Jahrgang 
1865
Seite
636
Einzelbild herunterladen

õꝛꝛ:ſdͤͤxͤͤͤͤͤ

Mit Unrecht macht man ihm den Vorwurf der Trägheit und Faulheit. Schon die muſterhafte Reinlichkeit in Haus und Garten zeugt dagegen und ein noch ſo kurzer Aufenthalt wird jeden, der ſehen will, vom Gegentheil überzeugen. Während auf Helgoland und andern Inſeln dem Weibe alle Arbeit, auch die des Feldes überlaſſen bleibt, greift auf Borkum der Mann auch wacker zu und überläßt ſeinem Weibe gewiß nicht die ſchwerſten Beſchäf⸗ tigungen.

Die Kleidung unſerer Inſulaner iſt möglichſt einfach und ohne alles nationale Gepränge. Dunkle Farben ſind vorherrſchend. Die eigenthümlichen Kopfbekleidungen, die in frühern Tagen von den Frauen getragen wurden, ſind faſt ſämmtlich verſchwunden. Die tägliche Lebensweiſe divergirt wenig von der der oſtfrieſiſchen Küſten⸗ bewohner; Fleiſch wird wenig genoſſen, deſto mehr Fiſch. Fiſch iſt

636

dem ärmeren Mann oft Brot und Fleiſch, Butter und Käſe, alles in allem. Wer zu ſeinem Schwarzbrot ein Stück friſchen oder ge⸗ trockneten Schellfiſch, Scholle, Butt oder Rochen hat, der fühlt ſich noch lange nicht beklagenswerth. Die Sprache iſt das oſtfrieſiſche Plattdeutſch, ſtark mit holländiſchen Ausdrücken vermiſcht.

Wer alſo ein Seebad benutzen muß, der komme nach Borkum, welches außer den erwähnten Vorzügen noch den Vortheil bietet, daß es keine übertriebenen Anforderungen an den Geldbeutel ſtellt. Nicht zu großartige Wünſche finden hier reichliche Befriedigung und eine Fahrt nach dem Oſtland oder nach der benachbarten holländiſchen Eierinſel Rottum, eine Seetour, freie Kaninchen⸗ und Seevögeljagd, eine Rob⸗ benjagd ꝛc. bieten zu außerordentlichen Beluſtigungen hinreichende Gelegenheit. Bis jetzt beträgt die Zahl derer, die aus aller Herren Länder hierherkommen, zwiſchen 6 800.

Antike Geräthe.

Von C. Friederichs.

Man hört und lieſt jetzt nicht ſelten Klagen über Handwerk und Induſtrie, daß in ihren Produkten ſich ein gänzlicher Mangel an Geſchmack und Schönheitsſinn kundgebe. Auf Induſtrieausſtellun⸗ gen haben erfahrene Männer die Ueberzeugung gewonnen, daß die Fabrikate von Chineſen, Indiern, ja ſelbſt von Indianern diejenigen der hochciviliſirten Nationen in vielen Fällen an Schönheit weit übertreffen.

In der That ein beſchämendes Zeugniß gegen unſere ihrer Fortſchritte ſich ſo gern rühmende Zeit! Doch nicht ſo überraſchend für denjenigen, der von der bloßen Verſtandesklugheit nicht allzu hoch denkt. Der Verſtand mag tauſend wunderbare Erfindungen machen; etwas Schönes zu ſchaffen, was Geiſt und Gemüth erfreut, das iſt nicht ſeine Sache, dazu bedarf es anderer, tieferer Kräfte.

Und dieſe tieferen Kräfte bleiben ohne Pflege und ohne Ausbil⸗ dung in einer Zeit, wo der Nutzen regiert. Wer nur darum arbeitet, um zu verdienen, ohne an der Arbeit ſelbſt Freude zu haben, iſt nicht der rechte Arbeiter. dürfniß Genüge thun, aber etwas, was zugleich praktiſch und ſchön wäre, vermag er nicht zu ſchaffen. Unnatürlich aber iſt es, für den bloßen Nutzen zu arbeiten. Iſt denn die liebe Gottesnatur ſo ein⸗ gerichtet? um des Nutzens willen?

In unſerer Zeit tritt der Nutzen dem Schönen und Erfreulichen überall ſtörend entgegen. Statt der Häuſer baut man in Fabrik⸗ ſtädten große viereckige Kaſten aus Backſteinen mit möglichſt vielen Löchern darin für das Licht; ganze Straßen von ſolchenHäuſern gibt es z. B. in Mancheſter. In der ärmlichſten Hütte eines Wil⸗ den lebt ein höherer Geiſt als in dieſen Produkten derCiviliſation.

Doch war es nicht immer ſo in der Welt. Beiallen Völkern des Alterthums, den Aegyptern und Aſſyrern, Griechen und Römern hatte das Handwerk künſtleriſchen Geiſt in ſich, der Handwerker war ein halber Künſtler. Die ſchlimme, jetzt beſtehende Trennung, daß der eine nur für den Nutzen, der andre für die Freude des Lebens ar⸗ beitet, kannte man nicht. Dies zeigen die Geräthe dieſer Völker, die uns Muſterbilder ſein können einmal in Hinſicht auf die Zweck⸗ mäßigkeit, beſonders aber durch ihre ſinnvolle Kunſtform, die das Geräth gleichſam belebt und den Begriff des todten ausdrucksloſen Inſtruments aufhebt.

Bei Ausgußröhren z. B., von Pumpen oder Dachrinnen begnü⸗ gen wir uns mit einer einfachen Röhre, und allerdings genügt das vollkommen für den praktiſchen Zweck, die Alten dagegen ließen das Waſſer der Dachrinne oder Quelle aus einem Munde, ſei es von Thier oder Menſch, ausſtrömen. Sie thaten das nicht nur in einzelnen beſonderen Fällen, etwa bei den Dachrinnen der Tempel, es war viel⸗ mehr allgemeine Sitte. Und wo ein voller Strahl auszuſpeien iſt, da wählten ſie ein Thier mit breitem Kopf, beſonders den Löwen⸗ kopf, während die Thiere mit ſpitz zulaufendem Kopf, z. B. Adler, Schaf, Ziege, Reh, Hirſch u. ſ. w. ſich beſſer zur Ausſendung eines feinen Strahls eignen. Unſer Bild zeigt ein Trinkhorn in dieſer Art geſtaltet. Das ſpitze Ende iſt durchbohrt, ſo daß der Strahl aus dem Maul des Thiers hervorzugehen ſcheint. Denn nicht aus dem breiten Ende der Trinkhörner pflegte man zu trinken, wie unſere

Er kann höchſtens dem praktiſchen Be⸗

Haben Schmetterlinge und Blumen ihre bunten Farben

geſchloſſenes und Vollendetes aus. ſie dem äußerſten Theil des Dinges einen Kopf aufſetzen, der Kopf

Studenten thun, denen die antike Weiſe wohl etwas mühſam und kärglich erſcheinen mag. Auf den Dampfſchiffen des mittelländiſchen Meeres kann man dagegen noch eine der antiken verwandte Art des Trinkens beobachten. Die Blechkanne, aus der die Matroſen ihren Wein trinken, hat eine ganz ſpitzzulaufende Ausgußröhre, und wenn der Trinkende ſie erſt an den Mund geſetzt hat ein Glas iſt dabei natürlich überflüſſig ſo entfernt er im Trinken das Ge⸗ fäß immer weiter vom Munde, ſo daß der feine Strahl in weitem Bogen in den Mund fließt.

Der Thierkopf findet eine andere, ſehr ausgedehnte Verwen⸗ dung an den Enden der verſchiedenartigſten Geräthe, z. B. vorn an der Deichſel des Wagens, an den Achſen, an den Seiten⸗ und Rückenlehnen der Stühle, an dem Griff der Geräthe u. ſ. w. Auch dies iſt uns im ganzen fremd, wir machen weniger Umſtände, wir ſchneiden das Ding, z. B. die Deichſel, einfach ab, und das genügt allerdings für den praktiſchen Zweck. Nur ſieht dann freilich das Geräth immer wie etwas Verſtümmeltes, nicht wie etwas in ſich Ab⸗ Dies erreichen die Alten, indem

iſt in der organiſchen Welt überall Spitze, B krönung, Abſchluß des Ganzen. Die Wahl des Kopfes aber richtet ſich ſehr ſinnig nach Conſtruction und Zweck des Geräthes. Unſere Abbildung führt ein Geräth vor, unſern Punſchlöffeln ähnlich und auch zu ähnlichem Zweck im Alterthum gebraucht. Der Löffel ſoll aus tiefen Krügen den Wein heraufholen können und ſo muß er einen langen Stiel haben. Dies iſt der Grund, warum er gerade in einen Schwanen⸗ kopf ausläuft, das langhalſige Thier war gerade für die Conſtruc⸗ tion dieſes Geräthes beſonders paſſend. Auch die lange, ſchön ge⸗ bogene Rücklehne von Stühlen läuft ebenſo paſſend in einen Schwanenkopf aus. Auch hier darf man nicht glauben, daß ſolcher Schmuck nur ein Vorrecht einzelner, beſonders koſtbarer Geräthe war, es ſind z. B. die im Berliner Muſeum befindlichen Schöpflöffel reichlich ein Dutzend faſt ohne Ausnahme in dieſer Weiſe verziert. Die Alten hatten eben im großen und kleinen mehr Be⸗ dürfniß nach einer durch Schönheit und Kunſt veredelten Umgebung, nach anſprechenden, anmuthigen Formen der äußeren Exiſtenz. Ein Gang durch Pompeji lehrt das am anſchaulichſten. Wir leben zwiſchen einförmigen und nur zu oft geſchmackloſen Tapeten; in

wechſelnden Farben vom Dunkleren zum Lichten aufſtrahlend, mit

einem heitern Bild in der Mitte erſcheint eine pompejaniſche Wand, und nicht blos die Wand des Reichen.

Hand und Finger dienen, je nach dem Geſtus, den ſie machen, zu verſchiedenen Zwecken, zum Anfaſſen und Einhaken, oder auch zum Schöpfen und Herausnehmen. Solche entweder lang hingeſtreckte oder zuſammengekrümmte Hände ſieht man ſehr oft an den verſchie⸗ denſten Geräthen, unſere Abbildung gibt eine Haarnadel, in eine ausgeſtreckte zum Anfaſſen gleichſam einladende Hand auslaufend.

Der Fuß endlich iſt die natürliche Stütze der Geräthe. Man benutzte am liebſten die Tatzen wilder Thiere. Sie ſcheinen ſich nach ihrer Form gleichſam in den Boden einzukrallen, wodurch die Vor⸗ ſtellung eines möglichſt feſten Standes hervorgerufen wird.

Dieſe Beiſpiele zeigen, daß die Verzierung der Geräthe eine

keinesw ſchön, irgend durch ſchlechte Beiſpie einfache durch de bildlich allein f bildung haben, gleich r wenn d dd iſt z ihn bei