Jahrgang 
1865
Seite
677
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Rauchen oder Nichtrauchen?

Eine Excurſion auf das Tabaksfeld von Dr. Carl Piderit in Detmold.

Worin beſteht der Reiz des Tabaks, der wie ein plötzlich er⸗

wachter Dämon ſich die Völker der Erde unterthan gemacht hat? Der Tabak ſtärkt nicht, ernährt nicht, iſt völlig entbehrlich, wie viele Jahrtauſende hat die Menſchheit ohne ihn verlebt und doch, wie mancher Hungernde entbehrt lieber das Brot als den Tabak! Worauf gründet ſich der Genuß, den der Tabak hervorbringt? Dieſe Frage iſt oft aufgeworfen worden, aber ſchwer zu beantworten. Schon der berühmte Baco von Verulam in ſeiner historia vitae et mortis (Geſchichte des Lebens und des Todes) 1623, ſagt:In unſerm Jahrhunderte begann der Gebrauch des Tabaks ungeheuer zuzuneh⸗ men; er gewährt den Rauchern eine gewiſſe verborgene Ergötzung, dergeſtalt daß wer ſich einmal daran gewöhnt hat, ſpäter ſchwer davon ablaſſen kann. Hufeland, der ſelbſt ein Raucher war, beſtätigt dieſen Ausſpruch. Er ſagt:Der Rauchgenuß iſt einer der unbegreiflich⸗ ſten. Etwas Schmutziges, Beißendes, Uebelriechendes kann ein ſolcher Lebensgenuß, ja ein ſolches Lebensbedürfniß werden, daß es Menſchen gibt, die nicht eher munter, vergnügt und lebensfroh wer⸗ den, ja nicht eher denken und arbeiten können, als bis ſie Rauch durch Mund und Naſe ziehn.

Solcher Ausſprüche gibt es viele. Aber ſie hellen die Sache nicht auf. Suchen wir daher eine andere Erklärung!

Bei den amerikaniſchen Völkerſchaften, von denen die Europäer den Gebrauch des Tabaks lernten, war das Rauchen urſprünglich ein religiöſer Gebrauch. Als die Spanier ſahen, wie die Indianer mit Be⸗ hagen den Rauch ausblieſen, war es ohne Zweifel zuerſt Neugierde, die ſie antrieb, daſſelbe zu verſuchen. So raucht noch jetzt der Knabe, um es dem Erwachſenen gleich zu thun, aus Nachahmung, anfangs mit wenig Behagen, ja oft mit unangenehmen Gefühlen. Aber dieſe gehn vorüber, verlieren ſich allmählich, der Reiz bleibt. Das Rauchen wird zur Gewohnheit, der eine thut's dem andern nach. Können doch ſelbſt die Affen rauchen! In der Van Akenſchen Menagerie wurde ein Affe gezeigt, der mit großem Eifer und nicht ohne Wohlgefallen ſeine Pfeife rauchte. Er hätte in jedem Tabaks⸗Collegio ſeinen Sitz behaupten können. Und das war noch nicht einmal einer aus der Ariſtokratie der Affenfamilie; nein, ein ordinärer Pavian! Schmeichelhafte Ver⸗ wandtſchaft!

Das Rauchen iſt zugleich ein Mittel, die Zeit zu vertreiben, ein geſchäftiges Nichtsthun zu üben, das läſtige Gefühl des Müſſiggangs los zu werden, in einen Zuſtand zu gerathen, in dem man das Bedürf⸗ niß der Arbeit nicht fühlt und doch nicht ſchläft. Nach Alexander von Humboldt nannten die Bewohner des Orenocco dieſen Zuſtand der Tabaks⸗Narcoſe: mit offenen Augen träumen. Auch iſt nicht zu verkennen, daß der ſeltſame Gebrauch des Tabaks eben durch das Seltſame die Blicke und Aufmerkſamkeit auf ſich zog, zu einer Art Mode wurde, wie denn die Moden überhaupt dem Stre⸗ ben, ſich bemerklich zu machen, ihr Entſtehen verdanken. Aus der Gewohnheit wuchs das Bedürfniß hervor. Wie der Opiumeſſer den elenden Zuſtand, worin er ſich nach beendigter Narcoſe befindet, nur durch eine neue Doſis Opium vertreibt, wie der Trinker, wenn er die Nachwehen des Rauſches vom vergangenen Tage fühlt, nicht eher das Leben ertragen kann, bis er dem Dämon, der ihn beherrſcht, eine neue Libation dargebracht hat: ſo werden die durch Cigarren⸗ vergiftung entſtandenen Zuſtände am beſten wieder durch einen friſch glimmenden Stengel pro tempore beſeitigt.

Alle jene äußern und Gelegenheitsurſachen ſind es nämlich nicht, es iſt ds Eigenthümliche des Tabaks, ohne welches der Tabak kein Tabak iſt, welches ſeinen Gebrauch anziehend und allge⸗ mein gemacht hat. Dieſen eigenthümlichen Tabaksſtoff nennen wir Nicotin. Von deutſchen Gelehrten(Poſſelt und Reimann) iſt es in einer von der mediciniſchen Facultät zu Heidelberg 1828 gekrönten Preisſchrift zuerſt dargeſtellt. Dieſes flüchtige Alkaloid enthält un⸗ verkennbar die narcotiſchen Eigenſchaften des Tabaks. In 1000 Theilen friſchen Tabaks iſt nur 1 Theil Nicotin enthalten, alſo eine äußerſt geringe Menge, doch iſt der Gehalt nach Boden und Klima verſchieden. Die feinſten amerikaniſchen Sorten, namentlich die Cuba⸗Tabake enthalten am wenigſten Nicotin, aber wahrſcheinlich

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mehr ſo genannten Tabak⸗Kampher(auch Nicotianin genannt), der ihm den Geruch gibt.

Das Nicotin bildet, wie Dr. Huſemann in ſeiner Toxicologie bezeugt, nebſt der reinen Blauſäure und dem Coniin(Schierlingsgift) die Gruppe der ſtärkſten und am ſchnellſten tödtlichen Gifte. Doch ſoll, nach ihm, das Nicotin noch ungleich giftiger wir⸗ ken, als das Coniin. Alle andern Pflanzen⸗Alkaloide ſind viel ſchwächer. Der kleinſte Tropfen Nicotin tödtet einen Hund augenblicklich.

Aber auch der Tabak, wie wir ihn kennen, iſt, unrichtig an⸗ gewendet, ein Gift in allen Händen. Der Theeaufguß von einer einzigen Cigarre, einem Kinde eingegeben, tödtet daſſelbe. Ein Theelöffel voll Schnupftabak thut daſſelbe. Man nimmt an, daß im Schnupftabak 2 Proc. Nicotin enthalten ſind. Ich habe ſelbſt erlebt, daß ein Aufguß von 2 Drachmen (2 Cigarren), einem Erwachſenen als Lavement beigebracht, tödtlich war. Dr. Barkhauſen in Bremen beobachtete, daß Leute in einem Kehrichthaufen aus einem Lagerhauſe Kaffeebohnen unter Tabaksſchutt aufſuchten und durch den daraus bereiteten Kaffee vergiftet wurden.

Wir müſſen nun bedenken, daß beim Rauchen nur ein kaum zu berechnendes Minimum von Nicotin mit der Mund⸗ höhle in Berührung kommt und wieder ausgeblaſen wird. Der Ta⸗ baksrauch enthält zwar etwas von dem flüchtigen Alcaloid, aber doch höchſt wenig, weil der größere Theil verbrennt, reſp. bei Pfeifen ſich in den Abgüſſen(als ſ. g. Schmörgel in Waſſer aufgelöſt) nie⸗ derſchlägt. Auch ein ſtarker Raucher bringt den Tag über kaum den 10ten Theil eines Gran Nicotin zur Einwirkung auf ſeinen Orga⸗ nismus.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Art der Wirlung, welche das Nicotin auf den Organismus ausübt, um dadurch dem Grunde näher zu kommen, welcher den Tabak zu einem ſo allgemeinen Genußmittel der ganzen Menſchheit gemacht hat.

Das Nicotin wirkt nicht wie Opium und Morphium zunächſt und direkt aufs Gehirn, nicht wie Digitalin, Aconitin, Blauſäure auf das Herz, es erregt nicht ſolche Muskelkrämpfe, wie das Strych⸗ nin, es erzeugt nicht Pupillenerweiterung und haſtige krampfhafte Be⸗ wegungen der Glieder, wie das Atropin, es unterſcheidet ſich von allen dieſen durch Verminderung des Bewegungstriebes, durch eine über alle willkürlichen Muskeln ſich verbreitende Ruhe, und das Bewußtwerden dieſes Zuſtandes. Erſt bei höhern, vergiftenden Doſen geht die Ruhe in Schwäche, ſelbſt in Lähmung über. Nach Vergiftungen bei Thieren durch Nicotin werden die vom Rückenmark ausgehenden Bewegungs⸗ nerven ſo abgetödtet, daß ſie ſelbſt gegen electriſche Reizung unem⸗ pfindlich werden, daß die Nerventhätigkeit in ihnen vollſtändig ge⸗ tilgt wird.

Die erſte Wirkung des Nicotins in Minimaldoſen, wie ſie durch das Tabaksrauchen herbeigeführt wird, würde demnach in dem eigenthümlichen Einfluße beſtehn, den es auf die Rückenmarksnerven und beſonders die Bewegungsnerven ausübt. Es mäßigt die Action der willkürlichen Muskeln, es vermindert den Bewegungstrieb, es gießt ein Gefühl von Abſpannung über den Körper aus, die wohl⸗ thuend iſt; darin liegt das Behagen des Rauchens.

Es wird dadurch begreiflich, wie das Rauchen nach ermüdenden körperlichen Anſtrengungen, nach gethaner Arbeit, willkommen iſt und am liebſten geübt wird. Das Gefühl der Ruhe wird noch geſteigert, wird zum angenehmen Bewußtſein gebracht durch die leichteſte Erſt⸗ wirkung des Tabaks. Während angeſtrengter körperlicher Arbeit raucht man nicht oder genießt den Tabak nicht recht. Dazu kommt noch ein anderes. Das Rauchen mindert das Bedürfniß der Be⸗ wegung und beſeitigt die natürliche Unruhe. Das Rauchen iſt daher das beliebteſte Mittel derjenigen, die ſich nicht gern bewegen, nicht gern anſtrengen mögen. Es iſt die Panacee der Faullenzer, denen der Bewegungstrieb läſtig wird. Und ſo etwas von der ſüßen Kraft der Trägheit, vom Faullenzen, ſitzt tief in der menſchlichen Natur.

Hierbei iſt jedoch eine Ausnahme zu machen. Viele geiſtig be⸗ ſchäftigte und denkende Menſchen rauchen, um den körperlichen Be⸗ wegungstrieb los zu werden und ſich zu geiſtiger Anſtrengung zu⸗