leuchtet, beſtraft ihn Kurzſpleiß, der ein Lächeln kaum unterdrücken kann, nur mit ein Paar Tagen„ſchwarzer Liſte. ¹ Zugleich bedeutet ihm der Bootsmann mit einem freundſchaftlichen Armdrücken, bei dem Heinrich die Augen übergehen, wo die wahre Oberbramſtenge iſt, die er jetzt ſchmieren ſoll.
Er bewaffnet ſich daher mit einem großen blechernen Fetttopfe, halb gefüllt mit flüſſiger Stengenſchmiere und beginnt ſeine Wande⸗ rung nach oben. Heinrich iſt Philoſoph und ſtellt gern Betrach⸗ tungen an.
Bei der Mars(Maſtkorb) angekommen, ſieht er zwei Wege vor ſich, das Soldatenloch grade zu und die Püttingswanten außen um. „Wie kann jemand nur ſo dumm ſein,“ denkt er bei ſich,„den be⸗ ſchwerlichen Weg außen um die Mars zu machen, wobei man faſt auf dem Kopfe ſteht, während dies bequeme Loch geradezu führt.“
Heinrich hat freilich noch nicht zur See gefahren und der ſon⸗ derbare Ehrgeiz der Matroſen, von zwei Wegen ſtets den gefahrvol⸗ leren Weg zu wählen, iſt ihm daher unbekannt. Er ſchiebt ſeinen dicken Körper durch das Loch und zieht den mit einem Bändſel am Arme befeſtigten Topf nach. Er ſteht in der Mars. Hal! das iſt doch wunderbar; in den Büchern hat er immer von einem Maſt⸗ korbe geleſen und hier iſt nicht die Spur von einem Korbe, ſondern nur ein glatter horizontaler Halbkreis.
„Merkwürdig, was doch die Menſchen alles ſchreiben,“ denkt Heinrich.
„Nun, willſt Du dort oben ſitzen bleiben, oder ſoll ich nach⸗ helfen?“ tönt es jetzt von unten herauf und ſtört Heinrichs Be⸗ trachtungen.
Er ſieht über den Rang der Mars und erblickt auf dem Verdeck den Bootsmann, der ihm eine ſehr verſtändliche Pantomime zuwinkt. Er verzichtet deshalb auf die verſprochene Hilfe, beſteigt die zweite Etage der Maſten, die Stengewanten und kommt glücklich bis an die Bramſaling, wo die dritte Verlängerung der Maſten, die Bram⸗ ſtenge beginnt.
„Iſt das eine Höhe,“ ſagt Heinrich bei ſich,„wenn mich meine Großmutter hier ſähe!“
Dieſe ſieht ihn allerdings nicht, dafür aber der Bootsmann und da Heinrich ihn gleichfalls erblickt, ſchickt er ſich zur Weiterreiſe an. Er ſieht nach oben.„Himmel! was iſt das?“ ruft er,„da fehlen ja die Treppen und ich ſoll hinauf.“ Was hilft es jedoch? Das bittere Muß treibt ihn gebieteriſch und Heinrich verſucht an den beiden Bramwanten hinaufzuklettern. Es iſt keine Kleinigkeit, eine faſt ſenkrechte Höhe von einigen zwanzig Fuß an zwei einzelnen Tauen zu erklimmen, namentlich mit einem Fetttopfe am Arme. Un⸗ zählige Male rutſcht er wieder herunter und die ganze Haut der Schienbeine iſt abgeſcheuert. Endlich iſt er in der Oberbramſaling angelangt, wo er friſche Kräfte ſammeln kann. Noch iſt er nicht am Ziele, die Oberbramſtenge bleibt noch zu erſteigen und er muß jetzt zehn Fuß am kahlen Holz in die Höhe. Ein Glück iſt es, daß Heinrich, der früher gern Vogelneſter ausgenommen, das Baum⸗ klettern beſſer, als das Tauklettern verſteht. Er kommt richtig beim Flaggknopfe an und beginnt ſeine Arbeit. Um Halt zu haben, ſchlingt er den linken Arm mit dem daran befeſtigten Topfe über das nach vorn fahrende Halttau der Stenge. Jetzt hat er geſchmiert, ſo weit er reichen kann und will ſich niedergleiten laſſen. O weh! er hat nicht an den Topf gedacht und vergeſſen, denſelben über das Halttau zu heben. Nun hakt das widerſpenſtige Gefäß mit ſeinem Rande hinter dem Tau und hängt auf der einen Seite, während Heinrich ſich auf der andern befindet.
Vergebens ſucht er ſich wieder emporzuarbeiten; die friſchge⸗ ſchmierte Stenge ſpricht allen Anſtrengungen Hohn. Endlich ver⸗ laſſen ihn ſeine Kräfte und er ſchreit mit jämmerlicher Stimme nach Hilfe. Die Leute an Deck ſehen nach oben und erheben ein lautes Gelächter beim Anblick der komiſchen Situation. Der wachhabende Officier ſchickt jedoch augenblicklich ein Paar Matroſen zur Befrei⸗ ung des Jungen hinauf und es iſt hohe Zeit, daß dieſe kommen. Kaum haben ſie die Oberbramſaling erreicht, als Heinrichs letzte Kräfte ſchwinden. Durch ſeine Körperſchwere reißt der Bändſel des
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Topfes, der Junge gleitet an der Stenge nieder und wird nur durch Hilfe der Matroſen vor dem Hinunterſtürzen bewahrt.
Der Topf folgt indeſſen den Geſetzen der Schwere. Er ſtößt, ſei es Malice oder Zufall, unterwegs an alle möglichen Taue, ver⸗ ſchüttet dadurch ſeinen Inhalt in einem weiten Sprühregen über das weißgeſcheuerte Deck und ſtülpt ſich zuletzt mit einer Präciſion über den Kopf des Doctor Salomo, daß dieſem Hören und Sehen vergeht. Er iſt am Fallreep mit Bölting und dem Officier der Seeſoldaten grade in lebhafteſter Discuſſion begriffen und ein ſchlagendes Argument wird durch den Topf in ſeinem Munde zurückgehalten. Auch Böl⸗ ting iſt von unten bis oben begoſſen und außer ſich über den Ruin ſeines neuen, ſo brillant ſitzenden Rockes. Der Officier der Seeſol⸗ daten kommt mit einigen Flecken davon und befreit endlich den Doctor von ſeiner Blechhaube. Beide gelangen jedoch in Rückblick auf die Vorgänge der letzten acht Tage zu der Ueberzeugung, daß das hoch⸗ berühmte Seeleben weiter nichts ſei, als Gefängniß mit der Ausſicht todtgeſchlagen zu werden oder zu ertrinken.
Heinrich Tiedemann wird mehr todt als lebendig herunterge⸗ bracht und muß ſogleich zur Ader gelaſſen werden. Dies iſt ſein Glück; der erſte Officier iſt wüthend, der Bootsmann raſend über das geſprenkelte Ausſehen des ſchönen Verdecks. Die Arbeit des ganzen Morgens iſt vergebens geweſen. Der Bootsmann will ver⸗ zweifeln, aber er bringt nur noch das„Zumtal“ hervor, das„Ver⸗ zweifeln“ bleibt ihm vor Aerger in der Kehle ſtecken.
Kurzſpleiß ſprüht Blitze und hundertachtzig Schritt in der Minute geben Zeugniß von der Stimmung, die in ſeinem In⸗ nern tobt.
Doch halt! der Gang mäßigt ſich. Es fällt ihm ein, daß die Sache auch ihre guten Seiten hat. Schon ſeit dem Morgen hat er darüber nachgedacht, wie er die Leute der„ſchwarzen Liſte“(Straf⸗ arbeiter) beſchäftigen ſoll, während die übrige Mannſchaft am Nach⸗ mittag frei hat. Jetzt iſt er aus aller Noth. Die ſchwarze Liſte muß die Flecke mit dem Meſſer abſchaben, dann mit Thon einſchmie⸗ ren und zuletzt mit Sand und Steinen ſcheuern.
Arme ſchwarze Liſte, wie biſt Du geplagt! Welche Danaiden⸗ arbeit mußt Du verrichten und welche Tantalusqualen erdulden? Und doch, welche ſchöne Erfindung biſt Du andrerſeits, welches aus⸗ gezeichnete Mittel für den erſten Officier, ſein Schiff nach und nach auf den Culminationspunkt der Ordnung und Reinlichkeit zu bringen.
Wenn Morgens neun Uhr die Trommel zur Muſterung er⸗ ſchallt, wenn die Officiere ihre Diviſionen nachgeſehen und dem erſten Officier darüber Meldung gemacht haben, wenn dieſer die Mannſchaft an Backbord auf das Hinterdeck pfeifen läßt und er das verhängnißvolle, der Beſatzung wohlbekannte Taſchenbuch öffnet — dann ſchüttelt ein heimlicher Schauder die Unglücklichen, die ſich bewußt ſind, ihre Jackenknöpfe nicht geputzt, auf das Deck geſpuckt,
ihr Hemd nicht numerirt oder ein ähnliches Verbrechen begangen zu
haben, das ihre Namen unfehlbar in das Buch des erſten Officiers bringt. Die ſchwarze Liſte harrt ihrer in unausbleiblicher Gewiß⸗ heit und ſie erwarten nur noch in dumpfer Reſignation der Zahl der Stunden oder Tage, die über ſie verhängt werden
Für den Sträflingen der ſchwarzen Liſte gibt es weder Ruhe noch Raſt. Das Erblicken eines Schmutzfleckens, das Niederfallen eines Kabelgarns auf das Deck, das Blindwerden irgend einer Meſſing⸗ platte genügt, um die ſchwarze Liſte zur Arbeit zu rufen. Während die übrige Mannſchaft zwei Stunden Mittagsruhe hat, bekommt die ſchwarze Liſte nur eine halbe. Während jene um vier Uhr Nach⸗ mittags von jeder Arbeit ausſcheidet, bringt für dieſe nur die ein⸗ tretende Dunkelheit Feierabend. Ihre Arbeit iſt Danaidenarbeit, weil der Roſt, den ſie heute von den Ankerketten ſchabt, ſich morgen durch das Seewaſſer wieder anſetzt und die von ihr gereinigte Gallion in einer Stunde wieder ebenſo beſchmutzt iſt. Sie erduldet Tantalus⸗ qualen, weil ſie mit trocknem Munde zuſieht, wenn die Kameraden Grog bekommen, weil ſie an Bord ſitzen, wenn jene an Land gehen, weil ſie arbeiten muß, wenn jene feiern. Arme ſchwarze Liſte, wie biſt Du geplagt!
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 1.
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Unter Verantwortlichkeit von A. Klafing in Bielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig. Verlag der Daheim-Expedition von Velhagen Klaſing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Liſcher* Wittig in Leipzig.
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1865.
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