes begab er ſich in Perſon nach Verſailles und erhielt eine Audienz bei der Pompadour. Er erzählte der Marquiſe, wie er ein Geſpräch belauſcht und dadurch erfahren habe, daß gegen ſie ein Complot beſtehe, welches kein anderes Ziel erſtrebe, als die gehaßte Favoritin durch ein furchtbares Pulver, deſſen Dunſt ſofort tödtlich wirke, wenn nur das geringſte Stäubchen auf die Augen, in Mund oder Naſe komme, aus der Welt zu ſchaf⸗ fen. Die Verſchwörer hätten ein kleines Quantum davon in einen Brief geſchloſſen und ſolchen unter Adreſſe der Marquiſe zur Peſt gegeben.— Frau von Pompadour wußte recht wohl, daß ſie der Gegenſtand allgemeinen Haſſes war und die Giftmittel ſchienen ihr gar nicht außergewöhnlich. In großer Aufregung, aber hocherfreut, einen unerwarteten Freund in Latude kennen zu lernen, überhäufte ſie den jungen Mann mit Dankesworten, reichte ihm eine volle Börſe, die Latude natürlicherweiſe ausſchlug, aber auf Bitten der Marquiſe ſeine Adreſſe und Namen aufſchrieb, damit er von ihr, eines Edel⸗ mannes würdig, belohnt werden könne.
Latude glaubte ſchon die höchſten Ehrenpatente in der Taſche zu haben, als er Verſailles verließ. Unterdeſſen lief der angebliche Mordbrief ein. Er ward mit aller Vorſicht geöffnet und man fand zum Entſetzen der Marquiſe das Pulver. Auf Anrathen der Um⸗ gebung verſuchte man das Pulver bei Thieren. Eine Katze, ein Hund und ein Hahn fraßen davon, blieben aber vollſtändig geſund. Die Marquiſe wurde ſtutzig. Plötzlich fiel ihr Blick auf die Adreſſe des Briefes, ſie verglich die Handſchrift mit der vor ihr liegenden Schrift von Latude und erkannte ſofort die Aehnlichkeit. Sogleich ſtand der ganze Plan Latudes vor den Augen der gewandten Frau und ehe ſich der unglückliche Myſtificant aus ſeinen glänzenden Zu⸗ kunftsträumen aufgerüttelt hatte, ſaß er ſchon in der Baſtille.
Bei dem Verhöre geſtand Latude offen und frei, welche Abſicht er gehabt. Der Lieutenant Berryer ward gerührt und meldete das Reſultat der Marquiſe, die wider alles Erwarten die ſtrengſte Haft über ihn verhängte. Von nun an war Latude verloren. Nach acht⸗ monatlicher Haft begann er an ſeine Befreiung zu denken. Merk⸗ würdigerweiſe gelang es ihm, von den Wachen unerkannt aus der Baſtille zu entkommen, indem er langſam durch alle hindurchging. Er quartierte ſich in Paris ein und beging die unglaubliche Thorheit, an den König zu ſchreiben, ihm ſeine Flucht zu melden und um Ver⸗ zeihung zu bitten. Folgenden Tags ſaß er wieder in der Baſtille. Man verſprach ihm ſeine Freiheit, wenn er angeben wolle, wie die Flucht bewerkſtelligt worden ſei, um ſpäter andern Gefangenen das Entweichen unmöglich zu machen. Latude geſtand und nun erſt nahm ihn ein noch feſterer Kerker auf. Die Verzweiflung ergriff den Un⸗ glücklichen. Man hatte ihm Bücher bewilligt. In eines derſel ſchrieb er in einem Anfalle von Wuth beißende Verſe gegen die Pompadour. Ein Schließer überbrachte dem Gouverneur das Buch. Fünf Tage ſpäter ſaß Latude im Cachot. Berryer war ein Menſch, wie ſie ſelten in der Baſtille gefunden wurden. Er erleichterte Latu⸗ des Haft und gab ihm einen Gefährten, der aber nach ſechs Monaten ſtarb und zwar im Wahnſinn. Ein neuer Gefährte, Alégre aus Carpentras, war rüſtiger. Latude theilte ihm den Plan mit, aus der Baſtille entweichen zu wollen. Anfangs glaubte Alegre ſein Genoſſe ſei verrückt, aber Latude ſetzte ihm den Plan auseinander. Er wollte durch die Schornſteine auf das Dach und von da mittelſt einer Leiter ſich an dem Thurme du trésor in den Graben hinab⸗ laſſen. Etwas Tollkühneres hatte noch niemand erdacht. Latude hatte bemerkt, daß zwiſchen dem Fußboden ſeines und der Decke des unter demſelben liegenden Zimmers ein leerer Raum ſei. Hier wollte er die Werkzeuge verbergen. Dieſe beſtanden aus zwei Eiſenbändern, welche zur Tiſchplatte gehörten, einem Feuerſtahle und einer Säge, die Latude aus dem eiſernen Leuchter gefertigt hatte. Sechs Monate brauchten ſie, um die Gitterſtangen aus den Schornſteinen zu brechen, den Mörtel erweichten ſie durch aufgeſpritztes Waſſer, ihre Knöchel und Ellenbogen bluteten. Wenn ſie zu erſchöpft waren, arbeiteten ſie ihre Leiter und Stricke. Die Sproſſen waren aus den Scheiten geſchnitzt, die zur Feuerung geliefert wurden, jedes Stück wurde ein⸗
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