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Ausgegeben im Auguſt 1865.
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Der Flüchtling. Eine Erzählung von Gottfried Flammberg. (Fortſetzung.)
Gottfried dankte Gott, als Hundſtein den Rücken gewandt. Aber Adeline ſtand zitternd und bangend.„Und ſeit dieſen zehn Tagen iſt mein Bruder verſchwunden?“ fragte ſie mit erſterbender Stimme. Gottfried antwortete mit Schweigen. Da brach Adeline in einen Strom von Thränen aus und ſenkte ihr Haupt auf ihres Bräutigams Schulter. Dieſer führte ſie die Treppe hinauf ins Zimmer; ſie ſank aufs Sopha; er hielt ihre Hände in den ſeinen und ſuchte ſie zu beruhigen, zu tröſten. Karl ſei raſch in allem ſeinen Thun; gewiß habe er ſich plötzlich entſchloſſen, die Zeit ihrer Abweſenheit zu einer Fuß⸗ wanderung zu benützen; ſicher werde er noch dieſen Abend eintreffen.
Herr von Eſchenthal aber winkte Gottfried und nahm ihn mit hinauf in die Erkerſtube. Er verriegelte die Thür und hatte eine lange, lange Unterredung mit dem Kammerdiener. Als er die Thür wieder aufriegelte, ſagte er zu ihm:„Keine Seele darf dieſe Dinge erfahren; am wenigſten meine arme Tochter. Es würde ſie tödten. Sage das Petern und der Zofe.“
Und dann trat Herr von Eſchenthal vor ſeine Tochter. Eine Wolke ſtillen Kummers hing auf ſeiner Stirn, aber der ſeelenſtarke ruhige Mann wußte ſich zu bemeiſtern. Er tröſtete Adelinen. Karl habe allerdings einen ſeiner unüberlegten Streiche gemacht; aus An⸗ deutungen, die er vor dem Kammerdiener ſchon früher habe fallen laſſen, gehe hervor, daß er zum Studium der Rechte keine Luſt habe. Ohne Zweifel ſei er eigenmächtig fortgegangen, ſeine Dienſte im Feld einem benachbarten Fürſten anzubieten. Er habe auch eine Muth⸗ maßung, wohin Karl ſich gewandt, und hoffe jedenfalls in Bälde Nachricht über ſeinen Aufenthalt zu empfangen.
Durch dieſe Fiction ließ Adeline ſich beruhigen, obgleich ihr die Freude des beginnenden Brautſtandes auch jetzt noch ſchmerzlich genug getrübt war. Herr von Eſchenthal aber ſetzte ſich in ſein Zimmer und ſchrieb Briefe nach allen Richtungen. Auch Herrn v. Hundſtein ſchrieb
Ein deutſches Familienblatt mit Illuſtrationen.
Erſcheint wöchentlich und iſt durch alle Buchhandlungen und Poſtämter vierteljährlich für 15 Sgr. zu beziehen. Kann im Wege des Buchhandels auch in Monatsheften bezogen werden.
Der Jahrgung läuft vom Ortober 1864 bis dahin 1865.
er und ſuchte ihn auf dieſelbe falſche Fährte zu leiten: daß die beiden
jungen Leute mit einander verabredet hätten, ſich irgendwo zu treffen und mit einander in ein Nachbarland zu wandern, um Kriegsdienſte zu nehmen. Er ſelbſt zweifelte nach dem, was er von Gottfried ge⸗
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hört, keinen Augenblick, daß ſein unglücklicher Sohn in ſeinem Jäh⸗ zorn Meinhard getödtet und den Leichnam, der nirgends zu finden war, verſcharrt habe. Wer will es dem jammervollen Vater ver⸗ denken, daß er des Sohnes Schuld— die denn doch noch nicht er⸗ wieſen, nur gemuthmaßt war— in Nacht zu hüllen, den Sohn zu retten ſuchte? Sollte denn er ſelbſt es ſein, der die Verdachtgründe gegen Karl ans Licht zog?
Dieſen aufzufinden, war ſein nächſtes Beſtreben. War erſt Karls Aufenthalt entdeckt, dann wollte er ſehen, was weiter zu thun ſei. Dann wollte er zu ihm eilen, um entweder das Geſtändniß ſeiner Schuld von ihm zu erlangen, oder die Gewißheit ſeiner Unſchuld; den Unſchuldigen heimzuführen oder dem Schuldigen je nach der Größe ſeines Vergehens auf die eine oder andre Weiſe das Leben zu retten.
Briefe und Boten flogen nach allen Seiten, aber vergeblich.
Karl hatte einen Vorſprung von zehn Tagen. Dieſe reichten hin, ihn über Deutſchlands Grenze zu bringen. In unſrer Zeit der Polizei und der Telegraphen würde eine ſolche Flucht, wie Karl ſie unternahm, nicht möglich ſein, ohne daß man wenigſtens hinterher die Spur des Flüchtlings entdeckte. Sechsunddreißig Jahre nach dem Abſchluß des weſtfäliſchen Friedens, als unſer Vaterland noch immer ſehr entvölkert war, große Wildniſſe noch ganze Strecken Landes bedeckten und die Verwaltungen der einzelnen Länder und Ge⸗ biete des heiligen Reiches ſich wenig oder nichts um einander kümmer⸗ ten, war das anders; damals konnte ein junger Menſch, wie Karl, halb Deutſchland als Flüchtling durchwandern, ohne daß auch nur eine Spur ſeiner Schritte aufzufinden war.
Wir übergehen die Geſchichte dieſer Flucht; wie er erſt von Waldung zu Waldung ſich ſtahl, mit Beeren ſeinen Hunger ſtillend, wie er dann an einen Hauſirer ſein feines ſpaniſches Wamms und ſeine Reiherfeder gegen ein einfaches braunes Wamms und einen alten Radmantel verhandelte und dabei noch etwas Geld herausbekam, womit er ſeine Reiſe nun bequemer fortſetzte und glücklich die nörd⸗ lichen Abhänge des Schwarzwalds erreichte..
In ſeinem Heimatthale blieb inzwiſchen das Geſchehene nicht


