Jahrgang 
1865
Seite
620
Einzelbild herunterladen

620

wärtig ſind jene Wale ſüdlich von Spitzbergen ſelten, allein es liegt der Vergleich zu nahe, es möge hier derſelbe Fall ſtattfinden wie im großen Ocean. In demſelben waren die Wale ſüdlich vom Behringsmeer durch die unabläſſigen Verfolgungen der Amerikaner ſehr gelichtet und verſcheucht worden da drang man nördlich ins Behringsmeer ſelbſt ein und gewann binnen zwei Jahre über acht Million Dollar an Thran und Fiſchbein. Es iſt nicht unmöglich, daß jenſeits Spitzbergen ſich ein reiches Jagdgebiet für Walfiſch⸗ fänger und Robbenſchläger eröffnet, ſo daß eine Expedition dorthin auch bedeutenden pecuniären Gewinn bringen kann. Iſt die An⸗ nahme richtig, daß der Golfſtrom nördlich von Aſien verläuft und mit der Polynia, dem offnen Waſſer der Ruſſen, nördlich von Neu⸗ Sibirien zuſammenfällt, ſo erſcheint auch eine Fahrt mit Dampfer nach Sibirien und den Inſeln an deſſen Küſte ſehr leicht ausführ⸗ bar. Hier lagern bekanntlich ſchon ſeit uralten Zeiten Unmaſſen von Elfenbein, Zähne des Mammuthsthieres, die gegenwärtig nur durch einzelne Unternehmer zu Schlitten ausgebeutet werden. Man hat berechnet, daß ſeit zweihundert Jahren jährlich ungefähr vierzig⸗ tauſend Pfund ſolches vorſündflutliche Elfenbein in den Handel gebracht worden ſind, ohne daß bis jetzt irgend eine Abnahme davon bemerk⸗ bar würde. Soll ja ein beſonders glücklicher Elfenbeinſammler

in Neu⸗Sibirien während eines Sommers allein zwanzigtauſend Pfund zuſammen gebracht haben. Niemand kann von vornherein ein ſolches Erzeugniß als zu geringfügig betrachten es ahnte auch niemand, daß man binnen zwanzig Jahren von einigen kleinen Inſeln für dreihundert Million Dollar an Werth Vogeldünger wegführen würde.

Die Geographiſche Geſellſchaft hat eingehend beide Pläne gegen einander abgewogen und ſich ſchließlich für die von Profeſſor Peter⸗ mann vorgeſchlagene Expedition entſchieden. Es ſteht zu erwarten, daß die Britiſche Regierung auf die ihr von der Geographiſchen Ge⸗ ſellſchaft gemachten Vorſchläge eingehen und die Mittel zu einer ſolchen Polfahrt bewilligen wird. Wir haben deshalb Hoffnung, jetzt, nach⸗ dem die meiſten Geheimniſſe des Innern von Afrika und Auſtralien ans Licht gezogen ſind, auch noch das größte Problem der Geographie: die Erforſchung der nächſten Umgebung des Nordpols und die Er⸗ reichung des letzteren ſelbſt, löſen zu ſehen. England wird ſchwer⸗ lich ſich jene Ehre von einer andern Nation nehmen laſſen, wenn auch der Plan dazu von einem Deutſchen entworfen ward. Be⸗ geiſternd würde es freilich für jeden Patrioten ſein, wenn die junge deutſche Marine ſich ſtark genug fühlte, ein ſolches Unternehmen zu wagen und glücklich zu Ende zu führen.

Die Kaiſergruft in der Kapuzinerkirche zu Wien.

Kaiſer Mathias war des Herrſchens und des Lebens müde, lange bevor er aufhörte Kaiſer zu ſein und zu leben. Freilich zeigte der Rückblick auf ſeine kurze Regierungszeit und der Blick auf die Zu⸗ ſtände im deutſchen Reich und in ſeinen Erblanden ihm wenig Erfreu⸗ liches. Ungarn und Siebenbürgen liebäugelten mit den Türken, und auf dem Reichstage von 1608 war die Auflöſung der Reichseinheit,

welche noch zwei Jahrhunderte lang dem Namen nach fortbeſtand, thatſächlich ſchon erfolgt, da zum erſtenmal ein Reichstag ohne Ab-

ſchied auseinandergegangen war. Dazu kam Unfriede im eigenen Hauſe, ſchon bei ſeinen Lebzeiten die Vereinigung der Erzherzöge, um dem glaubensſtrengen und energiſchen Erzherzog Ferdinand v. Steier⸗ mark, der in dieſem Lande und in Tirol die Gegenreformation mit eiſerner Hand durchgeſetzt hatte, die Erbanſprüche auf alle öſterreichi ſchen Länder zu übertragen, bei ſeinen Lebzeiten ſchon das eigenmäch⸗ tige Auftreten Ferdinands, der Mathias allmächtigen Miniſter, Car⸗ dinal Cleſel, in den kaiſerlichen Gemächern aufheben und nach Innsbruck bringen ließ. Unter ſolchen Umſtänden ſehnten Mathias und ſeine Gemahlin Anna ſich nach nichts mehr als nach Ruhe, und in dem Gefühl der Nichtigkeit alles Irdiſchen erkoren ſie das Haus der Armuth und Demuth zur letzten Ruheſtätte für ſich und ihre Nachfolger. Den zu Anfang des Jahrhunderts nach Wien ge⸗

kommenen Kapuzinern, welche in der Vorſtadt St. Ulrich ihren

Sitz hatten, ſollte noch ein Kloſter gegründet und in deſſen Kirche die Begräbnißſtätte der Habsburger eingerichtet werden. Unmittelbar nachdem das kaiſerliche Paar dieſen Wunſch ausgeſprochen hatte, er⸗ folgte der Tod der Kaiſerin Anna, welcher Mathias drei Monate ſpäter(1619) folgte.

Ferdinand II war nicht der Mann, einen derartigen Wunſch unerfüllt zu laſſen. Kaum hatte die Schlacht am weißen Berge (S. Novbr. 1620) ihm etwas Luft gemacht, als der Kaiſer den Bau auf dem Grundſtücke der erloſchenen Grafenfamilie Schaumburg am Neuen Markte anordnete. 1622 wurde in Gegenwart des ganzen Hofes der Grundſtein gelegt, doch währte es unter den Kriegsläuften ein volles Jahrzehnt, bis Kloſter, Kirche und Kaiſergruft vollendet und Mathias und Anna beigeſetzt wurden. In dieſem Kloſter lebte und ſtarb(1699) der Pater Marcus Avianus, welcher die Waffen der zum Entſatze Wiens anrückenden Fürſten geſegnet hatte, beim Volke im Rufe eines Wunderthäters ſtand, und von Karl von Loth⸗ ringen und Leopold I ſo hoch gehalten wurde, daß letzterer ſogar die Abſicht hatte, ſeine Leiche in der kaiſerlichen Gruft beiſetzen zu laſſen. Ein halbes Jahrhundert ſpäter nahm Maria Thereſia ihre Erzieherin, die Gräfin Karoline Fuchs, wirklich in die Reihe der Ahnen und vorausgegangenen Kinder der kaiſerlichen Frau auf, um ihr auch nach dem Tode noch die höchſte Dankbarkeit und Verehrung auszudrücken. Dieſelbe Kaiſerin hatte auch, wie ſchon vor ihr

Leopold I die Gruft erweitern, ein Mauſoleum für ſich und ihren Gemahl errichten und ſtatt der alten, ſchöne bronzene Särge anferti⸗ gen laſſen; ſo auch, in dieſem einen Punkte ſich ungehorſam beken⸗ nend, einen ſolchen für ihre Großmutter Eleonora Thereſia(von der Pfalz), welche in Nonnentracht in einfachem hölzernen Sarge und mit der AufſchriftEleonora Thereſia, arme Sünderin hatte beſtattet werden wollen. Seit dem plötzlichen Tode des Kaiſers Franz(zu Innsbruck 1756) kam Maria Thereſia häufig in die Gruft, um an ſeinem Grabe zu beten, und da ihr in den letzten Jahren das Treppen⸗ ſteigen ſchwer wurde, ließ ſie hier wie in ihren Gemächern in der Burg und im Schloſſe Schönbrunn eine Aufzugmaſchine anbringen, um ſich ohne fremde Hilfe hinablaſſen und hinaufziehen zu können. Man erzählt, daß bei ihrem letzten Beſuche in der Gruft, am 2. Novhr. 1780, die Maſchine dreimal ins Stocken gerieth, ſo daß die Kaiſerin bemerkte:Die Gruft will mich nicht mehr fortlaſſen. Am 3. Decbr. fand ſie in der That dort ihren Platz.

Anderer Art waren die Schickſale des Kapuzinerkloſters unter Joſeph II. Die Commiſſion zur Aufhebung der Klöſter brachte aus den unterirdiſchen Räumen vier Patres ans Licht, welche dort unten, der eine 53 Jahre lang, gefangen geſeſſen hatten. Ein Theil des Kloſters und der ganze Garten wurden zu Wohnhäuſern verbaut. Da⸗ gegen ließ Franz die Gruft abermals erweitern, wobei man auf eine römiſche Begräbnißſtätte mit Gerippen, Ziegeln, Münzen u. dgl. ſtieß.

Gegenwärtig mögen etwa hundert Mitglieder des kaiſerlichen Hauſes dort begraben liegen. Das Ceremoniel für die Beiſetzung einer Leiche iſt folgendes: Der Leichnam wird einbalſamirt und mit allen Zeichen der getragenen Würden in derRitterſtube oder in der Hofburgkapelle auf einem Paradebett ausgeſtellt, und zwar unterſcheidet ſich der Sargüberzug, der bei regierenden Herren oder deren Gemahlinnen ſchwarzer Sammet mit Gold, bei Erzherzögen rother Sammet mit Silber iſt. Von der ſchwarzausgeſchlagenen, mit Wappenſchildern und allen üblichen Trauerzeichen geſchmückten Kapuzinerkirche ziehen die Patres der Leiche bis zu der zwiſchen ihrem Kloſter und der Hofburg gelegenen Auguſtinerkirche, in welcher das Herz des Verſtorbenen beigeſetzt wird, entgegen und geleiten mit Fackeln den Zug in ihre Kirche, in welche nur die wirklichen Leid⸗ tragenden Zutritt erhalten. Der Fürſtbiſchof von Wien vollzieht nun die Einſegnung der Leiche, die Aſſiſtenten und Kapuziner ſingen

die vorgeſchriebenen Pſalmen; die Kapuziner tragen dann bei Fackel⸗

ſchein den Sarg in die Gruft hinab, wo er noch einmal geöffnet wird. Der Oberſthofmeiſter fragt den Pater Guardian:Erkennen Sie in dem (der) Verblichenen unſere(n) allergnädigſte(n) Herrn(in) den durch⸗ lauchtigſten Erzherzog ꝛc.? Auf die Bejahung erfolgt die Uebergabe und das feierliche Verſprechen des Guardians, den Leichnam wohl verwahren zu wollen. Der Sarg, mit zwei Schlöſſern verſehen,

ho