ein ſchweres Dienſtvergehen hierher in Verbannung geſchickter Offi⸗ cier, der von Geburt ein Deutſcher war; man hat mir ſo eben alle ſeine Papiere überbracht, was ſoll ich damit thun? weder ich noch mein Generalſtab verſtehen ein Wort Deutſch; thun Sie mir den Gefallen und ſehen Sie dieſelben durch.“
Der Reiſende machte ſich an die Arbeit und fand unter vielen intereſſanten Skizzen die Erzählung, die wir unſern Leſern auf den vorhergehenden Seiten mitgetheilt haben; er ſchärfte ſie ſich ins Ge⸗ dächtniß, notirte viel in ſein Taſchenbuch, und da der Gouverneur länger als eine Stunde fortblieb, gelang es ihm ſogar, ganze Stellen zu copiren.
Schreiber dieſer Zeilen hörte ſie von ihm in Porto⸗Principe auf der Inſel Cuba erzählen und erhielt die Erlaubniß, die genom⸗ menen Notizen zu copiren und ſie ſpäter zu veröffentlichen. Bei ſeiner
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Zurückkunft nach Spanien wollte er ſich überzeugen, ob jener Reiſende nicht dieſe ganze Erzählung nur erdacht habe; er ging aufs Kriegs⸗ miniſterium und erfuhr, daß ein Hauptmann Don Louis X*s im Frühjahr 1856 von einem Kriegsgerichte in Saragoſſa zu ein Jahr Feſtung und ſpäterem Strafdienſt in den Inſeln wegen Nichtausfüh⸗ rung eines vom commandirenden General von Burgos erhaltenen Befehls verurtheilt und in Portorico am 11. September 1858 ge⸗ ſtorben ſei. In Valladolid erfuhr er, daß man nach den Schreckens⸗ tagen von 1856 viel von einer aus einem Kloſter entführten Nonne geſprochen hätte, und er hörte aus zuverläſſiger Quelle, daß der Vorſteher eines jener Seminare faſt zur ſelben Zeit nach England gereiſt und noch nicht zurückgekehrt ſei.
Was Schweſter Maria de las Anguſtias anbetrifft, iſt es ihm nicht gelungen, irgend etwas Näheres zu erfahren. M. C.
Am FJamilientiſche.
Ameiſe und Löwe.
Die Ameiſe, von der ich erzählen will, iſt eine der größern Art, eine rothbraune Holzameiſe. Der Löwe, dem ſie als Speiſe vorgeworfen werden ſollte, iſt nicht der gefürchtete Wüſtenkönig, ſondern eine Inſectenlarve, die indeß nicht umſonſt dieſen Namen trägt, denn ſie fährt mit ſolcher Gier und Grauſamkeit unter ihre Opfer, wie kaum ein Wolf oder Tiger unter die Herden.
Es iſt der Blattlauslöwe.
Er verſteht es nicht, wie ſein naher Verwandter, der Ameiſenlöwe, in dem lockern Sande eine künſtliche trichterförmige Fanggrube zu machen, in deren Grunde dieſer Hinterliſtige auf die hineinſtürzenden Opfer lauert, ſondern er muß oft lange rennen und laufen, bis er etwas für ſeinen Hunger findet, namentlich wenn die meiſten Blatkläuſe, die ſeine Haupt⸗ nahrung ſind, Flügel bekommen haben und davon geflogen ſind. In wenigen Wochen iſt indeß dieſe Freßluſt des Blattlauslöwen überwunden, es erfolgt ſeine Einſpinnung und ſeine Umwandlung in eine Puppe und in die ſchöne grüne Florfliege mit großen goldglänzenden Augen, während der Ameiſenlöwe, wenn er in einem nicht günſtigen Jagdrevier ſeine Fang⸗ grube angelegt hat, und die Ameiſen und andere kleine Inſecten ſtatt hinein zu gehen, lieber vorſichtig daran vorbeiſchleichen, oft mehrere Jahre in dieſem Zuſtande verbleiben muß. Am 10. September v. J. Abends erhielt ich noch einmal einen faſt ausgewachſenen Blattlauslöwen, aber kein Futter dabei. Am andern Morgen ſuchte er, ganz ausgehungert und in großer Unruhe nach Speiſe. Er fühlte haſtig nach allen Seiten umher, ob nichts ſich ſeinen weit aufgeſperrten Fangzangen darbieten wolle. Eine von meinen Holzameiſen, die ich ſchon ſeit einigen Monaten in einem großen Frucht⸗ glaſe beobachtete, wollte ich opfern, ſie ſollte dem Löwen zur Speiſe dienen.
An einen Kampf zwiſchen den beiden Thieren hatte ich gar nicht ge⸗ dacht, noch weniger glaubte ich, daß ein Kampf für den Löwen ungünſtig ausfallen würde. Blattläuſe, Räupchen, Fliegen, junge Spinnen waren immer für ſolche Löwen eine leichte Beute geweſen; auch ſah ich einigemal, wie einer den andern überfiel und ihn ſchließlich auffraß. Indeß hat die Ameiſe auch Zangen zum Feſthalten. Sie ſind vorn zugeſpitzt und an der Innenſeite noch mit ſcharfen Zähnen verſehen, außerdem ſteht der Ameiſe eine Art Gift zu Gebote..
Die Ameiſe merkte ſogleich, daß ſie einem Feinde gegenüberſtehe, wartete aber nicht, bis dieſer den Kampf eröffnete, ſondern griff entſchloſſen zuerſt an.
Sie packte ihren Gegner in die Seite, um nicht wieder loszulaſſen. Nun entſtand ein heftiges Ringen, bald lag der eine bald der andere der Streitenden unten. Vergeblich bemühte ſich der Löwe, die Ameiſe auch mit ſeinen Zangen zu faſſen. Plötzlich hebt die Ameiſe ihren Feind vom Boden auf, hält ihn ſchwebend in der Luft und ſchickt ſich an, ihn als gute Beute davon zu tragen.
Jetzt aber gelingt es dem Löwen, der die Geſtalt einer kleinen Eidechſe hat, mit dem zugeſpitzten Schwanzende den Boden zu berühren. Wie ein Blutegel ſich feſtſaugt, ſo weiß auch der Blattlauslöwe ſich mit dem Hinter⸗ körper am Boden feſtzuhalten. Alles Ziehen und Reißen der Ameiſe, ihren Feind weiter zu bringen, iſt vergeblich. Endlich läßt die Ameiſe los.
Die kämpfenden Thiere ſtehen ſich gerade gegenüber, Kopf gegen Kopf. Nochmals ſtürzt die Ameiſe auf ihren Gegner los. Sie packt ihn von oben her am Halſe und ſucht ihn wieder in die Höhe zu heben. Der Löwe aber hat ſich mit ſeinem Hinterkörper feſt angeheftet, und es iſt un⸗ möglich, ihn loszubringen.
Als ich nun ſah, daß eine Ameiſe ſich keineswegs zum Futter für einen Blattlauslöwen hergibt, ſo beſchloß ich, die Ameiſe zu tödten und den Löwen zu retten. Ich zerdrückte alſo die Ameiſe mit einem Zleiſtift. Sie ließ aber dennoch nicht los. Was eine Ameiſe einmal gepackt hat, giebt ſie nicht ſo leicht wieder frei. So auch hier. Nun ſchnitt ich mit einem Meſſer Hintertheil und Bruſt der Ameiſe ab, aber ſiehe da! der Kopf derſelben bleibt auf dem Nacken des Löwen ſtehen und wird ſo mit
Briefe und Sendungen ſind zu richten an die Redaction des Daheim in Leipzig, Poſtſtr. Nr. 19
nach hinten gerichteten Fühlern von ihm umhergetragen. Erſt nach zehn Minuten gelingt es dem Thiere, den Kopf abzuwerfen, der ihm unbequem genug geſeſſen haben mag. Der Löwe ging indeß doch zu Grunde, er hatte ſchon zu viel bekommen, er nahm keine Speiſe mehr an; gegen Abend war er todt. Ew. Schröder.
Berlin im Jahre 1784.
In den letzten Regierungsjahren des alten Fritz galt Berlin ſchon für eine große Stadt(es hatte ca. 145,000 Einwohner), dennoch war dieſe große Stadt in vielen Dingen noch ſo beſchränkt in ihrem Etat, daß manche Zah⸗ len aus dem Jahre 1784 kaum glaubhaft ſind, obwohl ſie aktenmäßig feſtſtehen. Wer wird es z. B. glauben, daß es 1784 in ganz Berlin nur 7 Briefträger gab. Die Correſpondenz iſt alſo damals nicht ſehr eifrig getrieben worden, überhaupt wurde wohl noch nicht ſoviel geſchrieben; denn die Bureaux ſämmt⸗ licher Miniſterien und Dicaſterien Berlins zählten anno 84 nur 160 Carzlei⸗ ſchreiber, und 42 Canzleidiener beſorgten die geſammten Geſchäfte, die jetzt durch eine Menge von kleinen Wagen vermittelt werden müſſen, weil man nicht gennug Beamte dazu anſtellen könnte. Geheimeräthe gab's gar nur 107, jetzt haben wir ein beſonderes Geheimeraths⸗Viertel, in denen die große Mehrzahl der Geheimeräthe noch nicht einmal wohnt. Nervenſchwache Damen muß es damals auch noch nicht ſo viele gegeben haben, wie wären ſonſt neununddreißig Medecinae doctores fertig geworden? Noch auffallen⸗ der iſt die geringe Anzahl von Gerichtsdienern, vierzehn, von Nachtwächtern fünfundzwanzig(doch gab es noch zweiundfünfzig Wachtmeiſter für den nächt⸗ lichen Dienſt) und fünfzehn Rathsdienern. Das größte Wunder aber ſcheint uns die Polizei zu ſein, dieſelbe beſtand 1784 aus einem einzigen Polizeiinſpector, zwei Polizeimeiſtern und 14, ſage vierzehn Polizeidienern! Mit ſiebzehn Mann war alſo die ganze Polizei verſehen— das iſt ganz unglaublich, daß man mit einer ſolchen winzigen Anzahl hat gouverniren können! Wie muß ſich jene Zeit verkriechen vor unſerem ſtattlichen Heer von Schutz⸗ mannſchaften! Die Geiſtlichkeit aber war, im Vergleich damit, ungewöhn⸗ lich ſtark vertreten mit fünf Superintendenten, zwei Pröbſten, ſechsund⸗ ſechzig Predigern, ſiebenundſechzig Candidaten, vierundvierzig Cantores, Chorales und Calcanten, zwanzig Organiſten, dreißig Küſtern und vierzehn Todtengräbern. Kriegsräthe gab es damals mehr als jetzt, nämlich hundertundzweiundzwanzig, auch hatte Berlin damals das Glück, drei Bürgermeiſter zu haben, während es jetzt nur zwei zählt. Referendarien beim Kammergericht hatte man damals fünfundſechszig, aber Aſſeſſoren finden wir in unſeren Tabellen gar nicht aufgezählt. Im ganzen wohnten in Berlin 3433 Perſonen, welche Aemter bekleideten.
Die Armen und Almoſengenoſſen theilte man damals in deutſche und franzöſiſche Arme, der erſtern gab es im Jahre 1784 nicht mehr als 6009, der letztern 994. In den drei Gefängniſſen, die man damals hatte, Hausvogtei, Amt Mühlenhof und Kalandshof, zählte man im genannten Jahre nur 98, darunter befanden ſich aber 47, welche wegen Schulden oder wegen kleinerer Vergehungen und auf kurze Zeit ſaßen. So wenig Ge⸗ fangene! Berlin hat ſich in dieſer Beziehung jetzt leider ſehr geändert.
G.
Die Bevölkerung der Stadtvoigtei allein zeigt die Zunahme der Vergehungen in erſchreckender Weiſe. Im Jahre 1852 war die Geſammtzahl der Arreſtanten 25,613; im Jahre 1860: 25,143. Am höchſten war ſie 1856 geſtiegen, nämlich auf 36,481.
Darunter ſind Strafgefangene, 1852: 4865; 1856: 3817; 1860: 4984; Unterſuchungsgefangene, 1852: 1923; 1856: 2163; 1860:
1614; zum Iſolir⸗Gewahrſam Beſtimmte, 1852:—; 1856: 2461; 1860: 1709; zum Polizei⸗Gewahrſam Eingebrachte d. h. Perſonen, die Nachts obdachlos aufgegriffen oder betrunken aufgefunden oder auf den Wegen des Laſters betroffen und zunächſt in Gewahrſam geführt worden, 1852: 18,825; 1856: 28,040; 1860: 16,836(13,224 Männer; 3481 Fenen; 131 Kinder). Welch namenloſes Elend birgt ſich hinter dieſen Zahlen!
Unter Verantwortlichkeit von A. Klaſing in Zielefeld, herausgegeben von Dr. Robert Koenig in Leipzig.
Verlag der Daheim⸗Expedition von Velhagen Klaſing in Bielefeld und Berlin.— Druck von Liſcher« Wittig in Leipzig.
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