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Thatſachen, die Verſteinerungen, vom älteſten Uebergangsgebirge an durch die ganze Secundär⸗ und Tertiärzeit hindurch, daß eben wirklich eine aufſteigende Entwickelung, eine ſtetige Fortbewegung zum Höheren und Vollkommneren bei Pflanzen wie bei Thieren ſtattgefunden habe.“
„Sie wollen ſagen,“ verſetzte ein würdiger alter Herr, den wir bei den Foſſilien des Muſeums kennen gelernt und der ſich während dieſes Geſprächs unſerm Tiſche genähert hatte,—„Sie wollen ſagen, daß in den verſchiedenen Gebirgsſchichten, je jünger ſie ſind, ſich deſto höhere und ausgebildetere Gattungen von Pflanzen und Thieren zeigen.“
„Nun ja,“ ſagte der Poet,„aber daß die einen die Väter der andern geweſen, davon ſteht in den Geſteinen nichts. Wir ſahen im Muſeum die phantaſtiſchen rieſenhaften Halbeidechſen, die Saurier der Urzeit, und ſie folgten, wenn ich mich recht erinnere, auf lauter Fiſche mit wunderlichen Schwänzen. Welcher jüngſte von dieſen Fiſchen hatte denn den älteſten Saurier zum Enkel oder Urenkel? Aber im Ernſt: finden ſich unter den Petrefacten wirklich Uebergänge und Zwiſchenſtufen, etwa zwiſchen Fiſchen und Sauriern oder zwiſchen andern Thierklaſſen? In dem Muſeum habe ich nichts dergleichen bemerkt. Oder halten Sie den Pterodaktylus, auf den Sie mich aufmerkſam machten, für eine Uebergangsform zwiſchen Sauriern und Vögeln?“
„Das fällt mir natürlich nicht ein,“ erwiederte der Natur⸗ forſcher.„Aber Sie ſetzen eine Vollſtändigkeit der geologiſchen Ur⸗ kunden voraus, die wir nicht haben und nicht haben können. Wir kennen wenig vom Innern der Erdrinde und zwei Drittheile derſelben bedeckt das Meer. Es hüätten die ſonderbarſten Zufälligkeiten ſich vereinigen müſſen, um uns gerade die Uebergangsformen zu erhalten.“
„Es ſind alſo wirklich noch keine gefunden?“ fragte der Dichter.
„Nein,“ ſagte der alte Herr.„Aber ich erlaube mir zu ſagen: es hätten die ſonderbarſten Zufälligkeiten ſich vereinigen müſſen, um uns gerade die Uebergangsformen zu entziehen, wenn ſie überhaupt vorhanden geweſen wären.“
„Das iſt eine paradoxe Behauptung,“ verſetzte der Natur⸗ forſcher,„für die ich mir doch einen Beweis ausbitten wöchte.“
„Nun,“ ſagte der alte Herr,„ſo laſſen Sie uns zunächſt bei den Fiſchen und Sauriern bleiben; denn dieſe, als die ausgebildeteren Wirbelthiere müßten doch wohl von jenen abſtammen. Sie wiſſen, daß die devoniſche Formation, das ältere Steinkohlengebirge und die Zechſtein⸗ oder permiſche Formation in dieſer Reihe aufeinander folgen, mithin auch die Zeiten ihrer Ablagerung ſich ebenſo aneinander ſchließen. In den devoniſchen Gebilden kennen wir etwa 120 Species von Fiſchen und nicht Einen Saurier; in der Steinkohlenformation, einſchließlich des Kohlenkalks, 143 Fiſcharten und die älteſten Saurier, den Archaegosaurus Decheni und Archaegosaurus minor; in der nach⸗ folgenden Zechſteinbildung bereits 20 Arten Saurier aus den drei Geſchlechtern Proterosaurus, Palaeosaurus und Thecodontosaurus.“
„Was beweiſt das?“ unterbrach er.„Die ſedimentären Ablage⸗ gerungen dieſer Gebirge fanden doch ohne Zweifel im Meere ſtatt, wie das ſchon die Menge von Fiſcharten zeigt; die Saurier aber wa⸗ ren Amphibien, etwa Sumpfthiere, und finden ſich deshalb in den älteren Perioden ſeltener, auch ſchon weil ihrer erſt wenige waren. Wie wollen Sie da erwarten, gerade die Uebergangsformen zu finden?“
Der alte Herr fuhr ruhig fort:„Sogar Saurier einer ſpäteren Periode, wie der Ichthyosaurus und Plesiosaurus, können nur im Meere gelebt haben. Aber Sie vergeſſen, daß nach Ihrer oder Dar⸗ wins Anſicht nicht die Saurier zu Fiſchen, ſondern die Fiſche zu Sauriern geworden ſein ſollen, und daß wir daher auf Seiten der Fiſche die Anfänge und Uebergänge finden müßten, ein andres Knochen⸗ und Muskelſyſtem zu erlangen, die Floſſen in Füße mit Zehen zu verwandeln, den Hals langzuſtrecken, die Naſe zu öffnen, die Kiemen in Lungen umzugeſtalten. Je allmählicher, je langſamer, in je geringeren Abänderungen dies geſchehen wäre, um ſo ſicherer müßten wir erwarten, unter den vielen tauſend Exemplaren von Fiſchen der langen Steinkohlenperiode irgend ein Beiſpiel davon zu finden. Aber nicht eins iſt aufgefunden. Das müßte doch, wären ſolche Uebergänge damals vorgekommen, der allerſeltſamſte Zufall ſein. Eben ſo wenig aber werden Sie eine Uebergangsform zwiſchen zwei verſchiedenen Thierarten aus irgend einer anderen Gebirgsformation nachweiſen können. Die geologiſche Thatſache iſt, daß die verſchie⸗ denen Arten theils nacheinander, theils nebeneinander, aber immer
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und überall ohne jene hypothetiſchen Vermittlungsgebilde auftreten. Gewiſſenhafte Naturforſchung erſinnt wohl auch Hypotheſen, um er⸗ fahrungsmäßige Thatſachen zu erklären, ſie erſinnt aber keine That⸗ ſachen, die nur ein Zufall uns verbergen ſolle, um grundloſe Hypo⸗ theſen zu ſtützen.
„Iſt denn die Vielheit der Arten keine Thatſache?“ rief der Naturforſcher lebhaft.„Iſt es keine Thatſache, daß deren Mannig⸗ faltigkeit im Verlaufe der geologiſchen Perioden fortwährend zuge⸗ nommen hat?“
„Das letztere iſt ſehr zu bezweifeln,“ ſagte der alte Herr;„aber wäre auch beides richtig, ſo fehlen doch eben diejenigen Thatſachen, auf welche allein ſich die Hypotheſe ſtützen könnte. Die Natur iſt unerſchöpflich reich an Formen aller Art. Warum ſollte ſie nicht Verſchiedenartiges neben einander hervorgehen laſſen? warum in den productiven Perioden nicht unabhängig nacheinander? Wir kennen jetzt auch 67 chemiſche Elemente verſchiedener Art: wollen Sie dieſe etwa auch aus einer Urart ableiten?—“*
„Sie bezweifelten ſo eben—“
„Erlauben Sie,“ ſagte der alte Herr, indem er einige Blätter hervorzog,„daß ich Ihnen einige Worte aus einer Rede des trefflichen Forſchers Volger vorleſe, die ich zufällig bei mir trage. Er ſagt hier:„Es weiſt durchaus nichts darauf hin, daß die jetzige große Mannigfaltigkeit der Arten entſtanden ſei aus einer früher geringeren Anzahl von Arten, indem aus einzelnen früheren Arten ſich viele neue entwickelt hätten. riode in einer ſpäteren ausgeſtorben erſcheinen, weiſt darauf hin, daß früher wohl durchſchnittlich eben ſo viele Arten exiſtirt haben, als gegenwärtig. Ja, wir wiſſen aus einzelnen Beiſpielen nachzuweiſen, daß ganze Thiergruppen in der Vorzeit örtlich eine größere Mannig⸗ faltigkeit beſaßen als gegenwärtig. So finden wir in den Schichten des Pariſer Tertiärbeckens, für deſſen Periode doch nicht etwa die Herrſchaft der Weichthiere angenommen werden kann, ſoviele Konchy⸗ lien vereinigt, wie wir ſie gegenwärtig an keinem Punkte der Erde, ſelbſt nicht im Antilliſchen Meere, kennen. Somit würde, wenn die Darwinſche Hypotheſe gegründet iſt, jedenfalls nicht eine Zurückwei⸗ ſung auf immer wenigere Arten, und endlich auf Eine Stammart ſtattfinden, ſondern es wäre die jetzige Vielheit lebender Arten an die Stelle einer Vielheit anderer Arten getreten.“—„Dem,“ fuhr er fort, „habe ich nur hinzuzufügen, daß ich eben aus den ſchon erörterten Gründen die Darwinſche Hypotheſe für unbegründet halten muß.“
„Hypotheſe?“ rief der Naturforſcher.„Iſt das aufgefundene Ge⸗ ſetz der fortſchreitenden Entwicklung Hypotheſe? Wird es nicht durch die embryoniſche Entwicklungsgeſchichte jedes Organismus beſtätigt?“
„Hier muß ich doch Einſpruch thun,“ ſagte der Philoſoph.„Hat man das Geſetz gefunden, nach welchem ſich das Einzelweſen als ſol⸗ ches aus dem Samen, dem Ei, der Zelle zur vollen Geſtaltung ent⸗ wickelt, ſo würde man vielleicht berechtigt ſein, dies Geſetz auf die fort⸗ ſchreitende Entwicklung der Arten alsdann anzuwenden, wenn dieſe als Thatſache feſtſtände. Dies iſt aber, wie wir gehört haben, nicht der Fall. Zu ſagen, weil eine geſetzliche Entwicklung des Indivi⸗ duums ſtattfindet, darum muß auch eine geſetzliche Entwicklung der Arten auseinander ſtattfinden, iſt gegen alle Logik, iſt im recht eigent⸗ lichen Sinne eine uε‿᷑αeασς εlε α⁴⁴o„νοε*) So wird dieſe Hypotheſe doch wohl Hypotheſe bleiben.“
„Ja,“ rief jener, indem er unmuthig aufſtand,„für jeden, der nicht das höhere Bedürfniß fühlt, die Thatſachen der Natur wiſſen⸗ ſchaftlich zu erklären.“
„Gott ſei Dank, das fühle ich gar nicht!“ ſagte der Dichter.„Ich habe hingehorcht, wo man ſolche Erklärungen verſucht,— was hörte ich? Alle Erklärungen langten doch bei dem Unerklärlichen an, und ſelbſt das Erklärte behielt immer noch eine unerfaßliche Lebensfülle, die glücklicherweiſe gar nicht hinauszuerklären war. Angenommen, der ganze abſurde Stammbaum wäre richtig, wäre darin nicht eben ſo viel Unerklärbares, als in der urſprünglichen Erſchaffung der Ar⸗ ten? Mich ahnt, Euer ganzes wiſſenſchaftliches Bedürfniß läuft darauf hinaus, alles Wunderſame nur in recht ordinärer Weiſe auf— fädeln zu können.“
„Das möchte ich doch nicht ſagen,“ meinte der Philoſoph,— denn der Naturforſcher hatte ſich entfernt.— Auch ich hätte noch gern
*) Uebertragung eines Geſetzes, das für ein beſtimmtes Gebiet durch Thatſachen bewieſen iſt, auf ein anderes Gebiet, für welches dieſer Beweis fehlt.
Gerade der Umſtand, daß Arten der früheren Pe⸗


