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Der Mann auf der Öcheche.
Die erſte Begegnung.
Es war an einem Auguſtmorgen des Jahres 1764, da ritten in aller Frühe zwei Männer die einzige, ſchlecht gepflaſterte Straße Carlsbads hinab der Egerbrücke zu; es war Profeſſor Fürchtegott Gellert auf ſeinem eignen, und ein Reitknecht hinter ihm auf einem gemietheten Gaule. Fünf Wochen lang hatte Gellert mit großer Gewiſſenhaftigkeit die Cur gebraucht ohne kränker oder geſünder zu werden; nun war der erſehnte Tag gekommen, der ihn ſeinem lieben Leipzig wiedergeben ſollte; bis Schlackenwerth wollte er noch einen Morgenritt machen, dann wollte er die langſame Poſt beſteigen, die auf ziemlich holpriger Straße zwiſchen Carlsbad und Annaberg berg⸗ auf, bergab ſchlich, und in welcher ſein Famulus Sauer mit dem Ge⸗ päck ihm nachgefahren kam: ſeine Schecke ſollte der Reitknecht dann nach Leipzig reiten. Als die beiden den Berg nach der Eger zu hinab⸗ ritten, trat auf einmal ein ſtattlicher Herr mit ehrerbietigem Gruße die Cavalcade an, hielt Gellerts Pferd am Zügel feſt und ſprach:„Ver⸗ zeihen Sie mir eine unbeſcheidne Frage, Herr Profeſſor; ich bin der Baron Stentſch aus Schleſien. Ich habe Sie ſo oft auf dieſer Schecke ausreiten ſehen, und ſie kommt mir ſo bekannt vor; ich möchte wohl gern wiſſen, ob Sie das Pferd ſchon lange haben?“
„Wie lange ich's habe, Herr Baron, das kann ich Ihnen nicht ſo genau ſagen; vielleicht wollen Sie aber wiſſen, wo ich's her habe? Aus dem Stalle des Prinzen Heinrich von Preußen.“—„O nun weiß ich alles. Sein Generaladjutant Kalkreuter hat es von mir für den Prinzen gekauft. Er hat es immer auf dem Marſche geritten! O wie freut mich's, daß die Schecke in Ihren Händen iſt. Ich habe Sie, Herr Profeſſor, ſo lieb, und es iſt ein gutes Pferd, das ich ſelbſt zugeritten habe. Das iſt ein ſehr unerwartetes Vergnügen für mich! Leben Sie wohl, Herr Profeſſor, und verzeihen Sie meine Neugier!“
Damit ging der Frager nach der Stadt zu und Gellert ſetzte ſeinen Ritt nach Schlackenwerth fort. In deſſen Nähe, an einem ein⸗ ſam am Wege gelegenen Wirthshaus ſollte der Wechſel zwiſchen Schecke und Poſt vor ſich gehen. Als ſie daſſelbe erreicht hatten, waren ſie der Poſt weit voraus, und Gellert hatte die angenehme Ausſicht, noch einige Stunden zu warten. Er ließ ſich auf einer
Bank vor der Thür nieder; aber bald ſollte ſeine Ruhe in höchſt unangenehmer Weiſe unterbrochen werden. Auf dem Wege von Joachimsthal her ließ ſich ſchon von weitem ein heftiges Schreien und Zanken vernehmen, und bald bogen um eine Ecke der Straße eine Anzahl Leute; vornweg hinkte, auf zwei Bauern geſtützt, ein Officier in preußiſcher Uniform, der heftig tobte und ſchimpfte; hinter ihm lenkte mit dem wehmüthigſten Geſicht von der Welt ſein Kutſcher eine halbzerbrochene Chaiſe. Sobald der Officier vor der Schenke angekommen, rief er mit wuthzitternder Stimme den Kutſcher herbei, und überhäufte ihn mit einer Flut von Flüchen und Schimpfwörtern. „Verfluchter Kerl,“ fuhr er zuletzt auf,„neun Millionen Teufel ſollen Dir in den Leib fahren für Dein Ungeſchick, und ich will Dir Deine Tölpelhaut braun und blau gerben!“
Damit hob er den Krückſtock, den er ſeiner Lahmheit wegen trug, und ſchickte ſich an, den beſtürzten Diener zu ſchlagen. Die Bauern murrten und erklärten, es ſei ſchändlich, einen Unſchuldigen wegen eines Unglücks ſo zu behandeln, daran ſei der ſchlechte Weg ſchuld, der ſchon mehr als eine Axe gebrochen; ſie drängten ſich ſogar um den Kutſcher, als ob ſie ihn vor ſeinem wüthenden Herrn ſchützen wollten. Dieſer aber ſchrie:„In drei Teufels Namen, geht Eures Wegs, der Kerl kriegt ſeine Prügel, ſo wahr Ihr alle Halunken ſeid!“ Damit drang er mit ſeiner Krücke auf ſie ein; ſie retirirten in aller Eile und ließen den armen Kutſcher ſchutzlos dem Raſenden gegen⸗ über. Da legte ſich eine Hand auf ſeine Schulter, und als er ſich umſah, blickte er in das milde, ernſte Antlitz Gellerts.
„Im Namen des Gottes der Liebe und Barmherzigkeit,“ ſprach dieſer ernſt,„gebiete ich Ihnen, Ihre Wuth zu zügeln und eine That zu unterlaſſen, die Ihres Standes und Ihrer Bildung unwürdig iſt.“
Der Officier ſtand einige Minuten betroffen, dann kehrte ſeine Wildheit zurück, und er ſchrie:„Schock Millionen Donnerwetter! wer ſind Sie und wie können Sie wagen, mich ſo zu hofmeiſtern?“—„Wer ich bin, iſt ganz gleichgültig, entgegnete Gellert gelaſſen;„ich bin ein
armer Sünder, wie Sie, weiß aber, daß die Sünde der Leute Verderben i*ſt; ich bin ein Menſch, der nicht ruhig zuſehen kann, wenn ſein
Bruder ſich dieſem Verderben blind in die Arme wirft. Ihren Namen weiß ich nicht, aber Ihr Kleid zeigt mir, daß Sie ein Officier Sr. Majeſtät des großen Friedrichs von Preußen ſind, folglich ein Mann von Bildung, und ſelbſt Ihr ſchändlicher Mißbrauch des hochheiligen Namens Gottes beweiſt mir, daß Sie ein getaufter Chriſt ſind, der ſeinem Heilande Nachfolge gelobt und dem Teufel abgeſagt hat, der in Ihrem Munde und Herzen zu regieren ſcheint. Dieſen Ihren doppelten Stand, als Chriſt und als gebildeter Mann, waren Sie ſo eben im Begriff auf die unverantwortlichſte Weiſe mit Füßen zu treten.“
Die Wirkung dieſer wenigen, mit Entſchiedenheit und doch mit Freundlichkeit geſprochenen Worte, war eine wunderbare. Der Officier ſtand eine Zeitlang ſprachlos, dann ergriff er Gellerts Hand und rief:„Sie haben Recht, mein Herr, ich war eben in Begriff, mich ſelbſt zu entehren; ich danke Ihnen, daß Sie mich zu rechter Zeit an meine Pflicht erinnerten.“— Freundlich entgegnete Gellert:„Ich wußte es, mein junger Freund, ich wußte es, daß Sie im Grunde eine edle Natur ſind, Ihr Angeſicht log mir nicht. Das Gemeine ſchwimmt nur oben aufV; aber auch da ſoll es ein Chriſt nicht ſchwimmen laſſen, ſondern ſoll es mit Hilfe des heiligen Geiſtes völlig ausfegen. Kom⸗ men Sie, junger Freund, wir müſſen näher bekannt werden; ſetzen Sie ſich, während Ihr Wagen reparirt wird, zu mir, und helfen Sie mir eine gute Flaſche Weins leeren.“
Gellert hattte von dem Grafen von Uhlenfeld, dem Oberhof⸗ meiſter der Kaiſerin Maria Thereſia, in Carlsbad vier Flaſchen ächten Tokayer geſchenkt erhalten; von dieſen ließ er eine durch ſeinen Reit⸗ knecht herbeibringen, und die beiden wunderſam zuſammengewürfelten Menſchen ſetzten ſich einträchtiglich zum Glaſe.
Ein lebendiges Geſpräch war bald im Gange. Der junge Officier bat Gellert noch einmal um Verzeihung für ſeine Heftigkeit, er ſei leider von Jugend auf dieſem Laſter unterworfen und habe ſich nie recht im Zügel gehabt; und neuerdings ſei dieſe angeborne Un⸗ tugend noch geſteigert worden durch ſeine Verwundung in der Schlacht bei Cunersdorf. Dadurch ſei ſein Fuß gelähmt, und im Ingrimm darüber überlaſſe er ſich um ſo leichter ſeiner Wuth.
„Ich ſoll nun in Carlsbad Hilfe für mein Leiden ſuchen, das mein Arzt mit meiner Galle und Leber in Verbindung bringt. Sagen Sie, lieber Herr, iſt es nicht entſetzlich, daß gerade mich heftigen Men⸗ ſchen Gott mit ſolcher Plage ſchlägt, die mich noch ungeduldiger macht?“
„Gott, mein junger Freund,“ entgegnete Gellert,„will Sie nicht heftiger und ungezügelter machen, ſondern er hat Sie in dieſe Schule genommen, damit Sie Geduld lernen!“
„Lernen, Geduld lernen! Das lernt ſich doch nicht, das muß angeboren ſein. Wenn ich freilich Ihr Geſicht mit ſeiner himmli⸗ ſchen Nuhe anſehe, ſo glaube ich, Sie wiſſen gar nicht, was Ungeduld iſt, Sie haben's darin leicht, aber jeder Tropfen meines Blutes ſiedet, wie ſoll ich da Geduld lernen? Die Natur läßt ſich nicht austreiben!“
„Da ſind Sie in ſtarkem Irrthum, junger Freund, keine chriſt⸗ liche Tugend wird angeboren; jede iſt Frucht innerer Umkehr und unabläſſiger Uebung. Sie meinen, mir ſei die Geduld angeboren? O wie irren Sie! Ich bin von Natur der ungeduldigſte und heftigſte Menſch von der Welt. Aber gelernt habe ich doch ſchon etwas. Ich will Ihnen ſagen wie. Als ich ſo eben im Bade war, hatte ich tagelang die heftigſten Zahnſchmerzen und verlor durch einen ungeſchickten Zahnarzt drei meiner beſten Zähne. Aufgebracht über die ausgeſtandene Marter ſtand ich über meinen Verluſt brütend am Fenſter, da ſehe ich einen alten ehrwürdigen Juden vorübergehen, einen Mann, den der Schlag vor vie⸗ len Jahren gerührt, und der vierzig Meilen hinter Warſchau herbeige⸗ kommen war; er ſchlich, von ſeiner Frau und zwei Kinder geleitet, vor⸗ bei. Ich ſchämte mich aber und ſprach zu mir ſelbſt: biſt Du nicht viel glücklicher als dieſer Mann? Du kannſt noch gehen und reden; das kann er nicht! Sei nicht undankbar! Mir gegenüber wohnte die allerelen⸗ deſte Perſon unter allen Kranken; es war eine Jungfer aus Dresden, eines Fleiſchers Tochter, die durch den Schrecken des preußiſchen Bombardements am ganzen Leibe gelähmt und durch das langwierige Lager jämmerlich verwundet war. Mein lieber, treuer Arzt be⸗ handelte ſie, und ich hörte, wenn er von ihrem Elende ſprach und von ihrer Geduld erzählte, immer achtſam zu, um ſelbſt Mitleiden zu üben und Geduld zu lernen. Auch habe ich manchen Kranken auf ſeinem Schmerzens⸗ und Todesbette beſucht, um ihn zu tröſten und
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