die Verwendung der Räume berathend im Studirzimmer ſaßen, wurde die Thüre heftig geöffnet und ein junger Mann trat herein, in deſſen Zügen tiefer Kummer und ſchmerzliche Ueberraſchung ſich malten, als er die Zerſtörung überblickte. Es war der Sohn des Pfarrers, der beim Anblick der fremden Soldaten in einen Thränenſtrom ausbrach. Unruhe und Ungewißheit über das Schickſal ſeines Vaterhauſes hat⸗ ten ihn herausgetrieben; er erlangte die Erlaubniß die belagerte Stadt zu verlaſſen, und erſchien in dem Augenblick als das Studierzimmer, das Heiligthum ſeines Vaters, verwüſtet wurde, und von allen Büchern und Schriften nichts mehr zu retten war. Nur ein oder zwei Kir⸗ chenbücher wurden in einem Keller gefunden, nebſt einigen theologiſchen Werken und dem Bilde eines jungen Mädchens. General Raone ließ die⸗ ſelben durch die Ruſſen an einem Waffenſtillſtandstage dem Beſitzer zu⸗ ſtellen. Mit blutendem Herzen kehrte der Paſtorsſohn zu ſeinen Eltern zurück, tiefbemitleidet von den edlen Officieren, die ihn gern getröſtet hätten, ihm aber mit dem beſten Willen nicht helfen konnten. Aus den Händen der Soldaten war das Manuſcript unſerm Arzte zuge⸗ kommen, der ſich freute es bei ſeiner Rückkehr ſeinem Oheim, einem Geiſtlichen, mitzutheilen. Leider aber gelangte es ohne ihn nach Straßburg. Am Weihnachtstage beſtatteten wir den guten Doctor, der ſo viele geheilt hatte und endlich ſelbſt ein Opfer des grauſamen Lazarethfiebers wurde!
In der erſten Barracke der Ambülanze ſteht auf ſeinem Poſten der„infirmier major“.„Buon giorno, signori pastori!“ ruft er uns zu.„Wer mag das ſein?“ fragſt Du.— Es iſt ein wunder⸗ licher Heiliger. Cavaliere Gaetano Battistini nennt er ſich. Man ſieht ihm nicht an, daß er ſchon einmal ein vornehmer Herr geweſen iſt und zwar in der Hauptſtadt der katholiſchen Chriſtenheit, nichts Geringeres als Polizeipräfect in Nom anno 1848, zur Zeit der Re⸗ publik unter Mazzini.„Sic transit gloria mundi!“ Aus ſeiner politiſchen Laufbahn hat er in ſein friedliches Amt nichts mitgenom⸗ men als einen glühenden Haß gegen die Prieſter ſeiner Kirche, und um deſſentwillen iſt er uns ungemein zugethan. Er thut alles was er uns an den Augen abſehen kann; eine ganze Sammlung von Trak⸗ taten und neuen Teſtamenten hat er ſich angelegt, und theilt ſie eifrigſt unter ſeinen Kranken aus. Lieber wäre uns freilich, wenn er ſich auch ſelbſt darin erbauen würde: aber ſo freundlich wir ihn auch dazu auffordern, er hat kein Ohr für ernſte Ermahnungen, ſondern wartet nur ſo lange bis wir innehalten, um uns einige Stückchen von dem römiſchen Kaplan zu erzählen, der ſo eben vorbeireitet.
Die kurze kräftige Geſtalt mit dem braunen Geſicht, aus dem ſchwarze Augen hervorblitzen, ſcheint jeder Krankheit Trotz bieten zu können. Wie oft ſah ich ihn, ſeinen glänzenden Schnurrbart wohlgefäl⸗ lig ſtreichend, mit größter Seelenruhe die gefährlichſten Kranken heben und tragen— und doch wie bald erlag auch er dem Lagertyphus, als er im Januar davon erfaßt wurde!— Ich ſehe ihn noch immer bewußtlos daliegen, das brechende Auge ſtier auf mich richtend, ſtumm und taub für die Außenwelt, und bald trug man auch ihn hinaus in das Zelt, aus dem keiner zurückkehrte!
Doch wir ſchreiten durch die Reihen der Feldbetten, und wäh⸗ rend wir dem einen Kranken freundlich zuſprechen, weckt von dem gegenüberſtehenden Lager her unterdrücktes Schluchzen unſre Aufmerk⸗ ſamkeit. Die traurige Geſchichte, deren letztes Kapitel dort ſteht, iſt nur eine von den hunderten, die an dieſer Jammerſtätte zu Ende kommen. Aus einem zarten Knabengeſicht ſchauen zwei tiefeingeſun⸗ kene große Augen heraus, eine welke, abgemagerte Hand erwiedert zitternd den Druck der unſern und auf die Frage:„Wie alt biſt Du denn, armer Junge?„tönt die klägliche Antwort unter der Decke her⸗ vor:„Siebzehn Jahre.“ Einige Worte herzlicher Theilnahme öff⸗ nen den verſchloſſenen Mund, und bald haben wir die Lebensgeſchichte des armen Jünglings vernommen. Er war zum Studium der Theo⸗ logie beſtimmt, aber ſchlechte Kameraden hatten dem thatenluſtigen Knaben die väterliche Zucht verleidet, und ihn durch allerlei roman⸗ tiſche Vorſpiegelungen dazu verlockt, ſeine Vaterſtadt Magdeburg zu verlaſſen und nach Frankreich zu fliehn. Kaum hatte ſich Sch. in die Fremdenlegion anwerben laſſen, als er in den Krieg ziehen mußte. In kurzer Friſt erlag er den Strapatzen des Lagerlebens und mußte ins Lazareth, wo er ſichtlich dahin zehrte.
Eine glänzende Beſchreibung mußte er vom Beginne ſeines Sol⸗ datenlebens gemacht haben, dieſe tönte als Echo aus einem Briefe hervor, in welchem ſein jüngerer Bruder ihm Glück wünſchte zu ſeinem heldenmüthigen Entſchluß, und ihn deshalb lobte, daß er ſeinen eige⸗
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nen Willen und ſeine Plane durchgeſetzt und ſich dadurch eine glän⸗ zende Laufbahn eröffnet habe.
„Und iſt das Dein Troſt“, fragte ich mit ernſtem Blicke den Jüngling,„iſt das Dein Troſt, daß Du Dir freiwillig ſolche große
Noth zugezogen haſt?“
Da bricht die mühſam errungene Selbſtbeherrſchung und ein Thränenſtrom erleichtert das Herz des armen Sch. Er gelobt ſeinem Vater einen reuevollen Brief zu ſchreiben, mit der aufrichtigen Dar⸗ ſtellung ſeiner ſchweren Lage und der demüthigen Bitte, ihn loszu⸗ kaufen und ihm die Rückkehr ins Vaterhaus zu geſtatten.
Wir betreten das nächſte Zelt. Da treffen wir einen ſehr ge⸗ ſprächigen Kameraliſten; ſeine Lebensgeſchichte haben wir in fünf Minuten erfahren; er ſucht uns ſodann lebhaft zu überzeugen, daß er ein Mann von vielſeitiger Bildung iſt, dem in der franzöſiſchen Armee noch eine glänzende Zukunft bevorſtehen dürfte. Wir dagegen reden ihm mit aller Liebe und allem Ernſte ans Herz, und bieten ihm das Neue Teſtament, ſammt einigen unſrer guten Volksſchriften an. Kaum hat er die Bücher angeſehn, ſo antwortet er mit einem vornehm gering⸗ ſchätzigen Tone:„Ich bitte Sie, Herr Paſtor, verſchonen Sie mich mit dieſer Literatur, die ich längſt kenne, und welche den Bedürfniſſen des denkenden Subjectes nimmermehr genügen kann!“—„Habt Ihr Euch, armer Freund, etwa deshalb in die Fremdenlegion anwerben laſſen, um den Bedürfniſſen Eures denkenden Subjectes genügen zu können?“—„O, es gibt Gegenſtände genug, die meiner Aufmerk⸗ ſamkeit würdig ſind, Herr Paſtor! Wollte zum Beiſpiel die Militär⸗ regierung auf meine Verbeſſerungsvorſchläge eingehn, ſo könnte ſie gar vieles anders einrichten in den Lazarethen; aber Ihre Aerzte und Beamten verſtehen nichts, und wollen nichts lernen von einem Manne, der wie ich, doch ſo gründliche Studien gemacht hat!“—„Armer Menſch, hat Euch denn Euer Elend nicht längſt ſolche hohen Gedan⸗ ken vertrieben, und Euch an Eure arme Seele erinnert?“—„Ein gebildeter Menſch iſt niemals zu bedauern,“ erwiederte er mit dem hochmüthigſten Ausdrucke:„er genügt ſich ſelbſt und bedarf ſolcher hergebrachten Formeln nicht!“— Mit wahrem Schmerze ſteht der Seelſorger vor dem Lager eines ſo verhärteten Spötters; das Aus- ſehen des Kranken deutet auf eine baldige Auflöſung: Gott ſei ſeiner armen Seele gnädig!
Aus einem andern Zelte aber tönt dem Paſtor ein freudiges „Willkommen“ entgegen; wir ſehn eine Geſtalt, die ſich mühſam em⸗ porrichtet und mit ſehnſüchtigem Erwarten uns die welke Hand ent⸗ gegenſtreckt! Vor kurzem noch war dieſer Junge ein leichtſinniger Menſch geweſen, der alles abwies, was ihn zu ernſten Gedanken hätte veranlaſſen können. Er war guter Leute Kind, Sohn eines Beam⸗ ten in Regensburg und von Jugend auf für das väterliche Büreau beſtimmt. Der Knabe aber träumte nur vom Soldatwerden, und das Sitzen war ihm ſo verhaßt, daß er immer ſchlechter ſeine Pflicht erfüllte, und endlich davon lief, um ſich anwerben zu laſſen. Er kam in Garniſon nach Germersheim in der Rheinpfalz und hätte nun zu⸗ frieden ſein können, aber das„bairiſche Militärweſen“ war mit den politiſchen Grundſätzen des jungen Herrn nicht vereinbar: er lief deshalb über die Grenze und kam zur Fremdenlegion, deren eiſerne Disciplin wahrſcheinlich ſeinen Grundſätzen beſſer entſprach! Eine
leichte Wunde, wozu ſich eine Bruſtkrankheit geſellte, warf ihn aufs
Krankenlager in der Krim, lange Zeit aber wußte er ſich die trüben Gedanken aus dem Sinne zu ſchlagen und ſich zu überreden, daß es nicht ſo ſchlimm ſei. Bei unſerm heutigen Beſuche aber ruft er uns zu:„O Herr Pfarrer, wie habe ich auf Sie gewartet!— Ich bin ein gottloſer Bube geweſen bis jetzt! Sehn Sie, da ſteht meine Ge⸗ ſchichte!“— Und er weiſt auf die Worte in dem Lucas⸗Capitel, welche die ewige Liebe mit Feuerzügen in ſein Herz hinein hatte leuch⸗ ten laſſen, ohne menſchliches Zuthun:„Vater, ich habe geſündigt in den Himmel und vor Dir.“— Dann zeigt er mir einen Brief voll reumüthigen Bekenntniſſes an ſeinen Vater, den er mich zu befördern bittet. Sein Vater that ſo bald als möglich alle Schritte zu ſeiner Loskaufung. Aber Gott hatte es anders über ihn beſchloſſen, nach einem langen Hinſiechen in den Spitälern von Conſtantinopel erlöſte ihn ein ſanfter Tod von ſeinen Leiden, und„der Vater“ nahm ihn an ſein Herz, droben in der ewigen Heimat. Im letzten Zelte der langen Reihe fällt dem Beſucher ſogleich die Ordnung und Reinlichkeit ſeiner Einrichtung auf; wahrſcheinlich liegt darin ein höherer Offizier, der mit beſondrer Rückſicht verpflegt wird? Doch nein, es ſind dieſelben Feldbetten wie überall, und auch
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