Jahrgang 
1865
Seite
676
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verhängnißvolle Verbindung war der erſte Schritt zu allen ihren ſpäteren Verirrungen und daraus hervorgehenden Leiden. Und doch war ſie aufs ernſteſte gewarnt worden. Gedenken wir des bedeu⸗ tungsvollen Tages aus ihrem Leben, an dem das geſchah.

Es war in dem ſüdweſtlichen Theile des Holyrood⸗Palaſtes, in Marias Audienzzimmer, in einem Gemache, an das ſich mannigfache Erinnerungen aus dem Hauſe Stuart knüpfen. Noch heute erblickt man darin das Bett des unglücklichen Carls I, auf demſelben ruhte 1745 Prinz Carl Stuart und wenige Tage darauf, nach der Schlacht bei Culloden, ſein Beſieger, der Herzog von Cumberland.

In dieſem Gemache erwartete Schottlands Fürſtin, damals dreiundzwanzig Jahre alt, einen Beſuch. Sie war eine liebliche Er⸗ ſcheinung. Ihre Geſichtszüge waren freilich nicht bedeutend, ihr graues Auge nicht groß und der untere Theil ihres Geſichtes ſpitz abfallend, und doch beſaß ſie jene eigenthümliche Schönheit, in der die Form ſich im Ausdrucke verliert und die deshalb jeder Maler verſchieden darge⸗ ſtellt hat. Dabei hatte ihre ganze Perſönlichkeit etwas zugleich ſo Majeſtätiſches und doch ſo Anmuthiges, ihre Stimme war ſo weich und einſchmeichelnd, daß ſie alle hinriß und feſſelte, die in ihre Nähe kamen. Gar mancher unbeugſame Proteſtant war ihrem einnehmen⸗ den Weſen und ihren klugen Worten, die der Schule der Medicis alle Ehre machten, unterlegen. Nur ein Mann widerſtand ihren Künſten, obgleich ſie ihn gerade von Anfang an gerne für ſich ge⸗ wonnen hätte. Denn ihm hing Schottlands Adel, wie das ganze Volk an und ſeine gewaltige Beredtſamkeit beherrſchte das Land.

Dieſer Mann, auf deſſen Grab die kurzen, aber charakteriſti⸗ ſchen Worte ſtehen:Hier liegt der, welcher niemals das Antlitz eines Menſchen fürchtete, war John Knox, Schottlands großer Reformator. In demſelben Gemache hatte er ihr ſchon manches ſtrenge Wort geſagt, unbekümmert um ihre Thrä⸗ nen, wie um ihre abwechſelnd ſchmeichelnde und drohende Rede. Und ſo erfolglos dieſe Unterredungen waren, ſo aufgebracht die Köni⸗ gin meiſt über ihn war und ſo ungnädig ſie ihn entließ, ſie ſchickte doch immer wieder nach ihm. Fühlte ſie, daß er, trotz ſeiner rau⸗ hen, ſcharfen Außenſeite rohes, unhöfliches oder gar unver⸗

ſchämtes Gebahren ihr gegenüber haben ihm nur ſeine Feinde ange⸗ dichtet doch der beſte Freund war, den ſie auf der Welt hatte? daß Gott zu ihrem Gewiſſen durch die Stimme dieſes treuen Zeugen ſprach? oder wollte ſie nur ihre Kunſt bis aufs äußerſte verſuchen, um dieſen Mann und durch ihn ihr Volk für ſich zu gewinnen?

Auch heute hatte ſie ihn rufen laſſen, weil ſie wußte, daß das ganze Land gegen ihre beabſichtigte Heirath eingenommen war und weil ſie ſich ſchmeichelte, den ernſten Mann, der eben eintrat, damit ausſöhnen zu können.

Maria ſprach mit der feſſelnden Gewandtheit, die ihr in ſo hohem Grade eigen war und ſuchte ihr Verlöbniß mit Darnley zu rechtfertigen.

Knox, ein ſechszigjähriger Mann von imponirender Perſönlich⸗ keit, ſtand vor ihr, die Arme über der Bruſt gekreuzt und hörte ihr ruhig zu, ohne daß man in ſeinen Mienen irgend hätte wahrnehmen können, welchen Eindruck ſie auf ihn machte. Als ſie geendet hatte, erwiederte er, er könne auch jetzt ihr nur dieſe Heirath abrathen und müſſe entſchieden dagegen proteſtiren.

Die Königin bat, flehte, weinte, rang die Hände.Niemals ſei eine Fürſtin ſo behandelt worden, wie ſie, rief ſie leidenſchaftlich aus;ſie hätte mit allen ſeinen ſcharfen Reden Nachſicht gehabt; ſie hätte ſeine Gunſt auf alle Weiſe geſucht; und doch, fügte ſie hinzu, kann ich Euch nicht los werden. Ich gelobe es zu Gott, ich werde eines Tages gerächt werden. Und aufs neue brach ſie in einen Strom von Thränen aus.

Als ſie ſich etwas beruhigt hatte, erblickte ſie Knox vor ſich, un⸗ bewegt und unerſchüttert, mit voller Geiſtesüberlegenheit ihren leiden⸗ ſchaftlichen Ausbrüchen begegnend.

Ihr weidet Euch an meinem Schmerz, rief ſie aus.

Das thue ich nicht. Stets hat der Schmerz irgend eines Ge⸗ ſchöpfes mich tief bewegt mir wird es ſelbſt ſchwer, meine Knaben weinen zu ſehen, wenn ich ſie züchtigen muß, viel weniger könnte ich nich an Ew. Majeſtät Thränen ergötzen; aber da ich nur meine Pflicht gethan und Ew. Majeſtät nicht beleidigt habe, muß ich auch Ihre Thränen ertragen, lieber als mein Gewiſſen verletzen und das Land durch mein Stillſchweigen verrathen. 3

Aber was ſeid Ihr denn im Staate, um Euch in meine Hei⸗ rath zu miſchen? rief ſie aus.Gehet, Euer Platziſt nicht am Hofe.

Ohne Zweifel, erwiderte Knox;habe ich keinen andern Be⸗ ruf, als das Evangelium zu predigen. Wenn Ew. Majeſtät mich übrigens hier ſehen, ſo verdiene ich keinen Vorwurf, denn Sie haben mich hierher entboten. Ich bin weder ein Lord, noch ein Baron, noch ein Graf, aber ich bin ein Bürger von Schottland und ein Diener der Kirche Gottes. In dieſer doppelten Eigenſchaft iſt es meine Pflicht, mein Land zu warnen. Ich werde gegen dieſe Heirath proteſtiren vor Adel und Geiſtlichkeit.

Die Königin war außer ſich ſie befahl ihm, das Gemach zu verlaſſen. Knox gehorchte. Als er durch das Vorzimmer kam, er⸗ blickte er die Hofdamen Marias, munter plaudernd, lachend, vielleicht über ihn ſpottend. Er ſtand ſtille, ſah ſie lange an, dann ſagte er:

O Ihr ſchönen Damen, wie ergötzlich wäre Euer Leben, wenn es immer ſo bliebe und Ihr endlich in all dieſem bunten Putz zum Himmel fahren könntet! Aber wie entſetzlich iſt der Tod, der hinter Euch herläuft und Euch endlich erreicht, ob Ihr wollt oder nicht!

Das Lachen hörte auf und Knox entfernte ſich mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Schritte, langſam und ernſt, ohne eine andere Bewegung auf ſeinem Angeſicht, als die des Mitleides und der Verachtung.

Kurze Zeit darnach, am 29. Juli 1565, reichte Maria dem Grafen Darnley ihre Hand. Den weißen Marmorblock, auf dem ſie kniete, als ſie ihm Treue gelobte, ſah ich in dem berüchtigten klei⸗ nen Speiſezimmer, in dem kurze Zeit darnach das blutige Attentat auf Riccio geſchah. Ich mußte den Block lange betrachten es war ja die Vorſtufe zu einem andern Blocke, zu dem in Fotheringay, der einundzwanzig Jahre ſpäter ihrer harrte.

Welch ein Tag war das in ihrem Leben! Neunzehn Jahre hatte ſie in der Gefangenſchaft verlebt. Ihr Haar war ergraut, ſie war cor⸗ pulent geworden, rheumatiſche Anfälle beraubten ſie oft des Gebrau ches ihrer Glieder. Alle Plane zu ihrer Befreiung waren geſcheitert. Das Todesurtheil war über ſie geſprochen. Hatte auch Eliſabeth kein Recht, es zu ſprechen Maria Stuart fühlte ſich doch ſchuldig vor Gott. Ihre Freunde haben behauptet, der Briefwechſel zwiſchen ihr und Bothwell, der ſich wie ein moderner, franzöſiſcher Roman, wie ein StückWahlverwandtſchaften lieſt, ſei eine Fälſchung. Aber wie Froude, einer der neueſten Biographen Maria Stuarts, mit Recht bemerkt,nur ein Shakeſpeare hätte ſolche Fälſchung ausführen können. Sie ſelbſt fühlte ſich ſchuldig und mit Recht läßt Schiller ſie ſagen:

Ach, nicht durch Haß allein, durch ſünd'ge Liebe Noch mehr hab' ich das höchſte Gut beleidigt.

Den König, meinen Gatten, ließ ich morden, Und dem Verführer ſchenkt' ich Herz und Hand!

An den letzten Morgen ihres Lebens hat vielleicht Julius Schra⸗ der gedacht, als er das Bild entwarf, von dem wir heute eine Stizze unſern Leſern darbieten.

Es war der 18. Februar 1587. Maria Stuart war nach einem erquickenden Schlummer bei Tagesanbruch erwacht und ſogleich aufgeſtanden. Nur zwei Stunden hatte ſie noch zu leben. Sie legte ein duntles Trauergewand an, aber kleidete ſich ſonſt mit ſolcher Ele⸗ ganz und Pracht, wie ſeit langer Zeit nicht mehr. Dann ließ ſie ihren Dienern ihr Teſtament vorleſen und richtete einige herzliche und tröſtliche Worte an ſie. Darauf zog ſie ſich in ihr Betzimmer zurück. Dort lag ſie lange im Gebete vor ihrem Heiland, die Hände mit dem agnus dei, das ſie um den Hals trug, emporgeſtreckt; der Roſenkranz, der ſonſt an ihrem Gürtel hing und das elfenbeinerne Crucifix, das ſie nachher in der Hand trug, lagen auf einem Seſſel ihr zur Seite. Sie wurde gerufen: die Stunde ſei da. Sie trat in den Saal, wo das Schaffot für ſie errichtet war. Sie blickte auf daſſelbe ohne Un⸗ ruhe, empfahl mit lauter Stimme Gott ihre Kirche, betete für ihren Sohn, für Englands Königin und erklärte, daß ſie auf Gnade nur durch Jeſu Chriſti Tod hoffe und ſchloß endlich mit den Worten:Wie Deine Arme, Herr Jeſus Chriſtus, auf dem Kreuze ausgebreitet wa⸗ ren, ſo empfange mich jetzt mit den ausgeſtreckten Armen Deines Er⸗ barmens und vergib meine Sünden! Dann legte ſie ihren Schleier und einen Theil des oberen Gewandes ab, kniete nieder und rief:

Mein Gott, auf Dich hoffe ich, in Deine Hände befehle ich meine Seele.

Ihr Haupt fiel von Henkers Hand. Sie war verſöhnt mit ihrem Gotte von dieſer Erde geſchieden. Uns dünkt, zu dem Siege dieſes letzten Tages ihres Lebens hatte jener andere Tag, deſſen wir vorhin gedachten, wie alle ihre Begegnungen mit dem Reſormator,

auch das Seinige beigetragen. Robert Koenig.

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