Jahrgang 
1865
Seite
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allerlei Geſchäftliches bergenden Schachtel durch den Corridor in die Bogenlaube des Gloriets ſchritt, um daſelbſt zu arbeiten, indeſſen eine Schildwacht den Eingang hütete.

Im Jahre 1762 war über den geſammten kaiſerlichen Hof eine wahrhaft beglückende Ruhe gekommen. Der furchtbare Sturm des ſiebenjährigen Krieges hatte ausgetobt, allmählich kehrte das Vertrauen in die mächtig erſchütterten Gemüther zurück. Mehr als je ver⸗ langte man nach Zuſammenſein, nach Mittheilung. Wie gelichtet aber fand man die Kreiſe, wie viele fehlten, die vor nicht langer Zeit noch durch ihr heitres, witzreiches Wort die glänzende Geſellſchaft erfreut hatten! Sie moderten auf den weiten, öͤden Schlachtfeldern Schle⸗ ſiens, in den Kirchen ihres heimatlichen Stammgutes waren ſie beigeſetzt in großen, prunkenden Särgen mit Epitaphien darüber, auf denen die Todesſtunde in goldnen Lettern verzeichnet war. Noch andre er⸗ ſchienen wieder in der Geſellſchaft, aber wie? Dahin waren die friſchen Wangen. Welk, gebeugt, ernſt und düſter ſo erblickte man diejenigen wieder, welche ehedem in jugendlicher Kraft geprangt hatten. Das kräftige, elegante Bein erſetzte ein Stelzfuß, des Sammetrocks Aermel hing ſchlaff herab, denn ſtatt des muskulöſen Armes barg er nur einen Stumpf. Dieſem verunſtaltete ein ſchwarzes Pflaſter, auf dem zerſtörten Auge liegend, das einſt ſchöne Geſicht, jenem hatte ein furchtbarer Hieb die blühenden Wagen zer⸗

riſſen oder die feine, kühngeformte Naſe verſtümmelt. Solche Dinge ſah man im lebensluſtigen Wien nach dem Kriege von ſieben Jahren.

Indeſſen gingen dieſe trüben Erſcheinungen bald vorüber, theils durch den angeborenen heitern Sinn jener Leute von 1762, theils durch die Macht der Gewohnheit zu Atomen verſtreut. Der Früh⸗ ling kehrte wieder, der Sommer kam, Luſt und Leben zogen mit ihm herbei, man brauchte nicht ängſtlich auf jedes Poſthorngeſchmetter, auf jeden Galopp eines Pferdes zu lauſchen, die entweder eine brief⸗ liche Nachricht oder die Ankunft eines Couriers mit inhaltsſchweren Berichten verkündeten.

Als nun die Sonne am Tage St. Rochus im Jahre 1763 heiter und goldig herniederſchien, die Vögel in den dichtbelaub⸗ ten Zweigen des Parkes zu Laxenburg munter zwitſcherten, da erſchien ein zahlreiches Gefolge von hohen Herren und Damen im Schloſſe. Sie trugen alle ihre Gebetbücher und Roſenkränze in den Händen, ſie blieben im Empfangsſaale in halblautem Geſpräche die Ankunft der Kaiſerin erwartend. Nachdem ſie eine Zeitlang ſo ge⸗ harrt, öffneten ſich die Flügelthüren und Maria Thereſia trat ein, umgeben von ihrer ganzen Familie. Der Kaiſer führte ſeine Ge⸗ mahlin und hinter den Eltern ging die Schar der blühenden, ſchönen Kaiſerkinder. Die älteſten Erzherzoginnen und Erzherzöge voraus, die jüngeren Kinder von ihren Wärterinnen geleitet. Die hellen, friſchen Geſichter der Nachkommen des hohen Paares machten einen äußerſt behaglichen Eindruck, Joſeph, Leopold, Ferdinand, Max, die Töchter Joſepha, Caroline, Amalie, Chriſtine, Eliſabeth, endlich die Erzherzogin Marie Antonie. Das war die lange Reihe von Sprößlingen, welche die hohe, edle Geſtalt der Kaiſerin umringten.

Maria Thereſia hielt unendlich viel auf die Feſtigung des Familienlebens. Sie lohnte und ſtrafte ihre Kinder wie die Frau des kleinſten Privatmannes es that. Beſonders wichtig ſchien der Kaiſerin die religiöſe Erziehung der Ihrigen. Sie ging in Beobach⸗ tung kirchlicher Vorſchriften mit dem Beiſpiele voran und gewiſſe Tage waren dazu auserſehen, Beſuche in Kirchen und Klöſtern abzu⸗ ſtatten. Ein ſolcher Tag war das Feſt des heiligen Rochus. Man ſah die Kaiſerin, gefolgt von ihren Kindern, in die Kirche ſchreiten, und ſo ein Kirchgang bot ein freundliches, belebtes Bild; es machte einen ganz eigenthümlich ſchönen Eindruck, wenn die Gebieterin über eines der größten Länder der Erde, die Herrſcherin von Millionen, unter den Klängen der Orgel in Mitte ihrer ſchönen, blühenden Kinder niederkniete, um den vorgeſchriebenen Pflichten ihrer Kirche zu ge⸗ nügen. Am Tage St. Rochus beſuchte Maria Thereſia gewöhnlich das Kloſter der Auguſtiner an der Landſtraße. Im Jahre 1762 machte ſie jedoch eine Ausnahme. Es war nämlich an jenem Tage ein beſonderes Feſt in Ausſicht, deſſen Feier die kaiſerliche Familie ſich nicht entzog: die Einkleidung einer Nonne, welche ehedem den Hofkreiſen angehört hatte. Die Kaiſerin fehlte nie, wenn ſolche Ceremonie bei den Urſulinerinnen ſtattfand, und ſo ſtanden denn heute die Equipagen bereit, um die geſammte Familie Maria Thereſias nach Wien zu bringen, woſelbſt die ſiebenzehnjährige Tochter

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des Fürſten Lamberg, Eliſabeth, den Schleier nehmen ſollte. Die Feierlichkeit war um ſo wichtiger, als ſeit fünfzig Jahren keine ſo hohe Perſönlichkeit der Welt Lebewohl geſagt hatte, um ſich in die Stille und Einſamkeit des Kloſters zu begeben.

Als die Wagen vor der Pforte des heiligen Gebäudes hielten, kamen die frommen Schweſtern, die Aebtiſſin an der Spitze, dem kaiſerlichen Paare entgegen. Im Sprechzimmer des Kloſters waren die Angehörigen der zukünftigen Gottesbraut verſammelt, und tief neigte ſich alles vor der eintretenden Kaiſerin, welche durch das Re⸗ fectorium in die Sacriſtei ſchritt und zu der von ihren Brautjungfern umgebenen Eliſabeth, Fürſtin von Lamberg, trat. Die Kleidung der jungen Dame war die einer Braut von Stande, ſie trug eine Robe von ſchwerer, weißer Seide, ihr Haupt zierte der Kranz. Maria Thereſia küßte die Dame auf die Stirn und begann alsdann mit eigener Hand den Kopfputz zu ordnen, nach dieſem Geſchäfte führte ſie die Einzukleidende zur Firmung und nahm ſie ſpäter in die Gala⸗ wagen mit zum königlichen Kleſter.

Der glänzende Zug ging über den Kohlmarkt und Graben in das Kloſter. Rechts und links von dem Wagen ritten die Braut⸗ führer, der Bruder Eliſabeths: Johann Friedrich und ihr Vetter Graf Ernſt Harrach; neben der zukünftigen Nonne ſaß die Kaiſerin, ihr gegenüber Erzherzog Joſeph und der Kaiſer. Maria Anna, be⸗ ſtimmt ebenfalls dereinſt den Schleier zu nehmen, folgte mit den beiden Erzherzoginnen und der Fürſtin Trautſon im nächſten Wagen, dann kamen die zahlreichen Equipagen, welche die Anverwandten und den Hofſtaat zum Kloſter führten.

Die Ceremonie begann mit feierlichem Hochamte, ſie endete mit dem Zurückwerfen des Kranzes durch die Nonne und mit der Ein⸗ ſegnung durch den Biſchof. Während der Feierlichkeit blickte die Kaiſerin mit großem Wohlgefallen über den Rand ihres Gebetbuches hinweg ihre Kinder an. Sie ſchienen alle ſo ganz verſunken in die Feier, daß kein Gedanke an weltliche Dinge dieſer Andacht ſtörend in den Weg trat. Nur der Erzherzog Joſeph verurſachte ſeiner erhabenen Mutter einiges Stirnrunzeln, denn die Architectur der Kirche, ſowie die vielen Leute mochten den zukünftigen Kaiſer mehr beſchäftigen als die feierliche Handlung. Während Maria Thereſia ſo ihre Kinder verſtohlen muſterte, trafen ihre Blicke auch auf die Lieblingstochter Marie Chriſtine, und zu ihrem nicht geringen Erſtaunen bemerkte die Kaiſerin, daß auch dieſes ſonſt ſo fromme andächtige Kind ſeine ſchönen Augen umherſchweifen ließ, bis ſie endlich auf einem Gegen⸗ ſtande haften blieben, der ſich unter den vielen in glänzendſter Toilette prangenden hohen Herren befand, welche den Raum vor dem Altare umſtanden. Maria Thereſia folgte den Blicken ihrer Tochter und entdeckte ſehr bald, daß ſie einen jungen, ſchöngewachſenen Cavalier herausgefunden hatten, der in die prachtvolle Uniform eines Oberſten der Cüraſſiere gekleidet, mit den Abzeichen des Feldmar⸗ ſchall⸗Lieutenants geſchmückt, auf ſeinen in vergoldeter Scheide ruhenden Pallaſch geſtützt, der Ceremonie eben ſo wenig Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenkte als Joſeph oder die Prinzeſſin Marie Chriſtine, ſondern vielmehr die junge Erzherzogin gleich eifrig zu ſuchen ſchien. Die Kaiſerin gewahrte deutlich den Augenblick, als ſich die beiden aus der Ferne gefunden hatten und ſie ſchüttelte leiſe, doch nicht ohne ein gewiſſes Wohlwollen das Haupt, als ſie bemerkte, wie die wunder⸗ ſchöne Hand Marie Chriſtinens von dem Gebetbuche herabglitt und ſich mit leichter inniger Geberde auf das Herz legte. Es war jedenfalls auch ein Gelöbniß an heiliger Stätte, auch eine Verlo⸗ bung, aber doch bedeutend verſchieden von der, die vor dem Altare gefeiert wurde.

Wer war jener Cavalier, dem die Tochter eines mächtigen, er⸗ habnen Fürſtenſtammes ihre Neigung, ihre Liebe ſo offenbar ent⸗ gegentrug? Es war Prinz Albert von Sachſen. Der Prinz, einer der liebenswertheſten jungen Männer ſeiner Zeit, hatte im ſieben⸗ jährigen Kriege ſich die Sporen verdient, war nach dem Huberts⸗ burger Frieden an den Hof von Wien gekommen, hatte hier an allen Freuden, Feſten und Ereigniſſen vielfach Theil genommen. Seine hübſche Perſönlichkeit, die Feinheit ſeiner Manieren, vor allen Dingen aber die ſehr feſten und ſittlichen Grundſätze, welche Prinz Albert trotz des frivolen Hoflebens in Dresden ſich bewahrt hatte, machten ihn zu einem der von der Kaiſerin Mutter für ihre kleinen Hofkreiſe beſonders geſuchten Theilnehmer.

Hier ſah er die ſchöne, jugendliche Erzherzogin Marie Chriſtine. In den ſchattigen Baumgängen von Laxenburg, bei denStreifen,

wie mo hatte de alle Hof der Toe volles mit Ve herzogin damnag. ſcheidne

eigun gern;