Jahrgang 
1865
Seite
642
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ihn? rief Meinhard höhniſch;o Du Ausbund von Scharfſinn! Doch freilich Du biſt der Bruder Du thuſt Deine verdammte Schuldigkeit, wenn Du die faiblesse Deiner Fräulein Schweſter be⸗ ſchönigſt!Was ſoll das? rief Karl in heftigem Zorn.Was willſt Du ſagen? Steh mir Rede!Nun nur gemach, ſprach Meinhard kalt;die ganze Nachbarſchaft weiß ja um die Sache. Um was weiß ſie? fragte Karl, ſeinen Zorn mit Gewalt be⸗ meiſternd.Nun wem ihre fleißigen Beſuche in Lindelberg gelten. Karl fing hell zu lachen an; es ſchien, als ob er Meinhards Worte jetzt ſelber für einen albernen Scherz oder für eine Neckerei anſähe. Nun, ſagte er,wenn meine Schweſter die arme kranke Schul⸗ lehrerswittwe beſucht, um ihr eine Unterſtützung zu bringen, und Du willſt das Koketterie nennen, ſo habe ich auch nichts dagegen! Die Wittwe hat einen Sohn, fuhr Meinhard giftig fort.Es iſt ein hübſcher, wohlgewachſener Burſche.Halt ein! unter⸗ brach ihn Karl; aber Meinhard ließ ſich nicht ſtören.Sah ich's doch neulich ſelbſt, wie er ſie aus dem Hauſe der Wittwe begleitete, wohl hundert Schritte weit.Soll das ein elender Witz ſein? rief Karl,oder was ſonſt?Wenn nichts dahinter wäre, verſetzte Meinhard,ſo brauchteſt Du Dich ja nicht ſo zu ereifern. Hinter dem Buſch blieben ſie noch lange bei einander ſtehen; wie er endlich ging, drückte ſie ihm die Hand.

Verruchter Bube! platzte jetzt Peter los.Er wird ihr die Hand gedrückt haben, um ihr zu danken, weil er ein armer Menſch iſt, der keine Lebensart kennt; ſonſt hätte er ihr die Hand geküßt.

Der Lotterbube, der Meinhard! ſtammelte Gottfried und war ſeiner kaum mächtig.

Aber wie ging die Geſchichte weiter? fragte Peter.

Unſer junger Herr, ſagte die Zofe,gerieth in die äußerſte Wuth. Rede und Gegenrede folgten Schlag auf Schlag. Ich kann nicht mehr wiedergeben, was ſie alles einander geſagt haben. Unſer junger Herr warf ihm vor, daß er ein gemeiner Menſch ſei, der, weil Adeline ſeine Neigung unerwidert gelaſſen, ſie nun haſſe und ſeinen Haß in ſo nichtswürdigen, ehrenrührigen Verleumdungen auslaſſe. Meinhard wurde nur immer kälter, und ſprach von Be⸗ weiſen, die er bringen könne. Karl ſtampfte mit dem Fuß und nannte ihn im Zorn einen ehrloſen Schurken. Meinhard zog den Degen und verlangte Genugthuung.Mit einem Schurken, wie Du, rief Karl,meſſe ich meine Klinge nicht. Halunken und Vaga⸗ bunden mögen ſich mit Dir ſchlagen. Fort! rief er, und riß die Thüre auf.Schon gut, ſagte Meinhard höhniſch; die Welt ſoll's erfahren, daß Du kein Edelmann biſt. Und damit eilte er die Treppe hinunter.

Und Karl ihm nach! ſeufzte Gottfried.Es geht nicht anders, wir müſſen nach ihm ſuchen! Wenn er ſich anders beſonnen, wenn es zum Zweikampf gekommen iſt wenn er verwundet, einſam, hilflos im Walde liegt.

Das Geſpräch der drei Dienſtleute ward hier plötzlich unter⸗ brochen. Schon ſeit einer Viertelſtunde hatte ſich der blaue Auguſt⸗ himmel mit Wolken überzogen, die über den weſtlichen Theil des Ber⸗ ges, der die weite Thalbucht amphitheatraliſch einſchloß, immer ſchwär⸗ zer und dichter herüberjagten und jetzt brach ein mörderiſches Ungewitter los. Es folgte Schlag auf Schlag; der Regen ſchüttete in wolken⸗ bruchähnlichen Strömen auf die Erde herab. Das alles hinderte den treuen Gottfried nicht, die nöthigen Vorkehrungen zur Aufſuchung des jungen Herrn zu treffen. Er rief die Knechte unter den Schuppen des Hofes zuſammen; er hieß ſie in aller Eile aus einigen Brettern eine Tragbahre zimmern; er wollte mit Peter vorausgehen und ſuchen; ſie ſollten in einiger Entfernung folgen und ſeines Rufes gewärtig ſein. Der Regenguß ließ eben etwas nach, als Gottfried und Peter den Edel⸗ hof verließen; ſie hatten ein Stück Weges dem Dörfchen entlang über eine Wieſe ſanft abwärts zu gehen; aber, als ſie weiter kamen und hinter den Haſelhecken in den offenen Wieſengrund heraustraten, da war derſelbe zum See geworden; die Linie, wo der das Thal durch⸗ rieſelnde Bergbach in tiefem Bette den Grund durchſchnitt, war weder zu erkennen, noch die Stelle zu errathen, wo ein einfacher Balken einen Steg über den Bach bildete; denn dieſer Balken lag tief unter dem Spiegel der Flut, die weiter abwärts ſich geſtaut hatte, begra⸗ ben. Da war keine Möglichkeit, das Waſſer zu durchwaten; denn wenn ſie in das tiefeingeſchnittene Bette des Baches geriethen, ſo waren ſie verloren. Als Gottfried eben zu Rathe ging, ob ſie nicht auf einem Umwege von einer Viertelſtunde das obere Ende des im⸗

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proviſirten Sees umgehen könnten, zuckte noch ein letzter jäher Blitzſtrahl vom Himmel, die Waſſerfläche ſchien Eine Feuermaſſe zu ſein; im nämlichen Augenblick erfolgte ein Knall, wie wenn dicht hinter ihnen eine Kanone wäre losgeſchoſſen worden; unwill⸗ kürlich blickten ſie hinter ſich und der Qualm der jenſeits der Hecken in der Richtung des Edelhofes aufſtieg, ließ keinem Zweifel Raum, der Blitz habe gezündet. Der Schrecken gab ihnen Flügel; ſie wuß⸗ ten ſelbſt nicht, wie ſie zum Schloſſe zurückkamen; hier ſchlugen ihnen aus dem Dach deſſelben Schuppens, wo vorhin die Bahre gezimmert worden, die hellen Flammen entgegen, und dieſer Schuppen, zu einem großen Theile mit Holz, Stroh und Heu angefüllt, ſtieß auf der einen Seite an den Stall, auf der anderen lehnte er dicht an das Wohngebäude. Der beſonnene Gottfried hieß die Knechte, das brennende Heu und Stroh mit Stangen aus dem Schuppen in den offenen durchnäßten Hof reißen; aber die Flamme war ſchneller als die rettenden Hände, das Sparrwerk des Dachſtuhls brannte ſchon lichterloh; aber jetzt eben tönte ein tröſtlicher Kklang vom Thürmchen der Kirche auch ſchon das Sturmgeläut; die Bauern kamen erſt truppweiſe, dann in Scharen aus dem Dorfe; der be⸗ ſonnene Moosbauer kam mit einem Wagen voll Fäſſer gefahren, die er aus dem angeſchwollenen Bach ſogleich gefüllt hatte; ſeinem er⸗ fahrenen Rath ordneten ſich die anderen willig unter; während Peter ans Waſſer fuhr, weiteren Vorrath zu holen, bildeten die Bauern mit ihren Handeimern eine Gaſſe ins Schloß, die Treppen hinauf, bis zu den Fenſtern, die gerade über dem Dach des Schoppens ſich befanden; ein Paar beherzte Burſche erſtiegen auf einer Leiter das Dach, warfen die Ziegel, die nicht von der Glut ſchon geſprengt waren, herab und die anderen begoſſen nun von den Fenſtern aus den Herd des Brandes ſo wirkſam, daß die Gefahr für das Schloßge⸗ bäude nach einer halben Stunde als beſeitigt betrachtet werden konnte.

So lange die Flammen das Schloß ſeines Herrn umzüngelten, hatte Gottfried keine Zeit gefunden an Junker Karl zu denken. Erſt als er in einigen Dankesworten an die Bauern ſeines abweſenden Herrn gedachte, fiel ihm auch der Gedanke an deſſen abweſenden Sohn wie⸗ der wie ein Centnerſtein auf die Seele. Als die Bauern ſich ent⸗ fernt hatten, brach eben die Abenddämmerung herein.Und der Junker iſt noch nicht zurück? Mußte er nicht, wenn er lebte, zurück⸗ kommen? Mußte ihn nicht das Unwetter heimwärts treiben? Mußte er nicht von dem Walde aus die Flammen ſeines väterlichen Schloſ⸗ ſes gewahr werden, nicht das Sturmgeläut hören? Ach, in wel⸗ chem Winkel des Waldes, in welcher Schlucht liegt er verwundet, verblutend? Schwere Arbeit hatten die Diener und Knechte gethan, aber noch war für ſie nicht Feierabend. Mit Kienfackeln verſehen ſchritten ſie, Gottfried an der Spitze, dem Walde zu; das Waſſer hatte ſich verlaufen; der Bach, ob auch immer noch hoch, floß doch wieder in ſeinem Bette. Die Pfade waren durchweicht und hin und wieder bodenlos; ſie ließen ſich das nicht anfechten. In dem Fich⸗ tenwalde war es völlige, ſchaurige Nacht; zwiſchen Felsbrocken und an Felſenwände hin bogen ſich hier die vielgetheilten Pfade ſteil auf⸗ wärts; hinter einer Felſenmaſſe glänzte die düſterrothe Glut der Kienfackeln plötzlich auf, beleuchtete geiſterhaft die nächſten grauen Fichtenſtämme und verlor ſich dann wieder in dem Dickicht des Un⸗ terholzes..

Die Fackeln waren abgebrannt bis auf die letzten Stummeln; die bleiche Sichel des abnehmenden Mondes ſtand bereits hoch am Himmel, der ſich bei ihrem Aufgang entwölkt hatte und leuchtete matt zwiſchen den Wipfeln auf das Moos des Waldes hernieder; noch ſuchten die Männer, noch durchwanderten ſie den Wald nach allen Richtungen. Der Morgen graute, als ſie, zum Tod er⸗ ſchöpft, nach Eſchenthal heimkehrten. Sie hatten nichts gefunden.

Auf dem Schloſſe Hundſtein, das, anderthalb Stunden entfernt, auf ſchroffem Felskegel am Rande eines andern Thales lag, herrſchte, als Junker Meinhard des Abends nicht heimkehrte, keinerlei Beſorg⸗ niß. Er pflegte, wenn er bei Karl zum Beſuche war, zuweilen mehrere Tage zu weilen. Obgleich Meinhard zwei Jahre älter war, als Karl, ſo waren beide doch von ihren erſten Kinderjahren an ſo oft zuſammengekommen, daß ſie ſich auch jetzt noch wenngleich bei der tiefgehenden Verſchiedenheit ihres Charakters und ihrer Denk⸗ weiſe nicht als Freunde ſo doch wenigſtens als Jugendgeſpielen betrachteten und gegenſeitig ertrugen.

Gottfried aber konnte ſich noch nicht zufrieden geben. Er hatte ſich kaum einige Stunden unruhigen Schlummers gegönnt, als er

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