auf die Dauer verborgen. An dem Abend, nachdem Gottfried dem Stallknecht und der Zofe den gemeſſenen Befehl des Herrn über⸗ mittelt hatte, daß von dem Streit zwiſchen Karl und Meinhard keine Silbe verlauten dürfe, ſchlich die Zofe ſich zu ihrer Gevatterin im Dorfe, nahm ſie hinter dem Bauernhaus beiſeit, und ſagte ihr: „Hör, was ich Dir da neulich von den zwei jungen Herrn anvertraut habe, war fein alles eine Lüge.“ Ob die Bäuerin dieſer wunderlichen Verſicherung Glauben ſchenkte, bleibt dahingeſtellt; ſie entnahm ſich aber daraus doch ſoviel, daß auf dem Schloſſe eine weitere Ver⸗ breitung der Sache nicht gewünſcht werde, und ließ es ſich angelegen ſein, die ohnehin ſehr geheimnißvollen und verworrenen Erzählungen, die ſie einigen Freundinnen gemacht hatte, durch nachfolgende ab⸗ weichende Erzählungen noch mehr zu verwirren. Immerhin war ſo⸗ viel zu allgemeiner Kenntniß gelangt, daß ein heftiger Streit zwiſchen den beiden Junkern ſtattgefunden habe, und in der That hatten meh⸗ rere Bauersleute den einen wie den andern zornglühend fortſtürzen ſehen. So war denn dies eine angenommene und ausgemachte Sache, daß der junge Herr den jungen Hundſtein erſtochen und— da man ihn nirgends fand— ihn verſcharrt habe. Aber um der Herrſchaft willen hüteten ſich die Leute, offen davon zu reden oder vollends den Einwohnern der Nachbardörfer ihre Muthmaßungen mitzutheilen. Adelinens Beſuche in dem Krankenſtübchen der Wittwe unter⸗ blieben ſeit ihrer Heimkehr, zu Joſephs tiefem Kummer. Er war überzeugt, daß Adeline ihm wegen ſeines unziemlichen Benehmens zürne, und er ſelbſt zürnte ſich noch mehr! Nicht daß die Unterſtützun⸗ gen ausgeblieben wären; aber Gottfried überbrachte dieſelben. Gottfried wußte nämlich, ſo oft Adeline die Wittwe beſuchen wollte, ſie auf irgend eine Weiſe davon abzuhalten. Auch der Vater— der Bräu⸗ tigam war wieder abgereiſt— ſchien verſchworen, es zu keinem Gang Adelinens nach Lindelberg mehr kommen zu laſſen, und als ſie einmal bemerkte, ſie ſei nun ſeit vier Monaten nicht mehr bei der Wittwe ge⸗ weſen, ſagte er geradezu:„Es iſt mir auch lieber, wenn Du dieſe Beſuche vor der Hand Gottfried überläſſeſt; der Arzt hat mir geſagt, die Krankheit der Frau ſei anſteckend.“ Adeline gehorchte und blieb weg.
Und Joſeph ward immer trübſinniger. Es war ſo leer, ſo kalt, wenn Gottfried die Unterſtützung brachte. Das Geld, die Lebens⸗ mittel waren da, aber der Geiſt, der warme Hauch der barmherzigen Liebe fehlte. Gottfried, ſonſt ein freundlicher Mann, hatte ſein Ge⸗ ſicht jedesmal in abgemeſſene, ſtrenge Falten gelegt, wenn er im Stüb⸗ chen der Wittwe erſchien, und Joſeph bekam nie einen freundlichen Blick von ihm.„Zürnt ſie mir denn ſo ſchrecklich?“ dachte er bei ſich ſelbſt. Wenn er nur einmal ſie hätte ſehen, ſie um Verzeihung bitten können! Das war ſein einziger Wunſch. Er meinte, es ſei das eine Pflicht der Dankbarkeit gegen ihre frühere Güte; er merkte nicht, er ahnte nicht von weitem, woran ſein Herz krankte.
Rauh genug ſollte er wie ein Nachtwandler aus ſeinen Träumen geriſſen werden. Er hatte in Eſchenthal einen guten Freund, einen Altersgenoſſen.„Joſeph,“ ſagte dieſer ihm einmal, als er ihn hinter
einer Hecke ſtehend und nach den Fenſtern des Schloſſes blickend fand, „Joſeph, ich hätte Dir doch mehr Verſtand zugetraut. Nun weißt Du, daß das Fräulein durch Deine Zudringlichkeit in das Geſchrei gekom⸗ men iſt, daß ſie es mit Dir halte, und daß darüber der Hader losge⸗ gangen und das Unglück paſſirt iſt, daß unſer junger Herr den Hund⸗ ſtein erſchlagen hat und hat flüchtig gehen müſſen; und trotz dem allen ſchleichſt Du ihr nach!“
Das war viel Licht auf einmal. Der arme Joſeph hatte ja von dem allem nichts gewußt. Jetzt taumelte er; er hielt ſich die Hand ans Herz; er ſank zu Boden.„Was machſt Du?“ fragte ſein Freund. Er aber raffte ſich zuſammen, ſprang auf und ſtürzte, ohne ein Wort zu ſagen, fort.
Wohin? wer weiß es. Spät Abends kam er heim, und mit verweinten Augen. Seine Mutter lag im Fieber und ward ſeinen Zuſtand nicht gewahr. Er redete kein Wort mehr, als wenn man ihn fragte. Stumpf ſaß er daheim und brütete vor ſich hin. Wenn Gottfried kam, verbarg er ſich in der Kammer. Außer dem Hauſe ließ er ſich kaum mehr ſehen, am wenigſten in der Nähe von Eſchenthal.
Der Kummer nagte an ihm; er machte ſich die ſchrecklichſten Vorwürfe, den Tod des Junker Meinhard, das Unglück der Familie Eſchenthal verſchuldet zu haben. Seine Geſtalt verfiel, ſeine Auge
ward hohl; ein ſchleichendes Fieber nagte an ſeinem Mark.
Herr v. Eſchenthal, der ſonſt den Winter regelmäßig in der Stadt zuzubringen pflegte, war diesmal aus begreiflichen Gründen,
— 653—
um den peinlichen Nachfragen fremder Leute nach ſeinem Sohn zu entgehen, auf dem Lande geblieben. Auch für ihn ſchlich der Winter trüb und traurig dahin. Die arme Adeline ſank, als keine Nach⸗ richt von Karl kam und immer ſchwerere Wolken des Kummers ſich auf der Stirn des Vaters zuſammenzogen und die beruhigenden Worte Lügen ſtraften, mit denen er ſie von Woche zu Woche, von Monat zu Monat vertrtöſtete, in eine Nacht der Betrübniß, welche die Beſuche ihres Bräutigams nur auf kurze Zwiſchenzeiten und auch da nie völlig zu erhellen vermochten. Herr von Hundſtein, dem am Ende doch auch irgendwelche Winke über den Streit der beiden Jünglinge zu Ohren gekommen waren, brach jeden Umgang mit Eſchenthal ab.
Der lange Winter ging endlich zu Ende; der Schnee der Halden ſchmolz; munter und wild rauſchten die Frühlingswaſſer unter der Kryſtalldecke des ſchwindenden Eiſes durch die Schluchten herab; die Schneeglöckchen und der Seidelbaſt blühten, und ein lauer Südwind wehte ins Thal herein, um die letzten Reſte des Schnees vom Rand der Berge hinwegzulecken. Morgen ſollte die Hochzeit Adelinens— in beſcheidener Stille— hier auf dem Edelhof gefeiert werden. Den Bräutigam, der heute Abend mit ſeinen Verwandten eintreffen wollte, mit einem Strauße ſelbſtgepflückter Blumen zu überraſchen, erſtieg Adeline einen Hügel, wo am Rand eines Rinnſals die Schneeglöckchen beſonders früh nnd reichlich zu blühen pflegten.
Auch den armen Joſeph hatte der blaue Himmel und die laue Frühlingsluft heute einmal aus dem Hauſe gelockt. Er wußte, daß morgen ihr Hochzeitstag ſei; in der dumpfen Stube ward ihm ſo ſchwül, ſo eng. Er ſchwankte die Anhöhe hinab, nicht nach Eſchen⸗ thal; dort hatte er nichts zu ſuchen; ſeitwärts nach einem Hain junger Buchen und Erlen lenkte er ſeine Schritte. Da tönte plötzlich hinter ihm eine ſanfte Stimme.„Joſeph!“ rief es mit freundlichem Ton. Er wandte ſich; er zitterte vor Schrecken und wollte fliehen. „Joſeph!“ rief ſie noch einmal,„wie geht es Eurer Mutter?“— Vor Freuden, ſie ſo freundlich reden zu hören, hätte er jauchzen mögen.—„Sie hat mir verziehen!“ ſo jauchzte es in ſeinem Herzen aber ſchnell ſich faſſend, und ſich wohl hütend, ſie nicht durch einen neuen Fehler zu erzürnen, ſtand er ſtill und ſteif, wie eine Schild⸗ wache, die das Gewehr präſentirt, die Mütze unter dem Arm haltend, und nach einer tiefen und linkiſchen Verbeugung ſagte er ſtotternd: „Gnädigſtes Fräulein— haben die hohe Gewogenheit— ſich nach einer armen Frau zu erkundigen— die nicht mehr lange— dieſe Welt—“ und nun erſtickte der Schmerz ſeine Stimme.
Adeline, über die ungewohnten Phraſen betroffen, aber durch ſeine Trauer wie durch ſein elendes, ſieches Ausſehen tief gerührt, er⸗ widerte mit milder Stimme:„Aber Joſeph, was ſollen dieſe ſteifen Redensarten in Eurem Munde? Sprecht doch, wie's Euch ums Herz iſt! Ihr ſeht recht übel aus. Seid Ihr denn auch krank?“
Dieſe mit dem mildeſten Ton innigen Mitleids geſprochenen Worte brachen das Eis um des Jünglings Bruſt. Mit den Worten: „Sie ſind ein Engel, gnädiges Fräulein! Sie haben mir verziehen!“ ſtürzte er ſich vor ihr auf die Knie.„Was habt Ihr, Joſeph?“ fragte ſie verwundert,„ſteht auf!“ Er aber, der nun den heißer⸗ ſehnten Augenblick gekommen ſah, wo er ihr das Geſtändniß ſeines Fehlkritts ablegen konnte, ſchüttete in einem unaufhaltſamen Strome ſein Herz vor ihr aus.„Ich weiß ja, daß ich, ich, an all dem Jammer Schuld bin! Ich allein! Wie einen Engel hab ich Sie verehrt; mein ganzes Herz war Ein Dank, Eine Hingebung, ach, und da habe ich nicht bedacht die Ehrfurcht, die ich Ihnen ſchuldig bin; da habe ich Ihnen die Hand gedrückt, und wenn ich von Ihnen ſprach, Sie das liebe Fräulein genannt, und das hat Junker Meinhard gehört und hat's Ihrem Herrn Bruder wieder geſagt und Sie beſchuldigt, daß Sie's mit mir hielten.“
„Welche Albernheiten kramt Ihr da aus!“ ſagte Adeline und wandte ſich halb unwillig ab. Dann aber, Mitleid fühlend mit dem Armen, deſſen Worte ihr als das Produkt eines Fieberdeliriums er⸗ ſchienen, wandte ſie ſich ihm wieder zu mit der Frage:„Wer hat Euch dieſe Mährchen weiß gemacht?“
„O daß es Mährchen wären! Ew. Gnaden thun jetzt ſo, als ob es Mährchen wären, weil Ew. Gnaden gütig ſind und es mir nicht nachtragen wollen. Ja, wenn es Mährchen wären, dann hätte ſich Junker Karl nicht ſo über Junker Meinhard erzürnt, dann läge Junker Meinhard nicht erſchlagen und verſcharrt im Walde, und Junker Karl hätte nicht flüchtig gehen müſſen.“
var
unfreund verſchuld Ihr hab tine Ver than, we⸗ Gott ſei Si wandte zu. Er aus ihre dem er Kniee u Trauuna gebroche ruhiger ſein kör A
ihrer S was ihr Thal d man's leidige Sicher Mutt werth Händ worde in ihr
menge fragte der Vo Gewiſ trauri Adelin über
thal, nagte hard gleich troff ſich Gede verle ihn nachl lenr. den
terh⸗
Zuf ſien war leic ren, den thate gend Heim Erin
„ friede
von den.
X


