Traube in ein Glas mit Zucker und feinem Kirſchgeiſt zu legen. Geſagt, gethan; das wohlverbundne Glas, das leider mit einer proſaiſchen Schweinsblaſe verwahrt werden mußte, wurde ſorgſam in den Koffer gepackt. Auf der erſten Station aber befiel die Dame große Angſt um die Sicherheit ihres Kleinodes, der Koffer wurde umgepackt, ſie hielt die Schachtel mit dem Glas im Arm und brachte ſo den Schatz unverſehrt nach Haus.
Hier wurde nun dieſer glücklichen Reiſebeute zu Ehren ein be⸗ ſondres Feſt gefeiert, an deſſen Schluß die Uhlandstraube in einzelnen Beeren vertheilt, die Sauce aber mit kleinen Löffeln verſpeiſt wurde. „Es war deliciös!“ Wie viel von dem Genius des Dichters, dem reinen, ſchlichten und klaren, durch die Uhlandstraube und ihre köſt⸗ liche Sauce auf die entzückte Geſellſchaft übergegangen iſt, das iſt mir des näheren nicht bekannt worden.
Kehren wir nun auch in Kerners Haus ein, wie es ſeit Jahren ſchon ſo vielfältig auf Gegenſtänden aller Art abgebildet iſt, wie es mir ſelbſt einmal in jungen Tagen von einem Lichtſchirm mit Mond⸗ beleuchtung ſo recht heimlich und wunderbar ins Herz geſchienen hat, lange eh' ich geahnt, daß ich ſelbſt ſpäter im Tageslicht als Gaſt darin eintreten durfte;— das kleine Haus„an dem Fuß der Frauen⸗ treue“ mit ſeinen kleinen Stübchen, ſo traulich und ſchwäbiſch ge⸗ müthlich und doch von wunderbar poetiſchem Duft durchweht, reich angefüllt mit Merkwürdigkeiten aller Art, hier das ſchöngemalte Oel⸗ bild des greiſen Dichters ſelbſt, aus den Tagen friſcher Manneskraft, mit dem träumeriſchen Blick und dem wehmüthigen Zug um den feinen Mund, dort ein geſchnitztes altes Marienbild aus einem ver⸗ ſchollenen Kirchlein, hier das Bild einer jungen Kaiſerin, nicht weit davon das eines flüchtigen Demokraten, eine Geſellſchaft aus allen Ständen und Bekenntniſſen an dieſen Wänden, lauter„ganz liebe Leute“; dazwiſchen ein Paar Schildkröten, die zwiſchen den zahlreichen Menſchenfüßen ſtill und geheimnißvoll am Boden umherkrochen, wunderbarliche Kreaturen, ſchon darum, weil ſie nie zertreten wor⸗ den ſind!
Und wie dehnbar waren die Räume dieſes kleinen Sommer⸗ hauſes, das ſchon hinreichend gefüllt ſchien mit den eignen Bewohnern, der vollen, ſchweren Geſtalt des Dichters ſelbſt, dem„Comteßchen“, die aus hohem Hauſe dem Dichter und Arzt anvertraut, hier in ewiger Kindheit ein friedliches Traumleben führte, dem anmuthigen„Hof⸗ rath und Sekretär“ zu welchen er ſeine zwei jungen Enkeltöchter er⸗ nannt,— auch ohne weitere Gäſte und Beſuche.
Und doch ſchien das Haus zum Gaſthaus beſtimmt; Gäſte wurden hereingeladen, gelockt, geführt, aus dem Wirtshaus geholt, und alle, alle untergebracht. Prinzen und Grafen, geiſtvolle und geiſteskranke Damen, Dichter und Dichtergenoſſen, alte Jugendfreunde und junge Studenten, Polen, Engländer, Ruſſen und Schweizer,— es war wirklich fabelhaft, wo ſie Raum fanden in dem kleinen Hauſe. Wohl war hinten noch ein Bretterbau angefügt worden, der einen luftigen Speiſeſaal für den Sommer enthielt; wohl befand ſich auf dem Dachboden ein trauliches Gaſtſtübchen mit rundgewölbtem Bretterdach und einem Ochſenaug' auf den Garten, wohl ſtand im Salon zu Füßen des Madonnabildes ein Divan, der zur Schlafſtelle diente; auch hatte Kerner nach eigner Angabe an einer alten, hohen Kommode eine wunderliche Conſtruction anbringen laſſen, alſo daß ſie zu einer Bettlade auseinander gelegt werden konnte,— das reichte aber nicht zu, das Gartenhaus in dem großen Gemüſegarten über der Straße, das kleine geſpenſtige Stüblein im Geiſterthurm, in dem anmuthigen Hausgarten, von dem ſich ein Pfad, die Weibertreue, hin⸗ anzieht,— die alle mußten auch noch zu Gaſtzimmern benutzt werden; nur auf der Weibertreue ſelbſt hat meines Wiſſens nie ein Gaſt geſchlafen.
Dehnbar und geräumig wie ſein Haus war auch Kerners Herz, es hatten darin gar viele Raum und in der warmen Atmoſphäre dieſer lautern Herzensgüte haben ſich die allerverſchiedenſten Elemente gut und friedlich vertragen. Er hat nicht nur Gäſte aufgenommen, deren Beſuch ihm Ehre oder Gewinn bringen konnte, ſeinem weichen Herzen war es nicht möglich, einen zurückzuweiſen, mochte er ihn nun aufſuchen als den gemüthvollen Dichter, als den geheimnißvollen Meiſter, dem ſich der Blick erſchloſſen in das Nachtgebiet der Natur, als eine bloße Reiſemerkwürdigkeit, oder gar als das Schlachtopfer, dem er ſeine jungen oder alten Poeſien überreichen und vortragen wollte. Darin hatte Kerner eine rührende Geduld, Monate lang
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hörte er jeden Sonntag die Gedichte eines jungen Kaufmannslehrlings an, die dieſer ihm vorlas, und ermuthigte das geiſtige Streben junger Lehramtscandidaten mit unerſchöpflicher Langmuth.
Auch Kerner blieb nicht verſchont von Mythen und Sagen, die ſich bei lebendigem Leibe um ihn bildeten, es war das noch natürlicher als bei Uhland, da ſich gerade ſeinem eigenthümlichen Weſen am Ende alles zutrauen ließ; er hat's nicht übel genommen und herzlich darüber gelacht. Als ſolche hat er z. B. die Geſchichte bezeichnet, wo ein eintretender Fremder ihn und ſeine ganze Familie platt ausgeſtreckt auf dem Boden liegend fand, weil„ſie nur probiren wollten, wie ſie einmal im Grabe liegen würden,“ oder das ſchöne Hiſtörchen, daß er die Prinzeſſinnen des königlichen Hauſes im Schlaf⸗ rock empfangen und denſelben nach hinten zurückgeſchlagen habe: „o Ihr lieben Kinder, ſeht, ich will nur geſchwind einen Frack aus meinem Schlafrock machen.“ Kerner war bei aller Beſonderheit doch zu ſehr ein Kind der guten alten Zeit, um irgendwie die gute Sitte zu verletzen.
Bei aller vielſeitigen Gaſtlichkeit blieben dennoch eigne und geweihte Räume in Kerners Herzen für die Freunde ſeiner Jugend, der beſte und heiligſte wohl für Uhland, den erſten dieſer Freunde im buchſtäblichen und im idealen Sinne des Wortes.
Eine Männerfreundſchaft, die ſich von früher Jugend bis ins Greiſenalter, bis zum Grabe, in unverminderter Wärme und Friſche erhält, gehört gewiß zu den Seltenheiten. Gerade der ſelbſtändige Entwicklungsgang des männlichen Geiſtes macht, daß ſo oft nicht nur die Wege, ſondern auch die Herzen auseinandergehen, die in der Kinder⸗ und Jugendzeit eng verbunden waren; es iſt nicht Untreue, nicht böſer Wille, was ſie trennt, ſie ſind eben auseinander gewachſen und mit dem redlichſten Willen, mit aller Pietät iſt es nicht möglich wieder zu vereinen, was durch den innern Lebensgang getrennt wurde.
Uhland hat einem andern Univerſitätsfreund beim Schluß der Studienjahre ins Stammbuch geſchrieben:
Kennen lernten wir uns und lieben im Frühling des Lebens Bei der Freude Pokal und bei der Freunde Geſang.
Wie zwei Schmetterlinge auf Einer glänzenden Blume,
So begrüßten wir uns, mitten im ſchönſten Genuß.
Sehen wir wieder uns einſt, wir werden befremdet uns anſehn, Worte der Jugend allein machen das Herz uns vertraut.
Stieg auch im Weſten hinab des Genuſſes feurige Sonne Freundlich im Oſten herauf ſteigt der Erinnerung Mond.
Mit Kerner iſt es nicht ſo gekommen, ſie haben ſich nie befrem⸗ det angeſehen. Es war irgend ein entfernter Verwandtſchaftsgrad, wie ſie in Würtemberg cultivirt und honorirt werden, der in früher Jugend ſchon die beiden einander nahe gebracht, es war ein fröh⸗ liches, rühriges, poeſiereiches Studentenleben, das die Herzen ſpäter innig vereint und den Bund feſtgeknüpft hat, den keine Zeit, kein Wech⸗ ſel des Lebens, keine noch ſo tiefe Verſchiedenheit der Welt⸗ und Le⸗ bensanſchauung je gelöſt hat.
Was die Freundſchaft ſo friſch und innig erhalten neben dieſer großen Verſchiedenheit in dem Weſen beider, das war wohl zunächſt die tiefe Treue, die ein Grundzug in Uhlands Charakter war und die innige Liebedürftigkeit in Kerners Natur, es war das gemeinſame Heimatrecht im goldenen Reiche der Poeſie, das beiden als köſtliche Wiegengabe war beſchert worden, es war die Entſchiedenheit, mit der jeder in allen Strömungen der Zeitanſchauung ſich unter das Panier des heiligen Glaubens ſtellte, zu dem er ſich bekannte,— wie wenig auch in Uhlands ſtiller Weiſe lautes Beſprechen deſſen lag, was ihm ins innerſte Heiligthum gehörte, und wie ſeltſame Arabesken auch Kerners manchmal zu gläubige Natur ſich um das einfache Licht des echten Glaubens bildete— es war vor allem die herzliche Liebe zu einander, die ſich ſchließlich nicht erklären und nicht definiren läßt.
Einen der erſten Beſuche hat Uhland bei Kerner als neuetab⸗ lirtem Arzt und jungem Ehemann in Welzheim gemacht. Kerner hatte nach manchen Drangſalen und Prüfungen ſein getreues Rikele heim⸗ geführt, aber er hatte ſeine erſte Liebesheimat noch nicht ſo poetiſch und harmoniſch gründen können, wie ſpäter im Häuschen an der Weibertreu. Bei dem großen Mangel an Wohnungen in der kleinen Stadt hatte das junge Paar nur zwei Zimmer in einem Wirthshaus zur Miethe bekommen und von dieſen noch mußte eins geräumt werden, ſo oft im Gaſthof Tanzunterhaltung war. Da kehrten einſt Uhland und Mayer, der dritte im Bunde der Freunde, bei dem genügſamen Paare ein; da der Raum im Hauſe ſo eng und das Wetter ſo ſchön war, ſo zogen die Freunde alsbald in den Wald hinaus, den grünen
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