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Kirchenregiſter von St. Paul nach und fand hier, die Notiz Cheva⸗ liers beachtend, bei dem Namen Marchialy, auf welchen hier der Mas⸗ kirte beerdigt war, in kleinerer Schrift die beiden Worte:„hic ami- ral.“ Nun war ein neues Feld eröffnet. Jetzt mußte es wieder Beaufort geweſen ſein, die Schlüſſe häuften ſich, denn eigentlich war man ebenſo klug wie zuvor. Zuletzt trat der Literat Reth, unter welchem Pſeu⸗ donym man den Baron von Servidère vermuthete, mit der Behauptung auf: die Maske ſei der wegen ſeines Verrathes von Caſale verhaftete italieniſche Secretär Mathioli geweſen. Reth verfocht ſeine Anſicht ſehr gewandt, indem er die Namen Mathioli und Marchialy mit einander verglich. Indeſſen blieb er die Beantwortung der Haupt⸗ frage ſchuldig, die zwar ſehr plump iſt, aber ſich doch ſtets in den Vordergrund drängen wird: Wozu die Maske? Es mußte doch be⸗ ſonders daran liegen, die Geſichts⸗ züge zu verbergen. Dürfte eine Vermuthung Wahrſcheinlichkeit für ſich haben, ſo wäre es wohl die, nach der die Maske ein Bruder des Königs geweſen ſei. Ludwig XIV galt bekanntlich (und höchſt wahrſcheinlich iſt es auch richtig ſo) für einen Sohn Mazarins, deſſen Ehe mit Anna von Oeſterreich ſchon durch die Memoiren der Herzogin von Orleans außer allem Zweifel geſtellt iſt. Die Maske wird für einen Bruder des Königs ausgegeben; Aehnlichkeiten hät⸗ ten zu großen Verwicklungen führen können ꝛc. Dieſe An⸗ nahme hat viel Wahrſcheinlichkeit für ſich, doch erlaubt der Raum hier nicht, das Feld der Muth⸗ maßungen und Beweiſe weiter zu beſchreiten.
Nur auf einen Umſtand will ich noch aufmerkſam machen, der die Behauptung:„kein Zeit⸗ genoſſe der Maske habe ihrer erwähnt,“ unſicher machen dürfte und der vielleicht noch nicht in Betracht gezogen worden iſt. Conſtantin de Renneville, ein normanniſcher Edelmann, ward 1702 in die Baſtille geworfen. Ihm verdankt man die ausführ⸗ lichſte Geſchichte des Gefängniſſes, die er unter dem Titel:„L'Inqui- sition française ou l'histoire de la Bastille“ 1 715 zu Amſterdam herausgab. In der Vorrede zu dieſem Buche erzählt Renneville:
Er habe eines Tages im Saale der Baſtille einen Mann von mittlerem
Wuchſe, aber wohlgebaut, geſehen, deſſen Kopf ganz ſchwarz geweſen ſei. Dieſem Gefangenen habe er gleich den Rücken kehren müſſen. Nachher habe er den Schließer Rü um den Gefangenen gefragt und der Beamte habe ihm erwidert: Es ſei jener Mann ſchon 31 Jahre im Ker⸗ ker und St. Mars hätte ihn von den Margarethen⸗Inſeln mitge⸗ bracht. Er ſei zu ewigem Gefängniſſe verdammt, weil er einſt als Schüler von zwölf Jahren auf die Jeſuiten ſchlechte Verſe gemacht habe. Der Chirurg Reilhe beſtätigte dieſe Erzählung. Es iſt nicht ſo unwahrſcheinlich, daß dieſer Gefangene die Maske war. 1703 ſtarb dieſelbe, und nur der Umſtand iſt zu beachten, daß Renneville den Gefangenen 1705 geſehen haben will. Allein es iſt zu vielfach erwieſen, daß nicht nur die Namen, ſondern auch Datum und Jahres⸗ zahl in den Todtenregiſtern beliebig verändert wurden. Von dem Tode oder Freiwerden eines Mitgefangenen erfuhren die andern ſelten etwas, es wäre alſo nicht ſo unmöglich, daß eine Fälſchung der Jahreszahl ſtattgefunden hätte, denn Dujonca, der den Schein ausſtellte, ſtarb 1706. Mindeſtens iſt die Nachricht von der frühe⸗ ren Einſchließung des Gefangenen auf den Margarethen⸗Inſeln ſehr
Latudes Flucht aus der Baſtille.
Nach alten Originalen.
beachtenswerth, da ſie lange vor dem Bekanntwerden des Publikums mit der eiſernen Maske erwähnt wird und mit den ſpäteren Aus⸗ ſagen übereinſtimmt.
Noch während der Gefangenſchaft der eiſernen Maske ward 1702 Conſtantin de Renneville in die Baſtille geſetzt. Er ſtand in dem Verdacht, ein Spion Englands zu ſein. Seine Dienſte, welche er als politiſcher Agent dem Miniſter Chamilllart geleiſtet hatte, brach— ten ihn in die ſchlimme Lage von zwei Parteien zugleich als verdäch⸗ tig betrachtet zu werden. Renneville war der Jüngſte von eilf Ge⸗ ſchwiſtern, die ſämmtlich im Dienſte des Königs geſtanden hatten oder ſtanden. Seine durch nichts erwieſene Schuld zog ihm eine Gefängnißhaft von beinahe zwölf Jahren zu. Er ſelbſt vermuthet, daß perſönlicher Haß, wegen Spottlieder die er gedichtet, ihn zu ſo grauſamer Strafe verurtheilte. Renneville iſt einer der intereſſan⸗ teſten, in gewiſſem Sinne viel⸗ leicht der intereſſanteſte Gefan⸗ gene der Baſtille, denn ihm ver⸗ dankt man die obenerwähnte ausführlichſte Geſchichte des Ge⸗ fängniſſes.*) Renneville hat Furchtbares erlebt. Er hatte das Unglück, in die Hände des Herrn von Bernaville zu gera⸗ then, der nach St. Mars Gou⸗ verneur der Baſtille wurde. „Dieſer grauſame Tyrann, ſagt Renneville, ließ mich lange Zeit verfaulen ohne Stroh, ohne einen Stein, um mein Haupt darauf zu legen, hockend auf dem Schlamme des Kerkers, mit Brot und Waſſer zur Nahrung. Meine Augen traten faſt aus dem Kopfe heraus, meine Naſe war dick wie eine Gurke, mehr als die Hälfte meiner guten Zähne waren mir vom Scor⸗ but ausgefallen, der Mund ge⸗ ſchwollen und die Knochen durch⸗ bohrten meine Haut an ver⸗ ſchiedenen Stellen.“ Das Buch verurſacht an vielen Stellen ein Grauſen; aber'wenn auch Renneville zu den furchtbar ge— reizten Naturen gehörte, ſo kann man doch nicht leugnen, daß ſein einfacher Styl den Stempel der Aufrichtigkeit trägt. Renne⸗ ville ſah die Gefangenen jedes Ranges, Alters und Geſchlech⸗ tes unter furchtbaren Hieben ſich winden, er ſah, wie ſie der Habſucht ihrer Wächter anheimfielen, wie der geringſte Wider⸗ ſpruch die Unglücklichen in die Cachots begrub. Jahre lang dauerte es, bevor er ſeiner Frau und ſeinen Kindern ſchreiben durfte, aber nie erhielten dieſe ſeine Briefe, ſie fanden ſich nach dem Sturm der Baſtille in den Acten. Die Haft war mit ſo fürchterlicher Gewalt gehandhabt worden, daß Renneville, ſelbſt als er frei ward, die erſte Zeit lieber in der Stille der Einſamkeit als unter Menſchen zubrin⸗ gen mochte. In den Mauern der Baſtllle erlebte er die haarſträu⸗ bendſten Abenteuer. An den Wänden der düſtern, feuchten Kerker⸗ zimmer ſah er Inſchriften, welche von Wuth, Haß und Verzweiflung dietirt waren. Scheußliche Malereien illuſtrirten dieſe oft myſtiſchen Sprüche in abſchreckender Weiſe. Man darf es nicht wagen, Proben davon zu geben. Wer ſich einen Begriff von der durch Kerkerhaft erzeugten Ruchloſigkeit machen will, der leſe, wenn er das Buch Rennevilles in die Hand bekommt, die Beſchreibung des zweiten
5 Die Originalausgabe iſt ſo ſelten, daß die kaiſerliche Bibliothek zu Paris nur ein Exemplar beſitzt. Einen ſehr ſchönen Nachdruck in fünf Bän⸗ den beſitzt die königliche Bibliothek zu Berlin. Beim Erſcheinen wurde das
Buch mit fünf Louisd'or pro Band bezahlt.


